„Stoner“ von John Williams

Wer viel liest kennt das: Von Zeit zu Zeit kommt eine Phase in der es schwerfällt zu entscheiden, welches Werk die nächste Lektüre sein soll. Dann wird ziellos herumgeschmökert. Dies und das angelesen. Das zuletzt Gelesene ist noch zu gegenwärtig, lässt Neues vorerst wenig reizvoll erscheinen. Bis dann doch ein Buch ins Blickfeld gerät, das in der Leseplanung bis dahin nicht vorkam. Eine zufällige Begegnung, die unerwartet fesselt, Aufmerksamkeit und Interesse auf sich zu ziehen vermag. Schon ist man wieder mittendrin. Will nicht mehr aufhören. So ist es mir jetzt mit dem Roman „Stoner“ des amerikanischen Schriftstellers John Williams ergangen.

KraussEs ist schon eine Weile her, dass ich Bücher eines Autors, einer Autorin aus den Vereinigten Staaten gelesen habe. Allzuviele waren es ohnehin nicht. Von den „Jüngeren“: Franzen, Foer, Nicole Krauss, alle drei haben ja interessanterweise starke Bezüge zum „alten Europa“. In der Kindheit die übliche naive Mark-Twain-Lektüre. Später entdeckte ich John Steinbeck für mich und die sozialkritischen Romane des Sinclair Lewis. (Den viel gepriesenen Hemingway kann ich nicht ausstehen. Sein Imponiergehabe und seine betont machistoiden Gesten gingen mir schon immer auf den Geist.) Schließlich zwei, drei Bücher des Daueranwärters auf den Literatur-Nobelpreis, Philipp Roth.

Und natürlich Nabokov, der allerdings kein echter amerikanischer Autor ist, sondern stark von der russischen Erzähltradition beeinflusst wurde. Sein „Pnin“ ist vielleicht so etwas wie ein literarischer Vorfahre von Williams „Stoner“. Das von Verlusten durch die russische Revolution und den Holocaust geprägte Leben des Exilanten Timofey Pnin mündet in eine Existenz als Fremdkörper und Aussenseiter der amerikanischen Gesellschaft, der sich als Dozent für russische Literatur mit viel Unverständnis und wenig Interesse abzufinden hat. Bereits der Anfang von John Williams Roman macht die Parallelen zu Nabokov deutlich:

stoner„William Stoner begann 1910, im Alter von neunzehn Jahren, an der Universität von Missouri zu studieren. Acht Jahre später, gegen Ende des Ersten Weltkriegs, machte er seinen Doktor der Philosophie und übernahm einen Lehrauftrag an jenem Institut, an dem er bis zu seinem Tode im Jahre 1956 unterrichten sollte. Er brachte es nicht weiter als bis zum Assistenzprofessor, und nur wenige Studenten, die an seinen Kursen teilnahmen, erinnern sich überhaupt mit einiger Deutlichkeit an ihn.“

Gleich in diesen ersten Sätzen klingen die ganze Melancholie und Tragik des zu erzählenden Lebenslaufes an. Es ist die Geschichte eines Farmersohns der in tiefster Provinz und ärmlichen Verhältnissen aufwächst. Die von den Eltern vorgesehene Laufbahn als Hoferbe verlässt er, um auf kleinen Umwegen zu den Geisteswissenschaften zu finden und schließlich ein Arbeitsleben lang, nicht sehr erfolgreich als Hochschul-Lehrer für englische Literatur zu unterrichten. Dieser bescheidene Mann, der meist darauf verzichtet zu realisieren oder zu reflektieren was ihm wiederfährt, wie sein Leben dahinrinnt, studiert also, lehrt, heiratet unglücklich, bekommt eine Tochter, scheitert auf breiter Front und stirbt kurz vor Eintritt in den Ruhestand.

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„In seinem dreiundvierzigsten Jahr erfuhr William Stoner, was andere, oft weit jüngere Menschen vor ihm erfahren hatten: dass nämlich jene Person, die man zu Beginn liebt, nicht jene Person ist, die man am Ende liebt, und dass Liebe kein Ziel, sondern der Beginn eines Prozesses ist.“

Mit seiner ersten wirklichen Liebe, im schon fortgeschrittenen Alter, erlebt Stoner, dass Geist und sinnliche Leidenschaft keine Gegensätze sein müssen. Dabei nähert er sich ein einziges Mal, und nur für eine kurze Zeitspanne, einem Zustand der als glücklich beschrieben werden kann. Das Ende kommt bald und gehört zu den traurigsten, trostlosesten Trennungen, von denen ich in literarischer Form jemals gelesen habe.

John Edward Williams stammte aus Texas und wurde am 19. August 1922 geboren. Er war Journalist, Soldat im Zweiten Weltkrieg und schließlich, wie seine Romanfigur, Dozent für englische Literatur. Von ihm erschienen zwei Gedichtbände und vier Romane. Bisher liegt nur „Stoner“ in deutscher Übersetzung vor. Das englischsprachige Original wurde 1965 erstmals veröffentlicht. 2006 wurde das Buch erneut aufgelegt und fand erst jetzt eine große Leserschaft. Den Erfolg erlebte der Verfasser nicht mehr; er starb bereits 1994.

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“Ellis Library” der University of Missouri

Williams konfrontiert die Leser in „Stoner“ mit Grundmustern menschlicher Existenz. Auf der einen Seite positive Elemente wie Bildung, das Ringen nach Erkenntnis, die Aneignung und die Vermittlung von Wissen, als die wenigen wirklich erstrebenswerten Ziele während unserer irdischen Lebensspanne. Auf der Rückseite der Medaille die Vorhersehbarkeit völligen Scheiterns, und die quälende Einsicht in die Sinnlosigkeit aller menschlichen Ziele und Sehnsüchte. Harte Kost für all Jene, die von Zuversicht und Optimismus erfüllt, von Sinnhaftigkeit und tieferer Bedeutung ihrer Existenz fest überzeugt sind. Dem Leser wird einiges abverlangt. Dabei gelingt es dem Autor durchweg spannend und kurzweilig zu erzählen.

„Die Finger lockerten den Griff, und das Buch, das sie gehalten hatten, rutschte langsam und dann immer rascher über den reglosen Leib und fiel in die Stille des Zimmers.“ Wenn der Leser am Ende des Buches und dem des Protagonisten Stoner angekommen ist, wird er ausgesprochen unglücklich zurückgelassen. Ratlosigkeit, leichte Panik möchten sich breit machen. Der einzige Trost in diesem Augenblick: Wir halten einen wunderbaren Roman in Händen.

Williams, John: Stoner. Roman. – München : Deutscher Taschenbuch Verlag, 2013

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