Bin ich das?

Zu Michael Angeles „Der letzte Zeitungsleser“

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“Zeitungen lesen.” So lautet die Anweisung des Otto Trsnjek an seinen Lehrling Franz Huchel in Robert Seethalers Roman “Der Trafikant”. “Die Zeitungslektüre nämlich sei überhaupt das einzig Wichtige, das einzig Bedeutsame und Relevante am Trafikantendasein; keine Zeitung zu lesen hieße ja auch, kein Trafikant zu sein, wenn nicht gar: kein Mensch zu sein.”

Trafiken sind kleine, enge, völlig überfrachtete Läden in österreichischen Städten. Dort kann man Lotterie-Lose erwerben, Rauchwaren, Zeitschriften und eben Zeitungen kaufen. Seit Jahren ist der Verkauf gedruckter Tageszeitungen jedoch rückläufig, ebenso wie die Zahl der Titel, die im Nachbarland oder in unserer Republik erscheinen.

Meine Friseurin, die als zweites berufliches Standbein zusammen mit ihrem Mann einen Kiosk in unserer Stadt betreibt (Kioske spielen ja in Deutschland etwa die Rolle wie die Trafiken in Österreich), will von dieser Entwicklung hingegen noch nichts bemerkt haben. Ihre Stammkunden verhielten sich unverändert, versicherte sie mir. Sie muss dann allerdings auf Nachfrage einräumen, dass ihre Verkaufsstelle vorwiegend von Personen mindestens mittleren Alters frequentiert wird. Eine zudem meist konservative Klientel, Lehrer der nahen Gymnasien, Richter, Anwälte, Justizbedienstete, der Justizeinrichtungen um die Ecke. Junge Kundschaft habe sie so gut wie nicht.

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In einem wehmütigen Großessay gibt der Journalist Michael Angele den Grabstein für die gedruckte Tageszeitung in Auftrag, und verfasst zugleich einen launisch anekdotenreichen und sehr persönlichen Nachruf. Er wird, wenn dem letzten Blatt sein Stündchen geschlagen hat, als Zeitungsautor und notorischer Leser, gleich zweifach Hinterbliebener sein. Auch ich würde dann zu den zurückgelassenen Waisen gehören. Denn Zeitungslektüre gehört für mich seit ich denken kann zu den unverzichtbarsten Alltäglichkeiten.

Lange vor der Zeit als ich die ersten Karl-May-Bände verschlang, von den Wildwest- und Wüsten-Abenteuern nicht mehr genug bekommen konnte, hatte erstes mühsames Entziffern von Schlagzeilen begonnen. Natürlich mit dem örtlichen Lokalblatt, das unser Haushalt abonniert hatte, wie es fast alle Familien in unserer Umgebung abonniert hatten, und dessen tägliche Ausgabe bereits zu früher Stunde durch den Briefschlitz der Haustür fiel. Wohl gab es Menschen in der Umgebung, die kein Zeitungs-Abonnement hatten – doch die hielt man damals für etwas sonderlich, ja fast haftete ihnen ein leichter Hauch des Asozialen an.

Später kaufte ich mir hin und wieder die “Süddeutsche” oder die “Stuttgarter Zeitung”. Einzelausgaben waren damals selbst mit schmalem Taschengeld erschwinglich. In den rebellischen Jugendjahren wurde die zu jener Zeit deutlich linksliberale “Frankfurter Rundschau” ebenso unentbehrlich wie sichtbar getragenes Statussymbol und Glaubenbekenntnis. Als ich nach der Schulzeit in einem Verlag lernte und arbeitete, der Fachliteratur für die Uhren- und Schmuckbranche herausgab, wurde die “Neue Zürcher Zeitung” (NZZ) erst zur beruflichen Pflicht- und bald schon zu einer der Lieblingslektüren. Ich genoss den leicht überfordernden intellektuellen Anspruch und den globalen Geist des Blattes, lernte, was ein gutes Feuilleton ist.

Michael Angele beginnt sein Buch, dessen Satzspiegel der Breite einer Zeitungsspalte entspricht, mit der bekannten Geschichte Thomas Bernhards, in der dieser durch halb Österreich fährt auf der Suche nach der aktuellen Ausgabe der “Neuen Zürcher Zeitung”. Nachzulesen in Bernhards autobiographischer Erzählung “Wittgensteins Neffe”.

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Angele entwickelt in seiner Trauerarbeit eine anschauliche Soziographie der guten alten Tageszeitung, deren Tage aus Sicht der meisten Medien-Propheten gezählt sind, sowie eine kleine Typologie prägnanter Leser-Charaktere. Das Zeitunglesen war und ist für viele Menschen gute Gewohnheit und fester Bestandteil alltäglicher Rituale. Sich über das Gelesene zu wundern, zu ärgern, mit anderen auszutauschen, gehört zur lieb gewonnenen Interaktion zwischen Blatt und Leser. Welche Überraschungen hält doch so eine aufgeschlagene Doppelseite weit über die erwartbaren Informationen, Ereignisberichte, Sportergebnisse und Werbeanzeigen bereit?

