Sudeleien. Advent 2013

Kaufet! Frohlocket!

 *

“Sein oder nicht sein” (William Shakespeare)

“Sein und Zeit” (Martin Heidegger)

“Haben oder Sein” (Erich Fromm)

“Haben und Sein” (Münchens Shopping Guide)

“willhaben.at” (Österreichische Online-Plattform)

*

Das Geheimnis ist gelüftet. Jetzt wissen wir, was sich in den großen Tanklastzügen befindet, die in den letzten Wochen, aus dem Süden kommend, unsere Autobahnen verstopfen. Es ist der Rohstoff für die Glühweinschwemmen auf deutschen Weihnachtsmärkten. Hier, an der Glühweintheke, verläuft die alljährliche vorweihnachtliche Kampftrinker-Front. Hier sind alle gleich. Hier stinkt der Banker genauso nach Fusel und Zimt wie der Hartzvierer. Weihnachtszeit ist einig Katerland. Alles glüht im Glanze des Lichtervorhangs “Flockenzauber” und des Schwibbogens “Sternenglanz”. Die Benebelung durch heiße Würz-Weine meist zweifelhafter Provinienz geht einher mit einem Phänomen kollektiver Unzurechnungsfähigkeit, das in vier Wochen von einem Höhepunkt zum nächsten kulminiert: Dem Kaufrausch.

DSCN0725

Vorweihnachtliche Tränke für sinnspendende Heißgetränke und Ort erwartungsfroher (Advent!) zwischenmenschlicher Zusammenkunft.

Es ist eine Zeit angekommen in der der Run auf das höherwertige Konsumgut hysterische Züge annimmt. Das kompakte Surround-System im schnuckeligen 150-PS- Kleinwagen für den Erstgeborenen, das tasmanische Schnappaustern-Collier für die Zweitfrau, der Dritt-Full-HD-Screen für die Schwieger-Oma. Wer jetzt immer noch keine “PS 4” oder wenigstens das “Premium Bundle der XBox one” kauft, wird umgehend für blöd erklärt. Apple um Apple fällt nicht weit und landet unterm Tannengrün. Gutscheine für Body-Shop und Beauty-Ranch, für Wellness-Ressort und Deep-Sea-Diving werden häufiger gedruckt als Euronoten. Jetzt preißen die Wirtschaftsweisen die Tage, reiben Bilanzbuchhalter die Hände – die Zeit stärkster Binnennachfrage ist angebrochen.

Mein Konsumtempel ist und bleibt die Buchhandlung. Und Jahr für Jahr muss ich dankbarer und demütiger sein, dass es sie im neokolonialen Großreich Amazonien immer noch gibt. Und dass dort sogar nachwievor die Ergebnisse feinster Dicht- und Erzählkunst in gedruckter und schön gebundener Form zu finden sind.

Gut, ganz leicht zu finden sind sie nicht. Nach der Ladentür unterschreitet man zunächst einmal das Schnee-Imitat aus weißen Wattewolken, drückt sich vorbei an Adventsgestecken, Duftschälchen, Rauschgoldengeln und Seidenschals. Lässt die CDs, DVDs und Blue-Rays links oder rechts liegen, umkurvt den lebensgroßen Papp-Ochsenknecht und kommt alsbald zu den ersten Büchern: “BeBeanie unlimited. Häkelmützen für jede Gelegenheit”, “myboshi drinnenundraußen”, “Sushi für Anfänger”. Fast wäre ich dann in der Kinderbuch-Abteilung gelandet. Dort stapelt sich “Der kleine Vampir mit der großen Häkelnadel” der Erfolgsautorin  Rosa Wolle – erst im Frühjahr bei Geltz und Belberg erschienen und schon in der 99. Auflage.

DSCN0710

Angebote einer süddeutschen Buchhandlung des postliterarischen Zeitalters.

Bis zu Zeh und Kehlmann, Lewitscharoff und Gomringer, Haas und Glavinic, Stamm und Werner, Kaiser und Zeiner, ist es jetzt nicht mehr weit. Durch die Kalenderausstellung, schräg hinter den Krimi- und Fantasy-Wänden sind sie zu finden. Und an der Rückwand der Handlung entdecke ich den gehobenen literarischen Anspruch in Form einer kleinen Abteilung mit “Klassikern”. Goethe und Hölderlin, Dante und Tolstoi, Schiller …, – halt nein! Schiller fehlt. Ausgerechnet der schwäbische Klassiker in einer schwäbischen Buchhandlung. Dafür finden einige Fastnochzeitgenossen wie Kästner, die Manns, Nabokov oder Henry Miller in der Klassik-Kategorie Asyl.

Das Buch lebt ja bekanntlich. Von mir und einigen anderen Unbeirrbaren. Also das gedruckte. Und das muss auch so bleiben. Denn eines wird immer deutlicher: Das E-Book gefährdet die deutsche Wirtschaft. Im allgemeinen, und ganz besonders die heimische Geschenkband-Industrie. Wenn die Regierung nichts unternimmt sind tausende von Arbeitsplätzen in Gefahr. Wie der Sprecher des Verbandes der Deutschen Geschenk- und Schmuckbänder-Industrie (VDGSI), Ben Schnur, mitteilt, ist die klassische Schleife aus Polyband oder Bast auf dem Rückzug. Schnur fordert die Bundesregierung und Kanzlerin Merkel deshalb auf, endlich Nägel mit Köpfen für Bänder und Schleifen zu machen, will heißen Steuererleichterungen und Subventionen aus dem europäischen Strukturfonds für betroffene Regionen und Betriebe auf den Weg zu bringen.

DSCN0721

Der Begründer des weihnachtlichen Urmythos in kindlicher und kindgerechter Formatierung.

Zurück im heimischen Lesesessel atme ich tief ein und aus, während ich den Knopf meines leicht veralteten Wiedergabegerätes drücke. Die Zeit ist gekommen für mein Sein, das Zeit haben für Lesen und Hören. Ganz leise erklingen die ersten Töne, die Bugge Wesseltoft auf seinem sanft temperierten Klavier anschlägt. Später werde ich vielleicht noch ein Trompetenkonzert von Tomasi oder Haydn auswählen. Oder ich lasse mich mit einem “Brandenburgischen Konzert” in erholsamen Halbschlummer entführen. Das Fenster bleibt zu. Es ist kalt, es schneit und draußen riecht es penetrant nach Anis und Zimt, defekten Kaminöfen und automobilem Gediesel, nach Kardamon und dem angebrannten Christstollen in Nachbars nagelneuen 3D-Heißluft-Plus-Backofen, dessen Hersteller “optimale Backergebnisse dank innovativer Wärmeverteilung” verspricht.

Advertisements

One Response to Sudeleien. Advent 2013

  1. Marina sagt:

    „Müller macht glücklich!“ (Drogeriemarktkette Müller)

    „Das Geheimnis des Glücks liegt nicht im Besitz, sondern im Geben. Wer andere glücklich macht, wird glücklich.“ (André Gide)

    „Kaufet! Frohlocket!“ Ein Glücksfall im weihnachtlichen Konsumdelirium.

    Gefällt mir

%d Bloggern gefällt das: