Sudeleien: Weihnachten 2011

Von Außenseitern

Beim Sovormichhinschlendern durch die vorweihnachtliche Kulisse meines Städtchens staune ich über die rasche Vergänglichkeit eines Kalenderjahres. Und wenn im Dezemberdunkel dicke feuchte Flocken herniederschweben, muss ich an die Geschichte vom kleinen Mädchen mit den Schwefelhölzern denken. Es ist eine der traurigsten, die ich kenne. Vor Jahren konnte ich einmal das Geburtshaus des phantasiereichen Dichters dieser Erzählung in der Stadt Odense auf Fünen besuchen. Als der Däne Hans Christian Andersen dort 1805 zur Welt kam, hatte er für seine weitere Zukunft die denkbar schlechtesten Voraussetzungen. Als Kind eines armseligen Schusters und einer trunksüchtigen Mutter schaffte er es mit Umwegen auf Lateinschule und Universität.

Er starb 1875 als international anerkannter Schriftsteller in Kopenhagen. Einen großen Teil seines Lebens verbrachte er auf Reisen, blieb ledig. Homoerotisch veranlagt, intellektuell anspruchsvoll und in viele Richtungen interessiert, führte er ein Leben als Betrachter, nicht als Teilnehmer.

Was hatte Dieter K. eigentlich verbrochen? Gut, er war ein verwöhntes Einzelkind; er trug Hosen mit Bügelfalten; und er war einen Tick begabter als wir anderen. Das reichte uns Volksschülern schon, um ihn immer wieder zu hänseln, zu schubsen, ihm ein Bein zu stellen oder ihn auch einmal für eine Stunde in den dunklen Kellerraum zu sperren. Solche Formen von Drangsal waren und sind unter Kindern und Jugendlichen üblich. Der Wiener Maler, Poet und Sänger Arik Brauer drückte es in seinem Lied “Rostiger die Feuerwehr kommt” so aus: “Wir hab’n in der Schul’ ein g’habt, den hab’n wir terrorisiert! / Der hat rote Haar’ g’habt und Brill’n mit dicke dicke Augenlasn’ln / und ich war der Allerärgste von allen. / Und heut’ tut mir das ja so leid.”

Die Außenseiter. In der Literatur dieser Welt sind sie daheim. All diese Gestalten von der meist traurigen, manchmal auch heiteren Gestalt. Die Don Quichottes, Schwejks und Oskar Matzeraths. Sie bieten allemal ergiebigen, deftigen Erzählstoff. Außenseiter gibt es in Literatur und Leben in vielen Varianten und Erscheinungsformen. Als Einzelgänger oder Sonderling, Individualisten, Egozentriker und Exoten. Es gibt den Lebenszaungast und den Eigenbrötler, den Schrat und den Kauz. Das Original, das Unikum und den Charakterkopf.

Günter Eich, Dichter und zu seiner Zeit ein innovativer Hörfunk-Autor, erhielt 1959 den Georg-Büchner-Preis. In seiner Dankesrede sprach er über jene, die “der Ritterschaft von der traurigen Gestalt angehören … Indem sie rebellieren und leiden verwirklichen sie unsere Möglichkeiten … alle die sich nicht einordnen lassen, die Einzelgänger und Außenseiter, die Ketzer in Politik und Religion, die Unzufriedenen, die Unweisen, die Kämpfer auf verlorenen Posten, die Narren, die Untüchtigen, die glücklosen Träumer, die Schwärmer, die Störenfriede, alle, die das Elend der Welt nicht vergessen können, wenn sie glücklich sind.”

Eine einzigartige, weit ausholende Studie zu diesem Thema hat in den 1970er Jahren der Literaturwissenschaftler Hans Mayer verfasst. Für ihn sind Außenseiter Menschen, denen traditionelle Rechte und Selbstverständlichkeiten einer Gesellschaft vorenthalten werden. Und er wendet sich gegen die im 20. Jahrhunderts sehr verbreitete Philosophie, dass die Interessen des Kollektivs über die Individualrechte zu stellen sind. Historisch und literaturgeschichtlich fundiert, auf sprachlich hohem Niveau, macht Mayer dies am Beispiel von Frauen, Homosexuellen und Juden deutlich. Er kann dabei nachweisen, dass nicht selten gerade die für unverrückbar geltenden kulturellen und politischen Konventionen Ursache für Mißverständnisse, Mißverhältnisse, Ungleichbehandlung, ja letztlich für die Rechtfertigung der Vernichtung von Menschen sind.

Eine besondere Form des Außenseiters ist der Künstler – oder sollte man besser sagen: will der Künstler sein? Da er sich meist bewußt und willentlich in dieser Rolle sieht, grenzt er sich damit doch deutlich von den bürgerlichen, sich ihrer Sache sicheren Mehrheiten und deren Gepflogenheiten ab. Daraus resultierende Konflikte und ans Krankhafte grenzende Symptome sind eines der Hauptmotive im Werk von Thomas Mann: “Aber in dem Maße, wie seine Gesundheit geschwächt ward, verschärfte sich seine Künstlerschaft …” Das führt unweigerlich dazu, dass man an der Peripherie des wirklichen Lebens bleibt, nirgends richtig dazugehört, nirgendwo ganz zu Hause ist und an den “Wonnen der Gewöhnlichkeit” nicht teilhaben kann. Joseph von Westphalen, ein Autor unserer Tage, schreibt: “Als Gast werde ich nicht auftauchen. Literatur lebt für mich immer noch von Ungeselligkeit und nicht von Bombenstimmung.”

