AusLese 2015

November 2015

Der erste Teil: Romane

Mein ganz persönlicher Rückblick auf das Erscheinungsjahr 2015. Bücher, die mir in den letzten Monaten begegnet sind, die ich auf Streifzügen durch Buchhandlungen, Feuilletons und Literaturseiten, auf Buchmessen und durch Empfehlungen entdeckt habe und die mir besonders gut gefallen. Sie wurden von mir gelesen oder zumindest angelesen. Eine Garantie, dass sie auch anderen Lesern und Leserinnen gefallen, gibt es natürlich nicht.

Wenn der Winter nicht mehr weit ist, beginnt die beste Lesezeit. Foto: Bernd Michael Köhler

Wenn der Winter nicht mehr weit ist, beginnt die beste Lesezeit. Foto: Bernd Michael Köhler

Gegenspiel. 2012 schilderte Stephan Thome in seinem Roman “Fliehkräfte” die Midlife-Crises des Philosophie-Professors Hartmut Hainbach und seine Reise durch halb Europa, auf der er versucht Klarheit über seine Ehe, seine Karriere und sein weiteres Leben zu finden. Die Fahrt endet in Portugal, das Land aus dem seine Frau Maria stammt. Im aktuellen Buch erzählt nun Thome die Geschichte noch einmal, allerdings diesmal aus Sicht Marias. Ein überraschendes und sehr gelungenes Erzähl-Experiment.

Thome, Stephan: Gegenspiel. Roman. – Suhrkamp, 2015. Euro 22,95 / Thome, Stephan: Fliehkräfte. Roman. – Suhrkamp, 2013. – Taschenbuch-Ausgabe Euro 10,99

Gipfeldieb. Schon der merkwürdige Titel macht große Lust auf diesen Schelmenroman des polnisch-österreichischen Autors Radek Knapp. Ludwik Wiewurka kommt mit 12 Jahren nach Wien. Mit 34 ist er ein zufriedener Heizungsableser, als ihm auf Drängen seiner Mutter die österreichische Staatsbürgerschaft verliehen wird, was unmittelbar mit der Bürde der Wehrpflicht verbunden ist. Wir Leser sehen unsere zeitgeistige Stadtgesellschaft (in diesem Fall österreichischer Prägung) und ihre Absurditäten durch die Brille des Schwejk-Verwandten Ludwik, genannt Ludek, und können uns dabei köstlich amüsieren.

Manchmal verspricht eine Verpackung mehr als der Inhalt hält, und gelegentlich ist es umgekehrt. Im legendären Literaturclub des Schweizer Fernsehens (den ich ärgerlicherweise mit meinem dämlichen Kabel-Anbieter nicht mehr original empfangen kann, sondern ausschnittweise im Netz nachschauen muss!) zeigte sich die temperamentvolle Elke Heidenreich vom Schutzumschlag dieses Buches so entsetzt, dass sie ihn vor aller Öffentlichkeit zerriss und wegschmiss. Umso mehr war sie von der Geschichte begeistert und konstatierte: „Merken Sie sich den Namen Radek Knapp“. Gerne ergänze ich: Auf die Wunschzettel damit!

Knapp, Radek: Der Gipfel-Dieb. Roman. – Piper, 2015. Euro 20 / Und wer danach mehr Radek Knapp möchte, greife zu Knapp, Radek: Herrn Kukas Empfehlungen. Roman. – Piper, 2001. Euro 9,99

Gorelik. Beim dritten „G“ wird’s deutlich härter. Eine Geschichte, wie sie dieser Tage viele erzählt werden. Vom Heimat- und Sprachverlust, vom Fremdsein. Die Schriftstellerin Lena Gorelik stammt aus Leningrad, kam als junges Mädchen nach Deutschland, hat inzwischen mehrere Bücher in deutscher Sprache geschrieben, in denen die Figuren Dinge erleben, die teilweise auf Erfahrungen der Autorin beruhen.

