„Toggle“

Der erste Roman von Florian Felix Weyh ist erschienen

Der erste Roman Florian Felix Weyhs handelt von dem nur wenig fiktiven, titelgebenden Internet-Konzern, dem ebenfalls nah an der Wirklichkeit erfundenen sozialen Netzwerk “Myface” und einem aus Neapel stammenden kleinwüchsigen Denker, Schriftsteller, Diplomaten und Wüstling namens Ferdinando Galiani. Dieser Galiani war zudem noch Geistlicher und begleitete das Amt eines Abbé von San Lorenzo im Bistum Centola. Einige Jahre hielt er sich als Gesandter des Königreichs Sizilien im absolutistischen Paris des Ludwig des XV. auf. Der Roman, der bis auf die historischen Einschübe über Leben, Wirken und Sterben des Galiani, in der Gegenwart oder allernächsten Zukunft spielt, ist zu unser aller Verblüffung im Verlag Galiani zu Berlin erschienen.

Ferdinando Galiani, 1728 - 1787

Mit spannender und temporeicher Handlung gelingt dem Autor ein realitätsnaher Blick auf interne Strukturen, Funktionsweise und unternehmerische Ziele zweier marktführender, exemplarischer Unternehmen, die es so nur geben kann, weil es das Internet gibt, und dessen Allgegenwart und jederzeitige Verfügbarkeit so selbstverständlich geworden sind wie vor nicht allzu langer Zeit der Zigarettenautomat an der nächsten Hausecke und die gelbe Telefonzelle gegenüber.

Beim Versuch der Daten-Kraken über die wirtschaftliche Macht hinaus auch soziale und politische Dominanz anzustreben, werden die über 250 Jahre alten Ideen des Abbé Galiani wiederentdeckt, deren Umsetzung einen tiefgreifenden Wandel der heute vorherrschenden gesellschaftlichen Realitäten zur Folge hätte. Zentraler Gedanke Galianis ist dabei eine quasi individuelle Stimmgewichtung bei Abstimmungen. Dabei führen Intelligenz und konforme Verhaltensmuster zu einer höheren Gewichtung, moralisches und gesellschaftliches Fehlverhalten, sowie Minderbegabung zu einer geringeren. Die Einführung eines solchen Modells würde zu einem Verzicht auf eine der fundamentalen Errungenschaften unseres heutigen Demokratie-Verständnisses führen: “one man, one vote.”

Im Mittelpunkt des umfangreichen Buches steht der vom Radiologen zum Leiter der Personalabteilung von “Toggle-Deutschland” mutierte Nikolaus Holzwanger. Durch einen tragischen, aber wohl nicht ganz zufälligen Todesfall, rückt er zum bundesdeutschen Chef des hyperglobalen Suchmaschinen-Imperiums auf. Das geschieht während er damit beschäftigt ist eine Konferenz mit Mitgliedern eines Intelliglenzer-Netzwerks, dem pikanterweise auch seine Frau angehört, im bayerischen Oberland zu organisieren und durchzuführen. Die IQ-Monster sollen eine Folgenabschätzung für den Fall vornehmen, dass es gelingt das Galliani-Modell tatsächlich anzuwenden. Doch die Kongress-Teilnehmer können sich auf keinerlei gemeinsame Aussage verständigen; sie verfolgen vielmehr jeweils höchst eigenwillige individuelle Interessen. Das hat ebenso fatale Auswirkungen, wie der Versuch eines russischen Oligarchen die beiden Netz-Markführer “Toggle” und “Myface” unter seine Kapitalmehrheit und Generaldirektion zu zwingen.

Florian Felix Weyh als Moderator auf dem Erlanger Poetenfest. Foto: Don Manfredo

Florian Felix Weyh wurde im westlich von Köln gelegenen Düren geboren und lebt seit vielen Jahren als freier Publizist und Schriftsteller in Berlin. Prägende Kinder- und Jugendjahre verbrachte er in Ulm an der Donau, in einem ausgesprochen buch- und bibliotheksaffinen Umfeld, das in seinem Buch die eine oder andere Spur hinterlassen hat. Er ist regelmäßiger Mitarbeiter beim Deutschlandradio und schrieb Theatertexte und Hörspiele. Außerdem stammen von ihm eine Reihe scharfsinnig feinsprachlicher Essays, auch solche umfangreicher Art, wie der zuletzt als Buch veröffentlichte “Die letzte Wahl”. “Toggle” ist sein erster Versuch mit Fiktion in epischer Breite. Man kann ihn wohl als nahezu gelungen bezeichnen.

Es lohnt noch ein kleiner Exkurs. Bemerkenswert ist nämlich, dass wir auch bei der Lektüre von “Toggle” immer wieder einmal mit dem politischen Essayisten F. F. Weyh konfrontiert werden. In einem Gespräch mit dem “Börsenblatt des deutschen Buchhandels” sagte er vor Kurzem auf die Frage, was er überbewertet findet: “Den vermeintlichen Beitrag politischer Parteien an Frieden, Freiheit und Wohlstand. Wir würden staunen, wie gut es ohne sie ginge.” Eine Aussage die uns nicht mehr an Zufall glauben lässt, dass im Roman das “originelle” Demokratie-Modell von Galiani eine so wichtige Rolle spielt. Es ist aber auch ein Hinweis darauf, dass dieses Buch nur für politisch gereifte Leser geeignet ist. Zu groß wäre für naivere Geister die Gefahr Kritik an unserer heutigen Demokratieform mit Demokratie-Ablehnung zu verwechseln.

Wir dürfen uns darüber freuen, dass Weyh auch in diesem erzählenden Format und auf dem Gebiet der belletristischen Spannungs-Literatur, einige merk-würdige, zum skeptischen Verweilen und intensiven Nachdenken anregende Sätze und Gedanken gelingen: “Müll ist Materie am falschen Ort” sinniert etwa einer seiner Protagonisten”. Und ein “Nobelpreisträger” konfrontiert uns mit der nicht ganz banalen Erkenntnis: “Man sieht Daten nicht an, wie alt sie sind. Büchern schon.”

Fazit: Weyh, Toggle – why?

Weil es bisher wenig unterhaltende Literatur in deutscher Sprache zu diesen Themenfeldern gibt und der vorliegende Roman darüber hinaus ein interessanter Diskussionsanstoß sein kann. Er böte reichlich Gesprächsstoff für belesen gesellige Runden. Es ist über weite Strecken ein echtes Lesevergnügen auf nicht alltäglichem Niveau mit kleineren Schwächen. Im zweiten Teil wird das Geschehen etwas kurzatmig und hippelig vorangetrieben und das Ende der Geschichte imponiert dann mit leicht reißerischen Passagen. Da Weyh bisher ein sehr kontrastreiches Programm vorgelegt hat, darf man auf die zukünftige Entwicklung dieses Autors auf jeden Fall gespannt sein.

Weyh, Florian Felix: Toggle. Roman. – Berlin : Galiani, 2011. Euro 19,99

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