Das Buch verschwindet!

Es unken die Unken, es pfeifen die Spatzen vom Flachdach und selbst die Verbandsfunktionäre glauben zu wissen: Das Buch verschwindet. Zumindest das gedruckte. Zuerst werden Gebrauchsanweisungen und Lehrbücher obsolet, bis schließlich auch die erzählende, sogenannte Schöne Literatur, der digitalen Übermacht erliegt.

Jene, die glauben es wissen zu müssen, versichern, dass nur die Digitalisierung helfen kann wenigstens die Inhalte zu sichern. Auf Speichermedien, in Clouds. Für alle Ewigkeit. Sicher und fest wie die strahlende Hinterlassenschaft des Atomstroms im Salzbergwerk. Verfügbar über alle Hard- und Softwaregenerationen hinweg. In sicherer Obhut von Microsoft, Google und Companie.

Die Märkte wissen wie immer Bescheid, die Wahrsagerin hat es längst gewusst, im Kaffeesatz steht es, selbst in Familien deren Mitglieder seit Jahrhunderten Buchhandel betreiben macht sich die Gewissheit breit: Das Buch verschwindet! Schließlich sagen uns aktuelle Statistiken, dass immer mehr Menschen immer weniger lesen. Dass der Absatz von Druckwerken von Jahr zu Jahr rückläufig ist.

Noch ist es nicht so weit. Derzeit zeugen sogar einige Trends scheinbar vom Gegenteil. Noch nie gab es so viele Lesefestivals, große und kleine Buchmessen, Tauschbörsen, offene Bibliotheken, Bibliotheksneubauten, junge Verlage, Autoren und Autorinnen. Doch dies sei ein letztes Aufflammen, Strohfeuer und ohnehin nur von Minderheiten wahrgenommen und frequentiert.

Es sei, so wieder die Statistiker, in dieser Hinsicht wie mit der Vermögensverteilung, immer weniger Menschen besitzen immer mehr. In unserem Fall vom Wirtschaftsgut Buch. Gut, wer kann sich bei der seit Jahren zu beobachtenden Preisentwicklung auf dem Wohnungsmarkt noch ein Heim leisten in dem Raum für meterlange Bücherregale ist? (Eine fundierte Untersuchung über die Wechselwirkungen von Wohnungs- und Buchmarkt ist überfällig.) So wird der Buchbesitz in Zukunft vielleicht zur Sache von Snobs und Begüterten. Zum Sammelgut, zur Wertanlage. Was weniger wird, wird wertvoll. Was wertvoll ist weckt Begierde.

Pädagogen, Bibliothekare, Traditionalisten der Branche und viele engagierte Leser stemmen sich dem Trend entgegen. Setzen auf Lesekompetenz, auf gut ausgestattete Bibliotheken und Archive. Betonen die Bedeutung des Vorlesens im frühen Kindesalter. Eltern, Großeltern, Paten und Freunde sind als Lesevorbilder gefragt. Von Kulturpolitikern, Schulen und Vorschulen wird Unterstützung finanzieller und struktureller Art gefordert.

Das sind Übergangsstadien, wird prognostiziert, die das endgültige Verschwinden allenfalls hinauszögern. Die Endzeit hat längst begonnen.

Foto: Wiebke Haag

Es wird anders kommen.

… als die Literatur beginnt, sich vom Atem des Menschen zu lösen und auf ein Trägermedium auszuwandern, beginnt sie sich gewissermaßen reisefertig zu machen. (Jürgen Wertheimer in Weltsprache Literatur)

Nach ersten Versuchen auf Steintafeln und Papyrusrollen erwies sich spätestens seit Gutenberg das gedruckte Buch als idealer Träger für alles was sich Menschen nicht nur mitteilen, sondern darüber hinaus für folgende Generationen bewahren wollten. Das Erzählen wird nicht aufhören solange es Bewohner auf diesem Planeten gibt. Wenn eines fernen oder auch näheren Tages dieses menschliche Erzählen längst an seinem Ende angekommen sein wird, wird es die niedergeschriebenen und in Satz und Druck wiedergegebenen Erzählungen immer noch geben.

Der große Widerspenstige unter den deutschen Schriftstellern des zwanzigsten Jahrhunderts, Arno Schmidt, hat dies zutiefst bedauert. Er setzte auf ein rasches Vergessenwerden nach seinem Tod, das schien ihm Erlösung. In seiner Erzählung TINA oder über die Unsterblichkeit schildert er in einer fiktiven Konstellation wie schrecklich es sein kann, wenn dies nicht eintritt.

Dichter und Dichterinnen landen nach ihrem Ableben in einem quälenden Hades. Sie möchten die unwirtliche Stätte so rasch wie möglich verlassen. Allerdings dürfen sie nicht, solange sie nicht komplett vergessen sind. Endgültig tot ist nur der, an den sich niemand mehr erinnert. Die Aussichten sind nicht allzu rosig. Solange noch 1 Exemplar eines ihrer Bücher vorhanden ist, besteht schon gar keine Aussicht. Während also heute immer mehr Zeitgenossen gegen das Vergessenwerden anschreiben (Wer schreibt der bleibt!), sind unseren Unterweltbewohnern ihre gedruckten Werke zum Verhängnis geworden.

Mit den Hinterbliebenen und den Büchern, die sich als unausrottbar erweisen, bleibt die Erinnerung. Es wird jedoch unumkehrbar eine Zeit kommen, da selbst diese entschwindet. Mit den Letzten der Menschheit. Auf dem entmenschlichten Planeten zurück bleiben Echsen und Ameisen, strahlenmutierte Riesenspinnen und zweiköpfige Ratten. Und unzählige verstreute Bücher. Seit Myriaden von Jahren ungelesen, unbeachtet, sich selbst und der Macht der Natur überlassen.

Martin Luther war sich bekanntlich sicher, stünde nächstentags der Weltuntergang bevor, würde er heute noch ein neues Apfelbäumchen pflanzen. Eine Mischung aus Verzweiflung, Hoffnung und Lebenskraft. In den letzten Jahrzehnten entdecken politisch junge Staaten ihr kulturelles Erbe und setzen auf Pflege und Bewahrung. Das Bild in diesem Artikel zeigt den 2015 fertig gestellten Neubau der lettischen Nationalbibliothek in Riga. Das von Gunnar Birkerts entworfene Gebäude beherbergt etwa fünf Millionen Medieneinheiten (ca. 2,5 pro Einwohner), überwiegend in gedruckter Form. Ein kühnes, mutiges Vorhaben, das Tradition bewahrt und Zukunft signalisiert.

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