Vorfreude 2018

Schluss. Aus. Einmal muss er ein Ende haben. Dieser Sommer aller Sommer. Schluss mit Dürre und Bauernelend. Mit Fischsterben und Freikörperkultur. Kopfsprüngen und Sonnenmilchdüften. Der Jahrhundertsommer des Jahres 2018 ist Vergangenheit. Hugo und Sprizz im Freien perdu. Erste Eisdielen lassen die Jalousien herunter. 

Noch bevor Wehmut aufkeimt macht sich Vorfreude breit. Vorfreude auf feucht-kalten Nebel. Auf frühe Dunkelheit und schlüpfrige Blätterteppiche. Nieselregen. Radfahrende Kohorten verschwinden endlich von den mehrspurigen Stadtdurchfahrten. Freie Fahrt für Stickoxid speiende Kolossalvehikel. Stoßstange an Stoßstange im gewohnten Dauerstau. Halogenstrahler ersetzen himmlische Sternenbotschaften und illuminieren erste Schneeflocken.

Da marschiert es ein in die Supermärkte: Das Heer der Schokomänner mit Zipfelmützen und roten Mänteln. Korinten und Krokant. Spekulatius und Haselnuss. Christbaumständer und Lichterketten als Stapelware. Endlich blinkt und schimmert es wieder bunt und penetrant allüberall an Hütten und Palästen, an Bäumen und Zäunen, an Buden und Palisaden.

Zugegeben, bis zum ersten Weihnachtsmarkt ist es noch ein paar Tage hin. Irgendwo müssen schließlich zwischen sich wandelnden Jahreszeiten die zahlreichen Weinfeste untergebracht werden. Je schlechter der Wein, je weiter weg vom Rebenhang, desto fester die Feier. Freiwillige Feuerwehr, Schützengilde oder Gewerbeverein tischen auf, schenken ein. 

Riesling und Burgunder machen jedes Mannsbild lull und lall. Mädels kippen Secco. Die blonde Weinkönigin hat einen in der Krone. Unterm Tisch kotzt Müllers Toni. Drugs, Sex und Heimatklänge. Wir sind alle Amigos und latschen a la playa. Einige kommen direkt aus dem Bett im längst gemähten Kornfeld. Hossa!

Endlich wieder jeden Tag Fußball in Ultra-HD. Schämpjenslig, Bunsliga, Pokal. Elfmeterschießen, Play off und öffer. Vorbei die harten Wochen für Abhängige. Synchron-Speerwurf und Tauziehen haben als Ersatzdroge ausgedient. Und wenn die ballspielende Werbemeute doch einmal Pause macht, betören uns singende und tanzende, ewig junge Maiden und Charmeure mit österreichischem, griechischem oder russischem Migrationshintergrund.

Also alles eitel Vorfreude? Ungetrübt und unverstellt? 

Wäre da nicht dieser zähe Wermutstropfen im ständig vollen Spaßglas. Erleben wir jetzt, 2018, 100 Jahre nach dem Ende der Monarchie, eine republikanische Dämmerung? Im Zwielicht nahender Nacht geifernder Mob in mancher Straße, mancher Stadt. Gewaltbereit. Rassistisch. Über Juden Witze machend. Über Menschenrechte lachend. In lauten Tönen saufend ihrer Dummheit frönend. Denn am Deutschen hinterm Tresen muss nun mal die Welt genesen. (*) In der Masse: dumpfe Volkskörper die ihren rechten Arm nur schwer an der Hosennaht halten können. 

Erleben wir das? Oder träumen wir nur schwer?

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(*) Das Originalzitat stammt aus dem Lied „Sage Nein!“ und lautet: 

Wenn sie jetzt ganz unverhohlen / Wieder Nazi-Lieder johlen, / Über Juden Witze machen, / Über Menschenrechte lachen, / Wenn sie dann in lauten Tönen / Saufend ihrer Dummheit frönen, / Denn am Deutschen hinterm Tresen / Muss nun mal die Welt genesen, / Dann steh auf und misch dich ein: / Sage nein! 

Es ist bekanntlich ein Text von Konstantin Wecker, der mir die Verkürzung und leichte grammatikalische Aneignung nachsehen möge. Seine Aussage hat nie seine Gültigkeit verloren und ist aktueller denn je.

2 Kommentare zu “Vorfreude 2018

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