Ehrung für eine Graphomanin

Juli Zeh ist Thomas-Mann-Preisträgerin

*

„Süßer die Glocken nie klingen“, „Vom Himmel hoch“, „Tochter Zion“: Der Leierkastenmann am Eingang zum Innenhof der Münchner Residenz kurbelt eine weihnachtliche Weise nach der anderen. Sein Stoffaffe soll zur Abgabe eines gnädigen Obulus animieren. München leuchtet einmal mehr an diesem zweiten Adventsonntag. Diesmal im Lichterglanz kurzer Tage, der blass wirkt unter dem heute wieder sehr bayerisch blauen Himmel des frischkühlen Wintermorgens.

München riecht nach Schweinsbratwürschteln, Bratapfel, Nuss- und Mandelkern, nach Glühwein. Es wird italienisch gesprochen in der Hauptstadt des Freistaats. Die Gäste aus dem Süden stromern über die Weihnachtsmärkte, photographieren Sehenswürdigkeiten, besetzen Cafés und Wirtshäuser. Palaver, Frohsinn und Gemütlichkeit allerorten.

DSCN0737

8. Dezember 2013, 11 Uhr: Verleihung des Thomas-Preises an die Schriftstellerin Juli Zeh im Max-Joseph-Saal der Münchner Residenz. Der Preis wird von der Hansestadt Lübeck und der Bayerischen Akademie der Schönen Künste vergeben; in stetem Wechsel, ein Jahr in München, ein Jahr in Lübeck.

Zur Begrüßung sagt der Verleger, Schriftsteller und neue Akademie-Präsident Michael Krüger, Thomas Mann habe den Menschen „als ein abgründiges Meisterwerk der Welt“ beschrieben. Unsere Zeit brauche neue Deuter, Schriftsteller und mutige Staatsbürger. Aus Lübeck ist die Stadtpräsidentin Gabriele Schopenhauser angereist, die Stadt München wird durch die Bürgermeisterin Christine Strobl repräsentiert. Die Bayerische Staatsregierung ist nicht vertreten; sie hat sich aus der Finanzierung der Akademie zurückgezogen.

In seiner Laudatio tritt Ilija Trojanow, der die zu Ehrende aus produktiver Zusammenarbeit bestens kennt, als Staatsanwalt, als Ankläger auf. Juli Zeh hat auf der imaginären Anklagebank Platz genommen, hinter einem Tisch auf dem sich ihre Bücher stapeln. Mit noch nicht einmal 40 Jahren, kann die Autorin eine beachtliche Bibliographie vorweisen. Als promovierte Juristin verteidigt sie sich und ihr Werk selbst, meist indem sie Passagen daraus vorliest. Die Beiden heben humorvoll die Trennung zwischen Laudatio und Danksagung auf, die bei solchen Preisverleihungen üblich ist.

media_28606997--INTEGERIhr wird u. a. „frühes graphomanisches Wirken“ und Aufruf zum bürgerlichen Ungehorsam in Form von Widerstand gegen staatliche Instanzen und Regelungen vorgeworfen. Immer wieder schlage sie ihr Lager „im Niemandsland der Provokation“ auf. Ihr Lebenslauf sei eine kriminelle Laufbahn, die sich in ihren „Machwerken“ dokumentiere. 566 Seiten stark sei z. B. das Verbrechen, das als der Roman „Spieltrieb“ aktenkundig wurde. Es zeichne sich durch besonders perfide Untergrabung des moralischen Konsenses unserer Gesellschaft aus, gefährde die Ordnung des bewährten Schulsystems und schrecke auch vor pornographischen Passagen nicht zurück. „Vom Hochsitz des auktorialen Erzählens“ richtet sie ein Massaker an unseren Illusionen an. Seit Jahren seien außerdem kleinere Delikte – Artikel und Essays zu nahezu allen Themen – in vielen Medien unserer Republik zu finden.

Sie schreibt immer und überall. Schon in den Kinderjahren; auf einer Treppenstufe im Elternhaus soll es angefangen haben. Seitdem: Blatt um Blatt, Kladde auf Kladde. Juli Zeh legt Wert auf die Trennung von Schreiben und Veröffentlichen. Betont dennoch gleichzeitig die Pflicht des Autors zum „verbalen Tag der offenen Tür.“ Die von der Autorin vorgetragenen Auszüge aus ihrem veröffentlichten Schreiben nennt „Staatsanwalt“ Trojanow Beweisstücke.

