Blumen flattern Sommer

Ein Juni-Gedicht von Wilhelm Runge (1894 1918)

 

Blumen flattern Sommer 
Duften nimmt beide roten Backen voll 
Falter wiegen Wald 
Goldkäfer schreien 
Mücken strampeln himmelauf und ab 
Heiß im Arm der Fische hängt das Bächlein 
Unken patscht Libellenflügel wach 

Zweige lachen 
tuscheln 
sonnen 
strömen 
Vögel wogen Wiesen 
liegen flach 
ziehn die Ahorndolden an den Händen 
böse schelten Bienen in den Bart 
Zwitschern streckt die sommerschweren Glieder 
Taumelnd tollt des Atems Flügelschlag 
und der Augen wilde Rosen springen. 

 

 

Im Frühjahr 1918 trat der Erste Weltkrieg endgültig in seine entscheidende Phase. An der sogenannten Westfront tief auf französischem Territorium starteten die deutschen Truppen ihre letzten verzweifelten Offensiven. Die Franzosen und ihre Alliierten stoppten die Angriffe der bereits stark geschwächten Verbände und gingen zur Gegenoffensive über. Die Verluste der Deutschen waren hoch. Am 22. März 1918 fiel bei Arras ein junger Schlesier, der als einer der begabtesten Lyriker seiner Generation galt.

Wilhelm Runge wurde am 13. Juni 1894 in Rützen (Schlesien) in einem lutherischen Pfarrhaus geboren. Vom 18-jährigen Schüler erschienen bereits erste Veröffentlichungen in der Zeitschrift Der Sturm. Runge begeisterte sich für den Expressionismus, für die Lyrik August Stramms und anderer Zeitgenossen. Wie bei seinen Vorbildern zeichnet sich seine Lyrik durch eine reduzierte Syntax und offene Assoziationen aus, neuromantische Anklänge sind unverkennbar.

Seinen einzigen Gedichtband hatte er noch kurz vor seinem Tod „im Feld“ korrekturgelesen. Es gab Gerüchte, die vor allem durch die Dichterin Sophie van Leer, mit der er in intensivem Briefkontakt stand verbreitet wurden, die das Soldatenschicksal als Protest gegen den Kriegsdienst interpretierten. Andere Quellen verweisen die Freitod-Legende in den Bereich der Spekulation.

***

Das Gedicht Blumen flattern Sommer erschien erstmals in: Der Sturm. Monatsschrift für Kultur und die Künste. Herausgegeben von Herwarth Walden, 8 (5), 1917, S. 66

Runge, Wilhelm: Das Denken träumt. Gedichte. Mit einem Holzschnitt von Jacoba van Heemskerck. Berlin: Verlag Der Sturm, 1918

***

(Gedichtauswahl, Daten zu Wilhelm Runge, die wunderbaren Fotos von Juni-Blumen: Bernd Michael Köhler)

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s