Rezeptfrei in jeder Buchhandlung:

253 Bücher die wirklich wirken!

„Endlich sagt es mal jemand: Bücher helfen. Immer.“ (Cordula Stratmann)

Leiden Sie an der Unfähigkeit das Bett zu verlassen? Quält Sie chronische Kaufsucht? Oder ist Stress Ihr Problem? Da gibt es doch was von Ratiodings -,also von Ihrem Buchhändler. Vorausgesetzt er ist einigermaßen gut sortiert, hält er zur Linderung Ihrer Beschwerden eine wohlabgewogene Dosis Gontscharow, F. Scott Fitzgerald oder Charlotte Roche bereit. Denn nur er kann ein besonders wirkungsvolles und gut verträgliches Breitband-Therapeutikum verabreichen:

„Die Romantherapie“

Seit mehreren Jahren bieten Ella Berthoud und Susan Elderin Bibliotherapie-Sitzungen an der Londoner „School of Life“ an. Ihre Erfahrungen verarbeiteten die beiden britischen Literaturwissenschaftlerinnen zu einem Buch, das unter dem Originaltitel „The Novel Cure. An A to Z of Literary Remedies“ 2013 in Edinburgh erschien. Gegen Angst empfehlen die Spezialistinnen „Das Bildnis einer Dame“ von Henry James, bei Erkältung kann der Patient gleich auf eine Liste mit zehn hilfreichen Romanen zurückgreifen, Tinnitus rückt man am besten mit Jonathan Franzens „Freiheit“ zu Leibe und die Folgen einer zu frühen Heirat können mit Fontanes „Effie Briest“ zumindest abgemildert werden.

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„Buchmesse“ nennt sich eine alljährlich im März stattfindende Großveranstaltung auf der tausende Bibliotherapeuten, Teilnehmer von Selbsthilfegruppen, Betroffene und ihre Angehörigen, sowie Romananbieter des In- und Auslandes nach Leipzig kommen.

„Woran auch immer Sie leiden, unsere Kuren sind simpel: Ein Roman (oder zwei), regelmäßig gelesen. Einige Therapien werden vollständige Heilung bringen, andere zumindest Trost spenden und Ihnen zeigen, dass Sie nicht allein sind. Doch alle werden Ihnen für eine Weile Linderung verschaffen, dank der Macht der Literatur, uns von unseren Problemen abzulenken und in eine andere Welt zu entführen.“

So schreiben Berthoud und Elderkin im Vorwort ihres Ratgebers. Das Buch selbst ist „very british“. Lässiges Understatement, hintergründiger Humor, präzises Formulieren, eine gekonnte Balance zwischen satirischen Anklängen und ernsthafter literarischer Rezension. Was wir Leser in Händen halten ist am Ende nichts weniger als ein engagiertes Plädoyer für das Lesen der großen Autoren und Autorinnen, ihrer unsterblichen Geschichten und eine Einladung zur Teilhabe an der Kraft dichterischer Phantasie, die uns hilft die Fesseln unserer Alltäglichkeit, unserer Begrenztheit, unserer Mutlosigkeit, zu sprengen.

Übersetzt von Katja Bendels und Kirsten Rieselmann hat der Insel Verlag eine deutsche Ausgabe dieses unverzichtbaren Hausbuches herausgegeben. Die Programmredakteurin der lit.COLOGNE, Literaturkritikerin und Autorin Traudl Bünger hat dem Vademecum behutsam Elemente des deutschen Literaturkanons beigefügt. So stehen nun dem Rat und Genesung Suchenden „253 Bücher für ein besseres Leben“ in bestem Satz, Druck und feinster Ausstattung nicht nur als erste Hilfe, sondern auch als sanfte Droge für eine schonende Daueranwendung zur Verfügung. Die Tatsache, dass ein gewisses Suchtrisiko besteht, ist kaum zu bestreiten, aber bei diesem Wirkstoff durchaus zu tolerieren, wenn nicht sogar erwünscht.

