Fremd daheim

Über “Heimstadt muss sterben” von Uta-Maria Heim

imagesFrüher hat man gesagt, die Schwaben. Kehrwoche und Maultaschen, Schätzle und Spätzle. „Der Schelling und der Hegel, der Schiller und der Hauff, das ist bei uns die Regel und fällt nicht weiter auf.” Aber interessant. Heute halt auch Hahn und Heim, Daimler und Gmeiner. Heimstatt des Regionalkrimins sowieso.

“Die Sehnsucht nach Überschaubarkeit, nach dem wiedererkennbaren Geschmack, der Jugend und Tugend, dem Triumph des eigenen Vorurteils, nach Heimat als im schlechtesten Sinne, führt dazu, dass wir gern zu Waren greifen, denen wir in jeder Hinsicht gewachsen sind und vorschnell vertrauen: Zur Fertigpizza. Zur Hitparade. Zum Regionalkrimi.” (1)

Uta-Maria Heim ist der Meinung, die breite Präsenz von Regionalkrimis häbe andere Krimikonzepte in die Hochkultur abgedrängt. Sie selbst scheint das kaum zu stören. Im Gegenteil: Konsequent bleibt sie regional und elitär zugleich. So gelingt ihr mit “Heimstadt” (2) ein bourlesker Streich der nach besonderen Leserinnen und Lesern verlangt. Und der natürlich bei Klöpfer & Meyer erschienen ist. Die trauen sich was.

Holger Marte ist tot. Zunächst ist unklar, ob er eines natürlichen Todes starb. Er war Geschäftführer des Waffen-Herstellers Maurer & Beck. Ein Unternehmen, dass seine Erzeugnisse profitträchtig und an jedem Waffenkontrollgesetz vorbei, an Mann, Frau und Kriegsschauplatz bringt. “Heimstadts Waffen, Heimstadts Geld – morden mit in aller Welt!” Bringt es der Winkeladvokat Hasler bei altem Roten auf Reim und Punkt. Parallelen zur jüngsten bundesdeutschen Wirtschaftsgeschichte wären selbstverständlich rein zufällig.

KLM_161B_LAY_Heim.indd

Der Tübinger Verleger Graf, verlegt in jener Stadt, in der auch das vorliegende Buch verlegt wurde, genau einen Bestseller pro Saison. Ständig pendelt er 70 Kilometer vom heimischen Heimstadt in die Verlags- und Universitätsstadt und zurück. Nun erbt ausgerechnet dieser mobile Kleinverleger vom Toten einen USB-Stick mit, wie sich bald herausstellt, brisanten und sehr begehrten Aufzeichnungen. Überreicht wird Graf der heikle Nachlass von der kessen Notarin Kim Neuffer, die kurz darauf verschwindet, um wenig später angeblich auf dem Seziertisch von Gerichtsmedizinerin Marianne aufzutauchen – was sich als Scherzle erweist. Dafür gibt es plötzlich zwei Datenspeicher. Die Beziehung von Graf und Marianne ist etwas speziell.

Marte gehörte zu den maßgeblichen Draht- und Strippenziehern im sumpfigen Städtchen. Weitere tonangebende “Alphas” des Gemeinwesens sind Schnellspanner, Fickler, Petersill, Protz, Gürtelos und Gelbpfähler. Das wissen wir, weil dem wohlgestalteten und in Pustet-Qualität gedruckten Buch (da wurde nicht gespart) ein nützliches Lesezeichen beigefügt ist, das uns auf der einen Seite die Hauptpersonen und der rückwärtigen zahlreiche Fernerliefen auflistet. Im Dschungel der Namen, Pseudonyme und Nick-Names wären wir Leser ansonsten hoffnungslos verloren.

Schließlich muss man noch wissen – oder ahnt es bereits – dass natürlich Stadt und Bürger ganz in den Fängen wirtschaftlicher Abhängigkeit vom größten Arbeitgeber am Platz und seinen global begehrten Exportschlagern sind.

DSCN1570

Mit dieser Ausgangssituation können die ungesetzlichen und sonstigen Ereignisse nahezu ungehindert ihren krummen Verlauf nehmen. Natürlich macht Uta-Maria Heim mehr daraus als eine simple Waffenschiebergeschichte mit Wirklichkeits-Bezügen. Da spielen das Internet und die moderne Netz-Kommunikation eine gewichtige Rolle, gibt es kleine Einblicke in die Verlags- und Buchbranche, wird gegessen, getrunken und gefeiert. Geliebt? Naja. Es gibt Geschichten in der Geschichte, Vetternwirtschaft und mafiöse Strukturen, Ausflüge ins Klassische, ins Ordinäre, auf schwäbische Höhen und in den Stuttgarter Kessel.

Gezielt baut die Autorin dokumentarische und pseudodokumentarische Elemente in ihren Erzählfluss ein, die sie aus seriösen Quellen schöpft und akribisch mit Fußnoten belegt. Dieses Verfahren trägt dazu bei, dass einige kernschwäbische Säulenheilige, sowie allerhand Denker und Schreiber “Über das Land hinaus” (3) erwähnt werden können. Kein simpler Zusatznutzen, reines Zusatzvergnügen.

