„Wirklich schon wieder ein Jahr?“

„Daß bald das neue Jahr beginnt, / spür ich nicht im geringsten. / Ich merke nur: Die Zeit verrinnt / genauso wie zu Pfingsten.“ (Joachim Ringelnatz: „Silvester“)

Erwartungen werden selten übertroffen. Häufiger enden sie mit Enttäuschung und Frustration. Überraschungen hingegen sind oft die erfreulicheren Ereignisse, sie müssen und können keiner Erwartung entsprechen. Traditionell überfrachtet mit Erwartungen: Das Weihnachtsfest und die folgenden Tage, in denen uns die Zeit nicht durch Alltagsallerlei und stupide Routinen abgenommen wird. Doch der Überschuss an Frei-Zeit und die damit verbundenen Erwartungen und Ansprüche können in harmloseren Fällen zu Langeweile, bei eskalierendem Verlauf zu ernsten Konflikten oder heftigen Konfrontationen führen.

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Meine Erwartung an die arbeitsfreien, von viel Ballast befreiten Tage zwischen Heiligabend und Neujahr (eventuell sogar sechstem Januar), ist zunächst durchaus nicht unüblich. Gemütliche Stunden und kalorienreiche, ausgedehnte Mahlzeiten mit den nächsten Liebsten und allerbesten Freunden. Darüber hinaus beanspruche ich jedoch reichlich Zeit für meine ganz persönlichen Wahlverwandten. Für jene Dichter und Denker und ihre Werke, die mir nahestehen, mich ansprechen, seit Jahren begleiten. Gerne nutze ich die Spanne um den Jahreswechsel zur geduldigen (meist wiederholten) Beschäftigung mit einem geliebten “Klassiker”.

Mit Fontanes „Stechlin“ und dem „Felix Krull“ von Thomas Mann wollte ich in diesem Jahr gerne die verbleibenden Rückzugsräume füllen. Bis dato wurde nichts daraus. Denn noch liegen einige der attraktiven Neuerscheinungen des zurückliegenden Bücherherbstes auf dem Wartestapel (s. dazu auch die  „Auslese 2014“ auf diesem Blog). Und dann sind da immer wieder Überraschungen und Unerwartetes, die sich vordrängen. So landete vor einigen Tagen der im Frühjahr erschienene Rowohlt-Band „Aus dem Berliner Journal“ von Max Frisch auf dem Nachttisch. Tagebuchartige Aufzeichnungen, Skizzen, Reflektionen aus dem Jahr 1973, das Frisch und Gattin in Berlin verbrachten. Jeden Abend werden seitdem ein paar Zeilen, höchstens einige wenige Seiten, fällig. Mehr nicht, denn es ist dichter Stoff. Am besten geeignet für höhere Semester, die noch aktive Erinnerungen an die Literaturszene der 1970er-Jahre haben.

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Ebenfalls unerwartet, ein Buch, das für mich unterm illuminierten Tannengrün lag. Geschrieben von einem Verfasser, den ich bei der Sichtung der 2014er Neuerscheinungen übersehen hatte. „Steiners Geschichte“ des österreichischen Schriftstellers Constantin Göttfert. Nach dem Roman „Satus Katze“ und der Erzählung „Detroit“ sein drittes, diesmal fast fünfhundert Seiten starkes Buch. Die Geschichte einer Familie, die im österreichisch-slowakischen Grenzgebiet lebt. Karpatendeutsche, die als Vertriebene dort ankamen und nie richtig heimisch wurden. Sofort denkt man natürlich an Peter Handke. Und an „Engel des Vergessens“ von Maja Haderlap oder „Tauben fliegen auf“ von Melinda Nadj Abonji. Ich bin sehr gespannt auf diesen Roman und er wird bei der Lese-Rangfolge vielleicht ebenfalls kurzfristig vor Fontane und Mann landen.

