Nach der Sommerfrische

Kerners Verse – Allgäuer Sommer – Schillers Gedanken – Berliner Gespräche – Allgäuer Sommer – Kerners Verse

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Laßt mich in Gras und Blumen liegen / Und schaun dem blauen Himmel zu, / Wie goldne Wolken ihn durchfliegen, / In ihm ein Falke kreist in Ruh.

Ja. Fast so war es. Einmal mehr. Im Westallgäu. Wie im Gedicht „Unter dem Himmel“ von Justinus Kerner. Wiesen und Wälder, Bäche und Teiche, kleine Städte mit bunten Märkten und alten Türmen. Herzhafter Emmentaler von glücklichen Kühen zum süffigen Landbier. Guter Schlaf in sauerstoffreichen Nächten. Menschenfernes Wandern ohne Ziel.

Ein E-Book Reader war nicht dabei. Für das Lesenswerte haben wir einen roten Container, der reichlich Platz bietet für eine breite Auswahl möglicher und lohnender Lektüren. Bald blieb ich an Rüdiger Safranskis Zweifreundebuch „Goethe und Schiller“ hängen, las mich fest und sah es als Vorbereitung auf das Studium der neuen großen Goethe-Biographie des Philosophen und Publizisten. Mein Eindruck: Wer diese liest und das Schiller-Buch von ihm kennt, muss „Goethe und Schiller“ nicht unbedingt lesen, denn es besteht wohl mehr oder weniger aus Konzentraten und Vorentwürfen der beiden Großwerke.

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Immerhin stieß ich so auf Schillers Antrittsvorlesung als unbesoldeter Geschichts-Dozent an der Universität Jena. Goethe hatte ihn dorthin gelobt und gelotst um die ihm unterstellte Einrichtung des Herzogtums Weimar mit Prominenz aufzuwerten. Seltsamerweise überkam mich eine unwiderstehliche Lust einmal in der Druckversion dieser akademischen Ausführungen zu stöbern. Vielleicht gerade deshalb, weil sich die Schrift natürlich nicht im roten Bücher-Container befand. Schließlich lese ich eigentlich so gut wie nie Schiller, warum hätte ich ein Werk von ihm mitnehmen sollen? Doch in der öffentlichen Kleinstadt-Bücherei (mit beachtlich leserfreundlichen Öffnungszeiten), fand sich eine etwas welke, eingestaubte Gesamtausgabe der Werke des Dichters Fritz. Leicht zu lesen ist Schiller nicht. Seine zahlreichen und oft weit ausholenden Metaphern, sein allgegenwärtiges Pathos, schrecken eigentlich eher ab. Dennoch. Die Frische der Aussagen, die sich hinter dem stilistischen Stuck verbergen, war überraschend.

„Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?“ Fragte Friedrich Schiller am 26. Mai 1789 vor zahlreicher Zuhörerschaft. (Die erste schriftliche Fassung erschien im folgenden November im „Deutschen Merkur“.) Die im Titel gestellte Frage beantwortet Schiller so: Man beschäftige sich mit wissenschaftlichen und künstlerischen Gegenständen ausschließlich zum Selbstzweck. Denn jede Entfremdung für berufliche oder wirtschaftlich zielgerichtete Zwecke entwertet sie. Der „Brodgelehrte“ verzichtet darauf Gesamtzusammenhänge zu untersuchen und zu erkennen. Geradezu furchtsam nimmt er davon Abstand. „Beklagenswerther Mensch, der mit dem edelsten aller Werkzeuge, mit Wissenschaft und Kunst, nichts Höheres will und ausrichtet, als der Taglöhner mit dem schlechtesten! Der im Reiche der Freiheit eine Sklavenseele mit sich herumträgt!“

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Hingegen geht es dem „philosophischen Kopf“ um Wissen ohne selbstgesetzte Grenzen. Er will wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Er betreibt interdisziplinäre Universalgeschichte. „Alle seine Bestrebungen sind auf Vollendung seines Wissens gerichtet; seine edle Ungeduld kann nicht ruhen, bis alle seine Begriffe zu einem harmonischen Ganzen sich geordnet haben. … Neue Entdeckungen im Kreise seiner Thätigkeit, die den Brodgelehrten niederschlagen entzücken den philosophischen Geist.“ Ein Ideal von dem die meisten Bildungseinrichtungen schon immer weit entfernt waren. Goethe und Schiller verband eine gemeinsame Werteskala an deren Spitze Freiheit und Bildung zu finden sind. Dass sich über die Definition und Ausfüllung solcher nach oben offener Begriffe natürlich trefflich diskutieren und streiten lässt, wussten nicht nur die beiden Klassiker.

Weit war ich in diesem August voller echter Hochsommertage also nicht gekommen. Bis Weitnau, Missen und Simmerberg, bis Überruh, Ewigkeit und Bolsterlang, in den Osterwald, den Eistobel, auf einen Berg namens Kugel, zu Rast und Einkehr in den Gastgarten von Mallaichen – die geliebten Idyllen zwischen Bodensee und Iller. Der eigentliche Urlaubsort lag nur eine gute Autostunde vom Heimatort entfernt. – Es würde mir andererseits keineswegs schwerfallen zu behaupten, ich hätte weiter entfernte, weltläufigere Ziele angestrebt. Die Bucht von San Francisco, den Golf von Neapel oder die Höhen Nepals, Madrid oder Marseille, Nord- oder Ostsee, Argentinien oder Australien.  Profund und unterhaltsam könnte ich über meine Erlebnisse und Eindrücke vor Ort schwärmen und erzählen. Nach der Lektüre von „Wie man über Orte spricht, an denen man nicht gewesen ist“ ist das kein Problem. Ohne falsche Scham würde ich mir über die Unterschiede zwischen Dichtung und Wahrheit keine Gedanken machen müssen.

