Auslese 2016

Liebe Freunde von con=libri!

Wer eine moderne Waschmaschine (steuerbar über die smart home app), ein neues Fernsehgerät (natürlich Ultra-HD und mega konkav) oder einen nützlichen Staubsauger (z. B. den Saugroboter “Dirt Devil” von Techtronic, mit Steuerung über das praktische OnBoard-Bedienpanel) kaufen möchte, hat die Auswahl zwischen zahlreichen Modellen. Die Entscheidung fällt schwer, wird in der Regel doch nur ein Exemplar benötigt.

Bei Büchern ist das anders. Die Auswahl ist entschieden größer als bei den genannten Gebrauchsgegenständen, und man kann davon so viele haben wie man möchte. Grenzen setzen allenfalls das persönliche Budget oder die häusliche Regalfläche (doppelreihige Aufstellung schafft hier zusätzliche Kapazitäten). Man muss auch nicht nur jene kaufen, die man zu brauchen glaubt, in dem Sinne, dass man sie sofort lesen will. Nein, Bücher kann man sehr schön auf Vorrat erwerben und besitzen. Damit eröffnen sich jederzeit verfügbare, verheißungsvolle Lese-Alternativen. Ganz im Sinne von Durs Grünbein:

“Ich kaufe ja Bücher nicht, weil ich sie alle benötige, sondern weil ich mir ausmale, wie herrlich es sein wird, sie demnächst – sagen wir: eines Tages, zu lesen.”

Mit meiner Auslese 2016 möchte ich wieder einige Kauf-, vor allem aber Lese-Anregungen geben. Bücher, die mir auffielen im üppigen Angebot des zu Ende gehenden Jahres, die mir gefielen, mit denen ich mich näher beschäftigt habe. Wie immer ist es eine sehr subjektive Wahl. Immerhin sind die Empfehlungen analog, völlig plan und geschlechtsneutral.

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Aus Polen

Nach “Sandberg” und “Wolkenfern” ist jetzt ein dritter Roman einer der bedeutendsten polnischen Autorinnen der Gegenwart auf Deutsch erschienen. Warum es vier Jahre dauern musste bis das Original in deutscher Übersetzung vorliegt, weiß vielleicht der Suhrkamp-Verlag. Es ist schade, dass Bücher aus dem Osten Europas meist mit einiger Verzögerung bei uns erscheinen. “Dunkel, fast Nacht” ist ein origineller Roman, in dem die Autorin zu starker, eigenwilliger Ausdruckskraft findet.

Alicja Tabor hat ihre Heimatstadt vor 15 Jahren verlassen, die Eltern sind inzwischen verstorben, das Haus steht seit Jahren leer. Nun kehrt sie als Journalistin zurück um über das Verschwinden von Kindern aus der Stadt zu recherchieren und zu schreiben. Vor Ort kochen längst die Emotionen hoch. Allerhand Verdächtige (wie die “Zigeuner”) werden ausgemacht. Im Netz blüht der Hass. Ängste, Traumata, wechselnde Stimmungen bestimmen das gesellschaftliche Klima und die Persönlichkeit Alicjas. Der Roman ist ein dichtes Gewebe über die aktuellen Bruchstellen moderner Wohlstandgesellschaften. Verstörend, stellenweise schaurig, für eher fortgeschrittene Leser geeignet.

Bator, Joanna: Dunkel, fast Nacht. Roman, aus dem Polnischen von Lisa Palmes. – Suhrkamp, 2016. Euro 24,95

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Aus Norwegen

Als bekennender Freund ausladender Romanhandlungen in dicken Büchern greife ich selten zu schmalen Bändchen mit kürzeren Arbeiten. Doch gibt es hin und wieder Empfehlungen für Literatur unterhalb epischer Längen, die zum Leseglück werden. Die “Winternovellen” der 1978 in Oslo geborenen Ingvild H. Rishøi haben mich vom ersten Satz der ersten Geschichte an begeistert. Nüchtern, lakonisch klingt das: “Als wir nach Linderud kommen, macht Alexa sich in die Hose. Wir wollten ja den ganzen Weg bis nach Hause gehen, und sie war einverstanden, es habe doch keinen Sinn, wegen fünf Stationen Geld für den Bus auszugeben.” Von dem schmalen Monatsbudget sind nur noch ganz wenige Kronen übrig, die eigentlich für Lebensmittel vorgesehen waren. Als plötzlich ein bedürftiger Mitmensch vor Mutter und Tochter steht und um eine milde Gabe bittet, ist die ohnehin nicht sehr belastbare Alleinerziehende völlig überfordert. Tochter Alexa hingegen hat Mitleid und verträgt weder Lügen noch Ungerechtigkeiten.