Das ist gleichzeitig Lektüre, die auffordert über sich ausbreitendes Gezerfe rund um das Thema Zuwanderung in bundesdeutsches Staatsgebiet nachzudenken. (Undefinierbare Begriffe wie Abendland, Volk oder Nation, die allenthalben zu Rundumschlägen missbraucht werden, sind für mich nicht verwendbar.) Unsäglich die hasserfüllten Chöre. Unerträglich die politischen und wirtschaftlichen Kalkulationen die mit Menschen in Existenznot angestellt werden. Mit diesen Frauen und Männern, mit all diesen Kindern und Jugendlichen, wandern nicht nur viele, viele neue Schicksale und hoffnungsvolle Zukunftserwartungen ein. Im spärlichen Gepäck der Entwurzelten sind zudem viele, viele neue Geschichten. Reicher Stoff für Erzählungen, Romane, Gedichte, Theaterstücke und Filme der nächsten Jahre und Jahrzehnte.

EN_009783938803677Zum E-Book abgewöhnen gut und schön ist “Nordlicht – Südlicht” des Finnen Mooses Mentula, das ich kurz vor den Feiertagen auf der Facebook-Seite des Weidle-Verlags entdeckte, mir unbedingt noch beim Buchhändler meines Vertrauens besorgen musste und von dem ich bereits nach dem Anlesen auf der Heimfahrt in der Straßenbahn nicht mehr loskam. In Finnland sind die Gegensätze zwischen verstädtertem Süden und einsam-weitläufigem Norden des Landes ein wichtiges Thema. Die krassen Gegensätze der Lebensweise, die kulturellen Unterschiede, die daraus resultierenden Prägungen stehen im Mittelpunkt dieses originellen, sehr spannend zu lesenden Romans. Marianne, ein Stadtmensch aus dem Süden, hat sich in den ersten Jahren sehr wohl gefühlt in Lappland, nachdem sie den Rentierzüchter Jouni geheiratet und das Paar den Sohn Lenne bekommen hatte. Doch ganz langsam zerbricht die Idylle. Ein großer Roman, eine bestaunenswerte Übersetzungsleistung und eine traumhafte Buchgestaltung. Druck, Bindung, Satz, Papier und Ausstattung vereinen sich zu einem außergewöhnlichen haptischen Eindruck und Genuss.

In einem Spiegel-Gespräch wurde die französische Klavier-Virtuosin Hélène Grimaud nach dem Sinn von Musik gefragt. “Damit wir Menschen uns selbst erkennen.” Antwortete sie. “Damit wir die Dinge nicht nur so sehen, wie die Dinge eben sind, sondern auch so, wie sie sein könnten. Damit wir etwas derart intensiv fühlen, dass es uns verändert.” Ich finde, das gilt auch für gute Literatur.

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Wirklich schon wieder ein Jahr!

Und ein neues wartet schon. Das Musik- und Literaturjahr, das Bücher- und Konzertjahr, das Jahr der Lesungen und Inszenierungen, das Jahr neuer Erwartungen, einiger Enttäuschungen und (hoffentlich) schöner Überraschungen, das Lese- und Schreibjahr 2015.

Prosit!

Ein Kommentar zu “„Wirklich schon wieder ein Jahr?“

  1. Bevor das neue Jahr zu alt wird, müssen wir Leser von CON=LIBRI uns kurz versammeln und ein lautes „Bravo!“ nach Ulm in die Studier- und Lesestube von Jan Haag rufen, dem Verfasser dieses Blogs, der uns auch 2014 unermüdlich auf die Spuren von Orten der Literatur gebracht hat. Da gab’s diesmal ja nicht nur die vorzüglichen Empfehlungen der Auslese 2014, sondern auch ein Tagebuch von einem Besuch in Wien, eine Betrachtung zum 100. von Arno Schmidt, Besuche in Walsers Seelenreich und Berichte von Buchmessen. Und jedesmal mit feinstem Fingerspitzengefühl und in sorgfältigem Schreibdeutsch. CON=LIBRI wird auch 2015 ein höchst willkommener Blog sein. Wer interessiert ist und Lust hat: die beiden anderen Blogs, die ich regelmässig lese, sind: Für Musik, klassische und neumodsche Tonsetzer, oft mit Video-Beispielen: Alex Ross „The Rest is Noise“ http://www.therestisnoise.com/; und für alles Interessante zum Lesen (und Schreiben) von Büchern: Maria Popovas „Brainpickings“: http://www.brainpickings.org/, die, wenn man es will, jeden Sonntag aus New York gratis in die Inbox geschickt werden.

    Ein friedvolles und trotzdem aufregendes Jahr!

    Wulf Rehder

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