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Der französische Literaturwissenschaftler und Psychoanalytiker Pierre Bayard stellt in seinem unterhaltsam-originellen Groß-Essay die Frage, ob man wirklich überall gewesen sein muss und legt uns die Vorteile des Nichtreisens nahe. Er berichtet von Schriftstellern und Wissenschaftlern die uns dabei Vorbild sein können. Karl May etwa, der den Wilden Westen ja bekanntlich nie gesehen hat, Immanuel Kant, der seine Heimatstadt Königsberg nie verließ, Marco Polo, der seine Reiseberichte mit Fabelwesen bevölkerte. Wir erfahren, wie man in verschiedenen Gesprächssituationen – in der Familie, beim Sport – über Orte spricht, die man nicht, Gegenden der Welt, die man nur vom Hörensagen kennt. Und während Smartphones und andere Speichermedien fleißig mit Abbildern der Realität gefüllt werden, sind wir dabei das lebendige Erzählen, den Gebrauch der uns von Natur aus eigenen Einbildungskraft zu verlernen.

Damit zu den Gesprächen eines angeregten Kreises kluger Geister, die möglicherweise erst neulich in „Habakuks Gartenlaube“ stattfanden. Diesem Berliner Café und hauptstädtischen Literatentreff, der sich ungefähr dort befindet, wo Kurt Tucholsky im Herbst 1912 zusammen mit einem Kumpel eine Buchhandlung eröffnete. Jeder Kunde bekam damals ein Glas „Mampe-Likör“, weil in den Räumen vormals die Kneipe „Mampes Gute Stube“ untergebracht gewesen war. Auch Whisky und Korn wurden gelegentlich genossen. Die Kombination Schnaps und Literatur bewährte sich allerdings nicht und der Laden musste bald wieder schließen.

„Wer wählt da jetzt eigentlich wen?“ fragte der chronisch lockenköpfige Ingo S. in die Runde. „Das Volk die Regierung, oder die Regierung das Volk? Sind wir Demokraten ausreichend marktkompatibel oder wollen wir Demokratie als Maßstab für die Märkte?“ „Ich frage mich immer wieder, weshalb bereits vor der Wahl feststehen kann, dass die Violetten, die Bibeltreuen Christen und die ÖDP keine Chance haben die Fünfprozenthürde zu überwinden?“ Grübelte mein alter Freund A. T. Wille, der gerade wieder einmal von einer ostsibirischen Steppenvisite in die preußische Kapitale zurückgekehrt war. In höchsten Tönen schwärmte er von dem sommerlichen Oberton-Festival, das er in der Oblast Omsk besucht hatte.

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„Warum hat nur Bayern eine eigene Partei am Start und Nordschleswig nicht?“ Wunderte sich Theo Stürmle, den alle den Schwaben nennen, obwohl er einst aus einem Husumer Arbeitervorort zunächst ins Brandenburgische und schließlich nach Neukölln geraten war. Seit Jahren versucht er vergeblich eines seiner Kurzdramen am Berliner Ensemble unterzubringen. „Schwarze! Rote! Gelbe! Mit diskriminierenden Bezeichnungen aller Art muss endlich Schluss sein!“ Ereiferte sich Hedwig D., die Gleichstellungsbeauftragte im Reinickendorfer Bezirksrat. Ausnahmsweise für einige Augenblicke sprachlos, umfasste der Novellist Martinus W. ein Glas Spätburgunder mit beiden Händen, während seine Augen immer wieder das orange-rötlich eingefärbte Naturseide-Kleid aus fairer Produktion streiften.

Nach reichlich Genuss nicht nur von Wein, sondern je nach Geschmack und Laune auch von Schultheiß Spezial oder Grünen Tee Auslese, entschied eine qualifizierte Minderheit zum Spaziergang durch den Tunnel über die Spree aufzubrechen. Spätabendliches Ziel sollte die Lesebühne am anderen Ufer sein. Die Flaneure passierten die Straße der Enthusiasten, durchschritten die Lene-Nimptsch-Gasse und überquerten den Puschkin-Platz. A. T. Wille war es, der als erster die helle Leuchtschrift am Himmel über dem märkischen Sand entdeckte: „Wir sind was folgt.“ In dieser Nacht kam es über ganz Berlin zu heftigen Plüschgewittern.

Der Himmel meines friedlichen Allgäu-Winkels erwies sich bei klarer Sicht als vielbeflogene Fernflugschneiße, auf der ein mit steuerfreiem Stoff betriebener Massentransport nach dem anderen fast lautlos seine Kondensstreifen ins Blau zeichnete. Nachts war nichts davon zu sehen, aber leises Geräusch ließ vermuten, dass die Reisebewegungen auch zu dunkler Stunde kein Ende nahmen. Lange vor der Ausbreitung des allgemeinen automobilen Supergaus und der die Proletarier vieler Länder einenden pauschalen allinkulisiven Aufunddavonfliegerei, hat der romantische Dichter, Arzt und Visionär, der Schiller-Landsmann Justinus Kerner (1786 – 1862), weitere Entwicklungen (die möglicherweise einem Überschuss an „Brodgelehrten“ zu schulden sind) in seinen Versen angedeutet:

„Schau‘ ich zum Himmel, zu gewahren, / Warum’s so plötzlich dunkel sei, / Erblick‘ ich einen Zug von Waren, / Der an der Sonne schifft vorbei.

„Fühl‘ Regen ich beim Sonnenscheine, / Such‘ nach dem Regenbogen keck, / Ist es nicht Wasser, wie ich meine, / Wurd‘ in der Luft ein Ölfaß leck.“

Ein Kommentar zu “Nach der Sommerfrische

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