“Wir können nicht allen helfen”, ist der Titel dieser ersten von drei Erzählungen, jede wenige dutzend Seiten umfassend, in denen es um Menschen am Rande des glänzenden norwegischen Reichtums geht. In glasklarer nordischer Sprache und mit lebensnahen Dialogen versteht es Rishøi deren schwierige Lage einerseits, ihren verzweifelten Mut andererseits, fesselnd zu beschreiben. Ohne Bloßstellung zeigt sie uns dabei eine Welt die wir, die auf der Habenseite des materiellen Überflusses gelandet sind, nur zu gerne ausblenden. In jeder Geschichte gelingt der Autorin ein überraschender Schluss, den man während des Lesens nicht für möglich hält. Alle drei “Winternovellen” enden “gut”. Nicht im Sinne einer generellen Lösung aller Probleme, doch zumindest mit einer freundlichen Wendung. Drei Geschichten auf weniger als 200 Seiten, die ich für dunkle, kalte Winterwochen wärmsten empfehlen kann.

Ingvild H. Rishøi: Winternovellen. Aus dem Norwegischen von Daniela Syczek. – Open House, 2016. Euro 19,50

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Zwei Bücher über Entwurzelung

Flucht, Vertreibung, Migration gehörten und gehören in Europa zum Schicksal von Millionen. Ein kleiner Ausschnitt daraus ist die abenteurliche Emigration von Karoly, Terez und ihren Kindern aus Ungarn in Akog Domas neuem Roman “Der Weg der Wünsche”. Sie findet zu Beginn der 1970er-Jahre statt, doch in Rückblicken erfahren wir von Ereignissen rund um die Familie bis zurück zu den großen Flüchtlingsbewegungen gegen Ende des Zweiten Weltkriegs.

Was als breit angelegte Familiengeschichte beginnt, entwickelt sich im Laufe der Erzählung zu packender, gegen Ende dramatischer Handlung. Beginnend mit einer gewagten Flucht über Österreich, dann ein nicht enden wollender Zwangsaufenthalt in einem süditalienischen Lager, schließlich der Aufbruch mit dem Ziel Deutschland. Ein Kapitel europäischer Geschichtsunterricht, unterhaltsam und bewegend erzählt.

Akog Doma wurde 1963 in Budapest geboren. Er lebt – für einen Schriftsteller eher ungewöhnlich – im beschaulichen Eichstätt, übersetzt aus dem Ungarischen und schreibt eigene Werke in deutscher Sprache. “Der Weg der Wünsche” ist bereits sein dritter Roman.

Doma, Akog: Der Weg der Wünsche. Roman. – Rowohlt Berlin, 2016. Euro 19,95

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Das nächste Buch ist kein Roman. Der Autor verzichtet allerdings auf eine klare Abgrenzung zwischen Fiktion und authentischer Nacherzählung echten Lebens. Dichtung und Wahrheit eben.

Die Kapitelmans hatten sich in der russisch besetzten Ukraine leidlich eingerichtet. Doch als sie mit ihrer jüdischen Abstammung immer mehr unter Druck geraten, entschließt sich die dreiköpfige Familie zur Ausreise. Eigentlich ist Israel das gemeinsame Ziel, durch besondere Verwicklungen landet sie jedoch in Deutschland. Zunächst in einem Aufnahmelager, später in einer Plattenwohnung in Leipzig-Grünau. Von diesem Exodus und den damit verbundenen Schwierigkeiten erzählt der erste Teil des Buches. Sehr interessant ist ihre Art von Innenansicht auf die problematischen Momente des Alltags in einem ostdeutschen Großstadt-Revier, neonazistische Nachbarschaft inklusive.

Das Hauptthema des Buches ist die liebevolle, nie ohne Reibung verlaufende Beziehung von Vater und Sohn. Gemeinsam brechen sie zur lang ersehnten und mit viel Umständlichkeiten geplanten Reise nach Israel auf. Ihr Blick auf das Land, ihre innere Zerrissenheit zwischen Europa und Israel, die überraschende Anziehungskraft praktizierten Judentums, und vor allem die Probleme des Landes, werden differenziert dargestellt und durch konkrete Alltagserfahrungen verdeutlicht. Der dreißigjährige Dmitrij Kapitelman beschreibt die über weite Strecken autobiographischen Erlebnisse auf sehr frische Weise und in stets leicht distanziertem ironischen Ton. Sicher auch ein Buch für Leser, die schon einmal in Israel waren, oder eine Reise planen.

