Sommer mit Gedichten

„Mit Reim oder nicht, es nennt sich ein Gedicht.“ (A. T. Wille)

Das ist ein feiner Zug. Die Airline Condor bietet im Juli die Möglichkeit für Bücher ein Kilo zusätzliches Freigepäck an Bord zu nehmen. Flugreisende können so unbeschwert gewichtige Ferienlektüre einpacken. Entschiede man sich zum Beispiel für den 1200-Seiten-Wälzer “Das kalte Blut” von Chris Kraus blieben darüber hinaus nur magere neun Gramm für ein Zweitbuch. Commissario Brunettis sechsundzwanzigster Fall (“Stille Wasser”) schlägt mit lediglich 327 Gramm zu Buche, es könnten also noch zwei weitere Fälle des venezianisches Ermittlers mitreisen.

Noch mehr inhaltliche Kapazität erzielt man mit den handlichen Gelben von Reclam. Obwohl oft von klassischer Wucht, bringen die meisten weniger als 100 Gramm auf die Waage. Einer meiner Lieblingsausgaben allerdings deren 123. Es sind die “Gedichte” Friedrich Hölderlins, Band 18242 der Universalbibliothek. Mein inzwischen reichlich zerfledderdes Exemplar hat mich viele Jahre lang auf fast allen Reisen und Ausflügen begleitet. “Hälfte des Lebens” war dabei mein absoluter Favorit. Das komplexe Meisterwerk habe ich in Leipziger Straßencafés, Schweizer Hochtälern oder auf heimatlichen Spaziergängen immer wieder neu gelesen, oder, wo ich unbeobachtet war, laut rezitiert, und eines Sommertages im Westallgäu auf einem Stapel Baumstämme sitzend auswendig gelernt. Was gar nicht so einfach ist, die raffinierte Struktur der lebensweisen Verse prägt sich erstaunlich schwer ein:

“Mit gelben Birnen hänget / Und voll mit wilden Rosen / Das Land in den See, / Ihr holden Schwäne, / Und trunken von Küssen / Tunkt ihr das Haupt / Ins heilignüchterne Wasser.

Weh mir, wo nehm ich, wenn / Es Winter ist, die Blumen, und wo / Den Sonnenschein, / Und Schatten der Erde? / Die Mauern stehn / Sprachlos und kalt, im Winde / Klirren die Fahnen.”

Ernst Jandl gehörte zu den großen Sprachspielern und Wortakrobaten des 20. Jahrhunderts. Von ihm gibt es in der Universalbibliothek einen repräsentativen Querschnitt durch sein Werk unter dem Titel “Laut und Luise”. Darin enthalten der unvergleichliche “schtngrmm” (= Schützengraben), einst einer der Höhepunkte jeder Jandl-Lesung, im Netz findet man entsprechende Video-Aufzeichnungen. Danach kann man sich am eigenen Vortrag versuchen. “schtngramm”, ein Antikriegsgedicht? Eine beißende Satire auf jede Form von Waffengebrauch? Wie auch immer: “daddda / daddda / dadddaddadda”.

Deutlich friedlicher ist das herrlich absurde “sanft und klar”, das so beginnt: “das stürmische doch / die bei den / fetter grüne du / hast du besser” und am Ende mit fundamentalen Fragen des Lebens schließt: “weiß ich wer / wohin die”

Wer und wohin? Vielleicht zu Robert Gernhardt, dem großsatirischen Vetter im Geiste Ernst Jandls. “Reim und Zeit” ist die Nummer 8652 der Universal-Bibliothek. Im Nachwort fragt er sich selbst, warum er Gedichte schreibe, und antwortet: “Das ist eine lange Geschichte”. Von dieser gibt es dann eine kurze Zusammenfassung. Darin verweigert er sich seinem Ruf als reiner Belustiger und in der Tat finden wir bei ihm neben Gedichten voller Komik auch tiefen Ernst, neben lustvollem Spaß auch gereimte Melancholie. So heißt es im zweiten Teil von “Kleines Lied”: “Bin ich auch blind / Bin ich doch taub / Bin ich auch Fleisch / Werd’ ich doch Staub”.

Doch vorher lesen wir ganz gerne noch ein wenig vom heiteren Gernhardt: “Hab ein Lied erdacht für mich / hab’s nur so vor mich hingesummt / sind alle ringsum verstummt / haben geschrien: Aufhören!” Daran denken wir keineswegs auf unserer frohen Fahrt durch den Sommer. Wir verhaspeln uns bei Jandl, versuchen Gernhardt zu singen und spüren bei Hölderlin eigener Vergänglichkeit nach.

Nicht jeder Dichter hat es schon zu einem Band in der Universal-Bibliothek gebracht. Dazu gehören zahlreiche ebenso lohnende wie höchst lebendige Zeitgenossen. Wie der noch junge Ulmer Barde Marco Kerler (Jahrgang 1985), aus meiner Sicht sozusagen ein “local hero”. Er reimt, schreibt und spricht meist knapp assoziativ, teilweise auf Anregung seines Publikums, im Ergebnis oft überraschend: “Als ich einen Text schrieb im Kopf / waren Worte ein Schloss / das ich aufbrach / und nun bekomm ich / die Tür nicht mehr zu”. Seine liebevoll ausgestatteten Bände “VolksLyrik” und “Schreibgekritzel” sind im Buchhandel erhältlich.

