Auf einen Einspänner ins Jelinek – Herbsttage in Wien

“Otto Trsnjeks kleine Tabaktrafik lag im neunten Wiener Gemeindebezirk an der Währingerstraße… Durch die von Plakaten, Zetteln und Reklamebildern fast lückenlos zugeklebte Auslagenscheibe drang nur wenig Licht ins Innere… Der Verkaufsraum war winzig und bis unter die Decke vollgestopft mit Zeitungen, Zeitschriften, Heftchen, Büchern, Schreibzeug, Zigarettenschachteln, Zigarrenkisten und verschiedenen anderen Rauch-, Schreib- und Kleinwaren.”

Die Handlung von Robert Seethalers wunderbaren Wien-Roman “Der Trafikant” spielt im Jahre 1937. Der junge Franz Huchel kommt aus der Provinz in die Metropole um bei Otto Trsnjek eine Lehre anzutreten. Wiener Trafiken haben sich seit damals nicht sehr verändert. Doch die, vor der ich an einem frischen Oktobermorgen in der Währinger Straße stehe, hat wohl aufgegeben. Die schmale, wie bei Seethaler mit allerhand Papieren verkleisterte Eingangstür, ist mit einem verdreckten Rollgitter verschlossen. Davor wurde schon lange nicht mehr gekehrt. Angemoderte Blätter, zerknüllte Teile der Speisenliste eines asiatischen Imbiss, Reste einer roten Wollmütze, eine fettfleckige Pommestüte, die abgerissene Kino-Eintrittskarte schaukeln im leichten Ostwind.

Für heutige Wienbesucher gibt es wenig gute Gründe die Währinger Straße aufzusuchen. Wer allerdings den Kontrast zu den schillernden Konsumwelten von Graben, Kärntner oder Mariahilfer Straße sucht ist richtig. Hier gibt es graue, bröckelnde Fassaden, holprige Gehwege, Leerstand und an mancher Ecke sichtbar trostlosen, schlechtbewältigten Alltag. Heimito von Doderer hat in dieser Straße gewohnt. Von 1956 bis zu seinem Tode am 23. Dezember 1966. Die “Österreichische Gesellschaft für Literatur” hat an seinem ehemaligen Wohnhaus eine Gedenktafel angebracht. Doderer ist neben Musil der vielleicht wichtigste Wiener Romancier der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Freunde seiner umfangreichen, etwas verschlungenen Romane kommen in die Währinger Straße um von dort in die Strudelhofgasse abzubiegen, durch die man zur Strudelhofstiege kommt. Die eindrucksvolle, mehrstöckige Treppenanlage wurde im Jugenstil erbaut und gab dem bekanntesten seiner Bücher den Titel.

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Es wird berichtet, dass die Geschichte der Wiener Literaten-Cafés 1844 begann, als ein Apotheker namens Heinrich Griensteidl zum Kaffeesieder umschulte und 1847 in der Biberstraße sein erstes Café eröffnete. Später zog das Lokal in die Michaelerstraße, direkt gegenüber dem 1888 eröffneten neuen Burgtheater. Schon bald zählten Literaten und Philosophen, Journalisten und Lebenskünstler zu den Stammgästen. Bis heute bewahrt das Haus seinen traditionellen Kaffeehaus-Charme, pflegt die Griensteidl-Legende und lädt mit reichlich angebotenem Lesestoff zum längeren Verbleib.

Auf Tradition legt auch das Café Jelinek im 6. Wiener Bezirk ganz selbstverständlichen Wert. Mit der österreichischen Schriftstellerin gleichen Namens hat es übrigens nichts zu tun. Allerdings stammen Einrichtung und Ambiente mindestens aus einer Zeit als die Literatur-Nobelpreisträgerin noch gar nicht geboren war. Die vom Zigarettenrauch eingebräunten Tapeten, die abgenutzte, doch immer noch erstaunlich kommode Möblierung, der schmiedeeiserne Holzofen, ergeben eine leicht morbide Athmosphäre, die angeblich ganz dem Widerwillen der meisten Wiener gegen Veränderungen und Modernisierung entspricht. Man sitzt durchaus gut, und gerne die Zeit vergessend, auf Stühlen und Polsterbänken, die nicht nur für ein Menschleben geschaffen wurden.