Kapitelman, Dmitrij: Mein unsichtbarer Vater. Hanser Berlin, 2016

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Zwei Bücher die von Familien-Katastrophen handeln, dabei gar nicht so traurig sind.

Ein weiteres Erstlingswerk einer jungen Autorin die in Berlin lebt? Brauchts das? Gibts davon nicht schon genug? Ich kann versichern, der erste Roman der 1987 in Potsdam geborenen Paula Fürstenberg ist nicht nur gelungen, sondern ausgesprochen originell und einnehmend. Die Hauptfigur Johanna ist weder Künstlerin, noch angehende Schriftstellerin mit Schreibblockade. Sie hat sich für eine Ausbildung zur Straßenbahnfahrerin entschieden. In der Freizeit betrachtet sie fasziniert alte Landkarten; dort entdeckt sie das titelgebende Tier. Jung genug um die DDR nicht mehr bewußt erlebt zu haben – sie wurde kurz vor der Wende in der Uckermark geboren – spielt doch die deutschdeutsche Geschichte in ihrem Leben eine wichtige Rolle.

So beginnt sie nach den täglichen Linienfahrten auf den Schienenfahrzeugen der BVG ihrem Vater nachzuspüren, der die Familie kurz nach dem Mauerfall verlassen hat, um in den Westen zu gehen. Oder doch nicht? Mit ihrer Beharrlichkeit kommt sie Stück für Stück nicht nur ihrem verschollenen Erzeuger näher, sondern entdeckt gleichzeitig neue Facetten im Leben ihr nahestehender Menschen. Sasa Stanisic, der die Lektüre von Paula Fürstenbergs Buch sehr empfiehlt, nennt dies “die Neukartierung einer zerklüfteten Familienlandschaft.”

Fürstenberg, Paula: Familie der geflügelten Tiger. Roman. – Kiepenheuer & Witsch, 2016. Euro 18,99

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“Mama ist die Beste.” Und pleite. Und tot. Patchwork hoch drei. Bei ihrem Debüt als Romanautorin überzeugt Nele Pollatschek mit einem ungewöhnlich reifen, hintersinnigen Familienmosaik. Jedes Mitglied dieser verqueren Kommunität ist ein spezieller Charakter. Aus den verschiedenen Beziehungskonstellationen entstehen reihenweise kuriose Situationen. Manchmal wäre die Geschichte ja richtig traurig, aber gerade dann muss man herzlich schmunzeln.

Besondes köstlich, das liebevolle Briten-Bashing im ersten Teil. “Zum Studieren ist England super, aber wer will, dass ein Fenster schließt, eine Heinzung heizt oder man beim Duschen nass wird, sollte in Deutschland bleiben…” Das Buch hat englische und deutsche Schauplätze, eine reizvolle Konstellation. Nele Pollatschek ist noch keine dreißig kennt sich allerdings bereits in beiden Kulturen bestens aus. Sie lebt in Oxford und im Odenwald (wahrscheinlich bewusst, wegen der Alliteration), hat Englische Literatur und Philosophie studiert und promoviert über das Böse in der Literatur. Ihrem Roman merkt man diese Vorbildung an, er ist mal zartbitter, mal kurios heiter.

Für unterwegs: Die großartige Hörbuch-Version, eingelesen und interpretiert von Jasna Fritzi Bauer für knapp 20 Euro.

Pollatschek, Nele: Das Unglück anderer Leute. Roman. – Galiani, 2016. Euro 18,99

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Der kleine Geschenktipp

Das gibt es also auch noch. Die schlichte einfache, dennoch gut geschriebene Liebesgeschichte. Wie von Petra Hartlieb nicht anders zu erwarten, spielt bei der im Wien des beginnenden 20. Jahrhunderts angesiedelten Handlung, eine Buchhandlung die wichtigste Nebenrolle. In der Hauptsache geht es um zwei junge Menschen aus einfachen Verhältnissen, um deren Schwierigkeiten sich in der harten Klassengesellschaft der Jugendstil-Zeit zu behaupten.