Umfassend und aus verschiedensten Perspektiven wird das komplexe Thema in der Doppelnummer 748/749 (Herbst 2011) der Zeitschrift “Merkur” behandelt. Die “Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken” hat dazu folgendes Motto auf die Titelseite gesetzt: “Sag die Wahrheit! Warum jeder ein Nonkonformist sein will, aber nur wenige es sind.” Jeder Beitrag dieses Bandes ist lesenswert. Mich besonders beeindruckt hat Gustav Seibt, der uns in einem historischen Rückblick seine ganz persönlichen Außenseiter vorstellt und originellerweise in der Fast-Gegenwart bei dem Heide-Unikum und der solitären Schriftsteller-Existenz Arno Schmidt ankommt, sowie Michael Rutschky mit seinen Thesen über die “Erfindung des Ich”, der dazu Selbstdarsteller wie den Dreitagebartträger, Piraten oder James Dean in den Zeugenstand ruft.

Wie klein muss oder darf eigentlich eine Minderheit sein, um noch als solche zu gelten? Vor dem zweiten Weltkrieg gab es Städte und Dörfer im multikulturellen Osten und Südosten Europas in denen die Juden die größte Bevölkerungsgruppe bildeten. Dennoch wurden ihnen nicht nur fundamentale Bürgerrechte – wie z. B. die freie Berufausübung – vorenthalten, sie waren auch in Konfliktfällen die ersten Sündenböcke und Opfer von Verfolgung, Progromen und Vernichtung. Eine solche vergangene Welt und das Unrecht, das in ihr begangen wurde, steht am Anfang des Lebensweges von Itsik Malpesch, der Hauptfigur in einem weitgespannten Roman-Epos des amerikanischen Schriftstellers Peter Manseau mit dem Titel „Bibliothek der unerfüllten Träume.“ Die Hauptfigur Malpesch ist Literaturfreund und Dichter, und am Ende seines Lebens, als es ihn längst nach New York verschlagen hat, der Letzte der im Jiddisch-Dialekt seiner Herkunftsregion schreiben und lesen kann.

Der Weg vom nur skeptisch betrachteten Außenseiter zum Opfer war – das zeigt die Geschichte – schon immer ein kurzer. Literaten waren leider noch nie unbeteiligt, wenn es um die Manifestation von Vorurteilen ging, wie schon Lion Feuchtwanger deutlich machte: “Auffallend ist, dass die Weltliteratur, so widerwärtig die Mehrzahl ihrer jüdischen Männer ist, beinahe ausschließlich sympathische jüdische Frauen zeigt.” Ausgrenzungen basieren auf verstärkten, nachdrücklich behaupteten Kontrasten und der ständigen Selbstvergewisserung des sogenannten “Normalen”.

Vor etwa 2000 Jahren lebte in einer Gegend, die wir heute Naher Osten nennen – in Wirklichkeit ist es ein buntgescheckter Kultur- und Sprachraum, der seit jeher unter willkürlich gezogen Grenzen leidet –  ein aufrechter Mann, der ein unstetes Wanderleben führte. Dabei setzte er sich ohne falsche Scham und ohne Rücksicht auf geltende Normen für Menschen am Rande der Gesellschaft ein: Für Arme, Huren, Kranke und Behinderte, ja sogar für die damals besonders unbeliebten, korrupten Zöllner. Er war aber auch ein großer Erzähler und Redner. Dabei brachte er einige auch heute noch bedenkenswerte Aussagen unter seine Zeitgenossen, wie das längst volksmündliche “richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet!” oder das später vom Philosophen Emmanuel Kant zum kategorischen Imperativ veredelte: “Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen!” Manche Sätze waren durchaus gesellschaftspolitisch brisanter Sprengstoff: „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.” –  “Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin.”

Das irritierte und wurde folglich nicht lange geduldet. Bald drängten die alteingesessenen Konformisten dieses Landstriches die römische Besatzungsmacht zu Konsequenzen. Jesus von Nazareth war gerade einmal Anfang 30 als er am Kreuz starb. Eine starke Minderheit unseres Planeten feiert am 24. Dezember eines jeden Jahres seinen Geburtstag. Besonders heftig und innig ist dies in Deutschland der Fall, wo die Feierlichkeiten eine Mischung aus germanischer Mythen-Beschwörung und erstarrten, von Amtskirchen diktierten Riten und Liturgien mit christlich-religiösen Alibi sind. Baum und Kreuz symbolisieren dabei ebenso widersprüchlich wie hartnäckig, die stete Vergeblichkeit vorgeblicher Sinnsuche.

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One Response to Sudeleien: Weihnachten 2011

  1. A.T.Wille sagt:

    Immer ist ein Hauch Drama und Tragik um diese Besonderlinge, Traumtänzer und Draußenbleiber. Sie sind so voller Dialog-Sehnsucht. Doch die empfindsamen Ohren erreichen Ansprachen und Durchsagen.

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