Sudeleien: Ende Juni 2012

Sehnsuchtsorte und Lieblingsworte,

Wellenspiel und Glücksgefühl

*

Beim Sovormichhinblättern im neu erworbenen Synonymen-Lexikon 1) (mein guter alter Textor: “Sag es treffender” war schon länger irgendwann irgendwie und irgendwo abhanden gekommen) kamen mir Lieblingsworte in den Sinn: Anmut und Habseligkeiten, Seitental und Hochland. Vor allem die ersten beiden, so liest man von Fachleuten, haben erstaunlicherweise in anderen Sprachen keine genauen Entsprechungen.

Und auch ein dickes Nachschlagewerk, das immerhin zu 28.000 Stichwörtern über 300.000 sinnverwandte Begriffe auflistet, tut sich schwer. Statt Anmut rät es zu Bezauberung, Liebreiz, Zauber und einigen anderen mehr oder weniger unpassenden Vokabeln. Noch weiter weg von des Wortes eigenem Sinn ist es bei den Habseligkeiten (für die ich auch keine Definition schreiben müssen möchte!): Besitz, Habe und Vorrat können jedenfalls als gleichwertiger Ersatz für etwas das viel mehr ausdrückt als schnödes materielles Eigentum, nicht ernst genommen werden.

Hochland finde ich zwischen Hochherzigkeit und Hochmut. Das ist bemerkenswert, und die Alternativ-Vorschläge sind diesmal durchaus brauchbar: Hochebene, Hochfläche, Plateau. Hochland mag ich nicht nur als wohlklingendes, leicht verheißungsvolles Wort. Sondern ganz besonders in Form jener damit definierten, realen Landschaftsformation. Sie eignet sich ideal für kleine und größere Fluchten, bei denen man den Mühen der Ebene entkommen, für einige Zeit über den Dingen stehen und eine neue Sicht auf Innen- und Außenwelt bekommen kann.

Seitental im Schweizer Hochland, Kanton Sankt Gallen

Seitental, dessen angemessener, alphabetisch vorgegebener Platz zwischen Seitensprung und Seitenteil gewesen wäre, unterschlägt die Enzyklopädie der Vokabeln. Pustekuchen (Lieblingswort!). Fehlanzeige. Seitentäler sind zwar in wirklicher Gegend oft schwer zu finden, das darf jedoch kein Grund sein sie aus unserem Wortschatz zu verbannen. Obwohl sie natürlich ideale Orte zum vorübergehenden oder länger währenden Sichverbergen sind. Je abgelegener, je abseitiger gelegen (das Seitental vom Seitental vom Seitental), umso größer meist der Abstand zu dem was wir als reales Leben ausgeben.

Wie der deutsche Bundestag und die ARD-Krimiserie “Tatort”, so geht auch der Blog = conlibri = einmal mehr in eine Sommerpause. Der Autor der hier stattfindenden Beiträge möchte diese Zeit mit reichlich Müßiggang (Lieblingswort!) verbringen. Aber nicht nur. Es gibt viel zu lesen, zu forschen, zu hinterfragen. Neue Orte sind zu erkunden, neuen Spuren ist zu folgen. Reichlich Material wird gesammelt, frische Kräfte werden getankt. Letzteres gewähren hoffentlich zwei Urlaubswochen, die keineswegs in Hochland oder Seitental verbracht werden. Nein, das Ziel der Sommerfrische (Lieblingswort!) liegt in diesem Jahr im Haupttal eines großen, stellenweise mitreisenden Flusses, der seinen Lauf vom Schweizer Gebirg‘ bis zur Donau gefunden hat. Mitte September geht es dann an dieser Stelle weiter. Mit neuen Ideen für Sudeleien und mal ernsthaftere, mal leichfüßigere Aufsätze über Bücher, Dichter und Denker.

