Marcel Reich-Ranicki

„Wäre es nicht richtiger, die Poesie in das Centrum zu setzen?“ (Friedrich Schlegel, Notizen zur Philosophie)

Am Tag nach seinem Tod sahen viele Titelseiten der Tageszeitungen aus, wie sie früher immer aussahen. Unbunt. Ein großes Schwarzweiß-Portrait des Verstorbenen wurde an prominenter Stelle plaziert. Auf diesen Bildern sieht er aus, wie er für uns viel jüngere – heute durchaus auch schon Fünfzig- oder Sechszigjährigen – aussah seit wir ihn kannten. Alterslos alt, kritisch gefaltetes Gesicht, ironisch geschwungene Lippen, starke Brille. Ein temperamentvoller Mann mit lebenskräftiger Ausstrahlung.

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Er gehörte zu Jenen, die Zögerlichen wie mir versicherten, dass man die Beschäftigung mit Literatur zu einem Hauptbestandteil des eigenen Lebens machen darf. Hauptberuflich, außerberuflich, überhaupt. Wie es sich ergibt. Wie es gefällt. Alle schrägen Blicke und verletzenden Einwände, alle Verdächtigungen von ach so regen, zerstreut und unruhig tätigen Zeitgenossen, können getrost und ohne Rechtfertigungszwang ignoriert werden. Marcel Reich-Ranicki lebte eine unbedingte Hingabe an die Literatur vor. Leben in, mit und für Literatur, verstanden als Gunst, nicht ohne auch Genuss und “viel Spaß” daran zu haben.

Viel Freude und intensives Interesse hatte er am großräumig realistischen Erzählen. Mit ihm teile ich die Begeisterung für die gewichtigen Gesellschaftsromane des 19. Und 20. Jahrhunderts. Und im Gegensatz zu ihm, werde ich hoffentlich noch etwas Zeit haben um entsprechende Werke des 21. Jahrhundert zu entdecken. In der weitausholenden Epik muss – darauf legte er ausdrücklich Wert – immer auch viel Platz für die Liebe sein, auch die erotische Liebe.

Das galt ebenso für von ihm geschätzte Lyrik. Für starke Poesie, für Verse, Lieder, Bilder von bleibendem Wert, setzte er sich ein. Als Herausgeber seiner Frankfurter Anthologie. Zeitlose Höhepunkte der Dichtkunst aller Epochen wurden regelmäßiger und fester Teil einer einflussreichen Tageszeitung und erschienen in Buchform. Es ist sehr zu hoffen, dass die Serie nicht endet, dass “seine” Zeitung auch in Zukunft dafür Raum bietet. Von ihm habe ich mir sagen lassen, dass Bert Brecht einer der wichtigsten deutschsprachigen Lyriker neuerer Zeit war. Das hatte ich selbst nie so wahrgenommen. Jetzt sah ich Brecht mit anderen Augen, las ihn völlig neu.

Thomas Manns letzter Roman blieb Fragment, denn ursprünglich hatte er einen weiteren Teil geplant. Es war dieses Buch, das ich von ihm als erstes in die Hände bekam – eher zufällig, vielleicht aus Neugierde. Stundenlang saß ich, versunken in den “Krull” und in einen alten, weinroten Plüschsessel. Ich werde damals wohl etwa 17 oder 18 Jahre alt gewesen sein. Was habe ich verstanden, was empfunden? Die Sprache, der Ton, die Melodie, seine Ironie und die genial aus Realität geformte Erzählung, gewannen mich, wie ich jetzt im Rückblick feststellen kann, zunächst für sein Werk, später auch für Person und Umfeld. Es wird wohl eine lebenslange Beziehung bleiben. Dauerhaft wurden „Doktor Faustus“, „Tonio Kröger“ und „Der Tod in Venedig“ zu meinen ganz persönlichen „Hauptwerken.“ Wobei ich sagen muss, dass natürlich die „Buddenbrooks“ eine herausgehobene Sonderstellung einnehmen. Dieses Buch ist dann doch zu „famos“, grandios und virtuos.

Berlin, Thomas Mann

Thomas Mann, 1929, das Jahr in dem ihm der Nobelpreis verliehen wurde. – Quelle: Bundesarchiv Berlin. Bild 183-H28795

“Je mehr wir von Thomas Mann zu lesen bekommen, desto schwieriger wird es, diesen Leistungsethiker, diesen gigantischen Enzyklopädisten zu lieben – und desto leichter, in zu bewundern, ja zu verehren.” (Marcel Reich-Ranicki, “Das Genie und seine Helfer”, 1976)