So ist es fast ein Ding der Unmöglichkeit für dienstbare Geister aus besitzlosen Schichten als Paar zueinander zu finden. Dass es aber auch nicht ganz hoffnungslos sein muss, davon handelt diese athmosphärisch dichte Erzählung. Ganz nebenbei können wir Leser noch Einblick nehmen in das Familienleben des erfolgreichen Theaterautors Arthur Schnitzler (nach dessen unsolider Kaffeehaus-Zeit!). Fundiert recherchiert, liebevoll geschrieben, sehr lohnend, als kleines Geschenk für Wienfreunde, Theatergänger und andere lesende Mitmenschen hervorragend geeignet. Eine geschmackvolle Buchgestaltung mit Jugendstil-Anmutung gibts dazu.

Petra Hartlieb ist übrigens jene umtriebige Frau, die vor Jahren in Wien eine Buchhandllung kaufte und gleich noch ein Buch darüber schrieb (“Meine wundervolle Buchhandlung”), das überraschend viele Menschen gerne lesen, und das erstaunlicher Weise inzwischen u. a. ins Türkische und Koreanische übersetzt wurde. Außerdem schreibt sie zusammen mit Klaus-Ulrich Bielefeld die Krimireihe “Ein Fall für Berlin und Wien”, die bei Diogenes erscheint.

Hartlieb, Petra: Ein Winter in Wien. – Kindler, 2016. Euro 16,95

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Mein Top-Titel 2016 und die Krimis

14.165 belletristische Titel sind 2015 erstmals auf dem deutschen Buchmarkt erschienen. Für 2016 ist mit einer in etwa gleich hohen Zahl zu rechnen. Über 14.100 davon habe ich nicht gelesen, die meisten nicht einmal wahrgenommen. Dass ich mir dennoch anmaße einen persönlichen Spitzenreiter zu nominieren geschieht deshalb in aller Bescheidenheit und weit davon entfernt den anderen möglicherweise 14.164 Büchern schlechtere literarische oder mangelnde Unterhaltungs-Qualitäten unterstellen zu wollen.

Meine Wahl fiel auf Benedict Wells.

Inzwischen leicht über 30, zählt er längst zu den größten Hoffnungen unter Deutschlands Schreibkräften. Mit seinem neuen Roman “Vom Ende der Einsamkeit” tritt er den Beweis an, dass dies nicht unberechtigt ist.

Nach dem Unfalltod ihrer Eltern sind die Geschwister Jules, Marty und Liz aus der Bahn geworfen und wachsen im Heim auf. Der Roman erzählt von den weiteren Lebenswegen der drei. Was so einfach klingt, ist ein umfangreiches, vielschichtiges Erzählwerk, das gekonnt die Abgründe menschlicher Beziehungen ausleuchtet. Wie manifest können Abhängigkeiten sein und wie quälend die Fron individueller Einsamkeit. Dazwischen die seltenen, hellen Glücksmomente.

Ein großer Wurf des jungen Autors, ein Buch das einen großen Sog entwickelt, aus Tragik Leseglück werden lässt, das man, einmal angelesen, kaum noch aus der Hand legen kann, und das nach der Lektüre lange nachhallt.

Wells, Benedict: Vom Ende der Einsamkeit. Roman. – Diogenes, 2016. Euro 22

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Der AusLese krimineller Teil

Schauplatz Westdeutschland

Zeit der Handlung: 1950er Jahre, die später sogenannte Adenauer-Ära (der staatstragende Alte kommt höchstpersönlich vor im Buch). Erste Annäherung und Versöhnungsversuche mit Israel sind Teil und Streitpunkt der westdeutschen Politik. Im Hintergrund fördern die einen, torpedieren die anderen. Geheimdienstler mittendrin. Hautpschauplatz: Das ehemalige Offiziersgenesungsheim, spätere Luxushotel Bühlerhöhe auf dem Kohlbergfelsen im Nordschwarzwald. Geld- und Nenn-Adel gehen hier ein und aus; Staatsgäste werden hofiert.

Rosa, die israelische Agentin soll Adenauer vor einem Anschlag schützen, um den Annäherungskurs nicht zu gefährden. Die Haudsdame des Hotels, Sophie, verfolgt ganz andere Ziele. Dazu zwei rivalisierende männliche Hauptfiguren. Dieser Roman ist ein bisschen Krimi, etwas mehr Agententhriller, vor allem aber ein breit angelegtes Zeitpanorma der jungen bundesdeutschen Republik Ausgabe West. Und eine weniger romantische, als verbissene Vierecksgeschichte, die für zusätzliche Spannungselemente sorgt. Nicht gerade John LeCarre, doch für deutsche Verhältnisse niveauvoller Lesestoff. Leicht zu lesen, bei gleichzeitig einigem Erkenntnisgewinn, da die Autorin sehr gründlich recherchiert hat.

