Hermann Hesse und Ulm. Erster Teil

Die “Schwarze Henne“

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(Bernd Michael Köhler danke ich für seine Unterstützung bei der Material-Recherche und der Verifizierung von Quellen.)

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Es ist ein beliebter kleiner Spaziergang für Ulmer und Ulm-Besucher. Hinter dem Rathaus hinunter zum schlagseitigen Metzgerturm und auf der Stadtmauer flussabwärts. Die Herdbrücke queren und hinter dem Rosengarten und an der Adler-Bastei vorbei, wo einst Albrecht Berblinger, der “Schneider von Ulm” seinen gescheiterten Flugversuch unternahm, bis zum Gänsturm. Auf der anderen Seite des Turmdurchgangs befinden sich die Baurengasse und die “Schwarze Henne”. Damals wie heute eine beliebte ur-schwäbische Gaststätte in einem gut erhaltenen historischen Haus. Es war wohl ganz zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als Hermann Hesse in der niedrigen Gaststube am massiven Holztisch mit Eugen Zeller bis zwei oder drei in der Nacht zechte. Sie mussten dann Schluss machen, weil der Wein alle war. So wird es zumindest Zeller in einem Zeitungsartikel gut 20 Jahre später darstellen.

Hesse-Orte. Orte an denen der Dichter große Teile seiner Lebenszeit verbrachte, Orte die ihn prägten, in seiner persönlichen Entwicklung eine entscheidende Rolle spielten: Calw, Maulbronn, Tübingen, Basel, Gaienhofen am Bodensee, Bern und Montagnola – vielleicht muss Zürich, wo er in einigen Jahren überwinterte, dazugezählt werden.

Hesse-Kurorte. Plätze an denen er, wenn nicht Heilung, so wenigstens Linderung körperlicher und seelischer Leiden zu finden hoffte: Baden bei Zürich, das Kurhaus Sonnmatt (heute noch in Betrieb), das Engadin im weitesten Sinne, Badenweiler im Südbadischen. Im Sanatorium Prefegier in Marin am Neuenburger See, tauchte er im Herbst 1946 für vier Monate unter, zu einer Zeit als ihm in Stockholm der Nobelpreis für Literatur überreicht werden sollte. Der Schweizer Botschafter sprach für ihn.

Und es gibt eine lange Reihe von Orten, meist Städte, in denen der Dichter sich immer wieder aufhielt. Oft nur wenige Tage und häufig im Zusammenhang mit Lesereisen. Manche dieser Städte liebte er besonders, besichtigte ihre Sehenswürdigkeiten und die vor dem Zweiten Weltkrieg noch unzerstörten historischen Innenstädte, besuchte Bekannte, Freunde, Verleger, Briefpartner. Zu diesen Städten gehörte Ulm an der Donau.

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Aufbrüche, und die damit verbundenen Abschiede, fielen Hesse nie leicht. “ … so bin ich doch ein bequemer, reise- und menschenscheuer Mann, den der Gedanke an eine Reise auf kleinen entlegenen Landbahnstrecken wenig Liebenswertes hat.” Denn “ … für einen Schriftsteller, einen stillen, wenig reisenden Dorfbewohner und Studierzimmermenschen, ist der Gedanke, daß er am zwölften des übernächsten Monats unweigerlich in dieser oder jener Stadt vorzulesen habe, unter Umständen grauenhaft.” So charakterisierte er sich im Büchlein “Die Nürnberger Reise”, von dem noch die Rede sein wird.

Im Mai 1919 wurde Montagnola im schweizerischen Tessin, auf der warmen Alpensüdseite, für Hermann Hesse zur dauerhaften Heimat. Dass sein Verhältnis zum Reisen stets ambivalent war, erfahren wir am Ende der “Nürnberger Reise”: “ … jetzt ging es wieder zurück in den Käfig, in die Kälte, in die Verbannung. Nun ja, das Blatt wehrt sich im Wind und muß doch hin, wo er es haben will. Wohin werde ich jetzt fahren? Um wieviele Tage wird es mir glücken, die Heimkehr zu verzögern? Vermutlich werde ich noch lange reisen, vielleicht den ganzen Winter, vielleicht das ganze Leben.”

