Sommer mit leichter Lektüre

Auf geht’s. Mit leichtem Gepäck an den Strand. Mit leichten Genüssen an den Gartengrill. Leicht und locker durch einen wunderbaren Sommer. Entsprechend fällt unsere Lektüre aus. Leicht und bekömmlich. Dabei nicht ohne Anspruch und Qualität. Doch stets unterhaltsam, humorvoll, spannend.

Meine Vorschläge in diesem Jahr sind fast ausschließlich Taschenbuch-Ausgaben. Leicht und biegsam, bequem zu transportieren. Die Mehrzahl der von mir ausgewählten Autoren oder Autorinnen stammt aus Österreich. Sagt das etwas aus über Fähigkeiten und Bereitschaft bundesdeutscher Schriftsteller mit Niveau kurzweilig zu schreiben?

Der Wiener Peter Henisch ist ein alter Hase. 1943 geboren liegen von ihm eine ganze Reihe lesenswerter Titel vor, die zahlreiche Auszeichnungen und Nominierungen erhielten. In Deutschland ist er nicht ganz so bekannt wie im Heimatland. Die schwangere Madonna heißt sein umfangreicher Roman um einen schwung- und wechselvollen Giro d’Italia (vulgo:  road movie) der beiden Hauptpersonen nebst einiger markanter Nebendarsteller.

Er, Josef, in der Krise seiner Lebensmitte und heftig auf dem absteigenden Ast, nutzt die Gelegenheit ein Auto auszuleihen mit dem er sich auf und davon machen will, möglichst weit weg von allen Problemen und dem bisherigen Leben. Dummerweise schläft auf dem Rücksitz des Wagens, zunächst unbemerkt, die junge Maria, die ganz andere Sorgen hat. Die Flucht schweißt die so unterschiedlichen Menschen zusammen, sorgt aber gleichzeitig für reichlich Reibungsfläche. Es geht den ganzen Stiefel rauf und runter, mit etwas Kunstgeschichte und Italienischunterricht garniert, Liebeswirren inklusive. Ein Buch das zu jedem Reiseziel gut begleitet.

Auch René Freund hat schon eine beachtliche Titelliste vorgelegt. 1967 geboren, lebt er als Autor und Übersetzer in Grünau im Almtal. (Ich musste nachschauen: Das liegt im Salzkammergut und im Gemeinderat dominiert erstaunlicherweise die SPÖ.) Er war einst Dramaturg in Wien und schreibt nunmehr Stück auf Stück, Buch auf Buch. Von ihm schlage ich gleich zwei richtig süffige Schmöker fürs Urlaubsgepäck vor.

Niemand weiß, wie spät es ist. Und Nora weiß nicht wie ihr geschieht. Seit sie denken kann lebt sie in Paris. Nun ist der Vater gestorben und verdonnert die Alleinerbin die Urne mit seiner Asche in die österreichische Heimat zu bringen und dort zu beerdigen. Damit alles dem letzten Willen entsprechend abläuft hat sie ein junger Notariatsgehilfe zu begleiten. Der erweist sich als spröder, asketischer Pedant. Da die Reise nicht ohne überraschende Komplikationen verläuft, ist Nora alsbald irritiert und genervt und der Leser sehr amüsiert. Zahlreiche Wendungen und Windungen der Erzählung führen zum überraschenden Ende.

Bitte hinterlassen Sie keine Nachricht. Ich rufe nicht zurück. So die Ansage auf dem Anrufbeantworter von Fred Firneis. Und so beginnt die turbulente Geschichte Liebe unter Fischen von René Freund. Einst erfolgreicher Lyriker mit mega Auflagen. Nun Dichter mit Schreibblockade der zunehmend verbittert und in den sozialen Abgrund blickt. Doch nach wie vor ist er die große kommerzielle Hoffnung seiner energischen Verlegerin. Sie setzt alles daran ihn aus dem Abseits zu locken und zu neuen dichterischen Höchstleistungen zu animieren. Der Aufenthalt in einer abgelegenen Berghütte ohne Strom und Handyempfang soll Firneis von Hemmnis und Paranoia befreien. Da taucht eine junge tschechische Fischforscherin in der Gegend auf… Wer zappelt da an wessen Angel? Einfalls- und fintenreich ist dieser Roman. Voller Ironie und mit einem Schuss Kritik an den Erfolgskriterien unser Zeit.

Der nächste Autor ist zur Abwechslung ein Bayer, der jedoch, wie es sich für deutsche Schriftsteller gehört, in Berlin lebt. Natürlich spielt auch in Berni Mayers Rosalie die Liebe eine wichtige Rolle, zumal wir die zentralen Protagonisten in ihrer spätpubertären Phase kennenlernen. Im niederbayerischen Praam an der Schwarzen Laaber erlebt Konstantin nicht nur erste Turbulenzen der Hormone, sondern stößt auf der Suche nach ungestörter Zweisamkeit mit der Angebeteten auf ein verdrängtes Geheimnis des Ortes, das sich schließlich als Verbrechen während der Nazizeit erweist und dessen skandalöse Auswirkungen bis in die Gegenwart reichen.

