Hermann Hesse und Ulm. Zweiter Teil

“Die Nürnberger Reise”

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(Bernd Michael Köhler danke ich für seine Unterstützung bei der Material-Recherche und der Verifizierung von Quellen.)

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“Der mitgenommene fremde Geselle begann nun auch warm zu werden und zu erzählen. Er wußte von einem Schlosser in Ulm, der konnte zwanzig Glas Bier trinken, von dem guten Ulmer Bier, und wenn er damit fertig war, wischte er sich das Maul und sagte: so jetzt noch ein gutes Fläschle Wein!”

Im Oktober 1905 (im Impressum vordatiert auf 1906) erschien Hermann Hesses Erzählung “Unterm Rad”, in der er die Jahre seiner Kindheit und Jugend, insbesondere die Zumutungen durch Schule und familiäres Umfeld, aufarbeitete und zu Literatur veredelte. Daraus stammt diese kleine Anekdote mit Ulm-Bezug.

Ulm wird erwähnt in einem Artikel, der am 10. Oktober 1915 in der “Neuen Zürcher Zeitung” unter dem Titel “Wieder in Deutschland” erschien. In poetischer Sprache schildert er die Reise vom Schweizer Wohnort nach Schwaben. Die Fahrt durch die Hügellandschaft südlich der Donau fand während des Ersten Weltkriegs statt. Hesse war für die Kriegsgefangenen-Fürsorge unterwegs.

“Der Bodensee strahlte blau und klar, in den Bäumen des Thurgaus leuchteten die Millionen reifer Äpfel, und in Friedrichshafen sahen wir über dem weiten Wasser den Tag rosig verglühen. Ah, da war die Heimat wieder. Es war Sonntag, eine Menge Menschen unterwegs, die Züge und Restaurationen voll. Im Grunde nichts anders als sonst, als einst in der sagenhaften Zeit des Friedens; nur die Soldaten … fallen zuerst auf. … Landmädchen, die zum Besuch des Liebsten oder Bruders nach Ulm oder sonst wohin gefahren sind …”

Der Ulmer Hauptbahhof mit Hauptpost im Jahr 1904

1919 kam der Roman “Demian” in die Buchhandlungen. Hesse firmierte zunächst nicht als Autor. “Einmal … war es mir nahezu ein Jahr lang gelungen, meine Gedanken und Phantasien unter fremdem Namen auszusprechen, unbelästigt von Ruhm und Anfeindung, unbeirrt von Abstempelung – aber dann war es aus.”

Was war geschehen?

Auf “Demian. Die Geschichte einer Jugend” stand als Verfasser der Name “Emil Sinclair”. Ein Pseudonym das Hesse hin und wieder verwendete und damit auf den Hölderlin-Freund Isaac von Sinclair anspielte. Als diesem Sinclair der Fontane-Preis verliehen werden sollte, flog der Schwindel auf und mit der Ruhe für den richtigen Autor war es wieder vorbei.

Neunzehnhundertfünfundzwanzig. Ein Jahr nach dem Tod des Autors erscheint Franz Kafkas Romanfragment “Der Prozess.” Im Februar kommen bei einem Grubenunglück in Dortmund 136 Bergleute ums Leben. Der Nobelpreis für Literatur geht an George Bernard Shaw. Zum ersten Mal wird ein Fußballspiel live in einem deutschen Radiosender übertragen. Im Herbst bricht Hermann Hesse zu einer weiteren ausgedehnten Lesereise auf. Über diese sogenannte “Nürnberger Reise” wird er einen launischen Bericht schreiben und als Buch veröffentlichen.

Die Reise hatte eine kleine Vorgeschichte: “Dort (in Baden bei Zürich) nämlich lernte ich eines Tages im Sprechzimmer des Arztes einen Ulmer kennen, und er lud mich ein, in Ulm bei ihm zu wohnen, und nun stand er also an der Bahn, und mit ihm ein alter Bekannter von mir, der mir vor mehr als zwanzig Jahren einst zum erstenmal diese Stadt gezeigt hat. Ich kam in ein freundliches Haus, mit Kindern, mit liebenswerten Menschen, es war keine Fremde da, ich war noch in Schwaben.”