Und, liebe Frau Heim, da ich zu den Leserexemplaren gehöre, die solchen Scherzen etwas abgewinnen können, habe ich natürlich über ihre Nr. 36 innerlich gegrinst: “Danke, dass Sie sich die Mühe machen, hier nachzuschauen, was die Verfasserin anzumerken hat. Ich gratuliere Ihnen! Sie sind vermutlich der oder die Einzige!”

Schauplatz und Name “Heimstadt” wurden geschickt gewählt, doch führt der darin enthaltene Verweis auf die Autorin in die Irre. Dieses Kleinstadt-Biotop ist keineswegs ihr pures Phantasie-Produkt. Vielmehr enthält es Elemente, die wir aus vielen Gemeinwesen im real existierenden Ländle nur zu gut kennen. Heimstadt – sieht so das Gerbersau des 21. Jahrhunderts aus?

Schwaben sind bekanntlich zu allem fähig. Nur mit dem Hochdeutsch täts hin und wieder hapern. Nicht so bei der Autorin dieser verschmitzten Provinzposse mit Ausläufern in globale Verbrecher-Netzwerke. Heim hat das verbindliche Niederdeutsch schreibend im Griff, gleichzeitig gelingt ihr mühelos der Wechsel in die Tiefen dialektischer (*) Ausdruckformen und Redewendungen. Artistisch jongliert sie mit reichem Sprach- und Wortschatz, mit rafinierten Zwischentönen. Grundkenntnisse des Schwäbischen, einschließlich einem gewissen Einfühlungsvermögen in die Besonderheiten des handelnden Volksstammes, sind allerdings die nicht geringen Voraussetzungen für eine ungetrübte Lesefreude. “Man tut wie d’Leut. Wohl oder Übel liegt oft nah beisammen.”

Foto: Robert Hak

Uta Maria Heim weiß was sie tut. Sie ist eine erfahrene Schriftstellerin. 1963 wurde sie im schwarzwaldnahen Schramberg geboren und hat kurz danach mit dem Schreiben begonnen. Dem Stadtmagazin Prinz gestand sie 2012: „Ich habe an etwas gedacht und dann den Stift bewegt – und mich gewundert, dass die Erwachsenen es nicht lesen können.“ (4) Inzwischen sind fast 30 lesbare Bücher von ihr erschienen, darunter zahlreiche Krimis. Sie hat für Zeitungen und den Hörfunk geschrieben und irgendwann einmal studiert. Literaturwissenschaften, Linguistik, Soziologie in Freiburg und Stuttgart. Jetzt lebt sie in Baden-Baden. Und arbeitet – ich hoffe, das stimmt so noch – als Hörspieldramaturgin beim SWR.

“Literatur strengt an, verwirrt und tut weh, um im lustvollen Ertrag dieser mühsamen Lesearbeit aufgehoben und fremd daheim zu sein, bleibt das Privileg von wenigen.” (5) Mit diesen Worten endet der bereits eingangs zitierte Artikel und die Dekonstruktion des Regionalkrimis durch Uta-Maria Heim.

Neigen wir also zu sanftem Masochismus mittels literarischer Folterwerkzeuge, wenn wir Uta-Maria Heims “Heimstadt” mit Genuss lesen und uns eine Anstrengung zumuten, die verwirrt, weh und wohl zu gleich tut? Wie auch immer: Solche Bücher zu haben und lesen zu dürfen ist ein mehr als wohlfeiles Privileg. Der Kreis der Eingeweihten darf sich ruhig noch vergrößern.

***

(*) Dem Verfasser ist bewusst, das er diesen vieldeutigen Begriff hier nicht ganz korrekt verwendet; er tut es trotzdem.

(1) Stuttgarter Zeitung vom 18. 11. 2013

(2) Heim, Uta-Maria: Heimstadt muss sterben. Roman. – Klöpfer & Meyer, 2016

(3) Ferchl, Irene (Hrsg.): „Über das Land hinaus“. Literarisches Leben in Baden-Württemberg. – Klöpfer & Meyer, 2016

(4) Prinz. Ausgabe Stuttgart. April, 2012

(5) Stuttgarter Zeitung, a. a. O.

***

Kurz noch das: “‘Warum sind wir vorletzte Woche eigentlich nicht zur Leipziger Buchmesse gefahren?’ fragte Öchsle.” (Öchsle = Eine Mitarbeiterin im Grafschen Verlag)“‘Ich habe einfach nicht daran gedacht’, sagte Graf, jäh aus seinen Tagträumen gerissen.”

Das kann mir nicht passieren. Zur Veranstaltung 2016 und dem 25-jährigen Jubiläum von “Leipzig liest” bin ich nächste Woche vor Ort. Und die Woche drauf gibt’s dann die subjektiven Eindrücke vom Ereignis hier auf con=libri.

Advertisements

Kommentare sind geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: