Neulich ging ich

Neulich ging ich über die Ilse-Aichinger-Brücke in Wien. 

Im letzten November wurde in Wien aus der Schwedenbrücke die Ilse-Aichinger-Brücke. Das Bauwerk führt über den nicht sehr breiten Donaukanal vom Ersten Bezirk, der sogenannten Inneren Stadt, in den Bezirk Leopoldstadt. Ilse Aichinger wurde hier 1921 geboren, sie wuchs in den Donaustädten Linz und Wien auf.

In Wien verstarb die Dichterin 2016. Zum 100. Geburtstag wurde ihr dieser Gedenkort gewidmet. Es ist jene Stelle, an der Aichinger 1942 zusehen musste, wie ihre Großmutter zusammen mit weiteren jüdischen Wienerinnen und Wienern deportiert wurde.

Die Welt ist aus dem Stoff, / der Betrachtung verlangt

So beginnt ihr Gedicht, das später unter dem Titel Winterantwort bekannt wurde. Ein Auszug daraus ist als Schriftzug, gefräst aus einer Metallleiste, Teil des heutigen Brückengeländers. Gestaltet von Aichingers Schwiegertochter Elisabeth Eich. Vor der Enthüllung trug der Schriftsteller Joseph Winkler Aichingers Winterantwort vor. Zahlreiche Wiener Künstler und Literaturfreunde begingen die Einweihung des Kunst- und Erinnerungswerkes mit einem Spaziergang über die Brücke.

Ich war vom Schwedenplatz aus, einem umtriebigen Knotenpunkt der Wiener Linien (wie der öffentliche Nahverkehr firmiert), auf die Brücke gegangen. Das war Anfang März dieses Jahres. Nach einem Winter, der keiner war, milde Tage und trotz Stickoxyden und Feinstaub, in der Luft ein frühes Ahnen von Vorfrühling. Die Wiener Luft ist nicht nur in diesem Bereich schlecht. Auf den Straßen nie endender dichter Autoverkehr. Zwischen engen Häuserschluchten gestaute Emissionen. Steht man in der Mitte der Brücke, sorgt ein kühler Wind für etwas Frische.

In der Nähe ist der kümmerliche Rest einer ehemaligen Stadtbefestigung zu besichtigen. Im Kanal, den die Ilse-Aichinger-Brücke überquert, fließt ein eher trübes Gewässer. Restaurant- und Partyschiffe liegen dauerhaft vor Anker. Eine Fähre, die Wien auf dem Wasser mit dem nahen Bratislava verbindet, legt hier ab.

In Aichingers Winterantwort erklingt gegen Ende die Stimme der verlorenen Großmutter. Sie fragt verzweifelt:

Ist es nicht ein finsterer Wald, / in den wir gerieten?

Die Antwort der Dichterin, als Stimme der trauernden Enkelin, verspricht Trost, Hoffnung, zarte Zuversicht:

Nein, Großmutter, er ist nicht finster, / ich weiß es, ich wohnte lang / bei den Kindern am Rande, / und es ist auch kein Wald.

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