Die unwillkommenen “Umstände” ließen sich nicht vermeiden. Vor 1933 war Hesse eine vielgefragte Persönlichkeit in Deutschland. Institutionen und Honoratioren luden ein, Leser erwarteten ihn, der Verlag hatte seine absatzfördernden Vorstellungen. Schweren Herzens brach er auf, ging für Tage und Wochen auf gründlich vorab geplante Tourneen durch deutsche Städte. Obwohl die Aufenthalte in den einzelnen Orten meist kurz waren, versuchte er die Pflichten nach Möglichkeit mit persönlichen Interessen und Neigungen zu verbinden. Ihm lag besonders daran Freunde und Bekannte zu treffen, sich mit ihnen auszutauschen – mit vielen pflegte er langjährige Briefwechsel -, und daran Stätten der Kindheit und Jugend wiederzusehen.

Ulm war sehr oft Station auf seinen Reiserouten. Dass er die ehemalige freie Reichsstadt bereits in jungen Jahren, also noch im 19. Jahrhundert zum ersten Mal sah, kann vermutet werden. Eindeutige Nachweise finden sich jedoch nur für Aufenthalte nach der Jahrhundertwende. Der Turm des Ulmer Münsters, mit dessen Bau bereits ab 1392 nach Plänen des Ulrich von Ensingen begonnen worden war, bekam seine endgültige Form und Höhe im Jahr 1890. Mit 161 Metern wurde er zum höchsten Kirchturm der Welt und übertraf den Kölner Dom um reichlich drei Meter. Dass der 1877 geborene Hesse das Münster vor der Fertigstellung des Turms gesehen hat, ist eher unwahrscheinlich.

Auf einen frühen Besuch in der Donaustadt könnte eine Passage in einem Brief vom 27. August 1898 an Helene Voigt hinweisen. “Stuttgart und Tübingen, auch Ulm, haben einiges Interessante … “. Die norddeutsche, zwei Jahre ältere Gutshof-Tochter war wohl eine der ersten Bewunderer des angehenden Dichters und eine der ersten die dies in einem Bewunderungsbrief zum Ausruck brachte: “Ach was sagt man, wenn jemand mit ein paar Worten eine Saite in uns berührt hat, die nun lange, lange nachschwingt”, schrieb sie am 22. November 1897 nach Tübingen. Es entspann sich ein Briefwechsel mit sanft erotischen Anklängen (sie hatte ihm ein Bild von sich geschickt!). Als “fremd-bekannte Freundin” bezeichnet er sie und kokettiert: “Ich bin so wenig an Freundschaft und Freundlichkeit gewöhnt.” Die aparte Jungfer heiratete alsbald den Verleger Diederichs und lebte später als Helene Voigt-Diederichs in Leipzig und Jena.

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„Romantische Lieder“ – erste Ausgabe. Mit handschriftlicher Widmung: „Das war meine allererste Publikation!“

1899 brachte der Jung-Autor beim Kommissionsverlag Edgar Pierson, Dresden und Leipzig, die Lyriksammlung “Romantische Lieder” heraus, die sich schlecht bis gar nicht verkaufte. Seine erste Zusammenstellung kleiner Prosastücke nannte er “Eine Stunde hinter Mitternacht”. Sie konnte mit Unterstützung der ihm so gewogenen, doch unerreichbaren Dame ein Jahr später bei Eugen Diederichs erscheinen. Von der Auflage von 600 Exemplaren verkauften sich in einem Jahr 53 Stück.

Mit ernsthaften literarischen Versuchen begann Hermann Hesse während seiner Buchhändler-Lehre bei Heckenhauer in Tübingen. Ab Oktober 1895 bis September 1898 lernte er beim damaligen Inhaber Carl August Sonnewald, arbeitete anschließend in der Buchhandlung und wechselte dann in die Antiquariats-Abteilung. In dem Gebäude der Buchhandlung, gegenüber der Stiftskirche, sind heute ein Antiquariat gleichen Namens und das “Hesse-Kabinett” zu finden, das sich den literarisch-biographischen Wurzeln des Dichters widmet. Aus der Lehrzeit sind noch Regale und Buchbestände im Original erhalten. Den in Tübingen erlernten Beruf übte der angehende Schriftsteller von 1899 bis 1903 in einem Basler Antiquariat aus.

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Hesse besaß weder Auto, noch Führerschein. Er bewegte sich mit der Eisenbahn fort. Ulm war deshalb für ihn ein immer wiederkehrender Umsteige-Bahnhof. Dort endeten Linien, die vom Bodensee, aus Stuttgart oder aus Bayern kamen. Wer weiter wollte, musste den Zug wechseln. 1900 erschien “Hinterlassene Schriften und Gedichte von Hermann Lauscher”, vom Autor einem verstorbenen Freund zugeschriebene Skizzen, Betrachtungen und Tagebuch-Aufzeichnungen, die von Hesse selbst stammten.