Ausschweifender und vielstrophig sind die gereimten Geschichten von Christian Maintz, veröffentlicht in dem Band “Liebe in Lokalen”. Sie sind mal grotesk, mal witzig, mal komisch, mal albern. Sie handeln von der Liebe, gerne in seiner körperlichen Form (“ICE-Romanze”), von Dichtern und Denkern, von Tieren (“Tierische Rassisten”) und Pflanzen; sie sind mal sagenhaft, mal parodistisch, stets sinnlich. Lesefreuden für alle Lebenslagen: “Das Quallenvolk ist zweigeschlechtlich, / Ein Vierteljahr heißt auch Quartal, / Die Qualität schwankt oft beträchtlich, / Die Quintessenz ist meist fatal.” (Aus dem Zyklus “Kleines ABC des Allgemeinwissens”)

Der Georg-Büchner-Preis ist eine ungewöhnliche Auszeichnung für Lyriker. Jan Wagner wird in diesem Jahr die Ehre und das Preisgeld zuteil. Auf seine Preisrede darf man sehr gespannt sein. Inzwischen genießen wir seine einfallsreiche, oft schalkhafte Naturdichtung, die gerne äußerlich klassische Formen, wie etwa das Sonett, pflegt. Sein “Giersch” ist auf dem besten Weg Volksgut zu werden: “nicht zu unterschätzen: der giersch / mit dem begehren schon im namen – darum / die blüten, die so schwebend weiß sind, keusch / wie ein tyrannentraum. / kehrt stets zurück wie eine alte schuld”

Die Musik für die sommerliche Zeit kommt in diesem Jahr von Konstantin Wecker – am 1. Juni muntere 70 Jahre alt geworden. Die Texte seiner Lieder gehören zu den schönsten Gedichten der Gegenwart. Hiermit darf man sich Jahr für Jahr immer wieder vorfreuen:

“Wenn der Sommer nicht mehr weit ist / und der Himmel violett, / weiß ich, daß das meine Zeit ist, / weil die Welt dann wieder breit ist, / satt und ungeheuer fett.”

Wecker vertont gerne Gedichte von Dichtern, die für ihn eine besondere Bedeutung haben. Dazu gehört das träumerisch traurige „Schwindender Sommer“ seines weißblauen Wahlverwandten Oskar Maria Graf. Er singt darin von „leerer Sonne“ und braungelb verfärbtem „Wiesenhaar“. Wie jeder Sommer, so treibt auch der Mensch unweigerlich dem Herbst seines kurzen Lebens entgegen.

„Geschah das nicht in jenen Augenblicken, / die nochmals strotzen in der ganzen Fülle, / dass uns ein Traurigsein und ein Bedrücken / anrührte in der reifen Sonnenstille … ?“

Mit Lyrik durch den Sommer. Am heißen Strand, auf hohen Gipfeln, unter Tannenwipfeln, im Tälergrün – Gedichte begleiten uns. Nur Gedichte? Nun, der eine oder andere Roman wird bei mir mit dabei sein. Er darf ruhig dicker und schwerer ausfallen. Schließlich fliege ich nicht. Schöne Gedichte, gute Romane und die eine oder andere hintergründige Zeitung, so kommt man gut durch den Sommer. Schließlich braucht der Mensch was zum Lesen. In jeder Jahreszeit.

***

Hölderlin, Friedrich: Gedichte. – Philipp Reclam jun., 2003 (Reclams Universal-Bibliothek, 18242)

Jandl, Ernst: Laut und Luise. – Philipp Reclam jun., 1976 (Reclams Universal-Bibliothek, 9823)

Gernhardt, Robert: Reim und Zeit. Gedichte. – Philipp Reclam jun., erw. Ausg. 1990 (Reclams Universal-Bibliothek, 8652)

Kerler, Marco: Schreibgekritzel. – Manuela Kinzel Verlag, 2015

Kerler, Marco: VolksLyrik. – Edition Dreiklein, 2016

Maintz, Christian: Liebe in Lokalen. Gedichte. – Kunstmann, 2016

Wagner, Jan: Regentonnenvariationen. Gedichte. Hanser Berlin, 2014

Graf, Oskar Maria: „Manchmal kommt es, dass wir Mörder sein müssen …“. Gesammelte Gedichte. – Matthes & Seitz, 2007

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2 Responses to Sommer mit Gedichten

  1. Sommer … Lyrik …
    Ein Beispiel schöner als das andere, zum laut Sprechen oder Flüstern, zum Träumen und tief Einatmen.
    Und was mache ich eigentlich im Büro ? Zum Glück ist’s Freitag.
    Vielen Dank für die wunderbare Inspiration (und auch das Sternchen auf meinem Blog).
    Ein schönes, beschwingtes, fettes und schwebendes Wochenende wünscht
    Elisabeth

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  2. B. E. Mich sagt:

    Hölderlins im kollektiven Literaturgedächtnis gespeicherte „Hälfte des Lebens“ hinterlässt auch im Online-Kosmos des 21. Jahrhunderts Spuren: „Volltrunken gequatscht, aber heilig-nüchtern geschrieben“ ist die stets nützliche „Perlentaucher-Bücherschau des Tages“ betitelt (09.07.2017).

    In meiner kleinen Sammlung von Reclams Universal-Bibliothek der älteste Titel: Wilhelm Raabe, Zum wilden Mann, RUB Nr. 2000, 1919. Die ersten beiden Nummern erschienen übrigens 1867 (Faust I + II).

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