„Paris hatte sich der Droge Theorie ergeben.“ (*)

Über “Der lange Sommer der Theorie” von Philipp Felsch

“Alle müssen immerzu etwas vorhaben. Freizeit verlangt ausgeschöpft zu werden. Sie wird geplant, auf Unternehmungen verwandt, mit Besuch aller möglichen Veranstaltungen oder auch nur mit möglichst rascher Fortbewegung ausgefüllt. Der Schatten davon fällt über die intellektuelle Arbeit. Sie geschieht mit schlechtem Gewissen, als wäre sie von irgendwelchen dringlichen, wenngleich nur imaginären Beschäftigungen abgestohlen.” (Theodor W. Adorno, Minima Moralia)

Die Lektüre der “Minima Moralia” wurde in den fünziger Jahren des 20. Jahrhunderts zum Schlüsselerlebnis für den 1936 in Halberstadt geborenen Peter Gente. Das Buch hat ihn viele Jahre als eine Art Leitwerk begleitet. “Mit den ‘Minima Moralia’ als Kompass in der Tasche brach Gente in die sechziger Jahre auf.” 1970 gehörte er zu den Gründern des Merve Verlags in West-Berlin, der als Kollektiv begann. Merve war der Vorname seiner damaligen Ehefrau. Merve Lowien und Peter Gente trennten sich nach achtzehn gemeinsamen Jahren. Gente ging eine neue Partnerschaft mit der Studentin Heidi Paris ein. Nach dem Ende des Kollektivs leiteten die beiden den Verlag gemeinsam bis 2002, das Jahr in dem Paris freiwillig aus dem Leben schied. Peter Gente zog sich 2007 aus dem Geschäft zurück; im Februar 2014 ist er in Thailand gestorben.

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In “Der lange Sommer der Theorie” erzählt Philipp Felsch die Verlegergeschichte Gentes. Sie bildet den Kern seines Versuchs einer Kultur- und Ideengeschichte der “68er”, sowie deren unmittelbarer Vorgänger und Nachfolger im Spiegel ihrer Lese-Erfahrungen. Er stellt jene Autoren vor, die im Mittelpunkt ihrer Studien standen und erläutert die Einflüsse dieser Lektüren. Seine “Geschichte einer Revolte 1960 – 1990”, wie der Untertitel des Buches lautet, behandelt die inzwischen historischen Entwicklungen während dreißig sehr bewegter Jahre der alten Bundesrepublik Deutschland. Das damalige West-Berlin lernen wir als zentralen Kulmulations- und Siedepunkt kennen.

Philipp Felsch wurde 1972 in Göttingen geboren. Er studierte Geschichte und Philosophie in Freiburg, Köln, Bologna und Berlin, forschte und lehrte in Berlin, Wien, Innsbruck und an der ETH Zürich. Derzeit ist er als Juniorprofessor für die Geschichte der Humanwissenschaften an der Humboldt-Universität Berlin. Dort leitet er ein Forschungsprojekt, das die Rolle der Theorie in der jüngeren Wissenschaftsgeschichte untersucht. Aus Ergebnissen und Erkenntnissen dieser Arbeit ist die jetzt vorgelegte Monographie entstanden. Eine seiner wichtigsten Quellen war das Merve Verlagsarchiv, das 2006 vom Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie aufgekauft wurde. Aus Felschs Buch ist dank dieses reichhaltigen Fundus an Originaldokumenten auch eine Entwicklungsgeschichte der Lesegewohnheiten und eine Chronik der Veränderungen in der Rezeption von Literatur geworden.

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Copyright: Verlag C. H. Beck

Theodor W. Adorno und Hans Magnus Enzensberger kritisierten in den 1950er-Jahren, dass das Buch immer mehr zum reinen Konsumgut würde und der Leser zum Konsumenten. Symptome für diese Tendenz sahen sie in der offensiven Werbung für die Verlagsprogramme, bunten Covern und der immer stärkeren Verbreitung von Taschenbüchern. Zudem entmündige die steigende Flut der Neuerscheinungen die Leser. Allerdings waren es ausgerechnet die wohlfeilen Taschenbücher die halfen nicht nur die Gedankenwelt dieser beiden Denker und Autoren für Menschen mit schmalem Geldbeutel zugänglich zu machen.

