Seelenreich: Walser in Wasserburg

Eine Januar-Fahrt an den Bodensee.

Der zweite Teil

Eines meiner Lieblingsbücher von Martin-Walser ist “Seelenarbeit”. Die wenig trostreiche Geschichte des Chauffeur Xaver Zürn, der Tag und Nacht an seinen Chef denken muss, sich schlaflos im Bett wälzt, Verdauungsprobleme bekommt und genau weiß, dass der Chef keine Sekunde an ihn denkt. Zürn hofft durch Anpassung bis zur Unterwerfung und durch Leistungswillen bis zur Selbstaufgabe, das Wohlwollen seines Arbeitgebers zu gewinnen. Doch das Ergebnis sind Leiden. Leiden an Körper und Seele. Xaver Zürn wird zum Seelenkrüppel.

Walsers neuestes Werk heißt “Das dreizehnte Kapitel”. Der alternde, süddeutsch-katholisch geprägte Schriftsteller Basil Schlupp erlebt darin noch einmal Liebes-Seeligkeit in der Fernbeziehung zu einer preußisch-evangelischen Theologin, die er in Briefen anschwärmt. Neben der Liebesgeschichte, die ausschließlich im Briefwechsel stattfindet, erfahren wir von der Seelen- und Wahlverwandtschaft der beiden Hauptfiguren, die sich in einem vielschichtigen und hintergründigen Meinungsaustausch über Religions- und Lebensfragen niederschlägt. “Verstehen Sie wenigstens so viel, dass Religion etwas anderes ist als das, was in unserer Welt dafür gehalten sein will?” Zum Seelenheil der beiden lässt es der Dichter allerdings nicht kommen.

Dem “Kultur-Spiegel” erzählte Martin Walser, dass der Titel des Romans eine Wasserburger Vorgeschichte hat: “Mein Großvater hatte einen Gasthof, und da gab es die Zimmer 11,12,14. Seitdem hat die Zahl 13 mich fasziniert. Ich habe jahrelang Romanprojekten den Titel “Das dreizehnte Kapitel” gegeben. Aber erst jetzt passte er.”

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Von klein auf war er ein leidenschaftlicher Leser. Zur frühen Leküre gehören viele Bände Karl May, der “Lederstrumpf” und was ihm sonst so in die Hand fällt. Er liest aus den selben Gründen “die uns veranlassen zu atmen oder zu essen.” Dabei ist der Junge keineswegs ein Stubenhocker. Er ist lebhaft, sportbegeistert, macht mit, ist eingebunden in die Klassengemeinschaft. Kein Bücherwurm der sich absondert. Am Klavier improvisiert er Schlager der Zeit. Schule ist für ihn Zwang. Er spürt Erwartungsdruck. Seine Deutsch-Aufsätze allerdings sind originell und eigenwillig, halten sich nicht an Musterlösungen. Der Schüler Walser hat Glück. Die Deutschlehrer erkennen das Besondere, fördern den Begabten.

1939, mit zwölf Jahren, stößt er in der Bibliothek eines Allgäuer Großonkels auf Gedichte von Friedrich Schillers. “…in den Ferien bei einem Verwandten… entdeckte der … Knabe einen Bücherschrank mit bespannten Glastüren. Darin lauter alte dunkle Bücher, die einander glichen wie die Rauchfleischbinden im Kamin. Er griff nach den hellsten Rücken in den dunklen Reihen und hatte einen Schiller-Band in der Hand… Der Knabe nahm Schiller mit in sein Zimmer und las. Vom Parterre herauf hörte er, daß gerade ein Krieg erklärt worden sei. Ihn störte es nicht. Er hatte auf seinen Knien Gedichte, deren Verse mit Hebungen anhoben.” Die Schiller-Töne erreichen einen Suchenden, einen zukünftigen Schriftsteller und bleiben nicht ohne Folgen: “Das wurde alles nachgelebt und nachgedichtet und führte zu lauter Schwulst und Schein.”

„Siehe! da verstummen Menschenlieder / Wo der Seele Lust unnennbar ist…“ * Ab 1942 und seitdem: Hölderlin. Unter dem Dach des elterlichen Anwesens die Entdeckung literarischer Hinterlassenschaften seines Vaters. Dabei sind Gedichte in denen er einen neuen Ton für sich entdeckt. “Ich wußte allerdings nicht, daß die Gedichte von Hölderlin waren, die ich im Alter von fünfzehn Jahren in einer Kiste auf dem Dachboden entdeckte. Ein Stoß Kriegervereins-Zeitschriften und ein Stoß Cotta’sche Handbibliothek fielen mir in die Hände… und ein Bändchen, ein Bündel zerfledderter Blätter hatte keinen Umschlag mehr, es begann mitten in einem Gedicht.”