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Das kleine Tellergulasch mit Semmel schmeckt ausgezeichnet, die Zeitungsauswahl ist ebenso reichhaltig wie die typischen Wiener Kaffee-Varianten und mancher Gast lässt vermuten, er sei schon hier gesessen als die Tapeten noch frisch waren und habe nicht vor seinen Platz so bald wieder zu verlassen. Ich will nicht ganz so lange bleiben und versuche den Besuch im Jelinek mit einem muntermachenden, mit einigen sahnigen Kalorien angereicherten Einspänner abzuschließen. Doch das Weggehen fällt danach nicht leicht. Eine kleine Versuchung bleibt, hier ebenfalls zum Inventar zu werden.

Bis vor Kurzem war ich der festen Überzeugung der Charakter des Kaffehaus-Literaten sei spätestens mit Beginn des 21. Jahrhunderts endgültig ausgestorben. Der Schweizer Schriftsteller Thomas Meyer hat mich davon überzeugt, dass dies so pauschal keineswegs der Fall ist. “Den zauberhaften Damen der Confiserie Sprüngli, die mich während der Erstellung dieses Romans so liebevoll umsorgt haben”, lautet die Widmung an ein Zürcher Kaffeehaus und sein Personal in seinem humorvollen Milieu-Roman “Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse”.

In Wien hat das Schreiben im Kaffeehaus eine lange Geschichte. Dass dabei den Federn nicht nur Sinnvolles oder Umfangreiches entfloss, wusste in den 1920er-Jahren bereits der hintersinnig vielseitige Alfred Polgar: “Es gibt Schreiber, die nirgendwo anders wie im Café Central ihr Schreibpensum zu erledigen imstande sind, nur dort, an den Tischen des Müßiggangs, ist ihnen die Tafel der Arbeit gedeckt, nur dort, von Faulenzdüften umweht, wird ihrer Tätigkeit Befruchtung. Es gibt Schaffende, denen nur im Central nichts einfällt, überall anders weit weniger.”

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Bei diesem Wien-Besuch kam ich nicht ins Café Central. Dafür konnte der Aufenthalt im ebenfalls längst anekdotenumwobenen Sperl mehr als entschädigen. Seit 1880 liegt sein Eingang Ecke Gumpendorfer Straße/Lehargasse. In der Nähe sind das Theater an der Wien und das Raimund Theater. Künstler, Literaten und Schauspieler geben sich im Sperl die Klinke in die Hand. “Schanigarten” heißt auf Wienerisch die Draußen-Bewirtung, die dem Sperl im Sommer zusätzliches Flair verleiht. Hat man einen Platz gefunden, was zu manchen Zeiten etwas schwierig sein kann, sind die gebratenen Knödel als Stärkung für weitere Stadt-Exkursionen zu empfehlen, bevor man den Besuch vielleicht mit einer gepflegten Melange abrundet.

Nicht gerade eine Exkursion, aber immerhin einen längeren Spaziergang unternahm ich im Stadtteil Margareten, amtlich ist dies der 5. Bezirk. Vom Siebenbrunnenplatz zur Reinprechtsdorfer Straße, von der man nach etwa 200 Metern rechts in die Margaretenstraße einbiegt. Es ist der Weg stadteinwärts, der, vorbei an allerhand originellen Gemischtwarenläden, ausländischen Imbissen, Wettbüros und Beißln schließlich in die Operngasse und zum Verkehrsknoten Karlsplatz führt. Im Schaufenster des Antiquariats “bücherwurm” wird anregende Lektüre für weitere Streifzüge und literarische Spurensuche in Wien präsentiert. Etwa Dietmar Griesers “Liebe in Wien”, in dem der Autor 20 Paare der Wiener Kulturgeschichte porträtiert. Oder das längst vergriffene, für mich ab sofort unverzichtbare, “Die Wiener Kaffeehausliteraten” von Bartel F. Sinhuber.

