Herbst-Lese 2012: Silke Knäpper und Fee Katrin Kanzler

Über zwei Dreiecks-Geschichten von “Ulmer” Autorinnen

Die literarische Szene der kleinen Großstadt Ulm an der Donau und der umliegenden Region ist überschaubar, dennoch durchaus lebendig und vielfältig. Es gibt den lyrischen Rapper, den fleißig schreibenden Buchhändler und eine aktive Autorengruppe. Die “Flugfische” treten mit einem frischen Cross Over aus Sprachkunst, Musik und Tanz vor ein ambitioniertes Publikum; “Wörterflug” verbindet Literatur mit moderner Musik. Der monatliche Poetry Slam füllt regelmäßig einen großen Saal. Und aus dem Dämmer seiner Kammer, in der nur das Äpfelchen glüht, liefert der eine oder andere Blogger mal Hinter- und mal Vordergründiges.

Natürlich ist diese Aufzählung in jeder Hinsicht unvollständig.

In Ulm begannen übrigens – bei jeweils sehr unterschiedlichen Ausgangslagen – die Schriftstellerkarrieren von inzwischen weitbekannten Persönlichkeiten wie Andreas Eschbach, Amelie Fried oder Ulrich Ritzel. Rar waren bisher längere Erzählwerke von Autoren oder Autorinnen die ihren aktuellen Lebensmittelpunkt in der Münsterstadt, bzw. dem sprichwörtlichen “um Ulm herum” haben. Das hat sich in den letzten Monaten geändert.

Gleich zwei jüngere Schriftstellerinnen, die in Sichtweite des vielbestiegenen Kirchturms leben und schreiben, konnten ihr Roman-Debut veröffentlichen: Silke Knäpper und Fee Katrin Kanzler. Erfreulicherweise wurden sie dabei von den Häusern Klöpfer und Meyer, bzw. Frankfurter Verlagsanstalt unterstützt. Zwei Verlagen also, die für besondere Qualitätsmaßstäbe bekannt sind. Beide Frauen haben Sprachen studiert und gehen einem Brotberuf als Lehrkräfte an Gymnasien nach. Für ihre bisherigen, meist kleineren schriftstellerichen Arbeiten, wurden sie schon verschiedentlich ausgezeichnet. Silke Knäpper ist zudem Mitglied der bereits erwähnten “Flugfische”; Fee Kathrin Kanzler betreibt die mystisch märchenhafte Web-Site “fairy-club”.

Bei ganz deutlichen Unterschieden im Stil, weisen die zwei vorgelegten Romane allerhand Gemeinsamkeiten auf. Es sind Dreiecksgeschichten in deren Mittelpunkt Musikschaffende stehen. In beiden Büchern spielt auch die Musik selbst eine wichtige Rolle. Neben der Haupthandlung geht es jeweils um eine tragische Geschwister-Liebe und daraus resultierende Schuldgefühle, Verlustängste und Sinnkrisen.

Knäpper, Silke: Im November blüht kein Raps. – Klöpfer & Meyer, 2012

Paul streicht und zupft den Bass. Der “Held” in Silke Knäppers Roman tut dies hauptberuflich im Orchester des Ulmer Theaters (Stutznitzen Sie ruhig, Herr Indendant! – Aber die Freiheit nehme ich mir.) Paul ist verheiratet, hat eine Zweitfrau namens Hanne und eine zweite Wohnung in die er sich zu atemholenden Sein ohne Frauen zurückzieht.

Während er im Ensemble meist problemlos den richtigen Ton findet, ist sein Privatleben schon längst aus dem Takt geraten. Auch traumatische Kindheitserfahrungen wirken erschwerend nach. Die Härte des Vaters. Dessen musikalische Früh-Erziehung, die das Kind als Schleiferei erlebte. Ein Emanzipationsversuch durch Instrumentenwechsel brachte kaum seelische Entlastung. Neben Paul spielt in “Im November blüht kein Raps “ die Stadt Ulm eine zweite Hauptrolle. Liebhaber verfahrener Beziehungsgeschichten werden das Buch ohnehin gerne zur Hand nehmen, Ulm-Liebhaber und -Kenner auf jeden Fall Freude daran haben. Denn es gibt viel zu entdecken.

41WIN-5+DAL._AA160_Die Buchhandlung Wiltschek und Bauer etwa, deren reale Vorbilder und ihre Inhaber sehr populär bei den Buchliebhabern der Stadt sind. Eine der allerersten italienischen Gaststätten in der alten Reichsstadt, ist seit Jahrzehnten als Pizzeria “Bella Napoli” bekannt und geschätzt. Die ehemalige Lebkuchenfabrik auf der anderen Donauseite im bayerischen Neu-Ulm, in der Paul seinen Zweitwohnsitz unterhält, steht derzeit kurz vor dem Abriss und wird bald einer Wohnanlage der gehobenen Preisklasse mit exklusiven Blicken auf Donau und Bilderbuchkulisse Ulms weichen. Schließlich das Reihenhaus am Kuhberg, das Kult-Cafè Omar in der Oststadt, das Kongress-Zentrum und immer wieder das städtische Theater, einschließlich mancher Blicke hinter dessen Kulissen.