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Die Abschiede von Wasserburg begannen bereits kurz vor dem Zweiten Weltkrieg. Sein Vater, der das Gasthaus von seinem Vater übernommen hatte, und der weder rechter Wirt noch echter Kaufmann sein kann, vielmehr ein Kopf-Reisender, Vieldenker und Leser, ist häufig krank und stirbt 1938 mit gerade einmal 47 Jahren. Da geht Martin Walser bereits auf die Oberschule in Lindau. Eine erste kleine Distanz zur Wasserburger Welt und Familie ist damit entstanden.

Im März 1944 kommt sein Freund Gerhard bei einem Zugunglück nahe Bregenz ums Leben. Walser, mit ihm im Zug, überlebt. Am 19. Oktober 1944 fällt der zwei Jahre ältere Bruder Josef in Ungarn. Der 17-jährige Martin hatte sich bereits freiwillig zu den Gebirgsjägern in Garmisch gemeldet. In den Bergen hofft er dem eigentlichen Kriegsgeschehen fern zu sein. Kindheit und Jugendjahre am See gehen zu Ende. Als er 1945 zurückkehrt, ist die Gaststätte verpachtet; die Mutter betreibt nur noch den Kohlenhandel. Zu dieser Zeit lernt Walser seine spätere Frau Katharina Neuner-Jehle (“Käthe”) kennen. Nach dem Krieg beginnt er mit dem Studium zunächst in Regensburg. Der Landkreis Lindau unterstützt den Begabten mit einem kleinen Stipendium.

Doch ein Leben ohne See ist auf Dauer nicht zu ertragen. Und so zieht er nach dem Studium in Regensburg und Tübingen, Jahren in Stuttgart und München, mit Ehefrau Käthe bald für immer nach Überlingen-Nußdorf. Im eigenen Haus direkt am See wachsen die vier Töchter auf, entsteht Buch um Buch. Von hier schwärmt der Schriftsteller und Zeitgenosse Walser seitdem immer wieder aus in das literarische Leben der Republik; kleine Abstecher in politische Nebenschauplätze inbegriffen. Wasserburger ist er dabei immer geblieben: “Noch nie hatte ich einen Menschen so über seine Herkunft reden hören. Im Grunde waren es Lobgesänge, denn ich erinnere mich, daß ich wünschte, die Wasserburger könnten zuhören. Keine üblichen Lobgesänge, keine Spur von Euphorie, aber eine Genauigkeit, die etwas mit Gerechtigkeit zu tun hatte.” (Katharina Adler) Seit 1984 ist Martin Walser Ehrenbürger von Wasserburg.

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Neben Kirche und Schloss, findet man auf der Halbinsel das historische Malhaus, einst Gerichts- und Amtshaus der Fugger. Darin ist ein Heimatmuseum untergebracht. Man kann Werke von heimischen Künstlern sehen, die Geschichte der Hexenverfolgung studieren oder sich über Flora und Fauna des Seegebiets informieren. Eine Dauerausstellung ist der Kinder- und Jugendzeit Martin Walsers in Wasserburg gewidmet. Eine andere dem Schöpfer des “Lieben Augustin”, dem Schriftsteller Horst Wolfram Geissler. Aber das ist dann schon wieder eine ganz andere Wasserburg-Geschichte. Das Museum übrigens ist nur von April bis Oktober geöffnet.

“Man muß nicht fröhlich sein. Am Bodensee, meine ich. Heitere Landschaft und so… Dieser See bewirkt, glaube ich, nicht dies oder das. Wenn er etwas einprägt, dann den Wechsel. Die Nichteigenschaft. Ich bin vieles nicht. Das lerne ich hier.”

Ich bin fast allein am winterlichen See. Dieser Januar-See lässt seinen Besucher nur schwer wieder los. Der Niesel hat aufgehört. Es klart auf. Mit der Dämmerung beginnt ein faszinierendes Licht- und Lichterspiel. Aus blauweißem Himmel wird blauschwarzer Sternenhintergrund. Schwankendes Leuchten im Windspiel, fernes Blinken an anderen Ufern. Sanftes Plätschern von Wellen, die im vorrückenden Dunkel nur noch vermutet werden können. Vom Tag kennen wir den See. In der beginnenden Nacht drohen Untiefen.