Nils Liebe liest wo er geht und steht, meist mehrere Bücher parallel, und bedauert, dass es an seinem Wohnort nur eine recht kleine Buchhandlung gibt, in der er allerdings Stammkunde ist. “Bücher waren ihm weitaus sympathischer als Menschen. Bücher waren ihm nicht unterlegen.” Auch Sanela, die während des Jugoslawien-Kriegs nach Deutschland kam, hat ein extremes Interesse an Büchern, am Wissens- und Spracherwerb. Und sie hat Nachholbedarf, denn die bodenständigen Menschen im Dorf wo sie aufwuchs, hielten Lesen für eine unverzeihliche Zeitverschwendung. Zwischen den beiden entwickelt sich eine nicht ganz unkomplizierte Beziehung.

Lena Gorelik hat einen großartigen, auf geniale, manchmal schmerzhafte Weise, schönen Roman geschrieben, der nicht gut enden kann. „Null bis unendlich“ ist alles andere als zartschmelzende Prosa, und dennoch eines meiner Lieblingsbücher in diesem Herbst.

Sanfter und humorvoller geht es in Goreliks Roman „Die Listensammlerin“ zu, in der sie auf ihre eigene russische Vorgeschichte zurückgreift. Ein geschichtenpralles Lesevergnügen das inzwischen als Taschenbuch vorliegt.

Gorelik, Lena: Null bis unendlich. Roman. – Rowohlt Berlin, 2015. – Euro 19,95 / Gorelik, Lena: Die Listensammlerin. Roman. – rororo, 2015. – Euro 9,99

Kurzer Exkurs. Ich wiederhole mich, wenn ich behaupte: Leser in Deutschland dürfen sich freuen, dass seit einigen Jahren so viele originelle und herausragende Bücher in deutscher Sprache erscheinen, die von Autorinnen und Autoren verfasst wurden, deren Wurzeln undoder Herkunft im europäischen Osten oder Südosten liegen. (“… Autorinnen und Autoren, die uns zeigen, was der deutschsprachigen Literatur entgangen wäre, wenn sie nicht nach Deutschland gekommen wären, mit ihrem Weltwissen im Gepäck”, wie es Annett Gröschner ausdrückte, aus Anlass der Vergabe des Literaturpreises der Anna-Seghers-Stiftung an Nino Haratischwili.)

Kleiner Versager. Wie Lena Gorelik, stammt auch Gary Shteyngart aus Leningrad, strandete allerdings nach der Auswanderung mit seiner Familie in New York. Auch seine Bücher sind stark vom eigenen Erleben geprägt. Sein neuestes ist schon fast eine Autobiographie, aus jener Tradition entstanden, bei der Dichtung und Wahrheit Zwillinge sind. Igor, der jetzt Gary heißt, wird von seinen Eltern „kleiner Versager“ genannt, weil sie ihn lieben, aber Sorgen um seinen Weg in der Neuen Welt haben.

Shteyngart bleibt dem Stil seiner bisherigen Bücher treu. Er schreibt ironisch, satirisch, manchmal zynisch, mal heiter, mal melancholisch. Er schöpft als Erzähler aus dem Formen und Farben-Reichtum des europäischen Osten, und ist doch erkennbar bereits ein sehr us-amerikanischer Autor. Als ich vor der Wahl stand, das neue Buch des von mir sehr geschätzten Jonathan Franzen oder diesen Shteyngart, habe ich mich gegen Franzen entschieden, da mich die ersten Rezensionen und Anlese-Eindrücke seiner „Unschuld“ eher skeptisch zurückließen.

Shteyngart, Gary: Kleiner Versager. – Rowohlt, 2015. – 22,95

Die gestohlene Bibliothek. Der Titel „Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek“ ist etwas irreführend. Denn es handelt sich dabei eigentlich um einen entführten Bücherbus, der als Vehikel für eine verwickelte Irrfahrt dient. Ein wenig Road-Movie, ein wenig Sozialdrama, bietet dieser Roman des jungen, sehr hoffnungsvollen britischen Nachwuchsautors David Whitehouse. Allzu bibliophil geht es darin nicht zu, denn Bobby hat es zuhause nicht leicht, seine Mutter ist verschwunden und der Vater ist weder bücherliebend noch zartfühlend. So ergreift Bobby eines Tages zusammen mit Val, der Putzfrau des Bücherbusses und deren Tochter Rosa die Flucht. Exzellenter Schmöker. Very British. Schreit regelrecht nach Verfilmung.

Whitehouse, David: Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek. Roman. – Tropen Verlag, 2015. – 19,95

„Auferstehung“ für Einheimische. Oberschwaben, Ulmer, Katholiken – aufgepasst! Dieses Buch hat Karlheinz Ott für euch geschrieben. Joschi ist ein Herumtreiber, Jakob beim Fernsehen, aber nicht mehr lang. Uli macht seit einigen Jahren in alternativer Landwirtschaft und Linda ist eine bürgerliche Macherin. Nun stehen sie am Totenbett des Vaters, selbst schon jenseits der 50, und tauschen sich über die familiäre Vergangenheit, über aktuelle und zurückliegende Animositäten aus. Dieser Roman, über weite Strecken ein Kammerspiel, hat das Zeug zu einem erfolgreichen Bühnenstück, was nicht verwundert, ist der Autor doch in erster Linie Regisseur und Dramaturg am Theater. Die Religion spielt in “Die Auferstehung” trotz des Titels keine große Rolle, es gibt bundesdeutsche Lebensläufe in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, reichlich Lokalkolorit (In Ulm, um Ulm…) und ein überraschendes bis komisches Ende.

Ott, Karl-Heinz: Die Auferstehung. Roman. – Hanser, 2015. Euro 22,90

“Baba Dunjas letzte Liebe” sind ihre alte Heimat Tschernobyl und der uralte Sidorow. Hochbetagt ist sie an jenen Ort, den sie vor dreißig Jahren Hals über Kopf und aus naheliegenden Gründen verlassen musste, zurückgekehrt. Zusammen mit einigen anderen Rückkehrern beginnt sie ein neues Leben, dem naturgemäßig keine allzu große Zukunft beschieden ist. Sie leben von Erinnerungen, Wasser aus dem Brunnen und Gemüse mit reichlich Reststrahlung. Dunjas Verbindung zur Außenwelt sind Briefe an ihre Tochter, die in Deutschland lebt. Alina Bronsky, die mit “Scherbenpark” so glänzend debütierte, erzählt das Ernste humorvoll und das Traurige mitfühlend. Eine packende und außergewöhnliche Geschichte über eine Welt, die es eigentlich nicht mehr gibt.

Bronsky, Alina: Baba Dunjas letzte Liebe. Roman. – Kiepenheuer & Witsch, 2015. Euro 16 / Bronsky, Alina: Scherbenpark. Roman. – KiWi, 2009. Euro 9,99

Verdi. Seine literarischen Biographien zu Schubert, Schumann, Hölderlin, Waiblinger oder Fanny Mendelssohn haben viele Leser gefunden. Jetzt hat Peter Härtling über den populären Opernkomponisten und italienischen Volkshelden Guiseppe Verdi geschrieben. „Ein Roman in neun Fantasien“, heißt sein neues Buch. Jenseits der großen Oper macht uns Härtling mit einem Verdi bekannt, der Kammermusik und ein Requiem komponiert, der in seiner Heimatregion als Wohltäter wirkt und dessen Leben nicht ohne Dissonanzen ist. Sicher ein willkommenes Geschenk für Musikliebhaber.

Härtling, Peter: Verdi. Ein Roman in neun Fantasien. – Kiepenheuer & Witsch, 2015. Euro 18,99

Flocke

Der zweite Teil: Biographisches und Kriminelles

Weitere Bücher, die mir in den letzten Monaten begegnet sind, die ich auf Streifzügen durch Buchhandlungen, Feuilletons und Literaturseiten, auf Buchmessen und durch Empfehlungen entdeckt habe.