Im Frühsommer 1901 blieb er auf dem Weg nach München für drei Tage in Ulm. Er traf am 22. Juni ein und besuchte u. a. seinen Halbbruder Karl Isenberg, der zu dieser Zeit als Hilfslehrer in Ulm, später als Gymnasialprofessor in Ellwangen und Ludwigsburg tätig war. Karl, 1869 im heutigen Pakistan geboren (er starb 1937 in Ludwigsburg), war der Sohn von Charles Isenberg und der mit diesem in erster Ehe verheirateten Marie, geb. Gundert (1842–1902). Marie heiratet später den Indien-Missionar Johannes Hesse (1847–1916) – die beiden waren die Eltern des Dichters.

Am 20. Januar 1901 hatte das Ehepaar Elisabeth und Karl Isenberg einen Sohn bekommen, der nach dem Vater benannt wurde. Im Juni hat Hermann Hesse seinen Neffen zum ersten Mal gesehen. Dieser starb als Sanitätsoffizier 1945 an der Ostfront. Im Tagebuch gibt es die Eintragung “Reise nach Ulm”. Dort heißt es: “Fahrt nach Ulm. Calw ab 11.35 Uhr. Ich traf Karl, Lis und Kind wohl. Ulm eine behagliche, bürgerlich stattliche Stadt, vom Münster beherrscht.”

Viele Jahre später sollte dieser Karl Isenberg junior zur literarischen Vorlage für den Carlo Ferromonte (Ferromonte = Eisenberg = Isenberg) im “Glasperlenspiel” werden. “Knecht nennt Ferromonte im ersten dieser Briefe einen Spezialisten und Kenner in der Musik der reichen Ornamentik, der Verzierung, Triller etc. … “ Nicht ganz so durchgängig, aber ähnlich wie Thomas Mann, hat Hesse Personen aus dem privaten Umfeld zu Figuren seiner Romane und Erzählungen gemacht.

1902, Hesse lebte und arbeitete in Basel, wurde ihm eine Stelle als Assistent im Leipziger Buchgewerbemuseum angeboten. Er lehnte ab. Leipzig war ihm zu nördlich, dort wächst kein Wein. Unbekannte Großstädte kamen für ihn nicht in Frage. Am liebsten würde er “sein Leben in entlegenen italienischen Nestern verbringen, große Wanderungen machen und mich dem ganzen Schwindel unseres modernen Lebens gründlich und behaglich fern fühlen.” Die Empfindungen seines Peter Camenzind sind durchaus die eigenen. Das Buch entstand in diesem Jahr, nach dem Tod der Mutter, mitten in einem Tal der Depressionen, Unschlüssigkeiten, Zukunftsängste.

Zu Ulm hat Hesse im Laufe der Jahre eine etwas intensivere Bindung entwickelt. Er liebte das alte Stadtbild, das imposante Münster mit seiner himmelstrebenden Gotik und inneren Details wie dem prächtigen Chorgestühl des Söflinger Kunstschreiners Jörg Syrlin. 1952, zum 75. Geburtstag, wird ihm das Land Baden-Württemberg eine spätgotische Ulmer Madonna überbringen. 20 Jahre später machen sie die Söhne dem Deutschen Literaturarchiv der Deutschen Schillergesellschaft in Marbach zum Geschenk.

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Ulm um 1910

Eine entscheidende Rolle spielten natürlich die zahlreichen persönlichen Beziehungen in die Stadt. Darunter die fast lebenslange zu Eugen Zeller. Sie begann irgendwann um 1900 und endete erst mit dem Tod des Ulmers. Das nahe Blaubeuren, wo der Maulbronner Schulgenosse Wilhelm Häcker am evangelischen Seminar lehrte, darf man da geistig-geographisch getrost eingemeinden. Sehr oft war er auch in Blaubeuren, wenn er Ulm besuchte und umgekehrt. Vielleicht gehörten beide zu den Städten, durch die er im Traum ging. Das waren für Hesse jene, die ihm nahe, Besuch und Aufenthalt jederzeit wert waren.

