„TINA oder über die Unsterblichkeit“

Mein Beitrag zum 100. von Arno Schmidt

(18. Januar 1914 – 3. Juni 1979)

„Es gibt wohl keinen unter den jüngeren Autoren, der in den letzten Jahren so heftig umstritten wurde wie Arno Schmidt. Aber selbst seine Gegner mußten zugeben, – oft verwirrt und hilflos -, daß hier eine außerordentliche Kraft in Erscheinung tritt.“ Martin Walser, Januar 1953, im Süddeutschen Rundfunk, Stuttgart.

61 Jahre später wollte der Schreiber dieses kleinen literarischen Blogs eigentlich eine weitausholende, feiernde, jedoch nicht ganz unkritische Würdigung des Meisters aller orthographischen Klassen veröffentlichen. Doch als er sah und las, was alles geschrieben, gefunkt und gesendet wird zum Anlass, wurde ihm klar, er würde zu diesem Konzert allenfalls einen leicht überhörbaren Triangelschlag beisteuern können. Und er überlegte es sich anders.

So gibt es heute zum Geburtstag des schreibsüchtigen Heidebewohners einen knappen und bescheidenen Beitrag in Form einer Lese-Empfehlung für alle, die Schmidt schon immer lesen wollten oder die nach längerer Pause wieder in seinen bunten, weitgespannten literarischen Kosmos eintauchen möchten. Und es ist kein Geheimnis: Es lohnt sich nicht mit dem etwas zeitraubenden, leicht unübersichtlichen „Zettel’s Traum“ die Schmidt-Lektüre zu beginnen. Deshalb, und noch aus einem anderen Grund, rate ich zunächst zu der kleinen, feinen Geschichte „Tina oder über die Unsterblichkeit.“

media_27940815--INTEGERSie handelt vom Elysium, das sich im vorliegenden Fall in der Unterwelt von Darmstadt befindet. Allerdings ist es ein quälender Hades, dessen Bewohner die unwirtliche Stätte am liebsten rasch verlassen möchten. Doch sie dürfen nicht, solange sie oben nicht vergessen sind. Endgültig tot ist nur der, an den sich niemand mehr erinnert. Da es im vorliegenden Fall um eine illustre Mannschaft mehr oder weniger bekannter Dichter und Künstler geht, sind die Aussichten nicht allzu rosig. „Solange noch 1 Exemplar eines ihrer Bücher vorhanden ist, besteht schon gar keine Aussicht.“ Während also heute immer mehr Zeitgenossen gegen das Vergessenwerden anschreiben („Wer schreibt der bleibt!“), sind unseren Unterweltbewohnern ihre großen Werke zum Verhängnis geworden.

Zur Freude der Leser enthält diese literarische Miniatur des unvergessenen Arno Schmidt auch noch die Andeutung einer zarten Liebesgeschichte. Nein!: keine Liebesgeschichte, besser: die Geschichte einer knisternden erotischen Annäherung. An die große, womöglich ewige, am Ende nicht selten zu Hass und Abneigung gekehrte Liebe, glaubte ein Arno Schmidt wohl ohnehin nicht, im Gegensatz zu seinem festen Glauben an die ewigkeitsnah lang wirkende Literatur. Aber wo Mann und Frau, da ist das Fleischliche… Dafür findet unser Jubilar im gesamten Werk immer wieder neue, originelle, treffende Worte und Metaphern. Er sei kein Dichter, sagte er einmal im Interview, er sei ein „Wortmetz“, das bezeichne seine Tätigkeit besser. Wie auch immer: Zu seinem 100. Geburtstag ist zu befürchten, dass seine Leser ihm noch nicht so bald die Erlösung eines endgültigen Vergessens gönnen werden.

Ich hatte noch einen anderen Grund angedeutet, warum ich ausgerechnet diese kurze Erzählung und diese Edition nahelege. „Tina“ ist – quasi als Geburtstaggeschenk des Verlages – in einer besonderen Ausgabe erschienen. Als Band 1387 der Insel-Bücherei, in der für die Reihe typischen nostalgischen Ausstattung. Das darüber hinaus ganz besondere sind die 24 Radierungen von Eberhard Schlotter, der zum Büchlein auch ein Nachwort beigesteuert hat. Schmidt wiederum hat dem Künstler-Kollegen und Fast-Freund ein Andenken hineingeschrieben: „…tranken wir  also gemeinsam, Mann & Frau, diese Tasse Tee. (Der Siebdruck an der Wand : signiert, ein echter Eberhard Schlotter, e. s., und wir nickten bewundernd : mühsame Technik !).“

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Foto: Alice Schmidt; Verwendung mit freundlicher Genehmigung der Arno-Schmidt-Stiftung, Bargfeld

Eine Werkausgabe Schmidts erscheint bei Suhrkamp, Taschenbücher verlegt Fischer, die unbedingt empfehlenswerten Hörbuch-Editionen Hoffmann und Campe. Darüber informieren inhaltlich und graphisch anspruchsvoll gestaltete Broschüren. Wenden Sie sich an die Buchhandlung Ihres Vertrauens oder schreiben Sie an die Arno-Schmidt-Stiftung in Bargfeld, den Link zu deren Website finden Sie im Anhang.