Manchen zieht es in der Ferienzeit in oder auf die Berge, in Metropolen oder auf Inseln. Viele zieht “Das zitternde Glänzen der spielenden Wellen … ” 2) unwiderstehlich an. Immer noch gehen bei dieser Gelegenheit – und trotz Twitter und Co. – ungezählte Ansichtskarten Richtung Heimat. Worte und Sätze auf dem sehr begrenzten Platz des stabilen Kartons sind dabei meist von sparsamer bis spärlichster Aussage- und Sprachkraft. Der Eine oder die Andere mag da durchaus mehr wollen. Wem also Reisen, Freizeit, Urlaub gerne einmal willkommener Schreibanlass sind, der wird jetzt in anregender und kundigster Form unterstützt.

Hölderlin-Spuren in Hauptwil, Schweiz, Kanton Thurgau

“Schreiben auf Reisen” heißt ein neues Buch des schriftstellerischen und literturwissenschaftlichen Tausendsassas (Lieblingswort!) Hanns-Josef Ortheil, das pünktlich zur Hauptreisezeit bei Duden erschienen ist. Er verbindet dabei praktische Hinweise mit einem stimmungsvollen Streifzug durch bekannte und weniger bekannte Beispiele von Reisebeschreibungen. Aber Vorsicht: Die Lektüre, besser das Studium, dieses hübschen Bändchens, dessen Äußeres den bekannten Moleskine-Notizbüchern nachempfunden wurde, kann zu nicht unerheblichem Leistungsdruck führen. Ortheil hat jedem der 19 Kapitel einige, den Willigen fordernde, Schreibaufgaben angefügt.

Spuren eines Klassikers in Leipzig-Gohlis

“Wanderungen, kleine Fluchten und große Fahrten – Aufzeichnungen von unterwegs” heißt es im Untertitel von “Schreiben auf Reisen”. Dafür sollte man auf jeden Fall mit geeignetem Werkzeug ausgerüstet sein. Der klassische Federkiel (Lieblingswort!) ist dafür weniger geeignet. Zweckmäßig sind hingegen gespitzte Bleistifte und funktionstüchtige Kugelschreiber. Und eine handliche, beim Unterwegssein nicht störende, Kladde. Zum Beispiel das quietschgelbe Universal-Notizbuch von Reclam, das jetzt in neuer attraktiver Aufmachung und Komfort-Ausstattung zu bekommen ist. Wohlfeil (Lieblingswort!) zu erwerben, begleitet es leichtgewichtig und kleinformatig zum Kaffeehaustisch, zur Ruhebank am Waldesrand und zum Strandkorb am Sandstrand.

Keine Spur von Goethe!

Wer schreibt, liest. Meist mehr und oft, um nicht zu sagen unentwegt (fast Lieblingswort). Der Platz im Reisegepäck zwischen Bade- und Wanderhose wird also für abwechslungsreiche Lektüre benötigt. Ich packe meinen Koffer und es kommt hinein:

Das wunderschöne, fast übersehene, “Karl Philipp Moritz-ABC” (Eichborn, 2006), das Lothar Müller zusammengestellt hat und von Akademie bis Zerstörung, kommentierte Texte und Textauszüge des großen Psychologen und Schriftstellers, zudem informative Einführung und ausführliche Zeittafel, bietet.

Der Gedichtband “Ich muß mein Herz üben” von Angela Krauß, auf den mich Sigrid Damm aufmerksam machte, der als Band 1315 der Insel-Bücherei erschienen ist, zahlreiche Zeichnungen von Hanns Schimansky enthält und mit diesen Versen endet: “Und dann in keiner Landschaft niedergehn, / die diesem Leben gleicht. / Und stehn!”

“Die Zugvögel”, Erzählungen (Aufbau, 1981, nur noch antiquarisch) von Martin Andersen Nexö, weil skandinavische Autoren für mich immer noch eine Herzensangelegenheit (Lieblingswort!) sind, der Däne Nexö (1869 – 1954) lange am Bodensee und in Dresden lebte und seine realistische Erzählweise neben spannender Handlung viel Sozialgeschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts beschreibt.

“Der Turm” von Uwe Tellkamp, weil es langsam zur Tradition wird, in jedem Urlaub einen neuen Versuch zu wagen, in diesem Mammutwerk über Dresden und das in der pseudosozialistischen DDR an den Rand gedrängte Bildungsbürgertum, entscheidend voranzukommen.

