“Ostende 1936, Sommer der Freundschaft”

Volker Weidermann erzählt ein wenig bekanntes Kapitel aus der Exil-Geschichte deutschsprachiger Schriftsteller.

Der Sommer 1936. Nazidiktatur in Deutschland. Viele Künstler, Intellektuelle, Wissenschaftler haben das Land bereits verlassen. Thomas Mann hat mit seiner Familie im schweizerischen Küsnacht eine vorläufige Exilheimat gefunden. Der Schriftsteller arbeitet am Roman „Joseph in Ägypten“, dem dritten Band des Zyklus „Joseph und seine Brüder.“ Am 11. Juli 1936 schließt der österreichische Kanzler Schuschnigg ein Abkommen mit Hitler-Deutschland. Vergebens hofft er dadurch die Souveränität der Alpenrepublik zu sichern. Hermann Hesse ist seit einigen Jahren Schweizer Staatsbürger. In Montagnola hat der Freund und Gönner Hans Bodmer ein Haus gebaut und es dem Dichter zur Verfügung gestellt. Die meditative Idylle „Stunden im Garten“ entsteht. Am 17. Juli putscht in Spanien der faschistische General Francisco Franco gegen die gewählte Volksfront-Regierung. Der Auslöser des spanischen Bürgerkriegs.

Juli 1936 im belgischen Ostende. Für einige Wochen halten sich im damals sehr beschaulichen Städtchen an der Nordsee deutsche und österreichische Schriftsteller auf, viele jüdischer Herkunft, die meisten bereits aus Deutschland geflohen, ausgebürgert. Sonne, Meer, Bistros. Es hätte ein unbeschwerter Urlaubsaufenthalt werden können für Stefan Zweig und Egon Erwin Kisch, für Joseph Roth und Irmgard Keun, Artur Koestler und Ernst Toller, wenn sich die politische Lage durch die großdeutschen Provokationen und Expansionsgelüste nicht immer weiter zugespitzt hätte. Volker Weidermann hat ein Buch geschrieben über dieses Zusammentreffen unterschiedlichster Künstler-Charaktere im schicken Seebad. Im Mittelpunkt stehen die Freundschaft von Stefan Zweig und Joseph Roth, sowie die ungewöhnliche Liebe zwischen Roth und der jungen, sehr kecken Schriftsteller-Kollegin Irmgard Keun.

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Volker Weidermann, Jahrgang 1969, ist Feuilleton-Chef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und Autor zahlreicher Veröffentlichungen zur deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts. Die Zeit von Vertreibung und Exil gehört zu seinen Schwerpunkten. 2008 erschien sein „Buch der verbrannten Bücher“. Im neuesten Werk nimmt er einen kurzen Zeitraum Mitte 1936 zum Ausgangspunkt für seine Schilderungen rund um den österreichischen Erfolgsschriftsteller Stefan Zweig (“Schachnovelle”, “Die Welt von gestern”) und den ostjüdischen Dichter und Trinker Joseph Roth (“Radetzkymarsch”, “Hiob”). Weidermann holt weit aus und Stefan Zweig im Ersten Weltkrieg, Josef Roth in seiner ostgalizischen Heimat ab. So gibt es einige Vorgeschichte, Rückblicke in untergegangene Kulturräume, bis schließlich Zweig den Freund in Ostende am Zug abholt.

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Joseph Roth in den 1930er Jahren. Foto: DLA Marbach

Die Freundschaft dieser Beiden lässt viel zu: Kritik am Denken und Schreiben des anderen, die finanzielle Unterstützung Roths durch den wohlhabenden Bestseller-Autor, das respektvolle, nur scheinbar distanzierte, damals durchaus übliche, “Sie” – das alles lässt diese Freundschaft zu. Zu große räumliche Nähe hingegen verträgt sie weniger gut. Denn “Sie haben sich lange nur geschrieben… In ihren Briefen haben sie ein kämpferisches, liebevolles Gleichgewicht zwischen Freundschaft, Neid, Bewunderung, Abhängigkeit, Liebe, Besserwisserei und Eifersucht gefunden.”

Weidermann hat keine Erzählung geschrieben, keinen Roman. Das könne er gar nicht, Romane schreiben, sagte er in einem Gespräch auf der Leipziger Buchmesse. Er orientiert sich an den Werken, Briefen und Tagebüchern der Exilautoren mit denen er sich intensiv beschäftigt hat. Entstanden ist eine Art Literatur-Reportage, angereichert mit fiktiven, ja spekulativen Elementen. Das ist spannend zu lesen, aber vielleicht nicht ganz redlich. Man mag sich daran stören, wie Michael Angele, der in seiner Rezension im “FREITAG” moniert: “Hielte man einen Roman in der Hand, ließe sich von dichterischer Freiheit sprechen. “Ostende” ist aber kein Roman, sondern ein Hybrid… Der Erzähler ist allwissend und vom Autor nicht zu unterscheiden. Er ist aber nicht nur der äußeren Fakten sicher, sondern auch der Gemütszustände und Gedanken seiner Protagonisten, die notabene ja nicht fiktive Gestalten sind, sondern historische Figuren…”

Noch ehe der Sommer zu Ende geht, zerstreut sich die Zufalls-Gesellschaft schon wieder. Für die meisten beginnt die Exil-Odysee jetzt erst richtig. Joseph Roth und Irmgard Keun (“Das kunstseidene Mädchen”, “Nach Mitternach”), die sich dem selbstzerstörerischen Lebensstil des Partners angepasst hat, landen in Paris, leben von der Hand in den Mund und eine zeitlang noch von ihrer unmöglichen Liebe, bis sie sich schließlich trennen. Keun kehrt als einzige der Gruppe nach Deutschland zurück, lebt zunächst im Untergrund und bis 1982 in Köln; sie kann noch miterleben wie Ende der 1970er Jahre ihre Bücher neu aufgelegt werden. Joseph Roth stirbt am 27. Mai 1939 im Armenhospital. Stefan Zweig wandert nach Brasilien aus, wo er und seine Werke sehr vereehrt werden. Doch der Neuanfang in einer anderen Form politischer Diktatur und unter ungewohnten Lebenumständen scheitert. Seit Jahren litt er unter depressiven Schüben. Am 23. Februar 1942 nimmt er sich in Petropolis bei Rio de Janeiro das Leben.

Weidermann, Volker: Ostende. 1936, Sommer der Freundschaft. – Köln : Kiepenheuer & Witsch, 2014

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