„Eine Dame von Welt“

Jetzt Henry James (neu) entdecken

“Die Welt ist zu sehr mit ernsteren Sorgen beschäftigt – mit gegenseitigem Bombardieren und Abschlachten, mit Kehlendurchschneiden und Häuserabbrennen, mit dem Ermorden von Kindern und dem Verstümmeln von Müttern, mit der Abwehr von Hunger und Bürgerkrieg, mit Klagen über schwindende Ressourcen, erlahmende Wirtschaft und leere Taschen.”

Ein aktueller Kommentar zur globalen Lage?

Nein. Sätze, die 1878 geschrieben wurden. Von Henry James, Schriftsteller und Weltmann. Er war der Meinung, dass es Wichtigeres gab als die Lustbarkeiten und Sensationen rund um eine Weltausstelllung, die in diesem Jahr zum wiederholten Mal in Paris stattfand. Es war nicht die mit dem Eiffelturm. Das Stahlgetüm wird erst 10 Jahre später stehen. Den Amerikaner in Europa irritierten die zahlreichen Prachtbauten, die auf dem Champs de Mars und im Trocadéro entstanden. Von “einem Denkmal für die Torheit einiger Herren ohne Augenmaß”, schrieb er.

Gigantismus war ihm zur Genüge aus dem Heimatland vertraut. In Europa suchte der Autor, was er in den Vereinigten Staaten verloren gegangen glaubte: Kultur, Anspruch, Haltung. “Gelegentlich Paris” heißt der kleine Aufsatz, in dem er die Pariser Anmaßungen verurteilt. Darin schildert er seine Eindrücke von der französischen Hauptstadt, in die er nach längerer Abwesenheit zurückgekehrt war. Er ist der Erzählung “Eine Dame von Welt” beigefügt, die jetzt in frischer Übersetzung von Alexander Pechmann bei Aufbau neu aufgelegt und als handliche Leinenbroschur herausgegeben wurde.

Diese “Salonerzählung”, wie sie im Untertitel benannt wird, gehört zu Henry James kleineren, etwas in Vergessenheit geratenen Arbeiten. Dabei eignet sie sich bestens zum Einstieg für Leser, die James neu oder für sich wiederentdecken möchten. Als Annäherung an die großen Romane “Die Gesandten”, “Daisy Miller”, “Die Europäer” oder “Washington Square”.

James_Eine-Dame-von-Welt_U1_Banderole.indd

Die befreundeten amerikanischen Gentlemen Littlemore und Waterville halten sich aus unterschiedlichen Gründen in Paris auf. Beim Besuch einer Aufführung des Théatre Francaise (Émile Augiers Drama L’Aventurière wird gegeben und begeistert mäßig) sichten sie eine Frau von etwa Mitte Dreißig und klassifizieren sie von Mann zu Mann als eine der wenigen anwesenden attraktiven Weiblichkeiten. In der Pause trifft man eher zufällig aufeinander und es stellt sich heraus, dass es sich um eine Lady aus dem Westen der Staaten handelt, der Littlemore vor Jahren schon einmal begegnet war. Eine Mrs. Headway, geschiedene Beck. Unklar lässt James, ob es zu einer Liaison zwischen den beiden kam.

Die “Dame von Welt” hat nicht nur ein, insbesondere für Männer, ausgesprochen einnehmendes Wesen und wohlgestaltetes Äußeres, sondern bereits mehrere Ehen und Beziehungen hinter sich. Mit letzterer ist es ihr gelungen wohlhabend zu verwitwen. Für Littlemore und Waterville steht alsbald die Frage im Vordergrund, ob es sich bei Madame um eine “ehrenwerte” Frau handeln kann. Den damaligen Moralvorstellungen entsprechend, liegt es auf der Hand, dass dem nicht so ist. Allerdings würden sich die Herren nur allzu gerne das Gegenteil einreden; nur so ist der drängende Wunsch zu rechtfertigen, die nähere Bekanntschaft der Anziehenden zu machen.

Die junge Witwe ihrerseits ist schon seit geraumer Zeit auf der Suche nach echter gesellschaftlicher Anerkennung, nach Akzeptanz in den sogenannten besseren Kreisen. Erste Versuche auf dem Parkett in Washington Fuß zu fassen verliefen kläglich, so dass sie ihr neues Glück nun in Europa sucht. Dazu benutzt sie den leicht naiven englischen Adeligen Sir Arthur Demesne. “Sir Arthur Demesne ist Parlamentsabgeordneter. Sieht er nicht jung aus?” So stellt sie ihn vor. Nicht vertraut mit englischen Konventionen und überrascht von der Rolle die Demesnes Mutter in dessen Leben spielt, nimmt das Vorhaben einen unerwarteten Verlauf.