DSCN0731Wir hätten es mit einer Wiederholungstäterin zu tun, konstatiert der Ankläger. Es bestehe akute Rückfallgefahr; mit einer Wiedereingliederung in die Gesellschaft ist nicht zu rechnen. Sie sei eine Volksverführerin, eine Rattenfängerin, die rebellische Pamphlete verteilt und die Bürger auffordert ihre Rechte zu schützen. Letzteres sei doch ausschließlich Aufgabe und Zweck der staatlichen Organe, die auch über die geeigneten Mittel hierfür verfügen. (Raunen und vereinzeltes Gelächter im Saal.)

Allerdings sind auch mildernde Umstände anzuführen. Ihre Affinität zur polnischen Sprache etwa, die sie sich angeeignet hat, und zur Literatur des Nachbarlandes seien sehr zu begrüßen. (Es folgt ein kurzer polnischer Dialog). Dennoch sieht der Ankläger alles in allem die Schriftstellerin vorsätzlich handeln. Juli Zeh widerspricht: „Das was man Roman nennt, stößt einem zu.“

Aber wie immer das Urteil ausfalle, sie habe gar nicht vor sich zu ändern. „Ich möchte gerne Serientäterin bleiben.“ Die Prozessbesucher spenden dafür langen, dankbaren Beifall und Juli Zeh nimmt ebenso dankbar Urteil und Auszeichnung in Form einer Urkunde entgegen.

DSCN0742

Nach der Veranstaltung spaziere ich am Literaturhaus und einem weiteren – diesmal mittelalterlichen – Weihnachtsmarkt vorbei Richtung Lenbachhaus. Ich interessiere mich für die Bilder der Gruppe „Blauer Reiter“. Der Weg führt über den Königsplatz. Der reichsdeutsche Stil des weitläufigen Aufmarsch-Geländes erinnert an Münchens Rolle im „tausendjährigen Reich“ und den nachträglichen Umgang der „Stadt auf der Hochebene“ (wie sie Lion Feuchtwanger gerne nannte) mit dieser Epoche. Man denkt auch an den Umgang Münchner Intellektueller, Künstler und Politiker mit Thomas Mann und seiner Familie. Unvergessen der „Protest der Wagnerstadt München“ im April 1933 gegen absichtlich missverstandene Äußerungen Thomas Manns über Richard Wagner, der von viel Prominenz und Schickeria unterschrieben wurde.

header848x167

Es ist Aufarbeitung von Geschichte der speziellen Münchner Art, dass hier derzeit ein „NS-Dokumentationszentrum“ entsteht. Konzipiert als „ein Lernort zur NS-Geschichte Münchens, zu den Folgen und Nachwirkungen der NS-Zeit“. Auf dem Gelände stand einst das „Braune Haus“, die Parteizentrale der NSDAP. Eröffnet wird voraussichtlich 2014 – so viele Jahrzehnte nach dem Beginn einer Unzeit, deren Ursprünge ganz wesentlich in der bayerischen Metropole lagen. Schon jetzt ist erkennbar, dass das Gebäude in klinischem Reinweiß erstrahlen wird.

(Lesenswerte Romane über die braune Zeit in München gibt es u. a. von Oskar Maria Graf, Lion Feuchtwanger und Thomas Mann, vom Historiker Golo Mann sind in diesem Zusammenhang seine „Deutsche Geschichte“ und seine Erinnerungen erwähnenswert.)

München und Thomas Mann. Ein bisschen hätte ich mir schon gewünscht, dass die Schriftstellerin, Juristin und Bürgerrechtlerin Juli Zeh etwas über dessen Missverhältnis zu München, bzw. der Stadt zum Nobelpreisträger sagt. Aber bemerkenswerter Weise hat sie während der Veranstaltung den Namensgeber des Preises der ihr verliehen wurde mit keinem Wort erwähnt.

Ein Kommentar zu “Ehrung für eine Graphomanin

  1. Eine formsprengende Preisverleihung in einem kreativen Pakt von Geehrter und Laudator- was würde wohl der große Meister dazu sagen???

    Gefällt mir

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.