Leipzig. 9. Oktober 2014

Mit Festakt, Friedensgebet und Lichtfest feiert Leipzig “25 Jahre Friedliche Revolution”.

Martin Walser anno 1977: “Leipzig ist vielleicht momentan nicht unser. Aber Leipzig ist mein. Und ich war noch nie in meinem Leben in Leipzig.” Reaktionen wie, er habe “den Verstand verloren”, gehörten noch zu den harmloseren denen sich der Schriftsteller daraufhin ausgesetzt sah. Wie ich war er seit 1989 sehr oft in Leipzig. Wie ich ist er gerne und regelmäßig Gast der Buchmesse. Meine allererste Erinnerung an Leipzig ist ein Besuch mit den Ilmenauer Großeltern am Völkerschlachtdenkmal, das dem Kind mächtig Angst machte. Danach kamen viele Jahre in denen nicht daran zu denken war, jemals wieder nach Leipzig zu kommen. Nur zu hoffen.

„Es ist ganz falsch, so zu tun, als wäre da plötzlich der Heilige Geist über die Plätze in Leipzig gekommen und hat die Welt verändert.“ Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl, der gerne als “Kanzler der Einheit” ins Geschichtsbuch möchte, in Interview-Mitschnitten seines Biographen Heribert Schwan.

Das sieht Joachim Gauck, Präsident von 16 seit 1990 wiedervereinten Bundesländern, völlig anders. Mit einem Festakt im Gewandhaus, Friedensgebet in der Nikolaikirche und dem bereits traditionellen Lichtfest feiert Leipzig “25 Jahre Friedliche Revolution”. Der ehemalige Rostocker Pastor und erste Chef der Stasi-Unterlagen-Behörde spricht an diesem Vormittag “vom Glück”, dass er ganz persönlich empfunden hat. Die Rolle der Leipziger Friedensgebete und Montagsdemonstrationen ist für ihn von herausragender Bedeutung, unverzichtbare Voraussetzung für den damit einsetzenden Prozess der deutschen Wiedervereinigung: “Ohne 9. Oktober, kein 9. November (Mauerfall). Ohne Freiheit, keine Einheit”, ist seine Kernaussage bei der Bewertung der historischen Ereignisse. Und es sei “immer wieder zu erinnern, was wir errungen haben.” Gauck fordert zum politischen Engagement auf. Nur so seien Demokratie und Freiheit zu erhalten.

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© Stadt Leipzig / Stefan Hoyer

Der Festakt im Gewandhaus beginnt pünktlich um 11 Uhr. In der halben Stunde vorher waren zahlreiche Ehrengäste in großen schwarzen Limousinen vorgefahren. Von Polizei und Sicherheitspersonal umgeben und mit Absperrgittern weiträumig separiert. Die Feier der Freiheit braucht reichlich Abschirmung und Schutz. Auf dem Augustus-Platz, ehemals Karl-Marx-Platz, vor 25 Jahren Sammel- und Ausgangspunkt für die Montagsdemonstranten, direkt neben der Oper, ist eine große Leinwand aufgebaut. Hier gibt es die Veranstaltung im traditionsreichen Konzerthaus als “public viewing” für das Volk.

Beim öffentlichen Zuschauen vor der Großleinwand stehen und sitzen zunächst nur wenige Bürger, zögernd werden es mehr. Die Kamera hält auf einige besonders bekannte Gäste. Neben Gauck sind das vor allem Hans Dietrich Genscher, der sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich und Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung. Der aus Deutschland stammende ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger sitzt in der ersten Reihe, daneben die Präsidenten Polens, Ungarns, der Slowakei und der tschechischen Republik. Das deutsche Staatsoberhaupt hat sie eingeladen um die besondere Rolle dieser Länder beim deutschen Weg in Freiheit und Einheit zu würdigen. Der damals so besonnene Kurt Masur ist kurz zu sehen.

Es ist bewegend als nach Joachim Gaucks starker Rede auf der großen Orgel des Gewandhauses zu Leipzig die Orgel-Sonate von Felix Mendelssohn-Bartoldy erklingt. Nach einer Rede von Ministerpräsident Tillich spielt das Gewandhaus-Orchester aus Beethovens 9. Symphonie die “Ode an die Freude”. Die Verse dazu stammen von Friedrich Schiller; er schrieb sie seinerzeit in Gohlis, damals ein kleines Dorf vor den Toren der noch nicht so ausgedehnten Stadt.

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Auffahrt der Staatskarossen vor dem Gewandhaus (links, nicht im Bild). Im Hintergrund die neu erbaute Universitätskirche, deren ursprünglichen Bau die DDR im Mai 1968 sprengen ließ.

Und die Freiheit? Wird sie denn wahrgenommen und gelebt oder nur empfunden wenn es eine fehlende ist? Überwiegt nicht bei den meisten Zeitgenossen der Hang zur Schwarmexistenz? Ist nicht die Bequemlichkeit des Konformismus meist naheliegender als anstrengende, oft auf wenig Sympathie stoßende Individualität, verbunden mit der Bereitschaft zu Außenseitertum, Dickköpfigkeit und Widerspruchsbereitsschaft.

