Leipziger Buchmesse 2016 (I)

Momente, Begegnungen, Einblicke

 

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Ein kundenfreundlicher Straßenbahnfahrer der Linie 16: „So wir haben es geschafft! Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag auf der Messe.“ Wie daraufhin die sardinengleich eingebüchsten Passagiere lächeln und sich vorfreuen!

Was kann es Schöneres geben, als nach klaustrophobischen zwanzig Minuten, gemeinsam mit unzähligen Buchhandels- und Verlagsleuten, Lese- und Medienmenschen aus dem schwankenden Schienenfahrzeug zu steigen und vor den Messehallen zu stehen?

Erste kleine Bekanntschaften bahnen sich an. Etwa mit jener älteren Dame, die mir ihr Smartphone hinhält und um Hilfe bei der Sichtbarmachung eines Online-Tickets und um Tips für lohnenswerte Veranstaltungen bittet. Gemeinsam tritt man nach der Fahrt ins Freie, atmet tief durch, tauscht Telefonnummern, und verliert sich sogleich aus den Augen. Es wird etwas dauern bis zum Wiedersehen.

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Zwei von über 260.000 die 2016 die Leipziger Buchmesse und das begleitende Lesefest “Leipzig liest” besucht haben. Letzteres fand in diesem Jahr zum 25. Mal statt, was mit einem Festakt gebührend gefeiert wurde. Dem Erfinder dieses Ereignisses gebührt ein Verdienstkreuzle am Bändel, macht es doch die jährlichen Märztage in Leipzig erst zu etwas ganz Besonderem. Ohne wäre die Messe nie geworden, was sie ist.

Preise und Gepriesene

Großer Gewinner bei der Vergabe der Preise der Leipziger Buchmesse ist Klaus Schöffling. Die Preisträger der Kategorien Belletristik (Guntram Vesper: Frohburg) und Übersetzung (Cosic, Bora: Die Tutoren; aus dem Serbischen übersetzt von Brigitte Döbert) wurden bei Schöffling & Co. verlegt. Glückwunsch! Preise gab es wie jedes Jahr zuhauf. Sie alle aufzuführen und ihre Preisträger vorzustellen würde jedes Blogmaß sprengen.

Klaus Schöffling (links) und Guntram Vesper

Nicht vorbei kam ich am Preis für den „ungewöhnlichsten Buchtitel 2015“, den die Mayersche Buchhandlung gemeinsam mit der community “wasliestdu.de” stiftet und den eine sechsköpfige Jury vergibt. Moderiert von Jan Drees wurden insgesamt 10 Titel in Form einer Hitliste präsentiert.

Hier die drei ersten Plätze:

Platz 3 für „Die wunderbare Welt des Kühlschranks in Zeiten mangelnder Liebe“ von Alain Monnier, bei Arche erschienen. Den Titel mit angedeutetem Verweis auf ein ebenfalls ausgezeichnetes Werk von Clemens Setz gibt es festgebunden für 16,99.

Platz 2 errang „Eine Rolle Klopapier hat 200 Blatt. Warum ist keins mehr da, wenn man es am dringendsten braucht?: Das Leben in Textaufgaben“ Gesammelt von Raimund Krauleidis und verlegt von Goldmann und mit Euro 8,99 kaum teurer als ein paar Rollen gutes Toilletenpapier.

Änd se winner! Platz 1: „Aufgeben ist keine Lösung, außer bei Paketen“ – Hinter dem Titel verbergen sich knifflige Ratespielchen die sich der Top-Slamer Patrick Salmen ausgedacht hat. Bei Lektora veröffentlicht und für runde 10 Euro zu haben.

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Sieger-Typ: Patrick Salmen

Für echte Inhaltsangaben der Bücher reicht es hier nicht. Wer Näheres wissen möchte, erfährt dies mühelos auf den einschlägigen Buchhandels- oder Verlagsseiten im Netz.

Die Kleinen und die Ganzkleinen

Jahr für Jahr bietet Leipzig im Frühjahr Raum und erschwingliche Standmieten für die kleinen Verlage. Meist sind diese gleichzeitig Teil der Gemeinschaft der “Unabhängigen”, die auf der Messe mit eigenem Forum vertreten ist. Die Unabhängigen, das sind selbständige Verlage, die nicht im Besitz größerer wirtschaftlichen Einheiten (sprich: Konzerne) sind.