Brigitte Glaser ist eine routinierte Unterhaltungs-Schriftstellerin. Sie hat bereits zahlreiche Krimis geschrieben, die meisten sind als paperbacks bei Emons erschienen. Dass ihr neuestes Buch nun festgebunden bei List erscheint, erhöht Rang und Ansehen ein gutes Stück.

Glaser, Brigitte: Bühlerhöhe. Roman. – List, 2016. Euro 20

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Schauplatz Norwegen

Ah, schon wieder Skandinavien! Eine weitere dieser zahllosen Crime-Ladys, deren Cover-Fotos ihnen ewige Jugend und Blondheit andichten. Falsch. Ein Mann, ein neuer norwegischer Autor beansprucht Platz auf den Sondertischen der Buchhandlungen. Mit Recht. Denn Gard Sveen ist ein talentierter Schreiber.

Sein erster Kriminalroman ist ein Buch geworden mit Bezügen in die deutsche Vergangenheit. Als der ehemalige Widerstandskämpfer (gegen die deutschen Besetzer Norwegens während des Zweiten Weltkriegs) Carl Oscar Krogh ermordet wird, stellt sich die Frage, welche Feinde ein so beliebter Mensch wohl hatte.

Besteht irgendein Zusammenhang mit den drei Leichen, die man in der Region Nordmarka findet? Sveens Kommissar Tommy Bergmann ist ein ähnlicher Typ wie wir ihn schon von anderen Autorinnen und Autoren aus dem Norden kennen. Ein scharfsinniger Einzelgänger, Melancholiker, Zweifler, mit vielschichtigem Innenleben.

Packende mehrbödige Lektüre, zeitweise prickelnde Spannung. Wie bei vielen Skandinaviern mit Passagen die mir etwas zu direkt, etwas zu brutal sind. Ragt sprachlich und erzählerisch aus der Masse des skandinavischen Krimi-Angebots heraus. (Manchmal hat man den Eindruck, dass nur noch Knausgaard und Krimis aus nordischen Sprachen übersetzt werden.) Von Kommissar Bergmann können wir auf jeden Fall mehr vertragen.

Sveen, Gard: Der letzte Pilger. Kriminalroman. – List, 2016. Euro 14,99

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Schauplatz München

Andreas Föhr ist ein auflagenstarker und sehr geschätzter Krimi-Autor, der sich längst im Genre fest etabliert hat. Bisher ermittelteten seine kantigen Kriminaler-Konsorten vor und auf oberbayerischen Bergen. Die Geschichten wurden mit viel Lokal-Kolorit und Folklore aufgestattet. (“Schafkopf”, “Karwoche” usw.)

Nun sorgt er für Abwechslung in seinem Figurenreigen und hat nicht nur einen neuen Plot mit einer weiblichen Hauptdarstellerin entwickelt, sondern gleichzeitig die Landeshauptstadt München als neuen Schauplatz gewählt. Damit geht es urbaner, geistig großräumiger und auch deutlich zeitgeistiger zu.

Dr. Rachel Eisenberg, Juristin und Mitinhaberin einer Nobel-Kanzlei, gibt der Autor das Fachwissen seines eigenen Jurastudiums mit auf den Weg. Für Kontrast sorgt im ersten Fall der neuen Reihe das Schicksal eines Obdachlosen, der eines Mordes verdächtigt wird und in dem die Anwältin einen früheren Bekannten wiedererkennt. Bei ihren Ermittlungen kommt sie nicht umhin dem einen oder anderen, der sich für wichtig hält, auf die Füße zu treten. Ganz so zielstrebig wie im Beruf ist sie im Privatleben nicht.

Hervorragend konstruiert, eine Geschichte mit vielen Wendungen und starken, glaubwürdigen Figuren. Beste Unterhaltung mit Niveau, mit der man sich sehen lassen, über die man reden kann.

Föhr, Andreas: Eisenberg. Kriminalroman. – Knaur, 2016. Euro 14,99

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Schauplatz Schweiz

Auf dieses Buch habe ich persönlich mich ganz besonders gefreut und geraume Zeit auf sein Erscheinen warten müssen: Der neue Theurillat! Das fünfte Buch mit dem Züricher Kapitalismus-Kritiker und Kriminalkommissar Eschenbach und seine kernige, mit viel italienischen Temperament ausgestattete Sekretärin Rosa Mazzoleni. An Verbrechen rund ums große Geld und die Auswüchse globalen Wirtschaften ist in der an der Oberfläche so idyllischen Schweiz wahrlich kein Mangel.