“Eine Biographie. Was ist eine Biographie? Als ob etwas anderes zählte als das schöpferische Werk. Aber da kramt einer herum in Abfällen, in der sogenannten Wirklichkeit, im Abgelebten, und ist glücklich.”

Feuchtwanger. Sätze von Lion Feuchtwanger, einem der wichtigsten deutschsprachigen Exilschriftsteller und einer Persönlichkeit, deren Lebenslauf sich ausgesprochen spannend erzählen lässt, nicht zuletzt deshalb weil er unabdingbar mit den aufwühlendsten Perioden deutscher Geschichte verknüft ist. Er wollte dass sein Werk für sich spricht. Bücher wie “Jud Süß” oder die Wartesaal-Trilogie (“Erfolg”, “Die Geschwister Oppermann”, “Exil”). Bücher die im Vorkriegsdeutschland und später in den USA beträchtliche Auflagen erzielten. Feuchtwanger ging es wirtschaftlich gut und im amerikanischen Exil gehörte er neben Thomas Mann zu denen, die Landsleute, denen es nach der Auswanderung oder Vertreibung nicht gut ging, kräftig unterstützten. Seine Leser erwarten Bericht über so ein Leben, einen solchen Künstler. Deshalb ging sein Wunsch, Biographisches möge keine Rolle spielen, nicht in Erfüllung. Immer wieder erscheinen Arbeiten, die sein Werk, sein Leben, seine Wirkung untersuchen, darstellen, würdigen.

Einer der neuesten Versuche ist eine umfangreiche Monographie von Andreas Heusler. Einem Historiker und Politikwissenschaftler; seine wichtigsten Themenfelder sind das Dritte Reich und die Geschichte der Judenverfolgung. Sie bilden die Schwerpunkte, neben der Exilzeit in Kalifornien, seines Feuchtwanger-Buches, das den programmatischen Untertitel “Müchner – Emigrant -Weltbürger” trägt. Das inhaltsreiche und faktendichte Werk ist vielleicht etwas weniger leicht zu lesen, verlangt mehr Gelduld und tieferes Interesse als die bewährte Feuchtwanger-Biographie von Wilhelm von Sternburg, die sich an ein deutlich breiteres Publikum wendet. Von Sternburgs Buch erschien erstmals 1984 und liegt jetzt in einer überarbeiteten und erweiterten Neuausgbe vor.

Heusler, Andreas: Lion Feuchtwanger. Münchner – Emigrant – Weltbürger. – Residenz Verlag, 2014. Euro 24,90 / Sternburg, Wilhelm von: Lion Feuchtwanger. Die Biographie. – Aufbau Verlag, 2014. Euro 26

Die Manns. Vor 60 Jahren starb Thomas Mann. Offensichtlich Anlass genug, dass in diesem Jahr gleich zwei neue, umfangreiche Bücher über die Familie Mann erschienen sind. Da ist zum einen „Das Jahrhundert der Manns“ von Manfred Flügge, einem versierten Biographen, der auch schon Lebensbeschreibungen von Heinrich Mann, Marta Feuchtwanger und der Malerin Eva Hermann verfasst hat. Sein Buch über die Manns ist sehr gut lesbar und uneingeschränkt zu empfehlen.