Am kommenden Samstag, dem 26. März, machen diese tapferen Unentwegten mit einem “Indiebookday” speziell auf sich aufmerksam. Viele Buchhandlungen unterstützen mit Sonderfenstern und Aktionen. In der Untergattung der Ganzkleinen bin ich auf der Messe zwei sehr originellen und lebendigen Beispielen begegnet.

Der Klein- und Jungverleger Sebastian Guggolz hat früher für Matthes und Seitz gearbeitet, bevor er sich vor wenigen Jahren selbständig machte. “Ich bin der Verlag”, heißt seitdem sein Motto. Wenn ich das richtig mitbekommen habe, verlegt er etwa 2 bis 3 Bücher pro Jahr. Dabei ausschließlich solche, die ungerechtfertigter Weise der Kurzatmigkeit des Buchgeschäfts zum Opfer gefallen sind. Neuauflagen bedeutender literarischer Werke, die längst aus dem Blickfeld möglicher Leser und den Lagern der Verlage und Großhändler verschwunden sind.

Der Berliner Verleger Sebastian Guggolz

Auf dem “Nordischen Forum” –  eine schmale Präsentationsfläche mit einigen wenigen Sitzplätzen, die ich Jahr für Jahr besuche – stellte er die Neu-Übersetzung von “Hiltu und Ragnar”, einem der Hauptwerke des finnischen Nobelpreisträgers Emil Sillanpää (Frans Emil Sillanpää 1888 bis 1964) vor. Lieferbar ist vom selben Autor außerdem der Titel “Frommes Elend”. Viele Finnen hätten ein verstaubtes Bild ihres einzigen Literatur-Nobelpreisträgers, erläuterte Guggolz. Über den Umweg der deutschen Übersetzung können sie ihn nun wiederentdecken.

Der Verlag von Barbara Miklaw heißt “Mirabilis”. Sie stellte ihren Autor Florian L. Arnold mit seinem ersten Roman vor. “Die Ferne. Man kommt nicht an sie heran”. Eine weitausholende Erzählung, teilweise auf biographischen Elementen beruhend und illustriert vom Autor. Arnold, dessen breit gefächertes künstlerisches Betätigungsfeld beeindruckt, überzeugt neben der Schriftstellerei als Graphiker, Zeichner und Kulturmanager.

Barbara Miklaw und Florian L. Arnold

Im vielseitigen Programm von Mirabilis befindet sich auch ein Buch das einen überraschenden Blick auf Peter Handke wirft. In “Der Geruch der Filme – Peter Handke und das Kino” erläutert Lothar Struck in einem anspruchsvollen Essay “Ideen und Ideale des Kinogehers Peter Handke und widmet sich ausführlich den Filmen, die Handke als Regisseur und/oder Drehbuchautor erschaffen hat.”

Fremde Zungen

In Leipzig hat man die seltene Gelegenheit Teile übersetzter literarischer Werke nicht nur in deutscher Sprache, sondern im Original zu hören. Faszinierende Einblicke in exotische Sprachklänge, Hörerlebnisse der besonderen Art. Von Englisch ist dabei nicht die Rede, da diese Weltsprache für Mitteleuropäer kaum noch als Fremdsprache gelten kann. Doch wann hat man schon einmal die Gelegenheit Passagen eines finnischen Romans vorgelesen zu bekommen. Bei der erwähnten Veranstaltung mit Sebastian Guggolz im Nordischen Forum war dies möglich. Eine Vertreterin des finnischen Kulturinstituts las auf Finnisch aus “Hiltu und Ragnar” von Emil Sillanpää.

Georgisch, von dem ich bis vor kurzem nicht einmal wusste, dass es eine eigene Sprache ist, konnte ich bei den “Unabhängigen” hören. Joachim Unseld von der Frankfurter Verlagsanstalt präsentierte seinen Autor Lasha Bugadze und dessen Roman “Der Literaturexpress”. Die munter-ironische Geschichte eines Zuges, der mit 100 Dichtern verschiedener Nationen quer durch Europa fährt. Geschildert wird die Fahrt aus der Sicht eines mäßig erfolgreichen, jungen georgischen Schriftstellers.

Nino Haratischwili und Lasha Bugadze

Übersetzt hat das Buch die aus Georgien stammende, in Deutschland lebende und auf Deutsch schreibende Nino Haratischwili, die im vorletzten Jahr mit ihrem Roman “Das achte Leben” für Aufsehen sorgte.

