Pfiat di Tölz

Über die Freude der Marktgemeinde Bad Tölz, dass ihr im Jahr 1917 ein angehender Literatur-Nobelpreisträger mit seiner Familie den Rücken kehrte.

Apropos Jubiläum. Mein Heimatstädtchen kann ich gut verstehen. Der Jahrestag des Wegzugs meiner Wenigkeit anno 19XX, der in Wirklichkeit eine Flucht war, ist ihm natürlich keinerlei Feierlichkeiten wert. Wer bin ich denn? Schließlich hat der Ort am Rande des Thüringer Waldes seinen Goethe. Von Weimar aus war er oft in Ilmenau, zum letzten Mal 1831 mit 82 Jahren. (Im Kalender also vormerken: 2031 Goethe-Jubeljahr am Fuße von Lindenberg und Kickelhahn. Johann Wolfgang vor 200 Jahren letztmals hier.)

Mein langjähriger und aktueller Lebensmittelpunkt lässt es sich nicht nehmen aus den Windeljahren eines später weltberühmten Physikers eigenen Imagegewinn zu ziehen. Einsteinstraße, Einsteinallee, Einsteinhaus, ja selbst einen schweißtreibenden Langstreckenlauf hat die Donaustadt nach dem Weltbürger benannt. Kaum hatte er 1879 das physikalische Phänomen Licht der Welt erblickt, hielten es seine Erzeuger im Jahr darauf für angezeigt nach München weiterzuziehen. Es war für ihn kein Nachteil, dass der inzwischen Hochgeehrte in den 1930er-Jahren längst im amerikanischen Exil forschte und lehrte, denn Ulm hatte zu der Zeit nicht mehr viel übrig für ihn und die rund ums Münster lebenden jüdischen Mitbürger. (Ulmer merken im Kalender vor: 2030 Jubel in der ganzen Stadt. Vor 150 Jahren überquerte Einstein die Donau bei Ulm.)

Und damit zum oberbayerischen Marktflecken Tölz, heute Bad Tölz. Hier gönnt man sich heuer ein ganzes Jahr zum Feiern. Willkommener Anlass ist nichts weniger als der Wegzug einer ganzen Familie aus der Gemeinde im Jahre 1917. Woanders feiert man 500 Jahre Reformation, 50 Jahre Farbfernsehen oder 300 Millionen Besucher auf dem Eiffelturm. Tölz derweil ergötzt sich daran, dass ein großbürgerlicher Schriftsteller im vorletzten Weltkriegsjahr seine Sommerfrische an der Isar aufgab. 100 Jahre ist es her, dass Thomas Mann mit seiner Frau Katia und den Kindern Erika, Klaus, Golo und Monika Tölz den Rücken kehrte. Es waren harte Kriegszeiten damals und die Aufgabe des geräumigen Feriendomizils hatte nicht zuletzt wirtschaftliche Gründe. (Im Kalender des Jahres 2017: Jubiläumsjahr Manns verlassen Tölz demnächst abhaken.)

Blick auf Bad Tölz und die Isar

Die Familie Mann hatte bereits mehrfach Sommerwochen in Oberbayern verbracht bis man 1908 das Landhaus in Tölz bauen ließ. Vom Eigentümer als Herrensitzchen bezeichnet, handelte es sich in Wirklichkeit um eine geräumige Villa mit drei bewohnbaren Geschoßen auf einem großzügigem Grundstück in aussichtsreicher Höhenlage über der Stadt. Thomas Mann der notorische Villenbesitzer, wie es der Mann-Basher Brecht ausdrückte. Baubeginn war im September und schon im November stand der Rohbau. Den Sommer 1908 verbrachte man zunächst noch in einer gemieteten Immobilie. Thomas Mann legte letzte Hand an den Roman Königliche Hohheit.

Ein großbürgerlicher Protestant und Schopenhauer-Anhänger im Land des lebensprallen, volkstümlichen Katholizismus mit seinen bilderstrotzenden Ausdrucksformen. Ein homosexuell veranlagter Familienvater, der sein wahres Sehnen aus Rücksicht auf Familie und Gesetzeslage in Zucht halten musste und das pralle Leben mit seinen leichten, durch Beichte leicht vergebbaren Sünden um ihn herum. Die Villa in der Nähe des Klammerweiher, an dem heute der Thomas-Mann-Weg entlang führt, gehört inzwischen dem Orden der Armen Schulschwestern und dient als Erholungsheim.