Bedauerlich, die Rettungs- und Sanierungsversuche des Traditionsmediums führen dazu, dass wir statt des vielfältigen Spektrums an fundierten Informationen und prägnanten Meinungen, zunehmend mit Kitsch, Tratsch und Trash abgespeist werden. Gleichlautende Agenturmeldungen und großformatige Bebilderung vermießen noch den letzten Standhaften ihre Treue. Aus distanzierter objektivierter Betrachtung wird vielfach seichte Propaganda, Anbiederung an Werbekunden, billige Kopie der für Online-Medien gebräuchlichen Formensprache. Neugier und Wissensdurst werden mit Hollywood-Scheidungen, Promi-Schicksalen und penetrant wiederholten Politiker-Statements abgespeist.

Rettungsversuche bestehen neuerdings in veränderten Wochenend-Ausgaben, die längere hintergründige Artikel, aber auch unterhaltsame Bestandteile bieten, um so zu entspannter Sonntags-Letüre anzuregen. Das ist sicher ein wichtiger neuer Weg. Zu den Stärken der Zeitung alter Prägung zählte allerdings insbesondere die regelmäßige lokale und regionale Berichterstattung. Mit ihrem Verschwinden würde in Zukunft ein fundamentales Element der demokratisch-parzipativen Demokratie vermisst.

Dicke Wochenzeitungen können diese Funktion nicht ersetzen. Leistungsfähige Lokalredaktionen fallen leider seit Jahren immer häufiger den Spardiktaten zum Opfer. Konzentrationsprozesse auf Verlagsebene und fusionierte redaktionelle Mantelteile lassen die Vielfalt, den Kontrastreichtum und die Pluralität immer weiter schrumpfen. Feuilletons müssen weichen, qualifizierte Literaturkritik verschwindet. Schaut man auf die wöchentlichen Filmseiten sieht man nur noch allerseits wiedergekäute Propaganda für ohnehin leichtgängige Blogbuster und billige Massenware.

Neulich wurde die Optik, das Layout meiner Lokal- und Regionalzeitung neu gestaltet – relaunched. Das Ergebnis ist insgesamt erschütternd, die Einsichtsbereitschaft der Verantwortlichen in ihr Misslingen gering, wie Stellungnahmen und Interviews zu entnehmen ist. In einem Gespräch mit der eigenen Zeitung äußerte sich der Chefredakteur überraschend zuversichtlich über die Zukunftsfähigkeit seines und anderer vergleichbarer Blätter: „Es gibt kein anderes Medium, das in dieser Breite und Tiefe Themen aufbereitet. In dem Konzert der sozialen Netzwerke, in dem jeder seine Meinung ungeprüft … herausposaunen darf, müssen Zeitungen und ihre Redakteure als verlässlicher Anker funktionieren, die die Diskussion bündeln und objektivieren. Das ist eine hohe Verantwortung, der wir sicher nicht immer ganz gerecht werden können. Aber ich sehe niemand außer den Zeitungen, der diese Rolle einnehmen könnte.“ (*)

Ob er recht behalten wird? In Stefan Zweigs Erzählung “Buchmendel”, 1929 erschienen, betritt der Protagonist ein Wiener Kaffeehaus, “altwienerisch bürgerlich und vollgefüllt mit kleinen Leuten, die mehr Zeitungen konsumierten als Gebäck.” Als ich bei einem Wienbesuch vor einigen Wochen zum wiederholten Male im gemütlich morbiden “Jelinek” auf eine Melange einkehrte, lagen die vielen deutschsprachigen und internationalen Blätter beiseite geschichtet und unbeachtet auf einem Sideboard. Die Kaffehaus-Besucher des Jahres 2016 starrten auf Smartphones oder tippten in schicke Laptops.

Ich gehöre, wie Michael Angele, zu jenen Übriggebliebenen, die sich wünschen, dass es in Zukunft gedruckte Tageszeitungen und kluge, fähige Redakteure geben wird, die einem Anspruch, wie ihn der oben zitierte Chefredakteur formulierte, gerecht werden und in Form einer ansehnlichen, äußerlich ansprechenden gedruckten Tageszeitung umsetzen können und dürfen. Damit ich und meine Generation nicht zu den letzten gehören. Den letzten Zeitungslesern.

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(*) Es handelt sich um die in Ulm erscheinende SÜDWEST PRESSE

(Das Gespräch mit Chefredakteur Ulrich Becker erschien in der Ausgabe vom 1. Oktober 2016. Das Blatt veröffentlichte zahlreiche Stellungsnahmen von Lesern zum Relaunch, die in der Mehrheit tendenziell eher positiv ausfielen. Wesentlich negativer und ablehnender waren Wortmeldungen die auf einer separaten Social Media Plattform zu finden sind. Um auf dem Forum schreiben zu dürfen ist eine separate Registrierung erforderlich. In das gedruckte Blatt wurden diese kritischen Äußerungen nicht übernommen.)

Angele, Michael: Der letzte Zeitungsleser. – Galiani Berlin, 2016

Seethaler, Robert: Der Trafikant. – Roman. – Kein & Aber, versch. Jahr u. Aufl.

Bernhard, Thomas: Wittgensteins Neffe. Eine Freundschaft. – Suhrkamp, 2006

Zweig, Stefan: Buchmendel. Erzählungen. – S. Fischer, 1990