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“Der gusseiserne Ofen hinten an der Wand war eingeheizt. Es roch gemütlich nach Kaffee und Bücherstaub. Die Regale reichten bis zur Decke. Eine hohe Leiter lehnte an der Wand neben dem Ofen, die Tritte waren mit Samt überzogen oder mit Wildleder. In den Ecken standen Sessel, ein roter und ein gelber Ledersessel, daneben ovale Tischchen, Kaffeetassen, Zuckerdose, eine Schale mit Keksen, Weingläser.” Der vorarlberger Schriftsteller Michael Köhlmeier, der inzwischen hauptsächlich in Wien lebt, schildert in seinem Roman “Madalyn” wie ein 14-jähriges, eher bildungsfernes Mädchen, zum ersten Mal die Buchhandlung Jeller in der Margartenstraße 35 betritt. Madalyn hat eigentlich nichts am Hut mit Büchern und Geld ausgeben möchte sie dafür schon gleich gar nicht. Trotzdem verlässt sie nach Frau Jellers Beratung die Buchhandlung mit einer Liebesgedichte-Anthologie. “Ohne hineinzuschauen, bezahlte Madalyn und ging. Sie schämte sich ein wenig. Und wusste nicht, warum. Als hätte sie sich das Buch irgendwie erschlichen.”

Nachdem sich der Bummel durch Reinprechtsdorfer und Margaretenstraße schon reichlich hingezogen hatte, reichte es nur zur Bewunderung der aufwendigen, originellen Schaufensterdekoration der Buchhandlung Jeller. Aktuelle belletristische Neuerscheinung liegen unter echten Birkenstämmen. Der nächste Wien-Aufenthalt wird garantiert mit einem längeren Besuch und ausgiebigen Stöbern in den prallvollen dunklen Holzregalen verbunden sein. Frau Jeller, erfuhr ich später, besteht auf der Feststellung dass ihre Buchhandlung, obwohl in der Margaretenstraße gelegen, nicht zu Margareten, sondern zu Wieden, dem innenstadtnäheren 4. Bezirk gehört. Da sind die Wienerinnen und Wiener eigen.

Jede Menge Bücher gibt es auch im “Phil”. Es liegt in der Gumpendorfer Straße schräg gegenüber vom Sperl und vereint Handlung und Kaffeehaus. Es feierte dieser Tage 10-jähriges Jubiläum, was im Vergleich mit anderen Wiener Häusern gleichbedeutend ist mit neulich eröffnet. Phil kommt von bibliophil und Philosophie, zwei Begriffe die ebenso gut harmonieren, wie die verschiedenen Elemente aus denen dieses Mehralseinkaffeehaus besteht. Das “Phil” ist auf jeden Fall der ideale Ort für Zeitgenossen die bookish sind. Im Buchhandelsteil des Lokals sind allerhand noch nicht so rundum bekannte österreichische Autoren und Autorinnen zu entdecken. So gehören zum Beispiel die Bücher von Karin Peschka, Reinhard Kaiser-Mühlecker oder Theodora Bauer zu jenen, die uns der bundesdeutsche Buchhandel weitestgehend vorenthält. Zum Reinlesen in die Neuentdeckung lässt man sich am besten zu ein oder zwei Verlängerten auf den Retro-Möbeln nieder, die wirken als wären sie aus den 1950er-Jahren gebeamt. Die schmucken Teile sind wie die Bücher käuflich zu erwerben. Und vielleicht sitzt ja am Nebentisch der eine oder die andere Nachwuchs-Kaffeehausliterat/in von dem oder der man demnächst noch hören wird.