Das Medien-Echo zum Anlass ist ebenso beachtlich, wie das Interesse eines partout nicht aussterben wollenden literatur- und buchaffinen Publikums. Die einstündige Dokumentation auf Arte am 15. Januar sahen zu später Stunde immerhin etwa 300.000 Interessierte. Wer die Sendung verpasst hat, kann sie noch bis zum 22.1. in der Arte-Mediathek nachsehen. Vielfältiges Programm ist auf den Sendern des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu entdecken. So sendet MDR Figaro (um fast wahllos ein Beispiel herauszugreifen) am 27. 1. von 22 – 22.30 Uhr eine Schmidtsche Originalsendung. „Funfzehn oder Vom Wunderkind der Sinnlosigkeit.“ Arno Schmidts Funkdialog über Ludwig Tieck; die SDR-Produktion stammt aus dem Jahre 1959. Eine der finanziell bitter benötigten Brotarbeiten, die Schmidt dem Einsatz Martin Walsers und Alfred Anderschs zu verdanken hatte.

Viele Tages- und Wochenzeitungen bringen dieser Tage ausführliche Würdigungen und Berichte. Im Berliner „Tagesspiegel“ vom 12. Januar veröffentlichte der Schmidt-Biograph Wolfgang Martynkiewicz einen kenntnisreichen Artikel über Person und Werk. Gleich zu Beginn stellt er dabei klar: „Er hätte uns was gehustet und sich an den Schreibtisch verdrückt. Feiern war seine Sache nicht. Schreiben soll der Dichter…“

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„… ich hatte jetzt den dritten Tag Linsen gegessen; Rieseneintopf, selbstgekocht : schreckliche Folgen !)“ (Tina, S. 11)
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In den 1950er Jahren wohnte das Ehepaar Schmidt in der Darmstädter Inselstraße, nachdem Arno die katholische Moselprovinz wegen strafrechtlicher Nachstellungen hatte verlassen müssen (s. unten). In dieser Inselstraße steht auch heute noch eine Litfaßsäule, wie sie einst Arno Schmidt als Anregung und Vorlage für seinen Unterwelt-Einstieg in „Tina oder über die Unsterblichkeit“ diente. Studierende des Fachbereichs Gestaltung der Hochschule Darmstadt, in Kooperation mit der Arno-Schmidt-Stiftung, werden dieses denkwürdige Objekt das ganze Jahr über immer wieder neu ausstatten und gestalten. Am 21. Januar um 17 Uhr ist vor Ort Premiere. Dazu gibt es Linsensuppe und Bier.

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Schmidt, Arno: TINA oder über die Unsterblichkeit. Mit Radierungen und einem Nachwort von Eberhard Schlotter. – Insel Verlag, 2013 (Insel-Bücherei; 1387)

Für Neu- und Wiedereinsteiger ebenfalls zu empfehlen:

Schmidt, Arno: Seelandschaft mit Pocahontas. Die Umsiedler, 7. Aufl. – Fischer TB Verlag, 2012. – (Heutige Leser werden sich sehr wundern, dass „Pocahontas“ Schmidt staatsanwaltliche Anklage und Verfolgung wegen Pornographie und Gotteslästerung einbrachte.)

Schmidt, Arno: Sommermeteor. 23 Kurzgeschichten, 9. Aufl. – Fischer TB Verlag, 2006

Rauschenbach, Bernd (Hrsg.): Arno Schmidt. Das grosse Lesebuch. – Fischer TB Verlag, 2013

Rauschenbach, Bernd (Hrsg.): Arno Schmidt für Boshafte. – Insel Verlag, 2007

Fischer, Susanne (Hrsg.) Arno Schmidt zum Vergnügen. – Reclam Verlag, 2013

Martynkewicz, Wolfgang: Arno Schmidt, 4. Aufl. – Rowohlt TB Verlag, 2002. – (Diese klassische rororo-Monographie ist das einzig brauchbare biographische Werk auf dem Buchmarkt. Die große, Mensch und Werk kritisch würdigende Monographie, ist nicht in Sicht.)

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In vorbildlicher Weise wird der Nachlass in des Dichters langjährigem Wohnort betreut: www.arno-schmidt-stiftung.de , die auch jederzeit kompetent und freundlich mit Rat und Tat zur Seite steht.

Gleichgesinnte finden sich zu Austausch, Tagungen und etwas Vereinsmeierei in der Gesellschaft der Arno-Schmidt-Leser zusammen.

An regen Diskussionen, die gerne in Details gehen und hin und wieder auch hitzige Form annehmen, kann man sich auf der Arno-Schmidt-Mailingliste beteiligen, die seit vielen Jahren Giesbert Damaschke aufopferungsvoll betreut.

Auf con=libri sind zu Arno Schmidt folgende Beiträge erschienen:

Arno Schmidt und die HfG in Ulm (1). Die Vorgeschichte

Arno Schmidt und die HfG in Ulm (2). Ein Gespräch unter Männern

Arno Schmidt und die HfG in Ulm (3). Nachspiel

Arno Schmidt und Hermann Hesse. Erster Teil: Neunzehnhundertvierunddreißig

Arno Schmidt und Hermann Hesse. Zweiter Teil: Neunzehnhundertneunundvierzig/fünfzig