Panorama der Pariser Weltausstellung von 1878

Der Geschichte ist trotz der vorzüglichen Neu-Übersetzung anzumerken, dass es sich um eine Gelegenheitsarbeit, eine Fingerübung des Schriftstellers handelt. Dennoch liest sich das kleine Sittengemälde der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts amüsant. Zu verdanken der sanften Ironie Henry James und seiner aus der Distanz des genauen Beobachters humor-, doch stets stilvollen Kritik an den verstaubten Konventionen einer sich für priviligiert haltenden Schicht. Fein gezeichnete Personenporträts und ausgeprägtes Einfühlungsvermögen in den weiblichen Teil der Menschheit zeichnen diese kleine Arbeit ebenso aus, wie sein gesamtes erzählerisches Werk.

Dessen psychologischer Realismus ist verwandt mit jenem des deutschen Zeitgenossen Theodor Fontane. In der Darstellung erotischer Anziehungskräfte geht James etwas weiter wie Fontane, ohne wirklich deutlich oder gar drastisch zu werden. Wunderbar ist es zu erleben, wie die Sprache des Dichters im Kopf des Lesers genau jene Bilder entstehen lässt, die exakt zu beschreiben er sich verkneifen musste und wollte.

James verbrachte schon in seiner Jugend viele Jahre in Europa, hatte u. a. in Paris, Bologna und Bonn studiert, sprach und las in mehreren Sprachen, darunter Deutsch. Er war ein großer Goethe-Verehrer und -Kenner. Mit 22 Jahren schrieb er einen Essay über Goethes “Wilhelm Meister”, der ihm Vorbild war für eigene Werke. Die Entschuldigung dafür, das der Aufsatz zu lang geraten, drückte gleichzeitig seine Bewunderung für den Weimarer Klassiker aus: “Wenn wir einen Riesen zu Gast haben, wäre es ein Jammer, ihn einzupferchen.”

Im Grunde war Henry James in tiefster Seele ein Europäer der unglücklicherweise am 15. April 1843 in New York zur Welt kam. Er starb am 28. Februar vor 100 Jahren als englischer Staatsbürger. Es ist einigen Verlagen und aufmerksamen Buchhändlern zu verdanken, dass sie dieses Datum zum Anlass nehmen Henry James deutschen Lesern in Erinnerung zu rufen.

DSCN1558 (2)

Mein erstes James-Buch las ich im Rahmen der Vorarbeiten für den Blog-Beitrag über das Briefeschreiben. In dem Venedig-Roman “Die Aspern-Schriften” wird die Geschichte eines jungen Schriftstellers und Herausgebers der Werke des legendären Dichters Jeffrey Aspern auf der Suche nach dessen verschollenen Liebesbriefen erzählt. Er macht die betagte Ex-Geliebte Asperns ausfindig. Ein regelrechtes Duell um den Zugriff auf den Nachlass beginnt, in dessen Verlauf die Nichte der alten Venezianerin dem attraktiven Engländer nachzustellen beginnt. Dieser verwickelt sich immer tiefer in ungeplante Händel und Intrigen. Das Buch unterstreicht die Bedeutung von Briefen als wertvolle Hinterlassenschaft und unschätzbare Quelle für nachfolgende Generationen und ist gleichzeitig eine Liebeserklärung an das Venedig in der Mitte des 19. Jahrhunderts.

Der irische Schriftsteller Colm Tóibin hat einen Roman mit dem Titel “Porträt des Meisters in mittleren Jahren” geschrieben. Darin nähert er sich Henry James erzählerisch und schildert ihn in schwieriger Lebensphase, während Aufenthalten in Rom, Venedig, Paris, seinen Umgang mit Künstlern, Schriftstellern und den wohlhabenden, kunstsinnigen Oberschichten Europas. Aber auch als Mensch der aus Ungewissheit über seine sexuelle Identität, bei aller Geselligkeit zu der er fähig war, Distanz zu den Mitmenschen hält. Tóibin spricht das Unbewusste, Nichtgelebte in der Existenz eines der bedeutensten angloamerikanischen Schriftstellers an.

Wer sich sachkundig, historisch exakt und ausführlich mit Leben und Werk Henry James beschäftigen möchte, dem steht eine aktuelle Biographie von Hazel Hutchison zur Verfügung.

James, Henry: Eine Dame von Welt. Eine Salonerzählung. – Aufbau, 2016

James, Henry: Die Aspern-Schriften. Roman. – Neuausgabe bei dtv, 2015

Tóibin, Colm: Porträt des Meisters in mittleren Jahren. Roman. – dtv, 2007

Hutchison, Hazel: Henry James. Biografie. – Parthas Verlag, 2015

“Sudeleien über das Briefeschreiben” auf con=libri