„Für das Wort und die Freiheit” – Notizen zur Leipziger Buchmesse 2017. (I)

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“Nicht zu lesen lohnt sich nicht” (Katharina Herrmann / Kulturgeschwaetz.Wordpress.Com)

“Lesen hilft – und viel lesen hilft viel!” (Julia Schmitz / fraeuleinjulia.de)

“Ich lese, weil ich nicht weiß, wie es ist, nicht zu lesen.” (Marion Rave / schiefgelesen.net)

Hurra! Ich habe einen Sitzplatz ergattert. Mir gegenüber feuerrote Kontaktlinsen und die staubige Perücke einer Manga-Figur. Schweißgeruch. Auf dem Schoß “Warum ich lese” aus dem Homunculus Verlag. (Daraus stammen die Zitate oben.) Ja warum eigentlich? Das fragt man sich schon einmal im völlig überfüllten Straßenbahnwagen der Linie 16 auf dem Weg zur Leipziger Buchmesse 2017.

Eine Dame hinter mir outet sich als Professorin für Buchwissenschaften in M. Ihre Gesprächpartnerin, erfahre ich postwendend, ist Lektorin für Schulbücher in Wien. Die Beiden kommen immer besser ins Gespräch und ich verliere endgültig den Faden meiner Lektüreversuche. Die “Sinnstiftung des Lesens” spiele kaum noch eine Rolle, höre ich und muss komisch aussehen, weil ich heftig nicke. Spaßfaktor, Erfolgsaussichten in Leben und Beruf, vorgegebene Curricula, der Wille mitreden zu können, bestimmen die Wahl. Wenn überhaupt noch das Buch die Wahl ist.

Leipziger Messe – Buchmesse 2017. Foto: Tom Schulze

“Wir sind da!” Die helle Stimme der Straßenbahnfahrerin reißt mich aus meinen zustimmenden Gedanken. “Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag auf der Leipziger Buchmesse.” Solche Straßenfahrerinnen gibt es nur in Leipzig. Überhaupt gibt es nur in Leipzig so viele Straßenbahnfahrerinnen. Vielleicht noch in Berlin. Apropos Straßenbahnfahrerin, wer es noch nicht gelesen hat, sollte das bald nachholen. Paula Fürstenbergs “Familie der geflügelten Tiger”, bereits im letzten Jahr bei Kiepenheuer und Witsch erschienen. Handelt von einer angehenden Straßenbahnfahrerin und ihrer kuriosen, leicht tragischen Famliengeschichte vor und nach ‘89.

Diese Buchmesse 2017 war eine politische Buchmesse. Besser: Auf dieser Buchmesse spielten politische Inhalte, Themen, Schlagworte und aktuelle Auseinandersetzungen eine zentrale Rolle. “Für das Wort und die Freiheit” hieß es auf Bannern, Fahnen und Podien.

“Wie reden wir eigentlich miteinander?” wurde im Cafè Europa gefragt. Nach Antworten suchten Mely Kiyak, sie ist ist politische Kolumnistin, Fatih Çevikkollu, Theater- und Filmschauspieler, Komiker und Kabarettist, Kijan Espahangizi, Historiker und Leiter des Zentrums Geschichte des Wissens an der ETH Zürich, und Moderatorin Esra Küçük, Kuratorin von Europa21, Mitglied im Direktorium des Maxim Gorki Theater. Intellektuelle, Wissenschaftler, professionelle Schreiber aus Deutschland und der Schweiz, der deutschen Sprache besonders mächtig. Sie machten zunächst deutlich, dass Fake News und Filterblasen so neu gar nicht sind. Das hieß früher nur anders.

Kritik an der alltäglichen Debattenkultur, in Medien und Kanälen, im Privaten. Auf komplexe Probleme und Fragen seien kaum noch differenzierte Antworten möglich. Pro oder Contra Flüchtlinge, nichts dazwischen. Kijan Espahangizi entzauberte das scheinbare Ideal der Volksabstimmungen, die im kantonal strukturierten Nachbarland ja besonders gerne durchgeführt werden. Es gäbe dabei eben nur ja oder nein. Ja oder nein auf vereinfachte Fragestellungen die für vielschichtige Sachverhalte stehen. Und die vermeintlichen Stimmenmehrheiten sind in Wahrheit allenfalls Bruchteile, denn viele dürfen nicht wählen, manche wollen nicht, und dann stimmen 51 Prozent dafür, was letztlich bedeutet, dass eine erhebliche Mehrheit unentschieden oder dagegen ist.

Warum wissen wir eigentlich so wenig über andere Länder? Mehr als Nachrichtenmedien vermitteln können? Einer der Gründe ist, weil so wenig Sachliteratur aus diesen Ländern, von Autoren die in diesen Ländern leben, übersetzt wird. Was wissen wir denn schon über die innergesellschaftlichen Diskurse und Diskussionen, Stimmungen und Strömungen in der Türkei, in Syrien, in Zentralafrika? Bürger und Zeitgenossen dürfen nicht nur das Recht auf Informationen fordern, sie müssen es auch wahrnehmen. Resultiert daraus nicht sogar die Pflicht, sich qualifiziert zu informieren? Und zu lernen, wie man das macht?

Hoffnung und Zukunft für Europa, für die Literatur, für das Lesen und Schreiben? Die Jungen. Junge Menschen die Lesen, die Schreiben, und in Leipzig tapfer und erstaunlich selbstsicher aus ersten Werken vortragen. Oder sich zum intensiven, exzessiven Lesen bekennen. Leser als Lebensform. Wie die drei Bloggerinnen auf der “Leseinsel der Jungen Verlage”. Drei von vierzig Autoren und Autorinnen, stellvertretend für all jene, die in dem bereits erwähnten Sammelsurium “Warum ich lese” enthalten sind, mit ihren ganz persönlichen Leselebensgeschichten. Sarah Reul, Sophie Weigand und Katharina Herrmann.

Sarah Reul, die das Blog pinkfisch.net schreibt hat sich auf 15 triftige Gründe beschränkt. Die haben es in sich, bilden sie doch so etwas wie eine kurzgefasste Lesebiographie. Beginnend mit ihrem ersten Pixi-Buch – “Ralf und die Semmel” – , über den Klassiker “Romeo und Julia”, das abgehobene “Per Anhalter durch die Galaxis”, bis zur unvermeidlichen Harry-Potter-Reihe, über die Bibel und den von Viellesern oft erwähnten Murakami-Roman “Kafka am Strand”, bis zum 15. Grund, der sicher nicht der wirklich letzte sein wird: “Bitte nicht lesen oder Der aufregendste Sommer im Leben von Nelson Jaqua” von Monte Merrick.

Beeindruckt hat mich das literarische Debut von Nadja Schlüter, die auf Lesebühnen unterwegs ist und auch schon journalistisch gearbeit hat. Ihre Erzählungen sind bei Voland & Quist erschienen. Jede Geschichte in »Einer hätte gereicht« handelt von Geschwister-Konstellationen. Pointierte, stimmige Arbeiten, die es verdienen ein breites Publikum zu erreichen. “Da ist eine kauzige Frau, die ihren Bruder bisher gar nicht kannte und jetzt zu sehr mag. Und da ein junger Mann, der es nicht aushält, seinen Bruder besser zu kennen als sich selbst. Zwei völlig Fremde im Zug geben sich spontan als Geschwisterpaar aus und sind sich plötzlich ganz bekannt… Nadja Schlüter lotet in zehn Erzählungen aus, was es heißt, sich auf diese ganz eigene Art nah zu sein.” (Verlagsblog)

Ulrich Schacht (r.) im Gespräch mit Rainer Moritz

Etwas älter ist Ulrich Schacht, und hat dementsprechend schon einiges erlebt. Gefängnis in der ehemaligen DDR, Freikauf durch die damalige Bundesrepublik, eine veritable Karriere als Journalist. Lyrik hat er veröffentlicht. Und nun einen großen Roman, der natürlich autobiographische Bezüge aufweist, die er allerdings im Gespräch mit Rainer Moritz sofort relativiert. Wie das eben so sei mit Literatur und Realität, mit Erdachtem und Erlebten, die Grenzen verschwimmen. “Notre Dame” ist zu allererst eine große Liebesgeschichte. Gleich danach ein Buch über die Freiheit des Einzelnen und das Fehlen von Freiheit, ein überzeugendes Plädoyer für ein offenes Europa so ganz nebenbei. Mittreißend und fesselnd erzählt. Eine der vielen Titel in diesem Frühjahr die am besten sofort gelesen werden wollen.

Schließlich noch eine Bemerkung aus aktuellem Anlass. Entgegen des Eindrucks den einige Mäkler und Nörgler in diesen Tagen gerne verbreiten möchten, standen sich Menschen, die der Ernst der Weltlage bewegt und unbeschwerte, phantasievoll kostümierte Teilnehmer der Manga-Comic-Cosplayer-Szene respektvoll und freundschaftlich gegenüber; ja die verschiedenen Stimmungslagen und Interessengruppen vermischten und vermengten sich. Im März in Leipzig geht es offen zu, tolerant, neugierig, der Blick geht in alle Himmelsrichtungen, es entsteht ein wohltuendes Nebeneinander von Jung und Alt, Bunt und Schwarzgrau, Original und Kopie, Drama und Komödie.

Foto: Wiebke Haag

Den zweiten Teil zur Leipziger Buchmesse 2017 gibt es in einigen Tagen und hier die Daten der ausführlicher erwähnten Bücher:

Fürstenberg, Paula: Familie der geflügelten Tiger. Roman. – Kiepenheuer & Witsch, 2016. Euro 18,99

Warum ich lese. 40 Liebeserklärungen an die Literatur. – Homunculus Verlag, 2017. Euro 12,90

Schlüter, Nadja: Einer hätte gereicht. – Voland & Quist, 2017. Euro 18

Schacht, Ulrich: Notre Dame. Roman. – Aufbau Verlag, 2017. Euro 22

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