AusLese 2018. Der zweite Teil

Deutsches Haus. Wir sind in den 1960er Jahren der jungen deutschen Republik. Männer tragen Nylonhemden und Frauen brauchen um berufstätig sein zu dürfen die Zustimmung von Vater oder Ehemann. Eva Bruhns ist Dolmetscherin für Polnisch. Als in Frankfurt Auschwitz-Prozesse stattfinden ist ihre Mitarbeit vor Gericht gefragt. Deutsches Haus heißt die Gaststätte der Eltern, die von den Plänen ihrer Tochter ebenso wenig begeistert sind wie ihr Verlobter. In einem schmerzlichen Prozess geht Eva ihren Weg. Annette Hess hat ein fesselndes Zeitporträt geschrieben in dessen Mittelpunkt eine junge Frau steht, die erstmals mit der Nazivergangenheit ihrer Elterngeneration konfrontiert wird und vor konfliktreichen Weichenstellungen steht. Die routinierte Drehbuchautorin (Weissensee, Kuhdamm 56 und 59) hat einen ebenso mitreißenden wie informativen Roman geschrieben, der auf seine Verfilmung wartet. Mein Fazit: Unterhaltsam, aufklärend, ein tolles Frauenbuch das nicht zuletzt männliche Leser faszinieren wird. Starke Empfehlung.

Hess, Annette: Deutsches Haus. Roman. – Ullstein, 2018. Euro 20.

Fräulein Nette. Wieder ein umfangreiches Stück erzählte Literaturgeschichte. Ein rechter Besen ist sie, diese angehende westfälische Dichterin und Adelige Annette von Droste-Hülshoff. Eine intelligente, eigenwillige Frau, die lieber Mineralien ausbuddelt als den gesellschaftlichen Gepflogenheiten Rechnung zu tragen. Der Göttinger Poet Heinrich Straube, zu Gast auf dem Hof der Eltern, ist von ihr hin und weg und auch sie ist nicht ganz abgeneigt. Doch wahre Liebe und ausgeprägter Eigensinn haben es nicht leicht in diesen Kreisen und Zeiten des 19. Jahrhunderts. Karen Duve erzählt realistisch und mit trockenem Humor von der Liebes- und Lebenskatastrophe der Annette von Droste-Hülshoff. Mein Eindruck: 560 Seiten nicht ohne Längen, dennoch für Freunde der Literaturgeschichte undoder des historischen Romans ein Fastmuss.

Duve, Karen: Fräulein Nettes kurzer Sommer. Roman. – Galiani, 2018. Euro 25.

Ein irischer Dorfpolizist. Ein Krimi? Mehr als das. Eindringliches Porträt der irischen Provinz und seiner Bewohner. Eine ganz besondere Kriminal- und Seelengeschichte in die der behäbige, dickleibige Sergeant PJ Collins da gerät. In Duneen, das wirklich  am Arsch der Welt liegt, hofft nicht nur er auf etwas Sinn, Erfüllung und Liebe im eintönigen Dasein. Dass auf einer Baustelle ein Skelett gefunden wird, bringt jedoch nicht nur die erwünschte Abwechslung in den Alltag der Einheimischen. Der Fund reißt vielmehr alte Wunden auf und stürzt Collins und die anderen Protagonisten in einen Strudel der Wirrnisse und Lebenswenden. Literarisches Debüt des britischen Talkmasters Graham Norton. Glänzend geschrieben, wandelt das Buch auf schmalem Grat zwischen menschlichen Dramen, Spannung und Provinzposse. Fazit: Bitte mehr von Sergeant Collins und den anderen!

Norton, Graham: Ein irischer Dorfpolizist. Roman. – Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2018 (Dt. Originalausgabe 2017 bei Rowohlt.) Euro  12.

Eifersucht. Zweiter Fall der Münchener Rechtsanwältin Rachel Eisenberg von Meister Andreas Föhr, der mit seinen skurrilen Bergkrimis schon länger einen guten Ruf bei Lesern die das Besondere schätzen genießt. Seine neue Protagonistin ist ganz in der Weltstadt mit Herz und krimineller Energie verwurzelt. Eike Sandner soll ihren Lebensgefährten in die Luft gesprengt haben. Sie beteuert ihre Unschuld. Das ist schwer zu glauben. Die Indizien wiegen schwer. Doch nach und nach kommt Rachel Eisenberg einem weit verzweigten Komplott auf die Spur. Solide deutsche Spannungskost, die die gewünschte Dosis Atemlosigkeit erzeugt. Fazit: Einmal eingetaucht in die Geschichte, sollte man nichts anderes mehr vorhaben.

Föhr, Andreas: Eifersucht. Ein neuer Fall für Rachel Eisenberg. Knaur, 2018. Euro 14,99.

Mexikoring. Achtung starker Tobak. Dass in Hamburg und anderswo immer wieder Autos brennen ist kriminelle Tat und gesellschaftliches Symptom zugleich. Hier Aufklärung zu leisten, Täter zu identifizieren, das allgegenwärtige Zwielicht zu durchleuchten, ist die richtige Herausforderung für die Staatsanwältin mit amerikanischem Vater Chastity Riley und die Crew von Hamburger Polizisten um sie herum. Keine dieser handelnden Personen entspricht bürgerlichen Normen und Idealvorstellungen und ist weit davon entfernt dies anzustreben. Sie arbeiten hart, pflegen und begießen ihre irritierten Egos vorzugsweise in den Kneipen und Kaschemmen St. Paulis. Chas geht voran, folgt der Spur des verbrannten Nouri in die Welt arabischer Clans und Familien, deren Mitglieder in der Mehrzahl aus Intensivtätern bestehen. Der Weg zu ansatzweisen Erfolgen ist mit persönlichen Opfern, mit Verletzungen an Seele und Körper gepflastert. Zwischenmenschliche Beziehungen sind kompliziert und selten von Dauer. Liebe eine fragwürdige Vokabel. 

Simone Buchholz hat für ihre hochaktuellen Gesellschaftsromane mit Krimihandlung eine ganz eigene Sprache gefunden. Zupackend, originell, zielgenau. Ein junger Mann, eine junge Frau, beide am Rande der Gesellschaft aufgewachsen, haben sich in Hamburg wiedergefunden und fühlen sich einander nahe und verbunden: ... sie stand auf und zog sich aus, so war sie eben, so war sie schon immer gewesen, es interessierte sie einen Scheiß, was andere dachten, und als sie ihre Klamotten zu Boden fallen ließ, vibrierte in der ganzen Stadt der Stahlbeton. Sie sah aus wie eine Kriegerin. Man muss die Bücher der Simone Buchholz und ihren Ton nicht mögen, doch wer ihnen einmal verfällt … Meine Reaktion: Begeisterung. Mein Urteil: Literatur pur.

Buchholz, Simone: Mexikoring. Kriminalroman. – Suhrkamp, 2018. Euro 14,95.

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