Was sich, so berichtet, etwas schwerwiegend und geschichtsträchtig anhört, ist spannend und mitreißend geschrieben. Mayer erzählt aufschlussreich von späten Emanzipationstendenzen in deutscher Provinz, von überfälligen Auseinandersetzungen mit alten und neuen Autoritäten. Zudem handelt es sich um einen weiteren sehr gelungenen Coming-of-Age-Roman, eine Gattung, die spätestens seit Herrndorfs Tschick eine breite Anhängerschaft hat. Der Autor, Jahrgang 1974, arbeitet sich mit diesem Buch, so darf man vermuten, auch ein wenig an der eigenen Jugend ab.

Nach so viel männlicher Verfasserschaft wird es weiblich. Ende Juni hatte ich Gelegenheit einige anregende Stunden auf dem weitläufigen Gelände des Wiener MuseumsQuartiers verbringen zu dürfen. Dort herrscht vor und nach dem Besuch in einem der an Kunstwerken so überreichen Museen eine ausgesprochen entspannte Stimmung, die man mit guten Gesprächen, einer Melange, einem Mohnkuchen mit Schlag genussvoll anreichern kann. Die glitzernden Wienerinnen des Gustav Klimt sind dabei allgegenwärtig. Sei es als großformatig werbendes Poster an Außenwänden, sei es als handliche Postkarte oder als schwergewichtiger Kunstband.

Klimt als Romanfigur ist mir in Caroline Bernards Die Muse von Wien begegnet. Darin sorgt der charismatische Künstler gleich zu Beginn für die erotische Verwirrung der jungen Alma Schindler, die er zum Modell auserkoren hat. Auch Alma selbst ist dem originellen Mann sehr gewogen. Damit beginnt ihre Laufbahn als Begleiterin großer kreativer Menschen. Aus bester Gesellschaft stammend, musikalisch hochbegabt, gibt sie eine mögliche Laufbahn als Komponistin auf als sie sich in Gustav Mahler verliebt und dessen Gattin wird. Als weitere Ehemänner folgen der Architekt Gropius und der Dichter Franz Werfel.

Caroline Bernard ist das Pseudonym einer Autorin, deren Spezialität historische Romane im Künstlermilieu sind. In Die Muse von Wien gelingt ihr nicht nur ein faires Portrait der oft falsch eingeschätzten, von Männern umschwärmten Alma Schindler-Mahler-Werfel, sondern darüber hinaus eine gut lesbare Schilderung der Zeit der Wiener Boheme um die Wende zum 20. Jahrhundert, dem Entstehen des Künstlerbundes Secession, sowie einer schillernden, von vielen herausragenden Künstlern geprägten Metropole. Fast 500 Seiten Unterhaltung – mit allgemeinbildendem Mehrwert.

Kein Sommer ohne gute Kriminalromane. Wir bleiben gleich in Wien. Auch in der Zeit kommen wir nur wenig voran. Die Romane von Alex Beer spielen in Wien ab 1919. Die goldene Zeit ist vorbei, der Erste Weltkrieg liegt wenige Jahre zurück, das große Habsburger-Reich ist zerfallen, Krone und Adel haben abgedankt. Doch die junge, politisch instabile Republik hat es schwer. Hunger und Elend, Arbeitslosigkeit, Armut und Zukunftsängste prägen den Alltag.

Klar dass es da für Inspektor August Emmerich nicht eben leicht ist seine schwierigen Aufgaben zu erfüllen und inmitten von Chaos und allgegenwärtigen Verbrechen, Recht und Ordnung wenigstens ansatzweise Geltung zu verschaffen. Der unorthodoxe Methoden bevorzugende Emmerich ist kriegsversehrt. Doch nicht nur sein Knie macht ihm Probleme, natürlich gab es auch schon im frühen 20. Jahrhundert ungerechte Vorgesetzte und missliebige Kollegen. Dem Inspektor geht ein überkorrekter Watson zur Hand. Auf die Loyalität des wohlerzogenen, mit Wiener Etikette vertrauten Ferdinand Winter kann er sich verlassen, der Assistent geht für ihn durch dick und dünn.

