Der Trafikant. Ein Roman von Robert Seethaler

„Der Riss ging mitten durch das letzte Wort.“

Die Trafik ist nicht nur ein Laden, sondern eine regelrechte Institution, die es so, und unter dieser Bezeichnung, nur in Österreich gibt. Dort werden Tabakwaren aller Art verkauft, dazu ein sehr breites Spektrum gedruckter Presse, aber auch Glückshoffnungen in Form von Lotterielosen, Ansichts- und Beileidspostkarten, sowie ein Sortiment Schreibwaren. Die Räumlichkeiten sind oft recht klein und durch die Fülle des Angebots auch beengt; was dazu beiträgt dass so ein Geschäft meist ein sehr intimer Minikosmos ist.

Die Trafik ist auch heute noch eine Art Nachbarschaftstreffpunkt, eine wichtige Klatsch- und Traschbörse. Sie ist fester Bestandteil nostalgischer Urbanität und bürgerlicher Lebensqualität. Nicht selten geht es vom Zeitungskauf in der Trafik direkt weiter ins Kaffee-Haus, der anderen österreichischen Traditions-Einrichtung. Trafikanten oder Trafikantinnen waren und sind häufig echte, in langjähriger Ausübung ihrer Tätigkeit verwitterte Originale, fest verwachsen mit Inventar und Angebot. Zur Stammkundschaft entwickeln sie im Lauf der Jahre ein besonderes Vertrauensverhältnis.

Tabak-Trafik_12.2006

Foto: Manfred Werner

Im Spätsommer 1937 beginnt Franz Huchel als Anlernling in der Wiener Trafik des Otto Trsnjek. Franz ist Halbwaise. Sein Vater wurde kurz vor seiner Geburt “von einer morschen Stileiche” erschlagen. Die Mutter schlägt sich seitdem bescheiden durch im kleinen Dorf am Attersee im Salzkammergut. Auch die Lebensverhältnisse in Wien sind für die meisten Menschen wenig rosig. Es sind schwierige Jahre. Politisch und wirtschaftlich. Immerhin behandelt sein Lehrherr den Jungen aus der Provinz väterlich und herzlich; er war einst Jugendfreund der Mutter. Trsnjek hat seine eigenen Vorstellungen von zeitgemäßer Bildung: “Der Otto Trnsjek war ein Zeitungsleser. Zeitungsleser und Trafikant.” Die Begeisterung für das Zeitunglesen gibt er an seinen Lehrling weiter, der dieser Pflicht zunächst schwerfällig, dann immer mehr mit Überzeugung und Ausdauer nachkommt.

Dieser Trafikant Trsnjak ist auch ein wackerer Antifaschist und nach den eigenen Erfahrungen im ersten Weltkrieg – er hat eines seiner Beine auf dem Schlachtfeld gelassen – ein entschiedener Kriegsgegner. Leute wie er sind jedoch nicht in der Lage dem immer stärker werdenden Vernichtungswillen der Nazi-Herrschaft etwas Wirkungsvolles entgegenzusetzen. Bald geht es auch für Otto Trsnjak nur noch um die letzte Selbstbehauptung und das nackte Überleben.

Das Handlung des Buches ist in der Zeit zwischen Spätsommer 1937 und Frühsommer 1938 angesiedelt. Der geschichtliche Hintergrund spielt eine wichtige Rolle im Roman. Am 11. März 1938 trat der österreichische Bundeskanzler Kurt Schuschnigg zurück, der sich bis dahin geweigert hatte den von Hitler geforderten Anschluss Österreichs an das deutsche Reich zu vollziehen. Am Tag danach schaffte der Diktator Fakten indem er seine Truppen in das Alpenland schickte. Nach dem gewaltsamen Anschluss galten auch in Österreich alle diskriminierenden Verordnungen, die in Deutschland bereits in Kraft waren. Zum Beispiel, dass Juden das Betreiben von Einzelhandelsgeschäften und Handwerksbetrieben, das Anbieten von Waren und Dienstleistungen untersagt ist.