Die wahren Poetinnen

Anders als beim obligatorischen Buchmessen-Slam, der tradionell auf großer Bühne im Leipziger Schauspielhaus vor ausverkauftem Haus stattfindet, kann man Slam-Poeten – vor allem Künstler jüngerer Jahrgänge – auf der “Leseinsel Junge Verlage” aus nächster Nähe erleben. Es ist immer wieder erstaunlich, wie rasch die Zuschauer – und Zuhörermenge vor dem kleinen Podium anschwillt, wenn dieses Programm ansteht.

Ich durfte in diesem Jahr die beiden Ausnahme-Talente Zoe Hagen und Jule Weber bewundern. Weber gehörte auch zu den neun Wettbewerbern, die im Schauspielhaus antraten. Ihre Texte überzeugen durch erstaunliche Reife und eine komplexe, oft humorvolle Auseinandersetzung mit den “wahren” Fragen des Lebens. Die Sprachartistin und Verwandlungskünstlerin begeisterte mit einer launischen Selbstbespiegelung unter dem Titel “Narziss”.

Von Zoe Hagen, die im offenen Vortrag sympathisch unfertig wirkt, ist dieser Tage der Roman “Tage mit Leuchtkäfern” bei Ullstein erschienen.

Jule Weber, Poetin

Ein Sonderfall ist Nora Gomringer. Treuer Gast in Leipzig und den Urgründen der Slamer-Szene längst entwachsen. Mit ihrem vielseitigen Talent verfügt sie über ein breites Programm-Spektrum, solo und im Ensemble. Ihre Bücher erscheinen bei Volland & Quist, einem Verlag, der die meisten seiner Druckwerke mit inkludierten Hör-CDs ausstattet.

Vom 14. April bis 7. Mai findet in Ulm und Neu-Ulm die “Literaturwoche Donau” statt. Am Mittwoch, den 20. April ist aus diesem Anlass Nora Gomringer zusammen mit ihrem Verleger Leif Greinus im Saal der Ulmer Museumsgesellschaft zu erleben. Das sollte man sich in Ulm und Umgebung nicht entgehen lassen.

“Bereit zum Abschied sein … ”

Hermann Hesse war ja nie in Leipzig. Sonst hätte er gewusst, dass es mit dem Abschied von dieser Stadt, ihrem literarischen Leben und den Menschen hier, keineswegs so leicht ist. Doch zunächst besuchte ich noch eine kleine, sehr intime Veranstaltung im heimeligen Apothekenmuseum, das gleich neben der Thomas-Kirche zu finden ist.

Zwischen Vitrinen mit Pillenvergoldern, Mutterkornmühle, historischen Medikamentenpackungen und alten Kräuterbüchern, stellte der stets umtriebige Stefan Weidle seine neueste Russland-Entdeckung vor. Die Erzählung “Tatarinowa. Die Prophetin von St. Petersburg” von Anna Radlowa, übersetzt und kommentiert von Daniel Jurjew. Das Nachwort stammt von Oleg Jurjew, der an diesem Abend zusammen mit seiner Frau Olga Martynova (mit Auszügen aus ihrem Roman „Mörikes Schlüsselbein“ gewann sie 2012 den Bachmann-Preis!) Hintergrund-Informationen zu Werk, Autorin und Inhalt beitrug. Ich fühlte mich leicht überfordert, da mir mit meiner überwiegend westlich orientierten Sozialisation und Bildung die entsprechenden Bezüge zur russischen Literatur- und Kulturgeschichte fehlen.

Jetzt treffe ich sie endlich wieder. Meine Straßenbahnbekanntschaft. Einem meiner Vorschläge folgend, hat sie ebenfalls zu später Stunde hierher gefunden. Verabschiedung dann in kühler sternenloser Nacht neben der überlebensgroßen Statue von Johann Sebastian Bach. Turm und Kirchenschiff im Scheinwerferlicht.

Sind das Orgelklänge?

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Weiterführende Hinweise:

wasliestdu.de

Die Unabhängigen/Indiebookday

Literaturwoche Donau

Über interessante Bücher dieses Frühjahrs, die Begnung mit ihnen und ihren Autoren und Autorinnen auf der Leipziger Buchmesse, berichte ich ausführlicher in Kürze auf con=libri.

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