Tölz hat Spuren im Werk eines Dichters hinterlassen, der viel lieber fand, als dass er erfand. Der Dichter Gustav von Aschenbach im Tod in Venedig besitzt einen rauhen Landsitz … den er im Gebirge errichtet und wo er die regnerischen Sommer verbrachte. Ein schneereicher oberbayerische Winter inspirierte die Schneesturmszenen im Zauberberg. … ein Schneeabenteuer war es, ich hatte so viel Schnee in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen …  schrieb Mann an Ernst Bertram.

Blick von der Isar auf den Kalvarienberg

Kuhmulde heißt ein Teich, der im Doktor Faustus in der Nähe des elterlichen Hofes Adrian Leverkühns liegt. Die Beschreibung lässt erkennen, dass der Tölzer Klammerweihe nach Thüringen verlegt wurde. Ein Teich weidenumstanden, der nur zehn Minuten Weges … entfernt lag … hatte, ich weiß nicht warum, auffallend kaltes Wasser. Und den Kalvarienberg, hoch über der Isar gelegen, finden wir hier als Zionsberg wieder.

In der biographischen Skizze Herr und Hund erfährt man vom Kauf des Hundes Bauschan, neben dem Dichter Hauptfigur der Erzählung, die vom Autor als Idyll charakterisiert wurde: Ein ansprechend gedrungenes, schwarzäugiges Fräulein, das … in der Nähe von Tölz eine Bergwirtschaft betreibt, vermittelte uns die Bekanntschaft mit Bauschan und seine Erwerbung. Für Thomas Mann war ein Leben ohne Hundebegleitung nur schwer vorstellbar.

Für die Mann’schen Großstadt-Kinder waren die sommerlichen Wochen, die sie in Tölz verbringen durften, einerseits willkommene naturnahe Abwechslung, mit zunehmender Verweildauer kam allerdings regelmäßig Langeweile auf. Klaus, damals zwei bis elf Jahre alt, hat diesen Zwiespalt in seinem Lebensbericht Der Wendepunkt rückblickend exemplarisch beschrieben:

Wir haben ein Haus in Tölz, das Tölzhaus, und einen großen Garten, wo man Spiele spielen kann, für die es anderswo nicht genug Platz gäbe. Die Ferienwochen sind lang, zunächst nehmen sie sich beinahe endlos aus, aber schließlich gehen sie doch zu Ende. Der Sommer liegt erschöpft und seiner selbst ein wenig überdrüssig auf den Wiesen, deren Grün die erste Frische längst verloren hat. Die Spiele im großen Garten werden fade wenn die Chrysanthemen ihre reife Pracht in den Blumenbeeten entfalten. Man ist froh, daß der Winter vor der Tür steht, mit Schneeballschlachten und Rodeln und den regelmäßigen Sonntagsessen im Hause der Großeltern.

Tölz begeht das Mann-Jahr 2017. Mit Ausstellung, Vorträgen, Lesungen, Filmvorführungen, Führungen durch den Ort und an die Mann-Stätten. Dass man bei dieser Gelegenheit regelmäßig am Bulle-von-Tölz-Brunnen mit der lebensgroßen Metallsilhouette Ottfried Fischers vorbeikommt, erhöht die Attraktion solcher Rundgänge. Zu den Höhepunkten des Veranstaltungsreigens zählte Mitte September die Jahrestagung der Thomas-Mann-Gesellschaft, die, in Lübeck beheimatet, alle paar Jahre mit dem Kongress in anderen Mann-Städten zu Gast ist. Etwa in Bonn, München und Weimar. Nun also Tölz. Der passende Rahmen war mit dem 1914 eröffneten Kurhaus gefunden. Warmes Licht aus Kristalllüstern, eine etwas zu abgehobene Bühne, sanfte Parklandschaft drumherum.

Die Vorträge waren meist streng wissenschaftlich fundiert, die ganze Atmosphäre vielleicht zu stark von akademischem Ernst geprägt. Wenig zu spüren von Ironie und spielerischer Phantasie des Tagungsgegenstandes. Das Angebot richtete sich an alle Interessierten, besonders eingeladen sollten sich die Einheimischen fühlen. Doch augenscheinlich wurde es von der Tölzer Bevölkerung kaum in Anspruch genommen. Die nutzte lieber das Wochenende für einen Ausflug zum gerade eröffneten Münchner Oktoberfest, der Wiesn. So dominierten in der Stadt und auf dem Bahnsteig von dem die Züge in die Landeshauptstadt fahren, fesche Dirndln in massenproduzierter Trachtenanmutung und Mannsbilder in Krachledernen, ausgerüstet mit Wadenwärmern und Filzhut. Zuhause Gebliebene begnügten sich mit der einen oder anderen frischen Maß (sprich: Masss) zum Frühschoppen.