Und eine umfassende Biographie werde ich auf jeden Fall noch mitnehmen; aber ich schwanke, ob ich nahtlos mit Damm und ihrem „Das Leben des Friedrich Schiller. Eine Wanderung“ weitermache, mich für den “Novalis” von Wolfgang Hädecke entscheiden soll oder ob es doch der in diesem Jahr so angesagte “Hermann Hesse” wird – “Der Wanderer und sein Schatten”, nennt Gunnar Decker seine viel gelobte und empfohlene Biographie über den Dichter, der ansonsten im Jubiläums-Wahn nun endgültig unters Rad zu kommen droht.

*

1) Bulitta, Erich: Das grosse Lexikon der Synonyme. 2. Aufl. – S. Fischer, 2007

2) “Das zitternde Glänzen der spielenden Wellen versilbert das Ufer, beperlet den Strand.” (Lieblingslied!) Georg Friedrich Händel: HWV203. Text: Heinrich Brockes

3 Kommentare zu “Sudeleien: Ende Juni 2012

  1. 2007 wurde vom Autor des zweibändigen «Lexikons der bedrohten Wörter» (rororo 2008), Bodo Mrozek, ein Wettbewerb ausgerufen, in dem die zehn schönsten vom Aussterben bedrohten Wörter des deutschen Sprachguts gekürt werden sollten. Eine internationale Jury bestimmte aus den über 3000 Vorschlägen „Kleinod“ zum Sieger. Hier die Top Ten:

    1. Kleinod
    2. blümerant
    3. Dreikäsehoch
    4. Labsal
    5. bauchpinseln
    6. Augenstern
    7. fernmündlich
    8. Lichtspielhaus
    9. hold
    10. Schlüpfer

    Der Kommentator hat das Glück, eine Auswahl von ca. 20 der bedrohten Wörter auf kleinen Magnettafeln geschenkt bekommen zu haben, so dass diese nun zwei Türrahmen, den Kühlschrank (Käseigel, Gänsewein, Konfekt) und den dienstlichen Schreibtisch (Augenstern- statt Foto) zieren.

    Weitere Nennungen waren u. a.: Backfisch, hanebüchen, Sommerfrische, Pfennigfuchser, Bratkartoffelverhältnis, Steckenpferd, Fisimatenten, Hagestolz, wohlfeil, Firlefanz, Stelldichein, Wuchtbrumme, Augenweide, Anmut, garstig, Kaltmamsell, Kinkerlitzchen, Kokolores.

    Gefällt mir

  2. Eine sehr anregende Sudelei!

    Faszinierend an Wörtern wie Anmut und Habseligkeit ist auch die Sprachmusik, die aus der Vergangenheit, aus alten Dichtungen, immer noch mitschwingt, wenn wir diese Wörter heute benutzen oder lesen. „Anmut“ hat seit Jahrhunderten zwar eine Entwicklung zur heutigen Bedeutung durchgemacht, bei der vor allem auch Goethe und Schiller und die Romantiker mitgewirkt haben; trotzdem meint man in dem immer leicht aggressiven „an“ und dem (maskulinen) „Mut“ noch mitzuhören, was die Brüder Grimm in ihrem Deutschen Wörterbuch (DWB) sagen:

    ANMUT, m. affectus; appetitus, die begier, lust, der an etwas gesetzte mut

    So beginnen sie ihren Eintrag: ursprünglich also der Anmut, der mit einem Vers von Hans Sachs zitiert wird:

    ir seit unvernünftige thier
    und lebet nach ewer begier
    nach ewrem anmut und affect,
    darinn ir unverschamet steckt.

    Auch bei Goethe findet man einmal noch die maskuline Form: „Er belebt durch seinen Anmut jede Gesellschaft, in der er sich befindet“ (in einem Brief an Karl Ludwig von Knebel).

    Die Brüder Grimm fahren dann fort:

    ANMUT, f., auch das weibliche wort zeigt im 16. 17 jh. noch jene bedeutung des männlichen, begierde und lust: [zum Beispiel: „die frau sol sich anschicken nach seiner (des mannes) anmut, weis und willen.]