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Konventioneller Drogenanbieter

Angeordnet sind die Wirk- und Lesestoffe alphabetisch nach den ihnen zugeordneten Lebenslagen und Leiden. Von Abschiede, Alpträume und Analfixiertheit, über Eifersucht, Mangel an Empathie, gebrochenem Herzen und Menschenscheu, bis Völlerei, Welthass und Zahnschmerzen. Das entsprechende Register umfasst fast 300 Ticks, Wehwehchen, paranormale Zustände, Lebenslagen und pathologische Symptome. Besondere Aufmerksamkeit verdienen im hier bestehenden Zusammenhang die speziellen Leseleiden, auf die im Anhang noch einmal ausdrücklich in einem eigenen kleinen Verzeichnis verwiesen wird. Hier finden wir u. a. die lektürebezogene Amnesie, die Angst ein Buch zu beenden, den Hang mehr zu leben als zu lesen, das Schrumpfen der eigenen Bibliothek durch Verleihen von Büchern, die Neigung zum Überspringen von Seiten, oder das weitverbreitete Phänomen keine Zeit zum Lesen zu haben.

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Moderner patientenorientierter Therapie-Shop

Und wie sieht es mit den Risiken und Nebenwirkungen aus? Geistige Absenz, Vernachlässigung alltäglicher Verrichtungen und nächster Angehöriger wurden vielfach beschrieben, einzelne Fälle von Unterernährung oder chronischen Schlafstörungen können auftreten. Eher selten ist aggressives Abwehrverhalten bei Störung des Therapie-Verlaufs durch Außenstehende. Überdosierungen verursachen in der Regel keine bleibenden Schäden. Allerdings kann es bei unkontrolliertem Verschlingen großer Romanmengen sehr unterschiedlicher Genres zu kurzfristiger Desorientierung oder Bewusstseinstrübung kommen. Diese Phänomene sind auch bei Konsum der längsten Romane der Welt (*) nicht gänzlich auszuschließen.

Hat Ihnen das hier besprochene Buch nicht geholfen? Befinden Sie sich in kritischem Zustand? Dann hilft nur noch die „Überlebensbibliothek“ von Rainer Moritz. Hier geht es wirklich zur Sache. Der Leiter des Literaturhauses Hamburg schippt die ganz große Schaufel. „Die Überlebensbibliothek“! – nur für echte Notfälle und alle die es werden wollen. Vor Völlerei soll uns die Erzählung „Kummer mit jütländischen Kaffeetafeln“ von Siegfried Lenz bewahren; vor den Folgen unerfüllter Liebe Goethes Klassiker „Die Leiden des jungen Werther“ schützen; und sehr erst wird es bei der Empfehlung für die „Verlassene(n) Zimmer“ des Hermann Lenz – hier lautet die Empfehlung unseres einfühlsamen Bibliotherapeuten: „Wer die Angst vor dem Tode ein wenig verlieren möchte…“

Dazu passt meine ganz persönliche und abschließende Empfehlung: All jene, denen Optimismus, Zuversicht und der Glaube an Sinnhaftigkeit nicht zu nehmen sind, die der festen Überzeugung anhängen, dass alles Leben und Streben eine tiefere Bedeutung hat, sind ein Fall für „Stoner“ von John Williams. Über dieses ungeheuerliche Buch werde ich in Kürze hier berichten.

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(*) Die längsten Romane der Welt (die Lektüre empfiehlt sich nur unter regelmäßiger Kontrolle eines erfahrenen Therapeuten):

Platz 3: Arno Schmidt (1914 – 1979): Zettels Traum. 1.100.000 Worte

Platz 2: Marcel Proust (1871 – 1922): À la recherche du temps perdu (Auf der Suche nach der verlorenen Zeit). 1.267.069 Worte

Platz 1: (Georges) und Madeleine de Scudéry (1607 – 1701): Artamène ou le Grand Cyrus (Artamenes oder der grosse Cyrus). 2.100.000 Worte

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Berthoud, Ella; Elderkin, Susan; Bürger, Traudl: Die Romantherapie. 253 Bücher für ein besseres Leben. – Berlin : Insel Verlag, 2013

Moritz, Rainer: Die Überlebensbibliothek. – München: Piper, 2006

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Ein Kommentar zu “Rezeptfrei in jeder Buchhandlung:

  1. Wie immer, ein gelungener, anregender, geistreicher Artikel mit Witz und Esprit, den ich wieder mit großem Gewinn gelesen habe. Vielen Dank sagt Sabine Zürn

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