Silke Knäpper schreibt knapp, schnörkellos und präzise. Die Geschichte wird nie langweilig, der Leser folgt dem Geschehen von Anfang an mit Spannung. Die Autorin hat ihre eigene Tonart gefunden. Eigene, originelle Motive sind es hingegen nicht immer auf die sie zurückgreift. Meist werden bewährte, in der neueren deutschen Literatur vielfach verwendete Vorlagen genutzt. Der Zweite Weltkriegt taucht auf; die daraus entstandenen Vertreibungsprobleme werden behandelt, Wurzeln der Familie im Osten ge- und besucht. (Wer wissen will, wie eine junge Autorin über Vertreibung und deren ambivalenten Aspekte schreiben kann, der greift besser zum Roman “Katzenberge” von Sabrina Janesch.) Schließlich fließen auch noch der Jugoslawienkrieg und eine demente Mutter in den Erzählfluss ein. Doch all diese Themen, die schon an anderer Stelle reichlich und oft stimmiger behandelt wurden, werden nur angerissen. Denn das Buch von Silke Knäpper ist nach gut 180 Seiten in 28 Kapiteln und einem Epilog zu Ende. Auch Paul? Lesen Sie selbst!

Die in Ulm erscheinende Südwest-Presse urteilte: “…auf den Lokalbezug ist diese Prosa keinesfalls zu reduzieren, der Roman hat erstaunliche literarische Qualität, findet gewiss überregionale Beachtung.” Das ist der Autorin genau so zu wünschen, wie der Mut, beim nächsten Versuch noch etwas eigensinniger zu werden.

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Kanzler, Fee Katrin: Die Schüchternheit der Pflaume. – Frankfurter Verlagsanstalt, 2012

Du kennst die mehlige Schicht, die eine frische Pflaume hat. Was sie matt macht und blassblau statt dunkel, diese dünne Schicht, dieses Anstandspuder überm tiefen Violett, die Schüchternheit der Pflaume. Wenn du die Pflaume anfasst, reibt sich diese Schicht ab, und die Pflaumenhaut beginnt zu glänzen.”

Der Bassmann, der sie bei ihren Auftritten instrumental begleitet, nennt sie “Missy”, ihr Vermieter Borg spricht sie mit “Prinzessin” an. Für uns Leser bleibt sie namenlos. Sie ist nicht nur Schlafwandlerin; sie folgt auch gerne Göttern. Die Liedermacherin lebt in einer etwas eigenartigen Form von Wohngemeinschaft. Im leicht märchenhaften Haus, das die Bewohner “Goldlaube” nennen. Sie fühlt sich gleichermaßen zum Künstler-Freund Fender hingezogen, wie zum bürgerlich-maskulinen Blau. Und im Hintergrund ist immer die niemals endende intime Verbundenheit mit dem toten Zwillingsbruder. Die junge Frau schwankt und schwenkt zwischen den beiden Männern eben so hin und her, wie zwischen verschiedenen musikalischen Ausdruckformen und erotischen Stimmungen.

51pwAcSDitL._AA160_Fee Kathrin Kanzler schreibt in einer hochpoetischen Sprache. Sie hat lange gefeilt an den Sätzen, den Formulierungen, den Bildern, dem Rhythmus, erzählt sie in Interviews. Lyrische Ausdrucksformen überwiegen bei ihr, ohne dass auf Beschreibungsgenauigkeit verzichtet wird. Es ist sehr viel Wille zur Form, zur Melodie, viel Ambition, erkennbar. Da dies die Lesbarkeit nicht ausdrücklich erleichtert und nicht jeder Leser bereit ist sich auf diesen hohen Ton einzulassen, hat sie zwischendurch für Abwechslung, für gelegentliche Tempowechsel gesorgt. Wenn etwa ein terroristischer Sprengstoff-Anschlag städtisches Leben durcheinanderwirbelt und wichtige Verkehrsadern von einer Sekunde auf die andere zerstört. Ein Abschnitt im Buch, der recht unerwartet kommt und vielleicht etwas mutwillig plaziert wirkt.

Bei aller Sprachmacht, poetischer Virtuosität und dem durchaus vorhandenen epischen Talent, ist das Buch ein paar Seiten zu lang geraten. (“He, Blogger! Was willste eigentlich? Das eine Buch ist dir zu lang, das andere zu kurz. Wie kann man’s dir denn recht machen?”) Dem Leser droht- auf der wort- und bildgewaltigen Strecke irgendwann die Luft auszugehen und er schleppt sich möglicherweise etwas mühsam bis zum Ende auf Seite 318. Allerdings bekommt er auf dem Weg dorthin sehr schöne Kapitel-Überschriften geboten: “Mandelseife.” “Blaue Zunge.” “Salamanderfinger.” “Apfelkerngeschmack.”

Fee Kathrin Kanzler und ihr erster Roman sind schon eine zartwuchtige Entdeckung. Eine neue, ganz eigene, sehr sinnliche Stimme klingt hier an. So sah es auch Björn Hajer in DIE WELT: “Mit seiner feinstofflichen Gestaltwerdung ist dieser Erstling eine beachtliche, vielstimmige Partitur, in der auf reizvolle Weise große neben kleinen Gedanken stehen.” Jetzt darf man gespannt sein, ob diesem ersten erzählerischen Höhepunkt, weitere folgen werden.

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