Märzabend

von Ernst Blass

Meinem Freunde Kurt Hiller gewidmet

Die Luft kommt hart und mauerhaft herein
Durch offne Fenster. Und sie bringt Bazillen
Von Influenza sicherlich herein.
Und in dem unerbittlich Mauerstillen:
Zwei schwarze Schwäne, die
Mit Fadenhälsen Hyazinthen spein.

Vom Tode werden Mädchen oft entrückt
Dem Arzte, der noch Kampfer injiziert.
Dann wieder wird in Stuben kondoliert,
Wo Schränke stehen, weise und gedrückt;
Und Menscheneinsamkeit, die schüttelfröstelnd stiert
In Räume, in luftleere Räume.

Der Begriff, der ab etwa 1910 als Etikett für erneuerte Ausdrucksformen des literarischen Schreibens verwendet wurde, war so neu nicht: Expressionismus. Ein Sammelbegriff für eigentlich durchaus vielfältige Strömungen der von der bildenden Kunst übernommen wurde, dabei mehr Lebensgefühl als Stilrichtung. Auflehnung gegen die autoritären Strukturen des wilhelminischen Zeitalters. Angesichts zunehmender Mechanisierung vieler Bereiche sah man die geistigen Refugien bedroht. Und unterschwellige Vorahnung wies auf die kommende Katastrophe des Ersten Weltkriegs.

Die Dichter betonten das individuelle Menschsein angesichts verbreiteter Tendenzen der Vermassung. Es entstand ein Pathos des Aufbegehrens, die Ausdrucksmittel tendierten zum Mystischen, (Pseudo)-Religiösen. Am stärksten prägte diese expressionistische Phase die Lyrik ihrer Zeit. Es entstanden Kreise unter anderem um Kurt Hiller und Jakob von Hoddis, Zeitschriften wie Der Sturm oder Die Aktion. Franz Werfel, Georg Heym, Else Lasker-Schüler, der frühe Johannes R. Becher und viele andere traten mit Gedichtbänden an die Öffentlichkeit, die auf große Resonanz stießen. Viele der darin enthaltenen Werke sind bis heute in einschlägigen Anthologien gegenwärtig. Ernst Blass gehörte nicht zu den prominentesten Vertretern seiner Generation, nach 1945 weitestgehend vergessen, ist er heute nur noch echten Lyrik-Experten ein Begriff. Als einer der Vertreter des frühen Expressionismus fand er später zu neoklassizistischen Formen, wie wir sie von George kennen, um schließlich Elemente der Neuen Sachlichkeit zu verwenden.

Ernst Blass kam am 17. Oktober 1890 als Sohn eines jüdischen Fabrikanten in Berlin zur Welt. Sein Körper war nicht mit den robustesten Eigenschaften ausgestattet, bereits in jungen Jahren litt er unter epileptischen Anfällen. Er studierte in Berlin, Freiburg und Heidelberg Jura. In Heidelberg lernte er Karl Jaspers und Ernst Bloch kennen und fungierte als Herausgeber der Zeitschrift Die Argonauten. Er kehrte nach Berlin zurück, promovierte 1916. 

Seine latente Behinderung schloss ihn von der Teilnahme am Ersten Weltkrieg aus. Immer wieder hatte er mit gesundheitlichen Krisen zu kämpfen, eine 1926 einsetzende Augenkrankheit schränkte seine Entfaltungs- und Ausdrucksmöglichkeiten stark ein. Ab 1930 war er nahezu erblindet. Am 13. Januar 1939 starb Ernst Blass im Jüdischen Krankenhaus zu Berlin an einer zu spät erkannten Lungentuberkulose.

Gleich sein erster Gedichtband Die Straße komme ich entlang geweht, 1912 erschienen, wurde mit großer Begeisterung aufgenommen und machte den Dichter vorübergehend berühmt. Nachfolgende Bände im neoklassizistischen Stil konnten an diesen ersten großen Erfolg nicht anknüpfen. Blass schrieb neben Lyrik Essays, Aufsätze zu literarischen Themen, sowie Tanz- und Filmkritiken. Gedichte hat er nach 1920 kaum noch publiziert. 1933 erhielt er wie viele andere jüdische Intellektuelle, Künstler, Wissenschaftler, Berufsverbot. 2009 erschien eine dreibändige Werkausgabe, 2019 eine Auswahl von Filmessays und -kritiken, die in der Werkausgabe nicht enthalten waren.

Ernst Blass war einer der prägenden, wegweisenden Autoren des Expressionismus. Mit seiner kritisch-intellektuellen Großstadt-Poesie inspirierte er einen wesentlichen Zweig der Literatur der Weimarer Republik, nämlich in den Zwanziger Jahren die Lyrik vom jungen Brecht und Mehring bis zu Erich Kästner und Mascha Kaléko etwa. So urteilte Thomas B. Schumann im Nachwort zur Werkausgabe.

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Blass, Ernst: Die Straße komme ich entlang geweht. Vor-Worte; Gedichte erster Teil, Gedichte zweiter Teil. – Heidelberg: Verlag von Richard Weissbach, 1912

(Daraus stammt das Gedicht Märzabend. Der Gedichtband ist im Volltext online verfügbar)

Blass, Ernst: Werkausgabe in drei Bänden. – Hürth bei Köln: Ed. Memoria, 2009

Blass, Ernst: “in kino veritas”. Essays und Kritiken zum Film, Berlin 1924-1933. Ausgewählt, mit einem Nachwort versehen und herausgegeben von Angela Reinthal; mit einem Geleitwort von Dieter Kosslik. – Berlin: Elfenbein, 2019

Siehe dazu auch: Müller, Lothar: Vampchen-Glühen. Kalauer und Pointe: Die Filmkritiken des Ernst Blass. In: Süddeutsche Zeitung vom 29.06.2019, S. 20

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(Vielen Dank an Bernd Michael Köhler, für das Auffinden dieses so gut in unsere Zeit passenden Gedichts, für die Fotos und das Datenmaterial zu Leben und Werk von Ernst Blass.)

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