Ulm um 1920

Das Ulm des Jahres 1925 war eine pietistisch geprägte Stadt. Das kannte Hesse von Calw. Allerdings wehte in der ehemaligen freien Reichsstadt, deren Lage an der Europa durchströmenden Donau schon immer eine gewisse Weltanbindung mit sich brachte, ein etwas liberalerer Geist. Dafür spricht die Stadtverfassung, der “große Schwörbrief” von 1397, auf den die Ulmer Oberbürgermeister alljährlich am dritten Montag im Juli zu schwören haben. Dabei versprechen sie, allen Bürgern der Stadt in gleicher Weise gerecht zu werden.

Hermann Hesse fühlte sich Zeit seines Lebens als Schwabe, unabhängig davon, wo er später zu Hause war. Es gibt, neben zahlreichen weiteren Belegen, einen Fragment gebliebenen „Schwäbischen Lebenslauf“, der das zum Ausdruck bringt und den er ursprünglich für das “Glasperlenspiel” vorgesehen hatte. Dort wird er jedoch nur kurz erwähnt. Seine Herkunftsregion hat Hesse immer wieder gern besucht, dabei Erinnungen an die Kinder- und Jugendjahre aufgefrischt. Ein Erinnern, das zu den Quellen seines dichterischen Schaffens gehörte. Auf Dauer dort leben wollte er nicht.

Ende September 1925 der Aufbruch von Zürich aus. “ … fahre ich dieser Tage zu Haecker, dann nach Ulm, Augsburg usw.”, schrieb Hesse am 27. Oktober an Franz Schall. “Haecker”, das war Wilhelm Häcker, der Schulfreund aus gemeinsamer Zeit am Evangelischen Seminar in Maulbronn. 1925 wirkte Häcker längst als Professor an einer ähnlichen Einrichtung in Blaubeuren, dem Städtchen von Mörikes “schönen Lau”, etwa 20 Kilometer westlich von Ulm gelegen. Hier hielt sich Hesse am 1. und 2. November auf. Für ihn war Blaubeuren, wo im tiefen grün-blauen Blautopf der linksseitige Donauzufluss Blau entspringt, immer mit der Episode aus dem “Stuttgarter Hutzelmännle” des von ihm verehrten schwäbischen Pfarrers und Dichters verbunden.

Christian Wolf, www.c-w-design.de

Das Ulmer Museum heute. Foto: Christian Wolf, http://www.c-w-design.de

Am 3. und 4. des Monats war er in Ulm. Julius Baum, der Leiter des städtischen Museums, hatte ihn zur Lesung eingeladen. Die Einladung kam Hesse gelegen, wollte er doch auch der “Münstersache willen” hin. Er hatte wohl den Wunsch, ein Teil aus diesem Kirchenbauwerks zu besitzen. Was daraus wurde, wissen wir nicht.

Hesse las aus der zu diesem Zeitpunkt noch unveröffentlichten Erzählung “Pictors Verwandlung”, aus “Knulp” und trug Gedichte vor. Nach Ulm folgten die Reise-Stationen Augsburg, München und schließlich das titelgebende Nürnberg. In München traf er Thomas Mann und erlebte einen Theater-Abend mit Karl Valentin.

Thomas Mann lebte mit seiner Familie in einer Villa im Münchner Stadtteil Bogenhausen. Sein “Zauberberg” war ein Jahr zuvor erschienen. Der Humorist, Dichter, Schauspieler und Regisseur Karl Valentin betrieb ein eigenes Filmstudio, in dem bis 1929 etwa 40 Kurzfilme entstanden. Auf Kleinbühnen führte er zusammen mit seiner Partnerin Liesl Karlstadt kabarettistisch absurde Sketche auf.