Ansonsten gibt es immer noch ein lebendiges Interesse an den Manns und ihrem Umfeld. Warum ist das so? Dazu der Mann-Experte und Vorsitzende der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft Professor Hans Wißkirchen in einem Interview: Das ist eine Kombination aus dem Werk an sich und der Familiengeschichte der Manns mit all ihren Brüchen, Fehlern und interessanten Charakteren sowie Thomas Manns Biografie, in der sich die Geschichte des 20. Jahrhunderts widerspiegelt. In Bad Tölz kann man einige dieser Spuren verfolgen, Wege gehen, die Mitglieder der Familie Mann gegangen sind und die sich im Werk des Nobelpreisträgers literarisch gestaltet wiederfinden.

Die Tölzer Marktstraße um 1910

Tölz, – das sind tempi passati, schrieb der Meister epischer Dichtkunst im Sommer 1918 an Paul Amann. Die Familie sommerte nun am Tegernsee. Was der inzwischen fünffache Familienvater da noch nicht wusste: Einige harte Nachkriegs- und Mangeljahre standen Deutschland bevor, die auch an der Familie Mann nicht spurlos vorüber gingen.

In Sachen Mann-Häuser (München, Nidden, Kalifornien, Zürich) tut sich ja derzeit einiges. In das von der Bundesrepublik erworbene Haus in Pacific Palisades ziehen bald die ersten Stipendiaten ein. In Litauen an der Kurischen Nehrung ist bereits vor einigen Jahren ein bewunderswertes Kulturzentrum entstanden. In Zürich residiert das Archiv. Anlässlich der Herbsttagung der Thomas-Mann-Gesellschaft in Tölz kündigte Hans Wißkirchen eine Initiative für ein Netzwerk der Thomas-Mann-Häuser an und schlug vor, Tölz möge sich an diesem Netzwerk beteiligen. Spontanen Überschwang löste die Idee vor Ort jedoch nicht aus.

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2 Kommentare zu “Pfiat di Tölz

  1. Lieber Herr Rehder! Vielen Dank für Ihre Einschätzung, die ja auf langjähriger, profunder Leser- und Kennerschaft basiert. Ihre „Quisquilien“ sind willkommener Beitrag zu einer Debatte, der es etwas an Farbigkeit und Vielfalt der Meinungen mangelt. Übersehen sollten Sie jedoch nicht, das mein kleiner Seitenhieb in erster Linie dem bierseligen Desinteresse des robusten oberbayerischen Menschenschlags (so oder so ähnlich bei Feuchtwanger) gilt. Verallgemeinerungen und Vorurteile sind hier natürlich gewolltes satirisches Stilmittel.

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  2. Lieber Herr Haag,

    Ihr mit Ironie und einer Prise Spott angemachter Bericht vom Bad Tölzer „Abschiedsfest” für Thomas Mann ist nicht nur amüsant, sondern enthält implizit auch einige Hinweise, warum das ganze Thomas-Mann-Geschäft heute oftmals so schal, träge und gewollt wirkt. Ein harmloses, zu oft gehörtes Beispiel ist Wißkirchens Behauptung, dass sich die bis heute andauernde Attraktivität des Werkes aus Thomas Manns Biografie erkläre, „in der sich die Geschichte des 20. Jahrhunderts widerspiegelt.” Klar, Thomas Manns Lebenslauf war aufregend und verlief nicht gradlinig. Aber die großen Entscheidungen in seinem Leben kamen nicht von ihm, sondern von Frau und Kindern, oder wurden ihm von außen aufgedrängt, während er selbst eher zögerte und sich lieber seinem Werk und seiner großen Leserschaft widmete. Und wenn er wirklich einmal eine eigene Meinung zur Geschichte hatte (1. Weltkrieg, frühe Nazizeit, Roosevelt, DDR), dann lag er eher daneben. Er war Passagier auf dem wilden Wagen der Geschichte, die er lieber vom Schreibtisch aus kommentierte denn als Akteur beeinflusste. Die Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war unerhört, oft dramatisch, sogar eine Katastrophe. Thomas Manns Leben, wie die Biografie Millionen anderer Menschen, wurde dadurch radikal beeinflusst, aber aus Thomas Manns Curriculum vitae können wir keine Lektionen zur Geschichte ableiten, und die fortwährende Wirksamkeit (einiger) seiner Werke beruht eben nicht darauf, dass sein (angenehmes) Leben die ihn umgebende (wütende) Geschichte widerspiegelte. Sie beruht auf seinem Talent, sich diszipliniert, aber spielerisch scheinend, zwischen gedanklicher Scharlatanerie und enormer sprachlicher Kunstfertigkeit zu bewegen.

