Sudeleien. Oktober 2012

Im Herbst-Licht

„Die heißen Tage, so lang sie waren, loderten weg wie brennende Fahnen.“
(H. Hesse: Klingsors letzter Sommer)

Beim Sovormichhindösen in einen Sonntag-Nachmittag hinein, dachte ich mit Wehmut an die wieder einmal viel zu schnell dahin gegangenen Sommerwochen und das zunehmend schwindende Tageslicht des längst angebrochenen letzten Jahresviertels. Nach dem grell hellen Sommerlicht und vor dem glitzernden Blenden eisiger Wintertage, verwöhnt für kurze Zeit der abends golden schimmernde Schein des Herbstes. Besonders stimmungsvoll zu erleben in der hügeligen Landschaft zwischen Donau und Bodensee, mit ihrer Kulisse aus Barockklöstern, kleinen Städten, stillen Weihern, sich bunt färbenden Wäldern und von erstem Reif überzogenen Wiesen. Der Maler André Ficus konnte diese Wetter- und Jahreszeiten-Stimmungen besonders eindrucksvoll darstellen. Zu sehen zum Beispiel in einem schönen Band mit Aquarellen von Landschafts- und Wetterimpressionen des Bodensee-Ufers. Martin Walser hat kleine Texte dazu geschrieben. Das Buch trägt den treffenden Titel „Heimatlob“.

Manchmal verlege ich das Vormichhindösen ins Schummer-Dämmer unseres altstädtischen Szene-Cafés „Heller Barde“. War es in meinen jugendbewegten Jahren üblich, dass man sich hier mit Zeitung oder Roman, Gedichtband oder linkem Pamphlet, zu ausgiebiger Lektüre niederließ, verhindert heutigentags luxuriöses, aber ausgesprochen luxarmes Licht-Design, diesen wohl etwas überholten Zeitvertreib. Und mit Wehmut gedenkt man der Zeiten, als es noch nicht unüblich war, Gelesenes heftig aber freundschaftlich zu diskutieren und in langen Gesprächen unter verschiedensten realen und visionären Gesichtspunkten zu erörtern. Denken war dabei nicht nur denkbar, sondern durchaus auch erwünscht und weitverbreitet üblich – Smartphones, Pads und Pods allerdings noch Phantasie-Produkte ambitionierter Science-Fiction-Autoren.

Und wär’ ich Wirt, so hieße mein gastliches Haus Denk-Bar und „Tritt ein, genieß und lies!“ stünd’ über dem Portal.

“Lux ist die Einheit der abgeleiteten Größe Beleuchtungsstärke und der ihr entsprechenden Emittergröße, der spezifischen Lichtausstrahlung. Ihr Einheitenzeichen ist: lx. Der Name leitet sich von der lateinischen Bezeichnung lux für Licht ab. Die Beleuchtungsstärke in lx erhält man aus dem Quotienten der Lichtstärke einer punktförmigen Lichtquelle in cd und dem Quadrat der Entfernung in m: 1 lx = 1 lm / m².” (Nach Wikipedia)

“Alles kommt auf die Beleuchtung an“, wusste schon der alte Fontane. An vielen Orten, in vielen Räumen unseres alltäglichen Aufenthalts hat Lux pro Mensch in den letzten Jahren offensichtlich stark abgenommen (oder sagt man treffender: nachgelassen?). In den Kaschemmen, in den überfüllten Vehikeln des Massentransports, in Gäßchen und Durchlässen unserer Städte, in Wartesälen und Wandelhallen: So viele fahle Funseln. Nicht jeder Leser ist eine Leuchte, doch jeder Leser braucht eine. Eine Lampe oder andere Lichtquelle, die erhellt, bescheint, mühelose Lektüre ermöglicht. Und seien es auch nur jene e-u-verordneten energiesparenden Leuchtstoffe, die ihre volle Lux-Entfaltung erst nach Lichtjahren gewähren.