Ähnliche kulturpessimistische Bedenken wurden seitdem oft wiederholt. Wir kennen sie bestens aus unserer Gegenwart. Die neuen Schreckgespenster heißen E-Books, Amazon, Buchhandels-Ketten oder Bestseller-Listen. Unbestreitbar ist sicherlich, dass Lesen, dabei vor allem das vertiefende und reflektierende, das Lesen aus Lust an neuen Erkenntnissen, an Bedeutung verloren hat. Wer dem sofort entgegenwirken möchte, ist mit der Lektüre von Philipp Felschs Buch bestens bedient. Es ist ein Buch für Belesene und Lesewillige. Und eine Abhandlung, die auf die 68er-Bewegung, das Umfeld, ihre Vor- und Nachgeschichte einmal aus etwas anderer Perspektive blicken lässt.

41R4YLYO5fL._AA160_Im Kollektiv des jungen Merve Verlags wurde eifrig diskutiert, protokolliert und erneut diskutiert. Merve besetzte mit seinem Programm und seinen Autoren bewusst die Nischen. Marktführer im Segment Theorie war der Suhrkamp Verlag mit seiner “edition suhrkamp”. Die Nachfolge-Reihe “suhrkamp taschenbuch wissenschaft” erreicht bis heute beachtliche Auflagen. “Dass Autoren wie Wittgenstein, Bloch oder Adorno selbst in Bahnhofsbuchhandlungen an der Spitze der Verkaufszahlen standen war ein bemerkenswerter Trend.”

Verlegerisches Engagement und gesellschaftspolitische Irrwege können nahe beieinander liegen. Peter Gente, der die späteren RAF-Terroristen Andreas Bader und Ulrike Meinhof persönlich kannte, hielt nur das eigene knappe Budget davon ab, diese finanziell zu unterstützen. Und der Philosoph und Religionssoziologe Jacob Taubes, einer der frühen Autoren bei Merve, bewirkte durch ein Gutachten, dass Fritz Teufel und Rainer Langhans einer Haftstrafe für ihre Kaufhaus-Brandstiftungen entgingen.

Berliner Intellektuelle die mit dem Marxismus sympathisierten suchten die Nähe zur Wolfsburger VW-Arbeiterschaft, insbesondere zu den zahlreichen italienischen Gastarbeitern, die außer ihrer Arbeitskraft viel klassenkämpferisches Potential mitgebracht hatten. Jahre später wird Italien als Land interessant. Es kommt zu regelrechten Pilgerreisen in den Süden. “Wie Generationen von deutschen Geistesmenschen entdeckte die Linke Italien als Sehnsuchtsort. In den Siebzigern lockte Italien als Arkadien des Klassenkampf.” In Mailand lebte der linksradikale Verleger Giangiacomo Feltrinelli, der bei einem eigenem Terrorakt ums Leben kommen sollte und dessen Verlagshaus heute zu den erfolgreichsten Italiens gehört. Mit Übersetzungen italienischer Bücher stellte sich bei Merve bescheidener kommerzieller Erfolg ein, der zum Ende des Kollektivs beitrug.

Peter Gente und Heidi Paris trugen fortan die alleinige Verantwortung für das Unternehmen. Paris brachte 1975 Henning Ritter als neuen Autor zu Merve. Der 2013 verstorbenen Autor und Übersetzer erhielt 2011 den “Preis der Leipziger Buchmesse” für seine “Notizhefte”. Für eben diesen Preis in der Kategorie Sachbuch/Essayistik ist in diesem Jahr Philipp Felsch mit seinem langen “Sommer der Theorie” nominiert. Das akribische, detailreiche und sprachlich glänzend geschriebene Werk hätte den Preis sicher verdient. Doch die Konkurrenz ist stark. Als Favorit muss wohl Reiner Stach mit dem dritten Band seiner sehr lesbaren und lesenswerten Kafka-Biographie angesehen werden. Überraschungen sind bei solchen Ehrungen jedoch und glücklicherweise nie ausgeschlossen.

61OWUYwcN0LEnde der siebziger Jahre vollzog Merve einen gewissen Wandel in der programmatischen Ausrichtung. Eine große Rolle spielten nun die französischen Theoretiker, die sich zunehmend ins Zentrum der aktuellen Diskurse gedacht und geschrieben hatten. Mit Michel Foucault wurde einer ihrer prominentesten Vertreter Autor bei Merve. Gente und Paris hatten ihn bei einem Frankreich-Besuch persönlich kennengelernt.

Die neuen Denkrichtungen waren liberaler und offener. Nach dem deutschen Herbst 1977 mit der Ermordung des Arbeitgebern-Präsidenten Schleyer und der Entführung der Lufthansa-Maschine “Landshut” hatten laut Felsch etablierte Politik, bürgerliche Öffentlichkeit und viele Intellektuelle dem Marxismus “einen Schauprozess” gemacht. Stark dazu bei trug Alexander Solschinizyns ebenso erschütternder wie ernüchternder Bericht aus dem “Archipel Gulag”.