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Der Dauer-Aufenthalt in einem Kaffeehaus war manchem Schriftsteller, Intellektuellen oder müßiggehenden Privatier die naturgegebene Existenzform. Arthur Schnitzler, der dem väterlichen Vorbild folgend, zunächst Arzt wurde, war für seine zahlreichen, wechselnden Affären mit meist jüngeren Wienerinnen bekannt. 1882 folgt auf die Anni alsbald eine Therese, “die vielumworbene Kassiererin meines Stammcafés, in dem ich vormittags Billard, nachmittags Karten, abends Billard und Karten, nachts Karten und Billard zu spielen pflegte.” Irgendwo dazwischen hat Schnitzler neben etwas Prosa, seine vielgespielten Theaterstücke, wie “Liebelei” oder “Reigen” geschrieben. Mit Hugo von Hoffmannsthal, Hermann Bahr, Felix Salten und einigen anderen, traf er sich im Café Griensteidl. Ab circa 1890 sprach man von der “Wiener Moderne” und rechnete die Herrschaften (Frauen kommen anscheinend nur in oben erwähntem Zusammenhang vor) zur Gruppe des “Jungen Wien.”

Und jetzt ein Bier. Vielleicht ein Ottakringer aus der letzten in Wien noch betriebenen Brauerei. Oder das kühle Helle aus Schwechat. Natürlich darf es auch das eine oder andere Glaserl vom Blauen Zweigelt oder Grünen Veltliner sein. Abends im Haas-Beisl zur gebackenen Fledermaus oder einem echten Wiener Schnitzel mit Erdäpfel-Vogerlsalat, gefolgt von Topfennockerln oder einem Schmarrn mit Zwetschgenröster. Gleich um die Ecke, in der Ziegelofengasse, liegt das „Zum alten Fassl“ (derzeit Gansl-Wochen!). Über dessen Gaststuben wohnte einst der legendäre Falco. Mozart und Falco sind bekanntlich nicht mehr unter den Lebenden, Marianne Mendt und Arik Brauer längst nicht mehr die Jüngsten. Da freut man sich an der jugendlichen Frische der Wiener Kult-Combo “Kommando Elefant”, die just in diesem Herbst mit ihrem aktuellen Song und Video “Ich find dich seltsam” kräftig reüssiert. Zu finden auf  „Lass uns Realität“; Scheibe und Download kommen am 14. November zu den Wienern und dem Rest der Welt. Weitere Infos gibt es auf der Web-Site

Kommando Elefant

Und das „Ich find dich seltsam“ Video hier:

Frische Musik

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Erwähnte und verwendete Bücher

Das Wichtigste: Kaffee in Wien. – Wien : Verlag Holzbaum, 2014

(Kleines handliches Büchlein in dem alle Bezeichnungen für die vielen verschiedenen Kaffee-Zubereitungen und -Gedecke erklärt werden, dazu Kurzinfos zu nahezu allen Kaffeehäusern Wiens.)

Bauer, Theodora: Das Fell der Tante Meri. – Wien : Picus, 2014

Grieser, Dietmar: Liebe in Wien. E. amouröse Porträtgalerie. – München : Dt. Taschenbuchverlag, 1991

Heger, Hedwig: Wien. Eine literarische Entdeckungsreise. – Darmstadt : Wissenschaftl. Buchgesellschaft, 2004

Kaiser-Mühlecker, Reinhard: Roter Flieder. Roman. – Hamburg : Hoffmann und Campe, 2012

Köhlmeier, Michael: Madalyn. Roman. – München : Hanser, 2010

Meyer, Thomas: Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse. Roman. – Zürich : Salis, 2012

Peschka, Karin: Watschenmann. – Salzburg : Müller, 2014

Seethaler, Rober: Der Trafikant. Roman. – Zürich : Kein & Aber, 2012

Sinhuber, Bartel F.: Die Wiener Kaffeehaus-Literaten. Anekdotisches zur LIteraturgeschichte. – Wien : Ed. Wien, 1993

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