Ausgangspunkt der dichten Handlung sind diesmal die “Wetterschmöcker”, die dem Buch auch den Titel geben. Kantige Naturmenschen, die sich mit Wettervorhersagen beschäftigen und den Errungenschaften der modernen Welt skeptisch gegenüber stehen. Einer von ihnen ist Alois Thüring. Seine Nichte arbeitet für ein Unternehmen das international in großem Stil mit Rohstoffen handelt. Nun ist sie verschwunden. Für Vermissten-Fälle ist Eschbach eigentlich nicht zuständig, dafür umso mehr interessiert an Unstimmigkeiten in den schwer zugänglichen Zirkeln Schweizer Manager, Unternehmer und die ganze, nicht nur seriöse Sippschaft in deren Umfeld.

Authentische, glänzend geschriebene Einblicke in die Tiefen und Untiefen der Schweizer Gesellschaft, in Vorgänge und Machenschaften, wie sie so allerdings nicht nur für die Eidgenossenschaft exemplarisch sind.

Theurillat, Michael: Wetterschmöcker. Kriminalroman. – Ullstein, 2016. Euro 26 (Die günstige Taschenbuch-Ausgabe ist für September 2017 avisiert.)

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Schauplatz Hamburg

Wenn der ICE wieder einmal betriebsbedingt für die eine oder andere Stunde auf freier Strecke halten muss, ist es gut, leicht lesbare Ablenkung zur Hand zu haben. Auch wenn der Zug nicht die Hansestadt Hamburg zum Ziel hat, ist Simone Buchholz eine geeignete Autorin, die unfreiwillige gewonnene Lesezeit locker zu gestalten.

“Ich war Kellnerin, Kolumnistin und Redakteurin. Ich erzähle von der Liebe, vom Tod und vom Fußball, ich mag Neapel, Tahiti, St. Petersburg und im Grunde auch Brooklyn, aber ich wohne in Hamburg, vor allem wegen des Wetters.”

Ihre Krimis spielen mittendrin im Milieau des bunten, munteren Stadtteils Sankt Pauli, in dem die Hauptfigur Chas Riley , ihres Zeichens Staatsanwältin mit amerikanischen Elternteil, hervorragend vernetzt ist. Nur zu gerne stürzt sie sich an der Seite ermittelnder Kripobeamter in die Aufklärung von Verbrechen meist kapitaler Art. Kleine Gängster und typische Kiez-Ganoven stehen ihr dabei teils im Weg und teils zur Seite. Zwischendurch wird mal in einer der zahlreichen Kneipen in die sich nur Insider trauen der Boden unter den Füßen verloren, oder man steht sich selbige auf den Rängen des Millerntor-Stadions platt, wenn der örtliche FC einmal mehr um den Anschluss an die oberen Ränge im deutschen Fußball kämpft. Von ihren veritablen Bindungsängsten möchte Chas nicht wirklich befreit werden, was sie nicht hindert eine eigenwillige Dauerbeziehung zu pflegen.

Ich habe vor kurzem “Bullenpeitsche” gelesen, fand es originell, schnoddrig im Ton und amüsant hard-boiled. Was sich so leicht und flott liest, ist allerdings durchaus sprachliche Könnerschaft. Starke Charaktere, treffend skizziert, Slang und Begriffe aus Halb- und Unterwelt rund um die Große Freiheit werden gezielt, doch dosiert verwendet, mit reichlich Schwung und Tempo kommt die Story voran. Vielleicht ist man am Ende gar nicht froh, wenn der Zug wieder Fahrt aufnimmt und sich dem Ziel nähert.

Bullenpeitsche war noch bei Droemer erschienen. Mit dem neuesten Titel “Blaue Nacht” wurde Simone Buchholz geadelt und in die Suhrkamp-Riege aufgenommen. (“Revolverherz”, 2009 erstmals erschienen, hat Heike Makatsch 2014 als Hörbuch eingelesen – für den Fall, dass man mal mit dem Auto unterwegs ist.)

Buchholz, Simone: Bullenpeitsche. Kriminalroman. – Droemer TB, 2013. Euro 9,99

Buchholz, Simone: Blaue Nacht. Kriminalroman. – Suhrkamp TB, 2016. Euro 14,99

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