In Frankreich meldeten sich die “Nouveaux Philosophes”, allen voran der junge Wilde André Glucksmann, zu Wort. Sie “erklärten die Theorie selbst zum Feind.” Mit ihren Werken schreckten sie keineswegs vor großem Publikumszuspruch zurück, einige stürmten die Bestseller-Listen. Populär zu sein musste kein Negativurteil mehr sein. Als sich nach und nach schließlich grünes Denken immer mehr breit machte, blieb das natürlich nicht ohne Auswirkungen auf die Programme einschlägiger Verlage. “Mit dem Siegeszug der Ökologie neigte sich die Ära der großen theoretischen Entwürfe ihrem Ende.”

Erwähnen möchte ich noch einen Wissenschaftler und Autor auf den Felsch mehrfach zurück kommt und aus dessen Arbeiten er zitiert. Ulrich Raulff hatte Foucault 1976 am Collège de France erlebt, war als Übersetzer für Suhrkamp und Merve tätig. Der heutige Leiter des Deutschen Literaturarchivs in Marbach hat sich u. a. mit der Verbindung von Bildern, Begriffen und Objekten beschäftigt. Felsch greift das auf, wenn er auf den Siegeszug der Bildwissenschaften zu sprechen kommt, der zur Folge hatte, dass es nun nicht mehr verpönt war Theorien gewidmete Bücher mit Abbildungen auszustatten. Der Beginn einer unaufhaltsamen Visualisierung. Die Bedeutung des Bildhaften hat schließlich seit der flächendeckenden Verbreitung digitaler Medien extrem zugenommen.

Ulrich Raulff erhielt übrigens 2010 den “Preis der Leipziger Buchmesse” für “Kreis ohne Meister”, eine Studie über Stefan George und sein Umfeld. Und 2014 erschien von ihm “Wiedersehen mit den Siebzigern. Die wilden Jahre des Lesens”. Das ist insofern interessant, weil dem Buch eine ähnliche Intension zugrunde liegt wie Felschs Werk. Themen und Gegenstände überschneiden sich teilweise, dabei ist die Abhandlung Raulffs knapper und populärer gehalten.

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Der Fülle und Dichte des Materials, dem Spezialwissen, das Philipp Felsch in seinem Buch ausbreitet, war der hier bloggende Rezensent mit seinen begrenzten Voraussetzungen nicht immer gewachsen. Während er die Passagen zu Verlags- und Rezeptionsgeschichte, einschließlich der damit verbundenen geschichtlichen Hintergründe gut mitvollziehen konnte, ist ihm dies bei den französischen Theoretikern nur ansatzweise gelungen. Was nicht verhindern konnte, dass er das Gesamtwerk mit Genuss und Gewinn lesen durfte.

Felschs Geschichtskapitel endet 1990. Die fundamentalen Umwälzungen der Jahre 1989 folgende in Deutschland und Europa legen das nahe. Gewohnt, dass aus Theorien Utopien entstehen, deren Scheitern eher Regel als Ausnahme ist, war nun Utopie zu Hoffnung und schließlich zu Wirklichkeit geworden. Und aus zwei deutschen Staaten einer. Seitdem sind über 25 Jahre vergangen. Peter Gente und Heidi Paris sind tot. Die “Minima Moralia” machen heute einen leicht verstaubten, kategorisch bevormundenden Eindruck. Von Heidegger, ob seiner Vergangenheit, von links schon immer mit Skepsis betrachtet, sind “Schwarze Hefte”, und von manchem Protagonisten der Bewegung Stasi-Akten aufgetaucht.

Die zarte Hoffnung, nach dem Herbst 1989 würde aus der Symbiose von totalitärem Pseudo-Sozialismus und neoliberaler Marktradikalität befreiend Neues hervorgehen, erwies sich bald schon als unerfüllbare Utopie. Hastiger Konsum und seichte multimediale Massenunterhaltung sind die nicht ganz überraschenden Gewinner.

(*) Zitat nach Raulff, “Wiedersehen mit den Siebzigern”. Alle anderen Zitate entstammen, soweit nicht anders angegeben, Felschs “Theorie”.

Felsch: Philipp: Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte 1960 – 1990. – C. H. Beck, 2015. Euro 24,95 (erscheint am 4. März)