Wo soll man bleiben mit eigener Bewunderung und Verehrung, die etwas einsam machen kann? Da freut man sich Gesinnungsbrüder zu finden. Wobei in diesem Fall Gesinnungs-Vater vielleicht die passendere Bezeichnung wäre. Es war in den letzten Jahrzehnten nicht immer leicht sich als leidenschaftlicher Thomas-Mann-Leser zu bekennen. Es gab viele Schnellaburteiler, kenntnisfreie Verächter. Wer, wie Marcel Reich-Ranicki, beim Thema Thomas Manns Epik ins Schwärmen, sehr leicht auch in referierendes Monologisieren geriet, stieß vielfach auf Ablehnung. Marcel Reich-Ranicki verdanke ich die Bestätigung meiner Ahnung, dass Thomas Mann der bedeutenste Epiker deutscher Sprache, mindestens des 20. Jahrhunderts ist. Und dass man sich zu diesem exzellenten Wirklichkeitsgestalter, handwerklich höchst anspruchsvollen Satzdrechsler und bitter-zartem Ironiker ohne Scheu und Reue bekennen kann. Er hat die umfangreiche, breitangelegte literarische Form zur Vollendung gebracht.

 “Es gibt nichts Gutes außer: Man tut es.”

Erich Kästners Kinderbücher haben inzwischen vielen jungen Generationen gut getan. Wie oft habe ich das „Fliegende Klassenzimmer“ gelesen? Ich kenne alle Verfilmungen des Stoffes. Von Erich Kästner konnte, wer wollte, erfahren, das die scheinbare Unvernunft von Kindern, die vernünftigere Geisteshaltung ist. Dann natürlich seine Chansons und Gedichte für Erwachsene aus der Zeit der Weimarer Republik. “Kennst Du das Land, wo die Kanonen blühn?” Sein Berliner Krisen-Roman „Fabian“, über die Hilflosigkeit des Individuums. Über Arbeitslosigkeit und Elend, die Endzeitstimmung der Zwischenkriegsjahre. Diese Geschichte eines begabten Menschen dem immer mehr die Hoffnung auf eine erträgliche Zukunft schwindet. Der Ausweg der sich dann doch abzeichnete, und von vielen Zeitgenossen Kästners, auch Künstlerkollegen, euphorisch eingeschlagen wurde – er führte in die Nazi-Diktatur mit all ihren furchtbaren Folgen.

Erich Kästner 1968 bei Dreharbeiten in München. Foto: MoSchle

Mit Marcell Reich-Ranicki teile ich die Sympathie für den Schriftsteller – und ein bisschen auch für diesen sächsischen Muttersohn – Erich Kästner. Zu dessen 75. Geburtstag erschien ein mehrspaltiger, liebevoller Aufsatz Reich-Rinickis in der FAZ. Zurückhaltend bis wohlwollend äußerte er sich über Kästners Verhalten während des Dritten Reichs. Kästner habe seine besondere Form des inneren Exils gewählt. Für den Autor spräche auch, dass seine Bücher von den Nazis verbrannt wurden. „Deutschlands Exilschriftsteller honoris causa“ nennt ihn deshalb der Kritiker. Für ihn war er „der Sänger der kleinen Leute, der Dichter der kleinen Freiheit.“ Kästner wollte niemanden erlösen, glaubte nicht die Welt verbessern zu können. „Er hatte nicht mehr und nicht weniger zu bieten als Grazie und Esprit, Humor und Vernunft“, heißt es im Aufsatz von 1974.

Marcel Reich-Ranickis Autobiographie „Mein Leben“ wurde ein internationaler Bestseller. Hier trat er den Beweis an, dass auch er zu den richtigen Erzählern gehört. Was mag es ihm bedeutet haben, dass sein kommerzieller Erfolg mit diesem Buch manches übertraf was die von ihm gelobten oder gescholtenen Autoren verfasst hatten? Die Lektüre von Reich-Ranickis Lebensbeschreibung war für mich einer der wichtigsten und ehrlichsten, mich sehr unmittelbar erreichenden Einblicke in die Ungeheuerlichkeiten des Dritten Reichs und das Schicksal deutscher und osteuropäischer Juden. Dieses Buch hat mein Geschichtsbild noch einmal nachhaltig geschärft und mich erneut gegen alle Formen von Relativierung sensibilisiert.

Aus seinem Schicksal schöpfte er selbst Mut, Kraft und Zuversicht. Man kann das mit eigenem Verstand kaum fassen. „Schrecken konnte ihn wenig. Er hatte andere Schrecken erfahren und überlebt,“ schrieb Volker Hage im „Spiegel“. Allen Pauschalverurteilungen hat er, der jedes Recht auf lebenslangen Hass gehabt hätte, sich stets verweigert, und bleibt so dauerhaftes Vorbild für die eigenen Sichtweisen der Gegenwart.

Ein Kommentar zu “Marcel Reich-Ranicki

  1. Vielen Dank für diesen wunderbar verfassten Artikel und die Würdigung von Marcel Reich-Ranicki sowie den Einblick in Ihre persönlichen Leseerfahrungen. Wir teilen immerhin die Vorliebe für Thomas Mann, wobei ich den „Zauberberg“ auf Platz 1 rücke, gefolgt von den Erzählungen, und für „Das fliegende Klassenzimmer“ (und alles andere von Erich Kästner).

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