„Weiskerns Nachlass“ von Christoph Hein

Die Literatur entdeckt das akademische Prekariat

Christoph Hein zählt seit Jahrzehnten zur ersten Reihe deutscher Erzähler, ohne allerdings so nachdrücklich bedeutungsschwanger aufzutreten wie die Zeitgenossen Grass, Walser und Co. (Denen soll ihr Nobelpreis-Niveau allerdings auch keineswegs abgesprochen werden.) Er wurde 1944 in Schlesien geboren und lebt in Berlin, wo er zunächst als Dramaturg und Bühnenautor arbeitete, bevor er mehr und mehr als Prosa-Autor in Erscheinung trat. Seine bekanntesten Titel sind “Horns Ende”, “Der Tangospieler”, “Willenbrock” und “Landnahme”. Sein Sohn Jakob gehört übrigens auch bereists zu den bekannteren Schriftstellern einer jüngeren Generation (u. a. “Herr Jensen steigt aus”, “Wurst und Wahn”).

Weiskerns Nachlass  ist ein Campus-Roman. Eine Gattung, die in der angelsächsischen Literatur eine lange Tradition hat. Dorothy Sayers und David Lodge sind prägnante Vertreter des Genre. In Deutschland war vor etlichen Jahren “Der Campus” von Dietrich Schwanitz sehr im Gespräch. Aktuell schreibt Christian von Ditfurth eine Reihe von Kriminalromanen (die bei kiwi erscheinen) in deren Mittelpunkt der habilitierte, aber akademisch gescheiterte Historiker Dr. Josef Maria Stachelmann steht.

In Heins Roman sind dem äußerlich gut erhaltenen Endfünfziger und Kulturwissenschaftler Rüdiger Stolzenburg nur noch zwei Themen wichtig. Sein auch in diesem Alter noch anhaltender Erfolg bei Frauen verschiedenster Altersstufen und sein privater Forschungsgegenstand Friedrich Wilhelm Weiskern. Zu gern würde er die von ihm zusammengetragenen und editierten Werke dieses Librettisten Mozarts, Schauspielers und Kartographen des 18. Jahrhunderts herausbringen, doch ein Verleger ist dafür nicht in Sicht.

Mit dem nahen Ende der dürftig versickernden Hochschul-Laufbahn fürchtet Stolzenburg zunehmend um ein Nachlassen seiner männlichen Anziehungskraft und Leistungsfähigkeit. Inzwischen nimmt die Sache Weiskern noch einmal unerwartet Fahrt auf. Von dubioser Seite werden dem einzigen Spezialisten dieses Forschungsgegenstandes neu entdeckte Autographen angeboten. An eine Erfüllung der damit verbundenen finanziellen Forderungen durch den Halbtags-Dozenten, dem auch noch das Finanzamt mit erheblichen Nachforderungen im Nacken sitzt, ist eigentlich überhaupt nicht zu denken. So fädelt er einen Deal ein, der ihn in nicht geringe Schwierigkeiten bringt. Probleme zeichnen sich derweil auch in seinen zwischenmenschlichen Beziehungen ab. Als er schließlich noch ebenso unglückliches wie peinliches Opfer einer gewalttätigen Bande 12- bis 14 jähriger Mächen wird, scheint das berufliche und private Leben in unumkehrbare Ausweglosigkeit zu münden.

Die Handlung des Buches hat erkennbar die sächsische Musik- und Messestadt Leipzig als Kulisse; es könnte aber auch jeder andere größere deutsche Hochschulstandort sein. Hein hat keines der derzeit recht verbreiteten Ost- oder Ost-West-Bücher geschrieben. Er schildert exemplarisch gescheiterte Lebensentwürfe unserer postkapitalistischen Jahre. Es gibt offensichtlich nichts mehr, was einen Menschen durch ein ganzes Leben trägt. Vergeblich sucht nicht nur die Hauptfigur nach Sinn und Bleibendem in seiner beruflichen, individuellen, also menschlichen Existenz.

Exemplarisch sind auch die Figuren denen Rüdiger Stolzenburg und der Leser dieser temporeichen Erzählung begegnet. Der frustrierte Lehrstuhlinhaber, dessen Institut die Abwicklung droht; eine neureiche Elite, für die Kunst und Wissenschaft genau so käuflich sind, wie die menschlichen Statisten die ihnen dienen; die karrieregeilen, abgestumpften Studenten und die hübschen Studentinnen, die versuchen mit naturgegebenen Reizen den Studienerfolg zu erzwingen; der erfolgreiche Verleger, der längst mit der Aufgabe seiner Ambitionen bezahlt hat und schließlich die Frauen in Stolzenburgs Leben: die jungen mit ihren naiven Hoffnungen und die schon etwas reiferen mit all ihren Scheiterungs-Erfahrungen.

Bücher von Christoph Hein sind in der Regel gefällig zu lesen, dabei von bester sprachlicher Qualität. Das trifft auch wieder auf “Weiskerns Nachlass” zu. Für Spannung ist gesorgt und für die eine oder andere fast humorvolle Passage. Doch es ist Galgenhumor und entspanntes Lächeln fällt schwer. Solch ein an äußeren Ereignissen reicher Handlungsablauf und seine spezielle Dramatik legt eine baldige Verfilmung des Stoffes nahe. Zuletzt gelang das vor einigen Jahren bei Heins “Willenbrock” mit einem bestens aufgelegten Axel Prahl in der Titelrolle ganz hervorragend. Man sollte, während man auf einen möglichen Kino-Höhepunkt hofft, allerdings nicht versäumen das Buch zu lesen.