Sommerorte. Leseplätze.

Platz zum Lesen und Schmökern findet sich in diesen meist wonnig warmen Wochen und Monaten vielerorts unter freiem, blauen Sonnenhimmel. Einige besonders anziehende Beispiele begleiten durch die Sommerpause auf con=libri.

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Der Duft der Rose nimmt dich / in einen süßen Bann / rührt Dich liebkosend leise / wie eine Liederweise / mit Ahnung voller Schönheit an (Hermann Hesse: Ein Rosengarten für Dich)

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Das kann schon genügen: Der kleine Park, inmitten der Stadt, der alles bietet, was des urbanen Lesers Herz sich wünscht: duftende Blumenköniginnen, sonnige und schattige Plätze, geringe Passanten-Frequenz und leidlich kommode Niederlassungs-Möglichkeiten. Schnell und bequem zu erreichen, bietet er Entspannung, Wohlempfinden und Leseplatz an vielen Tagen. Ideal für Lyrik-Leser und Gedanken-Schwadroneure. Reclams broschierte Sammlung „Sommergedichte“ ist in jeder Hinsicht die passende, unschwere Last.

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O weilten wir in jenen Lüften, / Wo keine Schranke wehrte, / Dass ich mit deinen Zauberdüften / Die Ewigkeiten nährte! – (Nikolaus Lenau: An meine Rose)

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Im Kuckucksheim, auf Wolke Sieben, im Himmelbett. An unerwarteten Orten findet man zur eigenen Überraschung die sommerliche Muse zum Lesen und Schreiben, Wachen und Schlafen, Denken und Träumen. Für Stunden dem Alltag verlorengehen mit sommerleichten Liebes-, außer- oder überirdischer Phantasiegeschichten.

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Anmutig Tal! du immergrüner Hain! /Mein Herz begrüßt euch wieder auf das beste; / Entfaltet mir die schwerbehangnen Äste, / Nehmt freundlich mich in eure Schatten ein, / Erquickt von euren Höh’n, am Tag der Lieb und Lust, / Mit frischer Luft und Balsam meine Brust! (Johann Wolfgang Goethe: Ilmenau)

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So beginnt des großen Meisters Lobgesang auf seine zweite Heimat Ilmenau, dem Städtchen am Rande des Thüringer Waldes, heute nur eine Fahrstunde von Weimar entfernt. Neben dem Bronze-Goethe am oberen Ende des Marktplatzes ist immer wieder einmal Platz für seine Bewunderer und Leser. Wer mehr von „Lieb und Lust“ erfahren will, greife zu den Elegien. Wer sich in Gedanken auf einen Spaziergang durch die klassische Vergangenheit machen möchte, der nehme gerade hier ein Buch von Sigrid Damm zur Hand. „Christiane und Goethe“ und „Goethes letzte Reise“ sind besonders geeignet.

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An einem Sommermorgen  / Da nimm den Wanderstab,  / Es fallen deine Sorgen  / Wie Nebel von dir ab. (Theodor Fontane: Guter Rat)

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Wer wandert der rastet. Im Gebirg‘. In Hoch- oder Seitental. Auf Alm oder Alpe. Erschöpft, ermüdet, beglückt. Vielleicht bleibt das mitgebrachte Buch im Rucksack. Himmel, Natur, Aussicht sind Eindrücke genug. Wer dennoch, möglicherweise etwas zerstreut, in, sagen wir: Manns Zauberberg blättert, der erfährt dass des Berges Höh’n auch ihre Tücken haben und dass allen Gipfelstürmen der Abstieg in die Mühen der Ebene folgt.

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Schneien die Samen aus Seide, / verflackert der Ampferbrand, – / daß sich der Taumel bescheide, / im Glase rinnt wieder der Sand. (Maria Müller-Gögler: Wiesenblüte)

 

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Der Weg ist das Ziel. Auch der Rückweg. Ist die Mitfahrgelegenheit verpasst oder noch in weiter Ferne, lohnt es, sich entspannt in Geduld zu üben. Eine Situation, in der man vielleicht grübelnd wissen möchte, wohin die eigene Lebensreise noch führen wird. Willkommene Gelegenheit Fragen zu stellen oder zuzulassen und möglicherweise überraschenden Antworten zu begegnen. Philosophisches müsste also zur Hand sein. Das lebenskluge, äußerst hilfreiche „Gelassenheit“ des Wilhelm Schmid oder das mutige „Warum es die Welt nicht gibt“ des jungen Denkers Markus Gabriel, der mit frischen Interpretationen herausfordert.

 

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2 Responses to Sommerorte. Leseplätze.

  1. A summer reader sagt:

    Toll, diese verführerische Komposition sommerlicher Leseorte! Balkonien ist auch kein schlechter Leseplatz an einem himmlischen Sommerabend inmitten der zur Ruhe gekommenen City, in der gar niemand die Drei Bauern auf dem Weg zum Tanz gesehen hat, außer dem in die literarische Welt des Richard Powers und das fotografische Werk des August Sander versunkene Balkon-Leser: was für ein einzigartiges Privileg!

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    • Jan Haag sagt:

      Danke für diese wohlklingende Variation des Themas. In der Tat könnte die „Komposition“ leicht um weitere Takte erweitert werden. Und ich glaube, das wird sie auch. Irgendwann.

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