Im Februar 1903 gab Hermann Hesse den Beruf eines Buchhändlers und Antiquars auf. Von nun an wollte er ausschließlich Schriftsteller sein. 1904 fand wieder ein Ulm-Besuch statt. Ein für Hesse bedeutendes Jahr, ein Jahr der Weichenstellungen. Nach den ersten, wenig beachteten Veröffentlichungen, war mit “Peter Camenzind” der Durchbruch gelungen. Zu literarischer Anerkennung durch die etablierte Kritik und größerer Leser-Resonanz, kam der überraschende pekuniäre Erfolg. Nachdem der Verleger Samuel Fischer die Veröffentlichung des Manuskriptes zugesagt hatte, legte sich Hesse in einem Brief an den Vater fest: “Ein berühmter Verleger hat mein letztes Manuskript, einen kleinen Roman, gekauft … Falls bis etwa in Jahresfrist der Erfolg ausbleibt, werde ich im Buchhandel eine ordentliche Stelle suchen.”

Ein Schicksal, das ihm erspart blieb. Das Buch erschien am 15. Februar 1904 und schlug sofort ein. Im April hielt sich der Autor für drei Wochen in München auf und lernte seinen Verleger persönlich kennen. Samuel Fischer machte das neue Mitglied in der illustren Verlags-Familie u. a. mit Thomas Mann bekannt.

Hermann Hesse im Jahr 1905. Zeichnung von Ernst Würtenberger.

Auch die Romanfigur Peter Camenzind zieht es gelegentlich nach Ulm: “In Frankfurt beschloß ich, mir noch ein paar Reisetage zu gönnen. In Aschaffenburg, Nürnberg, München und Ulm genoß ich mit neuer Lust die Werke der alten Kunst … “ Und Hesse selbst? Im Brief an Alexander von Bernus, für dessen Zeitschrift “Die Freistatt” Hesse geschrieben hatte, erfahren wir: “Ich nahm neulich noch 1 ½ Tage in Ulm Aufenthalt, das ich sehr liebe.”

Seinen schwäbischen Landsmann und älteren Dichterkollegen Christian Wagner hat er dabei knapp verpasst, er las Ende April in Ulm, während eines mehrwöchigen Aufenthalts in der Stadt. Die Lesungen fanden im Gasthof “Vom goldenen Hecht” und im “König von Württemberg” statt. Wagner schwärmte regelrecht: “Im Hause des Herrn Straßenbaumeisters Strobel (Ensingerstraße 19) fand ich über die ganze Zeit meines Aufenthaltes, zwei bis drei Wochen lang, die gastlichste Aufnahme. Täglich erhielt ich Einladungen von den ersten Autoritäten der Stadt: Oberbürgermeister Wagner, Rektor Neuffer, Generalarzt Burk, Professor Zeller … zu Gastmahlen und Ausflügen. Schöne Tage in Ulm!”

Bei dem von Wagner hier erwähnten Professor Zeller, handelte es sich um den Tischgenossen und späteren Lebens-Freund aus der “Schwarzen Henne”. Von ihm soll im dritten Teil von “Hermann Hesse und Ulm” etwas ausführlicher die Rede sein. Diese Freundschaft wird, außer bei einigen, meist kurzen, persönlichen Treffen, hauptsächlich in Form eines intensiven Briefwechsels gepflegt. “Im Jahre 1904 habe ich Sie zum ersten Mal gesehen … “, schrieb Zeller in einem Brief zu Hesses 70. Geburtstag, Juli 1947. Ob das zutrifft, ist nicht ganz sicher. Vielleicht kannten sie sich längst. Jedenfalls bat 1904 der Autor den Ulmer Lehrer und Literaturfreund um eine Rezension des frisch erschienenen “Peter Camenzind.”

Im selben Jahr heiratete Hesse Maria Bernoulli, die erste selbständige Fotografen-Meisterin der Schweiz. Das Paar zog nach Gaienhofen am westlichen Bodensee. 1905, 1909 und 1911 kamen die Söhne Bruno, Heiner und Martin zur Welt.

In Kürze folgt der zweite Teil von „Hermann Hesse und Ulm“, hier auf con=libri. Er trägt den Titel „Die Nürnberger Reise“.

 

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One Response to Hermann Hesse und Ulm. Erster Teil

  1. […] literarischer Helden, darunter Hermann Hesse. So führt mich die Blogumschau vom Buchrevier zu CON=LIBRI – auf diesem Blog ist Hesse immer wieder zu Gast. Ich als Fast-Ulmerin bin natürlich hellauf […]

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