In Hölderlins Nähe

Ein Buch von Barbara Wiedemann erkundet Paul Celans Spuren in Württemberg und untersucht sein Verhältnis zu Deutschland.

Ende Oktober. Einer der letzten sonnigen und bunten Herbsttage. Ein Gang durch den Alten Botanischen Garten in Tübingen. Unter farbigen Baumkronen spielende Kinder mit ihren smartphonevernarrten Müttern. Junge Seiltänzer und Ballartisten auf weiten Wiesenflächen. Lesende Studentinnen und Studenten haben die Bänke besetzt. Vor der Brücke über die Ammer: Ein großer alter Herr mit langem schneeweißen Bart in Stricksocken und Ledersandalen spricht lebhaft zu einer spätsommerlich gekleideten jungen Frau mit dicker Umhängetasche und Fahrrad. Als Emeritus und Studentin stelle ich mir die Beiden vor, und dass er dabei war als Paul Celan in den 1950er und 1960er Jahren in Tübingen seine Gedichte vortrug. Vielleicht saß er neben Walter Jens, Ernst Bloch oder Hermann Lenz.

9783863510725_LBarbara Wiedemann hat ihr Celan-Buch an der Werk- und Editionsgeschichte von Celans Lyrik entlang geschrieben. Tübingen ist dabei Ausgangs- und zusammen mit Stuttgart geographischer Mittelpunkt. Die Germanistin und Romanistin Wiedemann arbeitet und schreibt seit vielen Jahren über Paul Celan. Sie ist Lehrbeauftragte an der Universität Tübingen und Herausgeberin zahlreicher Publikationen aus Celans Nachlass. Darunter der berührend poetische Briefwechsel mit der seelenverwandten Dichterfreundin Nelly Sachs und eine Dokumentation des Schriftverkehrs mit dem befreundeten Ehepaar Hanne und Hermann Lenz.

Hermann Lenz, ein Schriftsteller dem man früh das Etikett “Außenseiter” anklebte, hat Celan in seinem figurenreichen autobiographischen Roman “Ein Fremdling” in Gestalt des Dichters Jakob Stern auftreten lassen: “Jakob Stern las, und dabei flog alles Muffige beiseite… Von Stern ging eine Strahlungskraft aus; von ihm und seinen Versen… Stern war der einzige von heute, der sich sehen lassen konnte neben denen aus der alten Zeit; den Dichtern nämlich… “

1952 war der erste Gedichtband Celans in der Bundesrepublik erschienen. “Mohn und Gedächtnis”, der das berühmte Gedicht “Todesfuge” enthält. Im Juli des selben Jahres kam der Dichter zum ersten Mal nach Stuttgart, auf Einladung seines damaligen Verlags, der Deutschen Verlagsanstalt (DVA). Die Freundschaft mit dem Ehepaar Lenz begann bei einem Stuttgart-Besuch im Jahr 1954. “…bei ihnen wohnte Celan, weil der Verlag diesmal seinem Autor, an dem er inzwischen kräftig verdient hatte, zwar großzügig die Fahrkosten erstattete, sich um ein Hotelzimmer aber nicht gekümmert hatte.” Die enge Verbindung mit Hanne und Hermann Lenz blieb zwar nicht ganz ohne athmosphärische Störungen, doch sie gehörte bis zu seinem Freitod im Jahre 1970 zu den Konstanten in Celans Leben.

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Tübingen besuchte Paul Celan zum ersten Mal am 3. Februar 1955. Diese “Pilgerfahrt zu Hölderlin” führte ihn an das Grab im alten Stadtfriedhof und in den “‘Turm” am Neckar. 1955 erschien unter dem Titel “Von Schwelle zu Schwelle” ein weiterer Gedichtband. Seine erste Lesung in Tübingen fand am 3. Juni 1957 statt. Im Hörsaal 9 der „Neuen Aula“ der Universität, eingeladen und veranstaltet von der Buchhandlung Gastl. Vor einigen Monaten ist bei Klöpfer & Meyer ein wunderbares Buch mit dem Titel “Gastlwelt” erschienen. Eine “Hommage an eine alte Buchhandlung” mit Beiträgen dankbarer Kunden und Freunde. In ihrem Kapitel erzählt Barbara Wiedemann die Geschichte von Celans erster Lesung in Tübingen.

1959 erschien “Sprachgitter” und 1960 wurde Paul Celan mit dem Büchnerpreis ausgezeichnet. Er reiste stets mit gemischten Gefühlen nach Deutschland. (Antijüdische Hass-Parolen an Häuserwänden waren keine Seltenheit.) Sehr deutlich nahm er den immer noch präsenten Antisemitismus im Land wahr und beklagte die mangelnde Aufarbeitung der Nazizeit im Deutschland nach 1945. Die Schriftsteller-Kollegen nahm er davon nicht aus. Als 1959 Heinrich Bölls “Billard um halb zehn” erschien sah er in diesem Werk ebenfalls entsprechende Tendenzen und es entspann sich eine Kontroverse zwischen den Schriftstellern.