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Der siebzehnjährige Franz verliebt sich kurz nach seiner Ankunft in Wien in ein rundliches böhmisches Mädchen, das er im Prater kennengelernt hat. Anezka gewährt dem Unerfahrenen erste körperliche Liebe, doch sie ist nicht, was Franz in ihr sehen will und bald kommt mit der ersten Liebe das erste Liebesleid. Wie gut, dass zu den Stammkunden der Trafik ein gewisser Professor Sigmund Freud gehört. Der Psychoanalytiker ist da bereits 81 Jahre alt und von seiner unheilbaren Krankheit gezeichnet. Zwischen dem Jungen und dem Wissenschaftler und Arzt entsteht ein Vertrauensverhältnis. Man tauscht sich aus. Über das Leben, die Liebe, die Nazi-Bedrohung.

Die Begegnungen und Dialoge zwischen Freud und Franz gehören zu den schönsten Passagen des Buches. Zwei sehr gegensätzliche Menschen haben sich hin und wieder Kleinigkeiten zu geben, die für beide unter den gegebenen Umständen viel wert sind. Freud bekommt von Franz edle kubanische Zigarren aus der Trafik und einen Schuss jugendliche Energie; der Junge von Freud viele Anregungen zum selbständigen Denken, die letztlich auch zu einem eigenwilligen selbstbestimmten Handeln führen.

Als Jude steht der Professor längst auf der Liste der Aussortierten. Ihm gelingt im allerletzten möglichen Moment, auf Druck einflussreicher Freunde und nach Entrichtung der immensen “Reichsfluchtsteuer”, die Emigration nach England. Franz verabschiedet den Fast-Freund unter Tränen auf dem Wiener Westbahnhof. Dem “kleinen, dummen, machtlosen Buben aus dem Salzkammergut” bleibt die ungewisse Zukunft in der durchnazifizierten Heimat und seine Traurigkeit. “Wieviele Abschiede kann ein Mensch eigentlich aushalten, dachte er. Vielleicht mehr, als man denkt. Vielleicht keinen einzigen. Nichts als Abschiede, wo man auch bleibt, wohin man auch geht, das hätte einem jemand sagen sollen.”

trafiDas Buch von Robert Seethaler ist voll anrührender poetischer Passagen, wie das Schildern des langsamen Verglühen eines Nachfalters an leuchtender Laterne im ersten Frühlingshauch, das Franz als Gleichnis für die Trauer um seine Liebe empfindet. Die Sprache ist dabei genau, unangestrengt und farbig. Der Autor läßt Franz die Stadt Wien gerne mit seiner naturnahen Heimat am Attersee vergeichen und verwendet immer wieder Naturbilder und -schilderungen. Eingestreute See-Erinnerungen machen das Heimweh des jungen Mannes deutlich, der gleichwohl weiß, dass es für ihn kein Zurück geben wird.

Dieses Pubertätsdrama ist auch Zeitpanorama und kulturgeschichtlicher Ausflug in ein Wien das es so heute nicht mehr gibt. Das morbide Pratervergnügen mit seinen Halbwelt-Abseiten, der weltkluge Psychoanalytiker Freud und seine wohlhabenden Patientinnen, die Vorkriegstrafik und ihr Kundenkreis – mit dem großen Krieg verschwand eine Welt, die Robert Seethaler für uns noch einmal mit seiner liebevoll-melancholischen Erzählung zurückholt.

Es ist eine wehmütige Geschichtsstunde. Ein traurige Erzählung mit heiteren Untertönen. Seethaler schreibt Bücher, die verfilmt werden wollen. Dramaturgie, Kulissen, Dialoge, alles drängt bei diesem Schriftsteller auf die Leinwand. Markante Figuren wie der Trafikant, das Mädchen Anezka oder der Metzger aus der Nachbarschaft der mit blutverschmierter Schlachterschürze den Nachbarn terrorisiert und es mit den Nazis hält, sind ideale Filmvorlagen.

Seethaler, Robert: Der Trafikant. Roman. – Kein & Aber, 2012. Euro 19,90

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