Tilmann Lahme geht wissenschaftlich etwas gründlicher zu Werke, ohne die Lesbarkeit zu vernachlässigen. Er konnte den umfangreichen Briefwechsel zwischen Katja Mann und ihren Kindern auswerten, der vor einiger Zeit im Züricher Thomas-Mann-Archiv überraschend auftauchte. Das Material führt nicht zu einer grundsätzlichen Neu-Interpretation der Literaturgeschichte oder der Werke Thomas Manns und seines schreibenden Nachwuchses. Es rückt aber immerhin jene Kinder etwas mehr in den Mittelpunkt, die bisher weniger zum Zuge kamen, weil ihr schriftlicher Nachlass spärlicher ausgefallen war. Dazu zählen Monika, Michael und auch Elisabeth Mann. Manches Detail das Lahme nun den bereits bekannten Episoden, Affären und Auffälligkeiten dieser acht Persönlichkeiten hinzufügen kann, ist erfrischend pikant , manchmal amüsant, wie die Vorgeschichte (ein Fast-Skandal) der Nobelpreis-Verleihung an Thomas Mann im Jahr 1929.

Lahme, Tilmann: Die Manns. Geschichte einer Familie. – S. Fischer, 2015. – Euro 24,99 / Flügge, Manfred: Das Jahrhundert der Manns. – Aufbau, 2015. – Euro 22,95

Nun folgen zwei sehr reizvolle Neuerscheinungen, die ich mir noch nicht näher ansehen konnte, hier dennoch unbedingt erwähnen möchte, da es für beide Bücher sicher zahlreiche Interessenten geben dürfte.

Bernhard. Endlich gibt es eine ausführliche, wissenschaftlich fundierte Monographie über den vielleicht gröbsten Klotz der österreichischen Literatur. Ich zitiere aus der Verlagswerbung: „Der Thomas Bernhard-Experte Manfred Mittermayer fasst Leben und Werk des Autors in eine große Erzählung, die von Bernhards ‚Herkunftskomplex‘ – der Familie seines Großvaters Johannes Freumbichler– bis zu seinem frühen Tod nach jahrelanger Krankheit reicht. Differenziert zeichnet Mittermayer das vielschichtige öffentliche Erscheinungsbild, aber auch die privaten Lebensstationen nach und setzt die wesentlichen Prosawerke und Theaterstücke in Bezug zu einem Lebensweg, der untrennbar mit der Nachkriegsgeschichte verbunden ist.“

Mittermayer, Manfred: Thomas Bernhard. – Residenz, 2015. – Euro 28

Bachmann. In der kleinen, feinen Edition A. B. Fischer erscheint eine Reihe mit dem Titel „Wegmarken“. Sie schildert und rekonstruiert literarische Landschaften und Orte, nähert sich mit eindrucksvollen Schwarzweiß-Bildern und kurzen Texten behutsam den Biographien oft „rastloser Dichter, unbehauster Künstler und geistiger Exilanten.“ Dort finden wir u. a. „Das Amsterdam des Klaus Mann“, „Lebenswege des Friedrich Nietzsche“ oder „Das Irland des Heinrich Böll“. Das neueste Heft heißt: „Das Rom der Ingeborg Bachmann“. 56 Seiten mit schwarzweißen Fotos von Angelika Fischer und Texten von Irene Fußl und Arturo Larcati, in exzellenter typographischer Gestaltung. Ein bibliophiler Leckerbissen, nicht nur für Bachmann-Freunde. – 2013, zum 40. Todestag der Dichterin, erschien die große Bachmann-Biographie von Andrea Stoll; diese ist inzwischen als Taschenbuch erhältlich.

Fußl, Irene; Larcati, Arturo; Fischer, Angelika: Das Rom der Ingeborg Bachmann. – Edition A. B. Fischer, 2015. Euro 12 (Wegmarken) / Stoll, Andrea: Ingeborg Bachmann. Der dunkle Glanz der Freiheit. Biografie. – btb, 2015. Euro 10,99

023

Foto: Bernd Michael Köhler

Dühnfort. Inge Löhnigs neuester „Dühnfort“ ist bereits im Frühjahr erschienen. Wer ihn noch nicht gelesen hat, sollte das jetzt nachholen. Alle die ihn gelesen haben sind sich einig: Der bisher beste Dühnfort-Krimi von Inge Löhnig. Gewohnt hohe Unterhaltungs-Qualität um den italophilen Kommissar, der während seiner Ermittlungen im Raum München nicht auf erstklassigen Espresso und ausgewählte Bitterschokolade verzichten kann. Und natürlich auch nicht auf seine Gina.

