Von gestrandeten Walen und Sternen des Südens

Katrin Aehnlich und Monika Zeiner erzählen starke Sehnsuchtsgeschichten

Der Buchmonat Oktober geht so langsam dahin. Die literarischen Großereignisse sind durch, die Preise vergeben. Der diesjährige Messerummel ist Geschichte, in den Frankfurter Hallen längst durchgekehrt. Verkaufsträchtige Neuerscheinungen stapeln sich in den Buchhandlungen, Munro neben Mora, Ochsenknecht neben Becker.

Mein erstes Fazit in diesem Herbst: Der Roman lebt! und das zu meinem allergrößten Vergnügen und Bedauern. Bedauern deshalb, weil man natürlich einmal mehr nie und nimmer, selbst im längsten Leserleben nicht, all das lesen kann auf das man neugierig geworden ist. Zwei neuere Exemplare meiner bevorzugten Literaturgattung habe ich in den letzten Tagen gelesen und möchte sie hier kurz vorstellen. Es sind Bücher, die überraschender Weise sehr interessante Parallelen aufweisen.

WaleIn den Romanen von Monika Zeiner und Kathrin Aehnlich reisen die Hauptfiguren ihren Lieben von früher nach. Dieses Unterwegssein bildet jeweils den Rahmen für die Geschichten darum herum und für die Geschichte davor. Bei Zeiner bekommt ein Mann und Musiker während einer Italientournee die Gelegenheit zum Wiedersehen mit der Frau von früher. Zehn Jahr sind vergangen. Bei Kathrin Aehnlich sind es sogar fünfundzwanzig. Hier reist eine Frau zum Ehemaligen. Ihr Weg ist weiter und zwischen damals und heute ist aus zwei deutschen Staaten ein Land geworden. In beiden Büchern klingt viel Musik mit. Aehnlichs ostdeutsche Roswitha und ihre Freunde leben in DDR-Tristesse mit Sehnsucht nach dem Blues und Jazz Nordamerikas. Bei Monika Zeiner machen Tom und Marc im Berlin der Nullerjahre Barmusik, Jazz und Experimentelles. In beiden Büchern kommt man irgendwann musikalisch auch bei Bach vorbei.

“Ich weiß”, sagte Mick, “aber alles braucht seine Zeit.” Mit diesem Resümee, in Form einer Binsenweisheit, endet der Roman “Wenn die Wale an Land gehen” von Kathrin Aehnlich. Es ist der dritte der Leipziger Schriftstellerin nach “Wenn ich groß bin, flieg ich zu den Sternen” und “Alle sterben, auch die Loeffelstöre”. Erneut erweist sie sich dabei als Spezialistin für die belletristsiche Aufarbeitung deutsch-deutscher Kultur- und Alltagsgeschichte. Es sind fesselnd zu lesende Systemvergleiche. Im neuen Buch kommt mit New York ein weitere Versuchsanordnung menschlicher Siedlungs- und Lebensformen hinzu. Das ist im Großen sehr präzise und im Privaten ausgesprochen berührend erzählt. Kathrin Aehnlich beweist, dass sie bereits eine routinierte Verfasserin ist und kommt mit 250 Seiten aus.

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Erbe aus DDR-Zeiten in Leipzig

Im Mittelpunkt steht Roswitha die von ihren Freunden Rose (englisch ausgesprochen) genannt wird. Der Leser erlebt Rose auf dem Weg zu ihrem alten Kumpel und ehemaligen Geliebten Mick, der seinerzeit aus der DDR geflohen und irgendwann in Big Apple gestrandet war. (Hier kommt die Wal-Metapher ins Spiel). In Rückblenden wird vom Heranwachsen in der ehemaligen DDR erzählt. Eindrücklich schildert Aehnlich das Leben der Menschen in grauer Enge und Begrenztheit; sie erzählt von Mangel und Unterdrückung, Ungerechtigkeit und unfreiwilligem Verzicht, von der dauernden Bevormundung durch Partei und Funktionäre. Aber auch von den Hoffnungen der jungen Generation, im eigenen Land noch etwas zum Besseren bewegen zu können.

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“An einem Spätabend, dem Wetter nach zu urteilen irgendwo zwischen November und Februar, bekam Holler unerwarteten Buch von seiner Ehefrau, die, wie sie sagt, ein paar Kleinigkeiten abholen wollte.” So beginnt der Roman “Die Ordnung der Sterne über Como” von Monika Zeiner. Es ist die Geschichte von Tom, Marc und Betty, die befreundet sind, die sich ineinander verlieben, die miteinander Musik machen, und die tragisch endet. 10 Jahre später macht sich Tom noch einmal auf den Weg zu Betty, die inzwischen in Neapel verheiratet und als Ärztin tätig ist.

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Como und Lago di Como. – Foto: Nicolago

Monika Zeiner hat als Debütantin gleich die ganz große Form gewählt. Der Musik verwandte Stilelemente und längere, raffiniert konstruierte Sätze verraten eine gewisse Thomas-Mann-Affinität. Die Schneesturmszene im Schweizer Hochgebirge verstärkt diesen Eindruck. Pralle 600 Seiten sind es geworden. Und so wird die Geschichte, samt Vorgeschichten, bis in die kleinsten Verästelungen und das Personal bis zur xten Nebenfigur gründlich ausgeleuchtet und abgehandelt. Dass sich Leser oder Leserin dabei nie langweilen ist die Kunst der Autorin und einer der Vorzüge dieses bemerkenswerten Buches. Wenn man so will, haben wir es wie bei Aehnlich mit einer Art Systemvergleich zu tun. Auf der einen Seite die wohlgeordnete Bundesrepublik, vertreten durch das kreative, aber kalte, nach Osten schauende Berlin, und als Gegenpol das chaotische, überhitzte, vor Musik vibrierende Neapel, wo auf dem Vulkan getanzt wird.

ComoIch vermute einmal die Autorin hat in ihrer “Ordnung der Sterne über Como” alles verarbeitet was sich in vielen Jahren an Stoff und Ideen angesammelt hatte. Anders lässt sich diese Überfülle, die erstaunlich perfekt beherrscht und organisiert wird, kaum erklären. Da frage ich mich natürlich, ob Monika Zeiner noch nachlegen kann. Können wir irgendwann mit einem Zweitling rechnen, oder widmet sie sich wieder ihren musikalischen Talenten. Marinafon heißt die Italojazz-Formation mit der sie als Sängerin bisher unterwegs war.

Während der Frankfurter Buchmesse schrieb sie (erstmals) Blogbeiträge für Deutschlandradio Kultur. Dort war u. a. zu lesen: “Ich, die ich es gewohnt bin, mindestens fünf Jahre über einen Satz nachzudenken, bevor ich ihn veröffentliche, weiß plötzlich gar nicht mehr, was ich ohne das tägliche Bloggen auf der Welt noch machen soll. Aber ich kann ja nicht ewig über die Frankfurter Buchmesse 2013 bloggen, das Radio würde ja durchdrehen. Andererseits, warum nicht?” Den ersten Teil kann man kaum glauben, sonst könnten wir ihr Buch nicht bereits in Händen halten. Der abschließenden Feststellung kann man nur zustimmen. Warum nicht? Sie war eine flotte, einfallsreiche Bloggerin und hat damit bewiesen, dass sie, wie in der Musik, auch mit Feder, Stift oder Laptop den Wechsel von Rhythmus und Stil gekonnt beherrscht.

Aehnlich, Kathrin: Wenn die Wale an Land gehen. – A. Kunstmann, 2013

Zeiner, Monika: Die Ordnung der Sterne über Como. – blumenbar, 2013