Ist es nicht so, dass sich für viele Menschen die Frage nach individueller Freiheit erst gar nicht stellt? In Leipzig gibt es – wie in den meisten deutschen Städten – Menschen, für die sie einen schwer zu erreichenden Luxus darstellt. Alte, hilflose und einsame Menschen. Menschen am Rande des Existenzminimums. Menschen die unter Gewalt und Unterdrückung leiden. Kinder und Jugendliche mit wenig Chancen auf dem weiteren Lebensweg. Das Leben in einer freien Gesellschaft beinhaltet neben all ihren Glücksversprechungen auch reichlich Alternativen des Scheiterns, der Hoffnungslosigkeit, der Resignation. Und hat die Freiheit in modernen Zivilgesellschaften nicht auch etwas mit dem Ein- oder Herkommen zu tun?

Am Nachmittag findet in der Nikolaikirche das traditionelle Friedensgebet statt. Nicht wie Woche für Woche seit 1982 montags, sondern aus Anlass des Jubiläumsdatums 9. Oktober ausnahmsweise an einem Donnerstag. Und ausnahmsweise in ganz großer Besetzung. Die Prominenz vom Vormittag fährt erneut an der Rückseite der Kirche vor. Von dort geht es am Polizeispalier vorbei zu den vorderen Bänken im Gotteshaus. Während der Bundespräsident noch kurz auf die Wartenden zugeht, Hände schüttelt, Zuneigung entgegennimmt, steht neben der Sakristei – sich noch rasch eine Zigarette gönnend – der Ex-Chorknabe, das Leipziger Musiker-Urgestein, Sebastian Krumbiegel. Er wird während des Gottesdienstes zwei Lieder singen.

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Zum Friedensgebet durfte auch das Volk kommen. Doch nur wenige der wartenden Bürger fanden Platz – zu groß war der Andrang.

“Sanftheit ist nicht gleich Dummheit, / Liebe ist unsre Stärke. / Rücksicht ist nicht gleich Schwäche, / Weichheit ist unsre Härte. / In uns lebt das Licht, Glück zu empfinden, / es ist ganz einfach, / wir brauchen nur die Kerze anzuzünden”, heißt es in seinem “Meine Nation sind die Liebenden.” Später wird er sich noch mit Udo Lindenbergs “Er wollte nach Deutschland” in der Asylfrage positionieren. Starke Elemente einer außergewöhnlich kraftvollen kirchlichen Zeremonie. Kraftvoll vor allem weil die Geistlichen, aktuelle und ehemalige Pfarrer dieser besonderen Gemeinde und der Superintendent Martin Henker deutliche Worte finden und aussprechen. Ganz in der Tradition der Leipziger Umwelt- und Friedensbewegung fordern sie radikalen Gewaltverzicht, den Stop von Rüstungsexporten und eine liberale Auslegung des Asylrechts.

Im Gegensatz zum Vormittag im Gewandhaus wird etwas Volk in die Kirche eingelassen. Eine 100 Meter lange Schlange hatte sich bereits eine Stunde vor Kirchenöffnung gebildet. Wieder gibt es eine zeitgleiche Übertragung nach draußen. Diesmal auf zwei Plätze. Erneut auf den weitläufigen Augustus-Platz und zusätzlich auf den kleinen, intimeren Nikolaikirchhof. Es ist schon erstaunlich, beachtlich, vielleicht kein Wunder, doch zumindest wunderbar: Unmittelbar neben der Kirche lauschen viele hundert Leipziger und Gäste aus ganz Deutschland und vielen anderen Ländern der Bergpredigt mit ihrer Botschaft von Sanftmut, Toleranz und Mitgefühl, sprechen die Gebete mit, applaudieren zu den Kernaussagen der Predigt und der Fürbitten und singen sichtlich ergriffen geistliche Lieder wie “Nun danket alle Gott” oder “Jesu meine Freude”. Kaum jemand geht danach unberührt durch diese Stadt, deren Menschen so entscheidend dazu beitrugen, dass sich in Deutschland 1989 und 1990 so vieles verändern konnte.

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Foto: Wiebke Haag

Der Tag endet mit dem bereits zur Tradition gewordenen Lichtfest. Aus allen Richtungen strömen bei Einbruch der Dunkelheit Menschen mit Kerzen zum Augustus-Platz. Zwischen 150 und 200 Tausend werden es schließlich sein. Noch einmal kurze Ansprachen von Joachim Gauck und Burhard Jung. Dann setzt sich ganz langsam die Masse in Bewegung. Ein langer Zug entsteht. Es geht Richtung Hauptbahnhof und weiter um den ganzen Innenstadtring, auf den Spuren jener mutigen Leipziger Bürger, die am 9. Oktober 1989 zum alles entscheidenden Spaziergang aufgebrochen waren, zu einem friedlichen Schlendern, das die Kraft besaß Deutschland zu einem neuen Land zu machen.

Den Weg rund um die Innenstadt säumt allerhand Sehens- und Erlebenswertes. Lichtinstallationen, Tanz und Performance, verschiedene musikalische Darbietungen. Bald sind Kneipen und Restaurants überfüllt. Es ist auch ein Volksfest. So entsteht neues Brauchtum. Teilnehmer die heute dabei und jünger als 30 Jahre sind, haben keine eigene Erinnerung an die Ereignisse vom Herbst 1989. “Keine Gewalt” war das zentrale ausgegebene Motto, an das sich alle hielten, während abseits bewaffnete Kräfte von Polizei und Militär auf den Befehl warteten, das Volk des „Arbeiter- und Bauern-Staates“ niederzuwerfen. Ein großes Blutvergießen drohte, wie man es erst wenige Monate vorher in Peking hatte miterleben müssen. Aber es kamen keine Befehle mehr. Nicht aus Moskau. Nicht aus Berlin. Nicht aus Leipzig.

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