Vom 24. November bis zum 18. Dezember schrieb Hermann Hesse die selbstkritischen, ironisch gefärbten Erinnerungen an seine Reise auf. Eine von dem aus Pforzheim stammenden Hans Meid gestaltete erste Druckausgabe erschien 1927 bei S. Fischer. Im selben Jahr brachte der Verlag den “Steppenwolf” heraus und Hesse vollendete das 50. Lebensjahr.

Der Kunsthistoriker Julius Baum, der Hesse nach Ulm eingeladen hatte, brachte die Bestände des Museums erstmals in eine wissenschaftlich fundierte, museale Präsentations- und Archivierungsform. Bei seinem Konzept legte er Wert darauf, die Auseinandersetzung mit Vergangenem und gegenwärtig aktuellem Kunstgeschehen zu verbinden. Ein Konzept, das bis heute das Ulmer Museum prägt. 1933 wurde Baum wegen seiner jüdischen Abstammung des Amtes enthoben, 1939 emigrierte er in die Schweiz. 1937 kam es zu umfangreichen Beschlagnahmen von Beständen und nationalsozialistischen “Säuberungen” im Museum.

Wilhelm Kunze (1902 – 1939) war ein Nürnberger Dichter, der, lebenslang krank, nur 37 Jahre alt wurde. Wie so viele junge, zur Schriftstellerei neigende Menschen, hatte er Manuskripte an Hesse gesandt. In Nürnberg haben sich die beiden getroffen. Kunze berichtet davon in einem Brief: “Dann erzählte er von Ulm und seinem Rathaus, wo er einige Tage zuvor gelesen hatte. Er habe unterwegs oft plötzlich alte Bekannte getroffen, über die er sich gefreut habe.”

Das Deutschland der Weimarer Republik zwischen 1925 und dem Beginn der Nazi-Herrschaft, dieses fieberhafte Hoch von Kunst und Literatur, Film und Theater, das die Metropolen, allen voran Berlin, erfasst hatte – Hesse gehörte nicht zu seinen Protagonisten.

„Die Nürnberger Reise“ – Erstdruck von 1927

Und mit den zeitgenössischen Kolleginnen und Kollegen hat er sich eher weniger beschäftigt. Zu den Ausnahmen zählte Thomas Mann, mit dem ihn über Jahrzehnte eine Freundschaft verband, die deshalb gut funktionierte, weil beide bedacht waren immer eine gewisse Distanz zu halten.

In der “Nürnberger Reise” bekennt Hesse: “Ich liebe die deutschen Dichter der letzten großen Epoche, bis 1850, ich liebe Goethe, Hölderlin, Kleist, die Romantiker mit meinem ganzen Herzen, ihre Werke sind mir unvergänglich, immer und immer wieder lese ich Jean Paul, lese Brentano, Hoffmann, Stifter, Eichendorff, ebenso wie ich immer und immer wieder Händel, Mozart und die ganze deutsche Musik bis Schubert höre.” Bei den Dichtern können wir die Schwaben Eduard Mörike und Christian Wagner in Gedanken hinzufügen.

Anfang des Jahres 1926 führte Hesse eine Reise nach Stuttgart, Calw und Blaubeuren. Wohl acht bis zehn Tage hat er bei Häcker verbracht. Was hat er gemacht im stillen Städtchen? Dem Werben der schönen Lau gelauscht? Ist er gewandert? Hat er Ulm auf dieser Reise nur zum Umsteigen berührt?

Wir müssen noch Franz Schall erwähnen. Schall und Hesse hatten sich 1890 auf dem Lateinseminar in Göppingen kennengelernt. Beide waren Jahrgang 1877. Der spätere Oberstudienrat für alte Sprachen wurde während des Dritten Reichs wegen systemkritischer Äußerungen für ein Jahr inhaftiert. Er starb 1943. Im “Glasperlenspiel” hat ihn der Freund in der Figur “Clangor” verewigt. Und Schall übersetzte zusammen mit Joseph Feinhals das Motto des Glasperlenspiels für Hesse ins Lateinische. „… non entia enim licet quodammodo levibusque hominibus facilius …“ („… denn mögen auch in gewisser Hinsicht und für leichtfertige Menschen … „), sind dessen erste Worte.