Löhnig, Inge: Nun ruhet sanft. – Kriminalroman. – List Taschenbuch, 2015. Euro 9,99

Andere Hälfte. Wer sagt denn, dass ein scheinbar einfacher Unterhaltungsroman keine großen Weisheiten enthalten darf? Wie dieser Satz in Mechtild Borrmanns neuesten großen Wurf: „Aber Hoffnung ist ein lähmendes Gift, das uns ausharren lässt.“ Religionen sind es meist, und Ideologien, die Gutgläubige mit einem verheißungsvollen Später vertrösten wollen. Nicht alle lassen sich das gefallen. Und der verwitwete Landwirt Matthias Lessmann tut etwas, was er sich selbst nie zugetraut hätte. Es geht um Mädchenhandel und einen ukrainischen Ermittler, dessen finanzielle Möglichkeiten dem kapitalistischen Westen nicht gewachsen sind. Gleichzeitig wird die Geschichte einer Familie und ein besonderes Katastrophen-Kapitel des 20. Jahrhunderts aus Sicht der unmittelbar Betroffenen erzählt. Besonders interessant ist die gelungene Darstellung der nach wie vor starken europäischen Kontraste. Hier das moderne, hochnervöse Düsseldorf, ein flatterhaftes Deutschland, dort der ukrainische Osten mit all seinem Mangel, dem unaufholbar scheinenden Rückstand, den kargen ländlichen Lebensformen

Bormann baut in ihrem Roman innerhalb weniger Seiten eine unglaubliche Spannung auf, hat für ihre Geschichte penibel recherchiert und legt nicht zum ersten Mal ein Buch vor, welches das Genre Kriminalroman adelt. Bereits mit ihrem „Wer das Schweigen bricht“ hatte sie die Krimi-Bestenliste gestürmt. Und ihr „Geiger“ wurde mit dem französischen „Grand Prix des Lectrices“ ausgezeichnet. Eine Autorin, die längst mehr Leser und Beachtung verdient.

Borrmann, Mechtild: Die andere Hälfte der Hoffnung. Kriminalroman. – Droemer Taschenbuch, 2015. Euro 9,99 / Die Originalausgabe ist 2014 bei Droemer erschienen und kostet 19,99 / Borrmann, Mechtild: Wer das Schweigen bricht. – Pendragon, 2011. Euro 9,95 / Borrmann, Mechtild: Der Geiger. – Knaur Taschenbuch, 2013. Euro 9,99

Wende. Was wäre die zeitgenössische Spannungsliteratur ohne schreibende Frauen, und wir brauchen gar nicht bis Skandinavien zu schauen, wie meine Beispiele hoffentlich zeigen können. Eva Lapido ist eine neue Stimme im kriminellen Konzert. Mit ihrer „Wende“ geht sie gleich ins Forte. Der Titel spielt auf die aktuelle Energiewende an, die Wurzeln der Übel der Gegenwart liegen in diesem Fall jedoch in der deutschen Wende der Jahre 1989/90. Einmal mehr sind es Investment-Banker, die mit großen Versprechungen und schmutzigen Methoden, Politik manipulieren und Politiker instrumentalisieren. Wie der junge Aufsteiger René Hartenstein erst seinen gutbezahlten Frankfurter Finanzjob verliert und dann zum Opfer der wandelbaren Frau Smoktun wird, ist atemberaubend erzählt und – so ist zu befürchten – sehr nah an den gegenwärtigen Realitäten in Wirtschaft und Gesellschaft.

Über die fabelhafte Autorin, die wohl ernsthaft versucht, die Nachfolge von Denkmälern wie Ambler und LeCarre anzutreten, weiß man bisher nicht allzuviel. Soweit der Klappentext verrät ist Eva Ladipo eine deutsch-englische Wissenschaftlerin, die nach Aufenthalten u. a. in Russland und Kolumbien nun ihren ersten Roman vorlegt. Und hoffentlich nicht den letzten!