    Eine zweite Bemerkung in Ihrem Beitrag trifft einen anderen Aspekt der offiziösen Thomas-Mann-Langeweile: „Die Vorträge waren meist streng wissenschaftlich fundiert, die ganze Atmosphäre vielleicht zu stark von akademischem Ernst geprägt. Wenig zu spüren von Ironie und spielerischer Phantasie des Tagungsgegenstandes.“ Wie wahr diese Sätze sind, wird eklatant in dem neuen Thomas Mann Handbuch bewiesen, 2015 herausgegeben von den Professoren Marx und Blödorn. Während sich einige Routiniers (z.B. Hermann Kurzke) ihrer Aufgabe souverän und trotzdem frisch und informativ entledigen, ist der weitaus größere Teil des Buches gefüllt von trockenen Beiträgen jüngerer Fach-Germanisten, die sich allzu ehrgeizig bemühen, von den Koryphäen des Faches ernst genommen zu werden. Vor lauter Jargon und Theorielastigkeit wird Thomas Mann hier wieder einmal selbst zu einem Germanistikprofessor stilisiert, zu einem (Vor- und Nach)Denker der Moderne, zu einem drögen Gelehrten. Aus einer Amazon-Rezension zu diesem Handbuch:

    „Was fehlt, ist ein Sinn für die kuriose Neugier, das Kribbeln, die Überraschung, die ein Leser immer wieder spürt, wenn er staunend feststellt, wie viel Thomas Mann aus so wenig machen konnte. Die Joseph-Romane sind nur ein extremes Beispiel für dieses Talent, mit dem Thomas Mann in täglicher Schreibtischarbeit aus den magersten Exzerpten ein Ganzes „emporschichtete“. Solche Mühen können die 66 Fachleute nachvollziehen, nachzeichnen und nachweisen, den Enthusiasmus für das (Wieder-) Lesen erwecken sie damit nicht. Schuld daran ist nicht die angestrebte Vollständigkeit, sondern der akademische, knochen-trockene Stil, in dem die meisten Beiträge geschrieben sind. Da wimmelt es von Katheder-Füllwörtern wie „durchaus“ und „freilich“, von „Kontext“, „Sprechakt“, „Erzählinstanz“, „Problematik“, „Intertextualität“ und den begrifflichen Anstrengungen, wieder einmal stichhaltig zu zeigen, wie modern Thomas Mann doch eigentlich sei. (…) Leider trifft auf einen Großteil der 66 zu, was Susan Sontag bei ihrem Besuch in Pacific Palisades aus Thomas Mann heraushörte: „Es hätte mich nicht gestört, wenn er wie ein Buch geredet hätte. Ich wollte, dass er wie ein Buch redete. Was mich vage zu stören begann, (…) war, dass er wie eine Buchbesprechung redete.“ Und so redet die Mehrzahl der Beiträger hier nicht über das Innenleben der wunderlich ziselierten Kunstgegenstände, die Thomas Manns merkwürdige Sprache zustande brachte, sondern über Außenansichten: was die Gelehrten über sein Œuvre geschrieben haben, einschließlich des Beiträgers des jeweiligen Einzelartikels. Wir haben hier ein Handbuch über Ornithologie, keins über Amseln, Meisen, Spatzen, Rotkelchen …“

    Wenn Sie mir gestatten, zum Schluss kurz ins eigene Horn zu blasen: Ich habe in einem kleinen Buch Quisquilien zu Thomas Mann (Verlag tredition, 2017) versucht, einige der Gedankenkrümel zusammenzutragen, die Thomas Mann in all seine Widersprüchlichkeit, Eitelkeit und Sprachgewalt zeigen, und mich in Kommentaren und Glossen (z.B. über „das Lachen“ oder das „Glück“) bemüht, diesen vermeintlichen Praeceptor Germaniae ganz unsystematisch zu profilieren und das sonst Abgestandene gegen den Strich zu bürsten, so dass er uns durch den dichten Gelehrtenstaub hindurch wieder bunt und lebendig wird.

    Mit herzlichen Grüßen,

    Ihr Wulf Rehder
    wulfrehder@gmail.com

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