    Weiter unten heisst es dann:

    Aus der vorstellung begierlicher lust gieng aber später die heute allein geltende einer anziehenden, reizenden lust hervor, und schon Stieler (1691) legt anmut aus amabilitas, venustas; anmut ist uns nicht mehr das begehrende, sondern das begier anregende und befriedigende, die grazie:

    anmut des lebens.
    (Gellert)

    und anmut, holder engel,
    dein antlitz überzieht.
    (Bürger)

    und anmut leuchtete ringsum.
    (Voss)

    Im Goethe Wörterbuch (GWB) findet man dann mehr aus der späteren Wortentwicklung:

    Häufigeres Auftauchen in Anakreontik; eigentl Entwicklung beginnt im 18. Jh in Theorie u Dichtung, entscheidender Durchbruch bei Wieland: Verschmelzung der Grazien der Anakreontik mit der Anmut im Sinne Shaftesburys, die durch Pyra in die deutsche Dichtung eingeführt worden war. Während bei Schiller (vgl ‘Über Anmut und Würde’) auf sittl Grundlage beruhend, nur auf den Menschen bezogen, bei G alle Lebensbereiche umfassend unter Zurücktreten des sittl Elements, stark individuelle Formung u Ausweitung des Bedeutungsinhaltes u der Anwendungsbereiche. [… usw.]

    Die erste dort angegebene Bedeutungsbeschreibung ist:

    1 als Eigenschaft, die Wohlgefallen erregt, von der eine maßvolle, harmonische, auch anregende Wirkung ausgeht  

    Für „Habseligkeit“ hat DWB:

    HABSELIGKEIT, f. opulentia, habentia STIELER1993, biens, substance FRISCH teutsch-franz. wb. (1730)278. bei den neueren wird das wort in mehr ironischem sinne für geringe, wertarme habe gebraucht: jedermann, dessen ganze habseligkeit in diesem vermeinten kleinode bestehen möchte. KANT 5, 266; ein gleichmäsziger trieb beseelte sie alle, geschwind raften sie ihre habseligkeiten zusammen.MUSÄUS die deutschen volksm. (1804) 1, 216; er fragte ob die andern auch so glücklich gewesen, ihre habseligkeiten zu retten. GÖTHE 19, 40, ähnlich 53.

    Dies und unendlich viel mehr findet der neugierige Leser bei woerterbuchnetz.de.

    Gefällt mir

    • Lieber Herr Rehder! Vielen Dank für die interessante sachliche Vertiefung der von mir so leichthin angerissenen Thematik. Die Romantiker haben Sie ja angesprochen; ich habe sie quasi im Titelbild zitiert. Und Sie machen auf den Bedeutungswandel von Worten und Sprache aufmerksam. Gerade unsere Generation erlebt solche Prozesse ja sehr unmittelbar. Und dies in einer Dynamik und Vielfalt, wie sie es in früheren Jahrhunderten nicht gab. Zunächst war es die englische Sprache, die in immer mehr Regionen des Erdballs zur Selbstverständlichkeit wurde. Doch inzwischen scheint diese Entwicklung bereits wieder gebremst. Soweit ich lese und höre, dringt bei Ihnen in den USA das Spanische kontinuierlich weiter vor. Auch in Mitteleuropa spielen verschiedene Migration-Bewegungen eine immer größere Rolle. Und hier bei uns in Süddeutschland hat z. B. das Italienische deutliche Spuren in Kultur, Essgewohnheiten und Sprachgebrauch hinterlassen. Nicht umsonst habe ich dieses Blog nicht „Mit Büchern“, sondern eben leicht kodiert und wesentlich wohlklingender „conlibri“ genannt.
      Tja, und wer weiß, wie lange es noch dauert, bis das Chinesische seinen Siegeszug antritt?
      Eines kann, glaube ich, als sicher gelten: Worten wie Anmut, Habseligkeiten, Liebreiz, Tausendsassa und all ihren metaphysisch stark aufgeladenen Verwandten, werden wir in Zukunft wohl seltener begegnen. Vielleicht brauchen wir dann Wort-Museen.

      Gefällt mir

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.