Leipziger Begegnungen 2012

Von Menschen und Büchern rund um die Stadt, ihre Buchmesse und “Leipzig liest” – Der erste Teil

Auftakt. Der Marsch der Massen zur Messe. Wie schnell der Rummel-Trummel jeden Morgen hochfährt! Um zehn werden die Schleusen geöffnet und drängend fluten Hunderte die bereits unruhig auf Einlass warteten die lichte hohe Glashalle und die Flure zwischen den Ausstellungsständen. Und schon sitzen auf blauen und roten Sofas morgenfrische oder notdürftig ausgeschlafene Autoren und Autorinnen neben pseudo-wachen Moderatoren, die planmäßig ihre ersten Frage-Stanzen absondern. “Kann man sagen, dass der Stoff Ihres neuen Romans zu Ihnen gefunden hat?”

Zum Messegelände findet man am frühen Morgen am leichtesten mit der im dichten Takt fahrenden Straßenbahnlinie 16. Die Buchmesse ist nun schon seit Jahren am nördlichen Stadtrand zu Hause, deshalb dauert die Fahrt reichlich 20 Minuten. Man verbringt diese Zeit in engstem Kontakt mit erwartungsvollen Menschen, die alle irgendwas mit Büchern oder zumindest buchnahen Dienstleistungen oder Produkten machen, und mit Schülern und Schülerinnen von Leipziger Bildungseinrichtungen mitsamt ihren Lehrerinnen und Lehrern, denen man den Messebesuch in den Tagesplan geschrieben hat und die diese Abwechslung vom Frontal-Unterricht als willkommenen Freiraum nutzen.

Es ist gut wenn man dann schon gefrühstückt hat. Vor der Begegnung mit den literarischen Protagonisten empfiehlt sich der Besuch beim „Brotagonisten“, wie sich die in ganz Leipzig vertretene Bäckerei-Kette Wendl betitelt. Man kann dort an einer “Vollversemmelung” teilnehmen, eine “Wendl-Schleife” genießen, die südlich des Mains auch als “Brezel” bekannt ist, oder man bringt den netten Damen hinter der Theke schonend bei, dass man gerne einen “Knax” hätte. Dazu eine Tasse Heißen vom aromatischen Bohno W. und für unterwegs kommt vielleicht noch der beliebte, nahrhafte “RoggStar” in die Tüte.

In Leipzig wird ab Null Grad Plus im Freien gefrühstückt. Dafür steht allzeit Sitzgarnitur an Sitzgarnitur vor Kneipe, Cafè, Bäckerei und Restaurant. Das gilt ganz besonders für die zwei wichtigsten Straßenzüge der Messestadt: die szenische Karl-Liebknecht-Straße (kurz: Karli) in der Südvorstadt und das enge Barfußgäßchen, stetig überfülltes Zentrum der Fress- und Vergnügungsmeile Drallewatsch im unmittelbaren Stadtkern.

“Ein Rettungsschirm für die Bildung!” – Transparent an einer Leipziger Hochschule.

Bildung. Eine Buchmesse ist lehrreich. Von dem sächsischen Kabarett-Urgestein Gunther Böhnke, der einst zusammen mit Bernd-Lutz Lange das legendäre Duo “academixer” war, erfahren wir “50 einfache Dinge die Sie über Sachsen wissen sollten”. (Westend. Euro 14,99) „Nicht nur, aber vor allem als Appetitmacher auf Sachsen für Nichtsachsen bestens geeignet, amüsant, anekdotisch, regionalstolz, dabei zugleich selbstironisch.“ (Sächsische Zeitung).

Natürlich hatte auch ich mir bis zu diesem Zeitpunkt nie tiefergehende Gedanken über die Papiertüte gemacht. Jetzt wurde mir auf die Sprünge geholfen. Unter anderem auf dem Mephisto-Sofa (Mephisto 97,6 = Universitätsradio Leipzig) ging Alexander Neubacher in aller Breite dem selbstgewählten Thema und den damit aus seiner Sicht verbundenen Vorurteilen auf den Grund. Entgegen allgemeiner Vermutung und Hoffnung hat jenes beliebte alternative Verpackungsmittel nach seinen Recherchen eine extrem negative Ökobilanz. Das und noch viel mehr, will er uns in seinem Buch der “Ökofimmel: Wie wir versuchen, die Welt zu retten – und was wir damit anrichten” weissmachen. (DVA, Euro 19,99). Diese Pseudoerkenntnisse verbreitende, ressourcenverschwendende Wichtigtuerei – als SPIEGEL-Buch erschienen – kann leider nicht in der Ökotonne entsorgt werden, sie gehört auf den Sondermüll.

Und auch das hätte ich nie erfahren, wenn ich mich nicht einmal mehr drei Tage durch Leipzigs Frühjahrbuchmesse geschoben, gelesen und gestaunt hätte: Im Mai 2011 schloss im indischen Mumbai die weltweit letzte Fabrik für mechanische Schreibmaschinen.