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Kirche, Schloß und Museumsgebäude leuchten jetzt scheinwerferbestrahlt. Sie stehen so selbstverständlich und wie seit immer. Feuchte Kälte zieht auf. Die letzte bequeme Zugverbindung ab Wasserburg ist zu erreichen. Die Bahnfahrt an einem Januarabend findet bei Dunkelheit statt. Walser-Lektüre. Walser-Notizen. Wasserburg-Notizen. Zur Wegzehrung eine trockene Seele. Hart gebacken, mit fester Kruste, Kümmel und Salz. Wunschlos durch eine oberschwäbische Nacht.

* Aus der „Hymne an die Unsterblichkeit“ von Friedrich Hölderlin
 
Verwendete Literatur
Walser, Martin: Seelenarbeit. Roman. – Frankfurt, 1979
Walser, Martin: Ein springender Brunnen. Roman. – Frankfurt, 1998
Walser, Martin: Das dreizehnte Kapitel. Roman. – Reinbek bei Hamburg, 2012
Ficus, André; Walser, Martin: Heimatlob. Ein Bodensee-Buch. – Friedrichshafen, 1978
Walser, Martin: Liebes-Erklärungen. – Frankfurt, 1983
Magenau, Jörg: Martin Walser. Ein Biographie. – Reinbek bei Hamburg, 2005
Hagel, Manfred (Hrsg.): Annäherungen an Lindau. Berühmte Autoren in der Inselstadt und Umgebung. – Lindau, 1996
Hoben, Josef (Hrsg.): He, Patron! Martin Walser zum Siebzigsten. – Uhldingen, 1997
Mit 17 hat man noch Träume. Der Schriftsteller Martin Walser, 85, über Militärsprache, Kritiker und Aberglaube. In: Kultur-Spiegel, Heft 1, 2013, S. 55

Ein Kommentar zu “Seelenreich: Walser in Wasserburg

  1. Diese zweiteilige bewundernswerte persönliche Spurensuche durch einige Bücher Walsers hindurch zur Landschaft, nach Wasserburg und zum Bodensee, hat meinen alten Zweifel listig wieder hervorgelockt, dass ich, wenn’s um Walser geht, keinen literarischen Geschmack hätte, dass ich nicht wüsste, was gut und wertvoll sei, dass ich mich schon als viellesender Student mit meinem mürrischen Missmut über Ein fliehendes Pferd geirrt hätte und dass meine jetzigen Abwehrgesten (da ich vorsichtiger und defensiver lese): „Nix für mich“ und „Thomas Mann ist tausendmal besser“, nämlich beim flüchtigen Lesen von Ein liebender Mann, nur ein weiteres Fehlurteil wären.

    Und doch – vielleicht sollte ich meine Meinung (nicht) ändern? Wenn Matthias Matussek von Walser schwärmt, stutze ich; denn der schwärmt auch für den Papst. Wenn allerdings der kenntnisreiche Denis Scheck lobende Worte findet, höre ich zu, auch wenn der energisch-rundliche Mann mit seinen knackig-wohlgeformten Sätzen manchmal mit seinem Lob zu grosszügig ist (u.a. bei Rowling und Auster). Und wenn man an das ernste und mutige Scharmützel denkt, das Walser gegen den lauten und oft ahnungslosen Reich-Ranicki in seinem middle-brow-Literarischen Quartett geführt hat, muss man dann nicht für Walser Partei ergreifen?

    Wenn da nicht immer noch der Zweifel wäre. Kurz und gut, die Kardinalsünde, derer Walser sich in meinem Katechismus schuldig macht, ist diese: Er will zu clever sein und dies auch seinen Lesern vorzeigen. Er posiert. Dabei drängt er sich, seine Bildung, seine Souveränität, durch den Text hindurch in den Vordergrund und zwingt den Leser, seine Figuren durch die Linse eines ironisch-besserwissenden Autors zu sehen: man merkt die Absicht, und man ist verstimmt. Helmut Halm in Das fliehende Pferd nimmt Kierkegaards Tagebücher mit in den Urlaub? Alle fünf Bände? Ich bitte Sie! Und die wissenschaftlichen Quisquilien über Neurowissenschaft und Physik, die er im Dreizehnten Kapitel mit lässig überlegener Attitüde zur Schau stellt?