Vom 9. März bis 10. April 1928 reiste Hermann Hesse u. a. nach Weimar und Berlin. In Ulm legte er wieder einen Zwischenstopp ein. Ninon Dolbin begleitete ihn. Sicher wollte er ihr Ulm zeigen und von den Erinnerungen erzählen, die für ihn mit der Stadt verbunden waren.

Ninon Ausländer (1895 – 1966) ist eine 14-jährige Schülerin am Humanistischen Gymnasium in Czernowitz als sie den ersten Brief an Hermann Hesse schreibt. Sie schrieb an den Verfasser des “Peter Camenzind”, ein Buch, das die Heranwachsende sehr beeindruckt hatte. Nach dem Abitur studierte sie Kunstgeschichte und Archäologie, heiratete 1918 den bekannten Karikaturisten Benedikt Fred Dolbin, der ab 1926 in Berlin für verschiedene Zeitungen arbeitete, ursprünglich aus Wien stammte und 1935 nach New York emigrierte. Das Paar trennte sich bereits 1920 wieder. Ninon hatte über die Jahre den Briefwechsel mit Hesse, der ihr auf den ersten Brief ausführlich geantwortet hatte, fortgesetzt.

Original Arbeitsplatz Hesses im „Museum Hermann Hesse“, Montagnola

Im Sommer 1922 wurde sie von ihm nach Montagnola eingeladen, das erste persönliche Zusammentreffen. Es begann eine zaghafte Annäherung der beiden bereits Ehegeschädigten. Sie lebten zunächst in “Fern-Nähe”, erprobten die Partnerschaft. Erst am 14. November 1931 wurde geheiratet. Hesse war inzwischen 54, seine dritte Ehefrau 36 Jahre alt.

Ninon blieb eine eigenständige Persönlichkeit, beschäftigte sich schwerpunktmäßig mit der griechischen Antike, schrieb vielbeachtete Abhandlungen, wurde zu Kongressen eingeladen, hielt Vorträge. Sicher fand bei dem Besuch der beiden im Frühjahr 1928 in Ulm eine Begegnung mit Eugen Zeller statt. Hesse wird die Gelegenheit genutzt haben, dem Freund die Gefährtin vorzustellen. Die Kunsthistorikerin hat sich vermutlich für die Gemäldesammlung des Ulmers interessiert.

Im Jahr 1929 wurde eine Reise zu Lesungen in München und Ulm mit einer Konsultation des Augenarztes Graf von Wiser in der bayerischen Hauptstadt verbunden. Augenbeschwerden sind ein Dauerthema in Hesses Leben. Vom Militärdienst war er erstmals 1900 zurückgestellt worden. “ … beidseitiger Bügelmuskelkrampf, linkes Auge hochgeschwächt, bei hochgradiger Kurzsichtigkeit”, lautete die Diagnose. 1901 misslang eine Operation der ständig entzündeten Tränenkanäle. Hesse litt ein Leben lang an schmerzenden Augen. Nach seinem Tod fand man an die hundert Brillen in seinem Schreibtisch.

In Kürze folgt der dritte Teil von „Hermann Hesse und Ulm“, hier auf con=libri. Er trägt den Titel „Die Geige“.

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Die insgesamt drei Blog-Beiträge “Hermann Hesse und Ulm” sind die gekürzte und leicht veränderte Fassung einer umfassenderen Arbeit zu diesem Thema. Hesses “Nürnberger Reise” war für Jan Haag und Bernd Michael Köhler Anlass, sich anhand einschlägiger Literatur und anderer Quellen etwas ausführlicher mit diesem Thema zu befassen. Nach Fertigstellung wird das Ergebnis auf einer eigenen con=libri-Seite veröffentlicht. Diese Fassung wird ein Verzeichnis der verwendeten Quellen enthalten.

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