“Über das Land hinaus”

Von Lenz und Niedlich, bis Sayer und Riethmüller. Irene Ferchls Zeitreise durch den literarischen Südwesten.

Am 8. Mai 1955 hielt Thomas Mann seine berühmte Rede zum 150. Todestag Friedrich Schillers. Im Großen Haus des Württembergischen Staatstheaters zu Stuttgart. Im selben Jahr wurde in Marbach am Neckar, Schillers Geburtsstadt, das Deutsche Literaturarchiv gegründet. Von 1953 bis 1968 existierte die “Hochschule für Gestaltung” in Ulm. Inge Aicher-Scholl, Otl Aicher und ihr erster Rektor Max Bill wollten so die Bauhaus-Tradtion fortführen.

“Literarisches Leben in Baden-Württemberg” ist der Untertitel des großformatigen Bandes, der mir diese Ereignisse vergegenwärtigt. Er ist bei Klöpfer & Meyer erschienen. Schwarz auf gelb signalisiert er die Landesfarben, seine inhaltlichen Grenzen sind allerdings nach allen Seiten offen, wie der Titel erkennen lässt. Begrenzen musste sich die Autorin und Herausgeberin bei der zu berücksichtigenden Zeitspanne. Sie beginnt 1950, fünf Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs und zwei Jahre vor der Entstehung des heutigen Bundeslandes, und erreicht schließlich unsere Gegenwart. So ist eine Kapiteleinteilung entstanden, die sich in sieben Dekaden gliedert.

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Gegründet 1828 in Leipzig. Heute in Baden-Württemberg zu Hause: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH

Natürlich lassen sich nicht alle Ereignisse, Personen, Werke einer einzigen Dekade zuordnen, die Chronologie wird oft erweitert oder durchbrochen, “denn Geschichte und Geschichten spielen sich eben niemals geordnet ab: Da gibt es Rückblicke und Rückblenden … die historischen Schichten mischen sich, fließen ineinander … “ (Irene Ferchl im Vorwort). Entsprechend bunt und vielfältig sind die Stilelement, die Formen, die für diese kaleidoskopische Vorgehensweise verwendet werden: “Essays und Romanauszüge, Gespräche und Gedichte, Erzählungen und Interviews, Porträts und Reportagen.” Der renommierte “schwäbische” Kulturwissenschaftler Hermann Bausinger hat eine Einleitung geschrieben, in dem er den Kulturraum Südwestdeutschland ungeachtet politischer Landesgrenzen definiert.

Jeder Zeitabschnitt beginnt mit einem kurzen prägnanten Text eines schreibenden Zeitgenossen und einem Zeitfenster, dass einige wichtige Meilensteine der jeweiligen Epoche in Erinnerung bringt. Das ist sehr nützlich. Denn wie mir, wird es vielen Anderen auch gehen. Hatte ich doch völlig verdrängt, dass am 4. Oktober 1983 das Stuttgarter Schriftstellerhaus eröffnete, oder dass Arnold Stadler 1999 mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet wurde. Ähnlich nützlich wie diese Synopsen ist das erstaunlich umfangreiche Namensregister von Achternbusch, Herbert bis Ziegler, Leopold.

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Ein Haus für die Literatur der Zukunft: Die Stadtbibliothek Ulm

Dass in einer Publikation von Irene Ferchl die schreibenden Frauen nicht zu kurz kommen, ist ebenso wenig überraschend wie erfreulich. So war ich sehr angetan, zwei der im allgemeinen Rummel des Betriebs eher als Mauerblümchen anzusehenden oberschwäbischen Marien in diesem Buch zu finden. Maria Müller-Gögler mit dem Gedicht “Kindheit” und Maria Beig mit ihrem Text “Paradies vorm Ausverkauf.” Ebenfalls Außenseiter angesichts landläufiger Vermarktungs-Klischees war sicher der in sich gekehrte Hermann Lenz und ist es der Zeitgenosse Walle Sayer mit seinen schmalen Bändchen in denen seine zarten Miniaturen erscheinen.

Unterhaltsam amüsant sind die Beiträge von Peter Härtling (“Die Kehrwoche”) und Thaddäus Troll (“Der Schwabe und die Musen”). Spannend die Informationen über die Entwicklungen im Buchhandel in diesen fast 70 Jahren. Da wird zum einen an das Stuttgarter Bibliotop des Wendelin Niedlich erinnert (“Babylonische Buch-Türme und -Labyrinthe”), während Osiander-Chef Heinrich Riethmüller im Interview über die nicht immer einfache Situation seiner Branche in der Gegenwart Auskunft gibt. Er ist es, der uns Buch- und Literaturenthusiasten etwas aufatmen lässt: “Bei aller Euphorie gegenüber dem E-Book und der Digitalisierung glaube ich, dass man auch in zwanzig Jahre noch gedruckte Bücher haben wird.”

FerchlWas diese Welt der schönen Bücher und ihrer Macher im deutschen Südwesten zu bieten hatte und immer wieder anzubieten hat, macht das mit zahlreichen schwarzweißen Fotos illustrierte Buch von Irene Ferchl deutlich.

Ferchl, Irene (Hrsg.): Über das Land hinaus : literarisches Leben in Baden-Württemberg. – Klöpfer & Meyer, 2016

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