„Vor der Kaserne / Vor dem großen Tor / Stand eine Laterne / Und steht sie noch davor / So woll’n wir uns da wiederseh’n, / Bei der Laterne woll’n wir steh’n / Wie einst, Lili Marleen.“ – Lili Marleen. Ein weit verbreitetes, wehmütiges Soldaten-Liedchen. Der Schriftsteller Hans Leip schrieb den Text, als er während des Ersten Weltkriegs in Berlin dem Vaterland zu dienen hatte. Erst 1937 komponierte Norbert Schultze die bis heute viel gesungene Melodie dazu. Bekannt und zu einem der ersten deutschen Millionen-Hits wurde das Lied dann in einer Version, die Lale Anderson sang; sie stammte aus Bremerhaven und war in den 1920er und 1930er Jahren ein bekannter und beliebter Star der Berliner Chanson- und Kabarett-Szene.

Unter grell-weißen Spot-Lights präsentierte einige Jahrzehnte später ein jugendlicher Musikfreund und Schnellsprecher namens Ilja Richter die Hits seiner Zeit und Generation. Heute spielt er, leicht ergraut, Theater in Berlin und setzt sich für den Erhalt eben jener Berliner Gaslaternen ein, unter denen vor langer Zeit einmal die traurige Lili Marleen vergeblich ausharrend Stunde um Stunde zubrachte.

44.000 dieser Trottoir-Beleuchtungen gibt es noch in der deutschen Hauptstadt; das ist mehr als die Hälfte aller weltweit existierenden Gaslaternen. Die finanzielle Dauerkrise des Stadtstaates führte dazu, dass der Unterhalt der Berliner Straßenbeleuchtung privatisiert wurde. Und nun gibt es seitens der Investoren massive Forderungen, das traditionsreiche gold-gelbe Licht der Gasbeleuchtung komplett durch Elektrolicht zu ersetzen. Dagegen wendet sich eine sehr aktive Bürgerbewegung zu der neben Ilja Richter auch andere Prominente gehören. Eine aktuelle Petition an den Regierenden Bürgermeister wurde von über 20.000 Personen unterschrieben. Am 29. Oktober findet in der Komödie am Kurfürstendamm ein “Protestabend” statt, an dem u. a. Katharina Thalbach, Thomas Quasthoff, Klaus Hoffmann und Anita Kupsch teilnehmen wollen.

Während in Berlin vermutlich demnächst die traditionsreichen Gaslaternen gelöscht und abgebaut werden – derweil die Neonröhren am neuen Großflughafen immer noch nicht eingeschraubt sind – hat man knapp 200 Kilometer weiter südlich auf alten zernarbten Holztischen weiße Wachskerzen angezündet. Um die Tische und auch dazwischen dichtes Menschengedränge. Im Leipziger Café Puschkin liest heute abend die lokale Schriftsteller-Legende Clemens Meyer. Vor ihm, im Schein einer grün umschirmten Lampe aus dem Ikea-Sortiment, liegt eine sichtlich viel genutzte Ausgabe seiner Stories “Die Nacht, die Lichter”. Draußen, in der regen Südstadt-Straße, fallen erschöpft die nassen Blätter der Allee-Bäume zu Boden. Und drinnen in den überfüllten, überhitzten Räumen der Kneipe mit dem beziehungsreichen Namen, beginnt des Dichters Lesung:

“Ich stehe am Fenster und blicke durch die Jalousie rüber zum Bahndamm. Die Laternen leuchten gelb, es muss schon Abend sein. Da steht ein Mann im Licht der Laternen. Er dreht sich weg…”

Ficus, André; Walser, Martin: Heimatlob. – Gebunden bei Gessler, Taschenbuch-Ausgabe bei Insel; antiquarisch bereits ab 1 Cent (!) zu bekommen.

Grawe, Christian (Hrsg.): “Alles kommt auf die Beleuchtung an”. Fontane zum Vergnügen. – Reclams Universal-Bibliothek, 9317

Hesse, Hermann: Klingsors letzter Sommer. – Suhrkamp, verschiedene Ausgaben und Auflagen.

Leip, Hans: Die kleine Hafenorgel. Gedichte und Zeichnungen. – Christian Wegner Verlag, 1937 (nur antiquarisch).

Meyer, Clemens: Die Nacht, die Lichter. – S. Fischer, 2008 (als Fischer-TB, 2011)

Ein Kommentar zu “Sudeleien. Oktober 2012

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