In ihrem Buch geht Barbara Wiedemann auch noch einmal ausführlich auf die sogenannte “Goll-Affäre” ein. Die Witwe des Dichters Ivan Goll erhob gegen Celan Plagiatsvorwürfe. Obwohl sich die Unterstellungen als haltlos erwiesen, war Paul Celan tief getroffen. Aber “…viele deutsche Gesprächspartner rieten Celan vor allem dazu, seine Empfindlichkeiten doch möglichst abzustellen!” Während also die breite literarische Öffentlichkeit abwiegelte, stand Hermann Lenz dem Freund mit klaren Worten bei: “Solche Infamien sind auf die Dauer sehr gefährlich, denn eine Lüge, die immer wieder ausgesprochen wird, kann zuletzt doch noch geglaubt werden.”

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Die erste Lesung Paul Celans in Tübingen fand am 3. Juni 1957 in der „Neuen Aula“ der Universität statt.

“Ein Faible für Tübingen“. Paul Celan in Württemberg. Deutschland und Paul Celan, lauten etwas umständlich Titel und Untertitel von Barbara Wiedemanns Buch. Sie drücken aber sehr genau aus worum es der Autorin geht. Ausgehend von den zahlreichen Besuchen Paul Celans in Schwaben wird die komplizierte Beziehung eines deutschsprachigen Dichters, der kein Deutscher war, zum Land der Dichter und Denker – lange eines der Nazis und Henker – beleuchtet und akribisch aufgearbeitet. Wiedemann hat dazu zahlreiche neue Quellen erschlossen und Aussagen von Zeitzeugen einbezogen. So ist ein materialreiches Werk entstanden, das nicht immer flüssig zu lesen ist. Umfangreiche Quellen- und Literaturangaben, sowie das Register, regen zudem leicht zu Abschweifungen an. Für alle die sich mit Paul Celan beschäftigen, die sich für die literarische Szene in Württemberg und die geistige Verfassung Nachkriegsdeutschlands interessieren, ist es allerdings ein Meilenstein mit Handbuchcharakter.

“Niemandsrose” war 1963 der vierte und letzte Gedichtband Celans der zu seinen Lebzeiten in Deutschland erschien. Posthum kamen 1970 noch “Lichtzwang” und 1971 “Schneepart” heraus. Im Rahmen einer Tagung der Hölderlin-Gesellschaft in Stuttgart fand am 21. März 1970 die letzte öffentliche Lesung Paul Celans statt. Eine weitere sollte eigentlich noch im selben Jahr in Ulm stattfinden. Inge Aicher-Scholl, die Schwester der von den Nazis hingerichteten Studenten Hans- und Sophie Scholl, hatte eingeladen. Er ließ wissen, dass er gerne kommen würde und dass ein genauer Termin noch gefunden werden müsse. “Vermutlich in der Nacht vom 19. auf den 20. April hat Celan das Leben eines Überlebenden nicht mehr ertragen können. Inge Aicher Scholls Antwort vom 17. April wurde ungeöffnet aufgefunden.”

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Als ich an jenem Spätnachmittag Ende Oktober Tübingen wieder verließ, hatte ich tatsächlich große Teile des Buches vor Ort gelesen. Auf Bänken am Neckar und im Alten Botanischen Garten, bei Kaffee und Eis in der Altstadt. Im Schaufenster von Gastl entdeckte ich auf dem Rückweg einen Band mit Gedichten über Tübingen. Bevor ich ihn an der Kasse bezahlte, sah ich mich noch ein wenig zwischen den bücherprallen Regalen des engen, ganz seinem eigenlichen Zweck dienenden Ladens um, der für das geistige Leben Tübingens in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine wichtige Rolle spielte. Dass in dem erworbenen Buch neben bekannten Namen wie Gustav Schwab, Isolde Kurz, Robert Gernhardt und natürlich Friedrich Hölderlin, weniger bekannten wie Irmgard Perfahl oder Dietrich Uffhausen, auch Paul Celan vertreten ist, kann nicht überraschen. Ausgewählt wurde sein Gedicht “Tübingen, Jänner”.

(Mit Ausnahme der Sätze aus Hermann Lenz Roman “Ein Fremdling” stammen alle Zitate aus Wiedemann, “Ein Faible für Tübingen.”)

Wiedemann, Barbara: “Ein Faible für Tübingen”. Paul Celan in Württemberg. Deutschland und Paul Celan. – Tübingen: Klöpfer & Meyer, 2013

Wiedemann, Barbara (Hrsg.): Paul Celan – Nelly Sachs. Briefwechsel. – Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1993

Wiedemann Barbara; Lenz, Hanne (Hrsg.): Paul Celan – Hanne und Hermann Lenz. Briefwechsel. Mit den Briefen von Gisèle Celan-Lestrange. – Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 2001

Lenz, Hermann: Ein Fremdling. Roman. – Insel Verlag, 1983

Rademacher, Heinz (Hrsg.): Gastlwelt. Hommage an eine “alte” Buchhandlung. – Klöpfer & Meyer, 2013

Borowsky, Kay; Werner, Barbara (Hrsg.): …und stochern weiter durchs Aquarell… Tübingen im Gedicht. (Mit e. Vorwort von Inge und Walter Jens), 2. Aufl. – Tübingen und Berlin: edition j. j. heckenhauer, 2004

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