Karl May. Der sächsische Gauner und Vollblut-Fabulierer wurde am 25. Februar 1842 in Ernstthal geboren und starb am 30. März 1912 in Radebeul. So ist derzeit also willkommene Gelegenheit sowohl 100. Todestag, als auch 170. Geburtstag des Reise-, Heimat- und Abenteuer-Schriftstellers ausgiebig zu begehen. Einige unentwegte Freunde seiner Werke, von denen es noch sehr viele gibt, haben sich in der Karl-May-Gesellschaft organisiert, die auf der Messe mit einem kleinen Stand vertreten war und mehrere interessante Veranstaltungen einbrachte.

So las der populäre Schauspieler Peter Sodann Mays humorvolle Kurzgeschichte “Die Senfindianer” und anschließend einige Passagen aus dessen Autobiographie “Mein Leben und Streben” (Zenodot, Euro 24,90). Sodann schätzt besonders die humane Grundstimmung bei Karl May, wobei er aber auf die mitschwingenden christlich-missionarischen Töne eher verzichten könnte. Ihm gefallen neben den Abenteuerromen vor allem die Geschichten aus dem Erzgebirge.

Bereits vor etlichen Jahren hatte der Leipziger Schriftsteller Erich Loest (“Völkerschlachtdenkmal”, “Nikolaikirche”) eine Roman-Biographie des immer noch verkaufsstarken Schriftstellers veröffentlicht, die jetzt wieder neu aufgelegt wurde. Aus “Swallow, mein wackerer Mustang” (Mitteldeutscher Verlag, Euro 10) wurde an den Messetagen täglich im Kulturradio MDR Figaro daraus gelesen. Ganz aktuell ist eine neue, wissenschaftlich fundierte May-Biographie von Helmut Schmiedt bei C. H. Beck erschienen: “Karl May: oder die Macht der Phantasie.” (Euro 22,95)

Sodann. Peter Sodann als Tatort-Kommissar inzwischen pensioniert und als Bundespräsidenten-Kandidat der Linken nur mit einem Kurzauftritt, hält mit seinen politischen Vorstellungen ungern hinter dem Berg und nutzte den einen oder anderen Messeauftritt um seine Meinung vor stets zahlreichem Publik zu äußern. Man muss diese im Einzelnen nicht immer teilen, es ist jedoch sehr erfrischend, eine bekannte Persönlichkeit zu erleben, die sich so bescheiden unprominent gibt und auf jede falsche Stromlinienform verzichtet.

Sodann erzählt, dass er wie Karl May aus Ardistan stammt, was als Hinweis auf beider Herkunft aus sprichwörtlich einfachen Verhältnissen verstanden werden soll und schreibt den regierenden Politikern Goethes leicht verständliches “edel sei der Mensch, hilfreich und gut” ins Poesiealbum. Er verfügt über ein reiches Reservoir klassischer Dichtkunst aus der er jederzeit passend zitieren kann. Den vergnügten Menschen vor ihm, die immer wieder heftig applaudieren gibt er dann noch Brecht mit auf den weiteren Messe- und Lebens-Weg: „Reicher Mann und armer Mann // standen da und sahn sich an. // Und der Arme sagte bleich: // »wär ich nicht arm, wärst du nicht reich«.“

Verfolgung. Bleiben wir noch etwas bei den politischen Momenten der Leipziger Buchmesse, die es trotz allen Unterhaltungs-Überangebotes Jahr für Jahr auch gibt und die mitunter in berechtigte Empörung und originelle Protestformen münden. Natürlich ist die Buchmesse nicht vorrangig als politisches Forum gedacht. Dennoch gibt es Ereignisse und Zustände auf unserem Planeten vor denen man nicht als Mitmensch und schon gar nicht als Künstler die Augen verschließen kann. Deshalb hat der Verband deutscher Schriftsteller eine Aktion gegen Neo-Nazis gestartet. Deshalb setzt sich die Gesellschaft für bedroht Völker für verfolgte Künstler in China ein und tat dies auf der Leipziger Buchmesse mit einer eindruckvollen Aktion und einer Unterschriftensammlung.

Am Ende dieses ersten Teils der „Leipziger Begegnungen 2012“ ein Zitat des verfolgten, vor den Nazis nach Schweden geflohenen Schriftstellers Kurt Tucholsky, über den in diesem Jahr ebenfalls eine neue Biographie von Rolf Hosfeld (Siedler, Euro 21,99) erschienen ist, und dessen Verzweiflung über seine Zeit und Zeitgenossen ihm 1935 nur noch den Ausweg in den Freitod ließ. So radikal deutlich und politisch er sich artikulierten konnte, so zart und liebevoll konnte er gleichzeitig seinen Gefühlen Ausdruck geben. Die Zeilen stammen aus Tucholskys Roman “Schloß Gripsholm” (Diogenes, Euro 7,90):

“…und dann spielten wir das Bücherspiel: Jeder las dem andern abwechselnd einen Satz aus seinem Buch vor, und die Sätze fügten sich schön ineinander.”

Den zweiten Teil der „Leipziger Begegnungen 2012“ gibt es in etwa einer Woche an dieser Stelle. Dann verrate ich auch jene drei Bücher, die ich persönlich in diesem Jahr am interessantesten fand.