Mir war zuerst der zweite Band der Reihe in die Hände gefallen. Die Handlung in Die Rote Frau ist exakt auf 18. bis 29. März 1920 datiert. Die eigentliche Kriminalgeschichte wird chronologisch erzählt. Parallel erfährt man einiges über die persönlichen Schicksale der genau geschilderten Charaktere. Von großer Dichte und gut recherchierter Authentizität sind die Milieuschilderungen. Natürlich ist ein Mord aufzuklären, dass es am Ende sogar drei werden, ist jedoch nur scheinbar so. Die Geschichte fesselt von Anfang an, mit den Hauptfiguren, die in immer neue Kalamitäten geraten, fiebert der Leser mit. Schließlich kommt es zum aktionsreichen, spannenden Finale, bei dem die Autorin manchmal etwas dick aufträgt, was dem Lesevergnügen allerdings keinen Abbruch tut.

Das erste Buch um Emmerich und Winter trägt den Titel Der zweite Reiter. Es spielt Ende 1919. Auf die Lektüre, die noch vor mir liegt, bin ich gespannt nachdem ich die Rote Frau gelesen habe. Im Verlagstext heißt es: Als Polizeiagent August Emmerich über die Leiche eines ehemaligen Soldaten stolpert, glaubt er zunächst an einen Selbstmord. Doch schon bald stößt er auf eine schreckliche Wahrheit, die ihn vom Jäger zum Gejagten macht.

Alex Beer, die Erfinderin dieser neuen Folge historischer Kriminalromane aus dem beginnenden 20. Jahrhundert, ein Genre das schon länger sehr in Mode ist und in Volker Kutscher ein hehres Vorbild hat, stammt aus Bregenz und lebt in Wien. Das Presse-Echo auf ihre Romane ist sehr positiv und sie wurden bereits mit dem renommierten Leo-Perutz-Preis für Kriminalliteratur ausgezeichnet.

Eine junge deutsche Autorin hat ebenfalls bereits zwei Krimis vorgelegt deren zeitgeschichtliche Kulisse die 1920er-Jahre sind. Joan Weng stammt aus Stuttgart und lebt mit ihrer Familie in Tübingen. Ihre Romane spielen in Berlin. Im Mittelpunkt steht der aus einfachen Verhältnissen stammende Kriminalkommissar Paul Genzer, der kurioserweise von Schauspielstar Carl von Bäumer unterstützt wird. Der erste trägt den Titel Feine Leute und ist im Milieu der Scheinwelt der zu dieser Zeit boomenden deutschen Filmindustrie angesiedelt. Davon dass Bernice ihren reichen Gatten ins Jenseits befördert haben soll, ist Paul Genzer nicht überzeugt. Kurz darauf ist auch die Verdächtige tot und weitere Bluttaten folgen.

Aus den Kehrseiten der Goldenen Zwanziger in der Reichshauptstadt hat die Autorin phantasievolle und locker erzählte Bücher gemacht. Als neuester Band der Reihe um Paul Genzer liegt Noble Gesellschaft vor. Ich zitiere aus den Verlagsangaben: … ein Dienstmädchen (ist) verschwunden. Ein alter Bekannter erzählt Carl von Bäumer, Starschauspieler der UFA, bei einem Galadinner davon – und schon am nächsten Tag ist er tot. Handelt es sich wirklich um Selbstmord? Carl glaubt nicht daran und forscht nach den Hintergründen. Gemeinsam mit Kommissar Paul Genzer taucht er tief ein in Berlins Gesellschaft der Zwanziger Jahre. Und plötzlich befinden sie sich in einem Verwirrspiel aus Rache, Diamantenschmuggel und jahrzehnte altem Hass.

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Diese Ausgaben der erwähnten Bücher lagen mir vor:

Henisch, Peter: Die schwangere Madonna. Roman. – DTV, 4. Aufl. 2014

Freund, René: Niemand weiß, wie spät es ist. Roman. – Goldmann Verlag, 2018

Freund, René: Liebe unter Fischen. Roman. – Goldmann Verlag, 2015

Mayer, Berni: Rosalie. Roman. – DuMont Buchverlag, 2018

Bernard, Caroline: Die Muse von Wien. Roman. – Aufbau Taschenbuch, 2018

Beer, Alex: Die Rote Frau. Ein Fall für August Emmerich. Roman. – Limes, 2018 (hier: gebundene Originalausgabe z. Preis v. Euro 20)

Beer, Alex: Der zweite Reiter. Ein Fall für August Emmerich. Kriminalroman. – Blanvalet, 2017

Weng, Joan: Feine Leute. Kriminalroman. – Aufbau Taschenbuch, 2016

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Zu den Bildern in diesem Beitrag: Die Motive fand ich während einer Fahrt auf Goethes Spuren von Weimar nach Ilmenau. Eindrücke von der kleinen Reise habe ich im con=libri-Artikel vom 24. Juni geschildert. Die Gegend ist kulturgeschichtlich wie landschaftlich jederzeit einen Besuch wert.

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