    Aber es ist auch die sprachliche Attitüde, die einem Ärger bereitet. Walser quatscht manchmal zuviel. Er redet in seinen eigenen Text hinein. Das hört man zum Beispiel ganz deutlich im ersten Kapitel vom Dreizehnten Kapitel. Es ist überladen, kommentiert sich selbst, gibt an, spricht mit gewollt einfacher Sprache über die Komplikationen von Sprache. Er erzählt nicht nur, sondern er redet über’s Erzählen. Einigermassen gelungene Sätze zur Beschreibung der enigmatischen Professorin Schneilin wechseln ab mit schablonenhaften Passagen, die ganz auf den Effekt zielen, leicht gesalzen mit schalen sexuellen Untertönen: „Kein lockend schwellender Lippenmund.“ Wenn er am Ende der rhapsodischen Beschreibung der Theologin schreibt: „Die Vierundvierzigjährige war in diesem Gesicht, in dieser Erscheinung ganz genau so präsent wie die Vierzehnjährige“, dann lässt man diese altmännerhafte Phantasie noch zu. Aber warum danach noch der stöhnende Nachschlag: „Eine atemraubende Balance!“ Wo war der Lektor?

    In manchem erinnert Walser an Max Frisch. Auch er ein Schreiber von langen Tagebüchern, die wirklich nicht alle das Licht der Öffentlichkeit verdienen. Bei ihm immer wieder dasselbe Thema: Selbstentfremdung, Unmöglichkeit der Liebe. Bei Walser: Selbstüberheblichkeit, Herbeischreiben der Liebe. Wenn man Texte von Frisch genau untersucht und laut liest, merkt man auch hier Zweitrangigkeit. Zum Beispiel der erste Satz im Stiller: „Ich bin nicht Stiller! – Tag für Tag, seit meiner Einlieferung in dieses Gefängnis, das noch zu beschreiben sein wird, sage ich es, schwöre ich es und fordere Whisky, ansonst ich jede weitere Aussage verweigere.“ Dieser Satz ist gerühmt worden; aber eigentlich kommt in dem Roman dann nichts Neues mehr. Man vergleiche dagegen den ersten Satz in Melvilles Moby Dick: „Call me Ishmael. Some years ago – never mind how long precisely – having little or no money in my purse, and nothing particular to interest me on shore, I thought I would sail about a little and see the watery part of the world.“ Nun bin ich gespannt. Oder den ersten Satz von Dickens’ Tale of Two Cities, oder den in Jane Austens Pride and Prejudice: „It is a truth universally acknowledged, that a single man in possession of a good fortune, must be in want of a wife.” [Mehr “best lines” aus englisch-sprachigen Werken hier: http://americanbookreview.org/100bestlines.asp ]

    Zum Vergleich: das Dreizehnte Kapitel beginnt:

    “Schloss Bellevue, sagte ich. Der Taxifahrer hatte bemerkt, dass ich getan hatte, als führen wir zweimal täglich dahin, und er tat seinerseits so, als sei das eine ihm unbekannte Adresse.“

    Dieser Satz demonstriert schon die (triviale) Wichtigtuerei, von der sich die Story nicht mehr erholt. Im Gegenteil, spaeter wabert es so:

    „Was ich nicht denken will, denke ich nicht. Offenbar soll ich auch an das denken, an das ich nicht denken will. Dafür gibt es ahndende Wörter. Da soll herausgebracht werden, warum ich an das und das nicht denken will. Als wäre da eine erkundende Bemühung nötig. Ich kann mühelos aufzählen, an was ich nicht denken will. Das muss ich mir nicht kritisch erklären lassen, warum ich an das und das nicht denken will. Ich sage keinem Menschen, an was ich nicht denken will. Es sind lauter Gedanken, die ins Unangenehme führen? Muss ich an etwas denken, was mich, wenn ich daran denke, leiden macht?“

    Trotzdem werde ich das neueste Buch, Messmers Momente, demnächst ausprobieren, auch wenn Sentenzen daraus, wie „Das Leben lacht. Mich aus.“ (gehört bei Denis Schecks „Druckfrisch“), eher an einen Werbeslogan erinnern als an Kierkegaard.

    Wulf Rehder
    wulfrehder@gmail.com

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