„Aber das Leben ist anderswo“

Über Silke Knäppers neuen Roman Das Lieben der Anderen

Er dachte an die Nacht mit Claire, an den Streit, an den Schrei. Wieder und wieder sah er Claire vor sich auf dem Pflaster liegen, ihren leblosen Körper, ihren starren Blick. 

Claire ist tot. Vom Balkon des Kölner Gründerzeithauses gestürzt. Helen vor die Füße gefallen. Selbstmord? Zweifel bleiben. Kurz gerät Claires Mann Simon, der Psychodoc, in Verdacht, dann legt die Kriminalpolizei den Fall als Suizid zu den Akten. 

Das Leben von Helen ändert sich drastisch. Die alleinstehende Graue Maus hat den Schlüsselbund der Toten an sich genommen und beginnt sich die unerwarteten Chancen und Möglichkeiten auszumalen. Dieser simple Hausschlüssel soll für sie der Schlüssel zu Simon werden, dem sie sich nun auf zunächst verdeckte, schon bald jedoch offensive und nachdrückliche Weise nähert.

Die besitzergreifende Helen ist gewillt aus ihrer farblosen Existenz auszubrechen und mit dem attraktiven und erfolgreichen Facharzt ein neues, besseres Leben zu beginnen. Eine Zukunft die für sie Anerkennung, Wertschätzung und Liebe bereithalten soll. Denn dass das Leben immer dort ist, wo sie nicht ist dieses Gefühl zieht sich durch ihr ganzes bisheriges Leben. 

Seit der Kindheit ist sie Erniedrigungen ausgesetzt. Der Vater hat sie einst im Winter auf brüchigem Eis hilflos zurückgelassen. Der chronisch Untreue bevorzugt den Bruder. Ehefrau und Tochter verlässt er eines Tages. Selbst als Vater und Sohn beim gemeinsamen Bergsteigen ums Leben kommen deutet Helen dies als Beweis ihrer Minderwertigkeit. 

Sie wird Simons Patientin und konfrontiert ihn mit ihren Zweifeln an Claires Selbstmord. Geschickt erhöht sie den Druck, spielt Simons Geliebte Anna gegen ihn aus, gefährdet seine berufliche Reputation und seine bürgerliche Existenz. Aus Annäherung wird Aufdringlichkeit, aus Nachstellungen Verfolgung, aus Sehnsucht nach Anerkennung und Zuneigung schließlich Hassliebe und subtile Wut. Die Zurückweisungen setzen neue destruktive Kräfte frei. Der Wille zur Verletzung richtet sich gegen das Objekt der Begierde und immer stärker gegen sie selbst.

Simon ist Psychoanalytiker mit eigener Praxis in Köln. Ein Leben in gediegenem Wohlstand mit Ehefrau und Geliebter. Er stammt aus Wien, ist dort aufgewachsen, hat dort studiert. Besondere Umstände führen zum Umzug ins Rheinland, wo sich Milieu und Lebensweisen deutlich von der geruhsam-morbiden Donaumonopole. unterscheiden. Die Lebensmitte hat der immer noch ansehnliche Mann überschritten. Da schmückt eine junge Geliebte und hebt das Ego.

Anna war jung und überschwänglich, und wenn sie lachte, veränderte sich die Landschaft ihrer unzähligen Sommersprossen. Anna war im sofort vorgekommen wie die fröhlichere Variante der mit den Jahren immer ernster gewordenen Claire.

Nach ihren beiden autobiographisch angehauchten Romanen Im November blüht kein Raps und Hofkind, schlägt die Neu-Ulmer Autorin und Gymnasiallehrerin Silke Knäpper nun andere Töne an. Das drastische Geschehen wird mit gekonnt treffender Sprache, präzisen Beschreibungen und zügig fließendem Rhythmus voran getrieben. Dabei vermeidet sie, dass aus Das Lieben der Anderen ein simpler Psycho-Thriller wird. Ihr ist vielmehr eine dichte vielschichtige Studie menschlicher Grenzfälle und Konfrontationen gelungen. Spannung ist dennoch garantiert. 

Mit jeder Seite zunehmend. Konsequent treibt Knäpper ihre von innen und außen scharf konturierten Personen einer möglichen Katastrophe entgegen. Ob es tatsächlich dazu kommt erfährt der von Anfang an gefesselte Leser auf 235 mitreißenden Seiten. Keine einzige zuviel  

Knäpper, Silke: Das Lieben der Anderen. Roman. Klöpfer & Meyer, 2018

* * *

Am Freitag den 5. Oktober stellt Silke Knäpper ihren neuen Roman erstmals öffentlich vor. Um 19:30 Uhr im Ulmer Künstlerhaus (Grüner Hof 5, 89073 Ulm).  

Ein Kommentar zu “„Aber das Leben ist anderswo“

  1. Lieber Jan,

    herzlichen Dank für die schöne Rezension! Ich bin ganz angetan – und ich finde, Du hast ein sensibles Gespür für Details, die beim Schreiben oft aus der Intuition erwachsen, die Du aber sehr präzise wahrnimmst. Und das Bild dazu – einfach gelungen. Ich möchte Dir auch das Kompliment von Annette Rieger nicht vorenthalten, Zitat aus ihrer Mail an mich:

    “Ich finde die Zeilen von Jan Haag wieder sehr, sehr fein und anregend.

    Herzlichen Glückwunsch dazu nach Ulm und auch Tübingen, lieber Hubert!”

    Danke, nochmals, und bis bald,

    Silke

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