Ladipo, Eva: Wende. Roman. – Picus Verlag, 2015. Euro 22,90

Schließlich führt uns die Blutspur ins Nachbarland Österreich. Zwei bewährte, jedoch sehr gegensätzliche Dauerbrenner haben neue Bücher vorgelegt.

Polt. Er ist ja längst im verdienten Ruhestand, der ehemalige Gendarmerie-Inspektor Simon Polt. Doch sein Erfinder lässt ihn nicht untätig bleiben. Zum siebten Mal schickt Alfred Komarek den Polt auf Ermittlungsgänge durch die Kellergassen der stillen Dörfer im idyllischen Weinviertel. Wie aus der Zeit gefallen wirken Bewohner, Täter und Taten. Ruhig fließt der Erzählstrom, reichlich der Wein, während der alternde Ermittler gemächlich und einfühlsam der Aufklärung des Verbrechens näher kommt. Wobei man als Außenstehender kaum glauben mag, dass es in dieser Idylle so kriminell zugehen kann.

Die Polt-Bücher sind nichts für Lieberhaber von Thrillern und schriller Action, wie bereits die ersten Sätze des neues Romans erkennen lassen: „Simon Polt hing seinen Gedanken nach, und weil er vertraut mit ihnen war, ließ er sie achtlos laufen, eins werden mit den schütteren Schatten ringsum. Obwohl es draußen noch einigermaßen hell war an diesem späten Nachmittag im Oktober, hatte Polt die Tür seines Presshauses zugemacht, weil er Ruhe haben wollte.“

Komarek, Alfred: Alt, aber Polt. Kriminalroman. – Haymon, 2015. – Euro 19,90 / Ältere Polt-Romane sind als Diogenes-Taschenbücher lieferbar.

Valensky. Flotter, gegenwärtiger, wienerischer und femininer sind die Krimis von Eva Rossmann rund um die ermittelnde Journalistin Mira Valensky und ihre aus Kroatien stammende Freundin Vesna Krajner. Doch auch hier führen Abstecher die Protagonistinnen immer wieder einmal von der Hauptstadt ins nahe Weinviertel. Wein, Weib und gute Speiß‘ spielen in Rossmanns vorrangig unterhaltsamen Krimis neben der eigentlichen verbrecherischen Handlung eine wichtige Rolle. Männer hingegen – und damit sehr im Gegensatz zur gängigen Spannungsware – häufig die Nebenrollen. Im neuesten Band geht es gesellschaftspolitisch brisant zu. Eine vietnamesische Restaurantbesitzerin wird erschossen. Ist Schutzgeld-Erpressung im Spiel? Oder Auseinandersetzungen zwischen ausländischen Clans? Doch plötzlich rücken die Produktionsbedingungen eines internationalen Bekleidungs-Konzerns ins Zentrum der Ereignisse. Spuren führen nach Hanoi und Leipzig.

Das liest sich, wie meist bei Eva Rossmann, süffig wie ein frischer Veltliner und ist genau jene leichte Lektüre, die gut zwischen Gänsebraten und Christstollen passt. Wie von diesen Festtagsgenüssen gibt es auch von Mira Valensky und Co. reichlich. Ich habe nicht nachgezählt, nur irgendwo gelesen, dass dies bereits der 17. Kriminalroman aus der Feder der bekennenden Feminstin, gelernten Juristin und leidenschaftlichen Köchin sei. Damit ist sie den Kolleginnen Donna Leon und Elizabeth George dicht auf den Fersen.

Rossmann, Eva: Fadenkreuz. Ein Mira-Valensky-Krimi. – Folio Verlag, 2015. Euro 19,90 / Frühere Romane sind als Taschenbuch-Ausgaben von Bastei Lübbe lieferbar.

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