Intermezzo. Ein Gedicht von Hugo Ball

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Intermezzo

Ich bin der große Gaukler Vauvert.
In hundert Flammen lauf ich einher.
Ich knie vor den Altären aus Sand,
Violette Sterne trägt mein Gewand.
Aus meinem Mund geht die Zeit hervor,
Die Menschen umfaß ich mit Auge und Ohr.

Ich bin aus dem Abgrund der falsche Prophet,
der hinter den Rädern der Sonne steht.
Aus dem Meere, beschworen von dunkler Trompete,
Flieg ich im Dunste der Lügengebete.
Das Tympanum schlag ich mit großem Schall.
Ich hüte die Leichen im Wasserfall.

Ich bin der Geheimnisse lächelnder Ketzer,
Ein Buchstabenkönig und Alleszerschwätzer.
Hysteria clemens hab ich besungen
In jeder Gestalt ihrer Ausschweifungen.
Ein Spötter, ein Dichter, ein Literat
Streu ich der Worte verfängliche Saat.

O O O

Der Dichter und Publizist Hugo Ball wurde am 22. Februar 1886 in Pirmasens geboren. Nach Abitur und Studium wandte er sich zunächst der Theaterarbeit zu. Er gehörte zu den zentralen Figuren der Dadaismus-Bewegung und den Erfindern des Lautgedichts. Bereits 1915 verließ er Deutschland und lebte in Italien und der Schweiz, seit seiner Heirat mit Emmy Hennings im Jahr 1920 im Tessin. Das Paar gehörte zu den engeren Freunden Hermann Hesses. Hugo Ball schrieb die erste Hesse-Biografie, die er kurz vor seinem frühen Tod im September 1927 vollenden und dem Freund zum 50. Geburtstag widmen konnte.

 

Signor Hesse, il poeta

Hermann Hesse in Montagnola und Lugano. Ein Reisebericht von Gastautor Bernd Michael Köhler

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Montagnola, September 2018. Keine 15 Minuten Busfahrt sind es von Lugano bis in die hoch über dem Luganer See gelegene, heute weltbekannte Ortschaft. Von Unterm Rad bis Zen – Hermann Hesse und Japan heißt die noch bis zum 13.01.2019 laufende Ausstellung im Hermann-Hesse-Museum.

Freundlich und zuvorkommend ist der Empfang durch die Dame an der Rezeption, die uns einen Quereinstieg in die Ausstellung ermöglicht, um in den schmalen Räumlichkeiten der großen Reisegesellschaft zu entgehen, die schon auf dem Weg zum Museum ist.

In einer kleinen Privatführung zeigt sie uns zum Abschluss des Ausstellungsbesuches von außen die Räume in der Casa Camuzzi in der Nähe des Museumseingangs, in denen Hesse von 1919 bis 1931 wohnte. Die weitläufige Terrasse zwischen zwei Türmchen ist von unten gut zu erahnen. Es fällt mir nicht schwer, mir den Dichter vorzustellen, wie er von seiner Terrasse aus weit in die Tessiner Landschaft hineinschaut, sinnierend über Gott und die Welt und den Klingsor. In Hesses Erzählung über dessen letzten Sommer ist der Casa Camuzzi ein literarisches Denkmal gesetzt worden.  

Ist auch alles Trug und Wahn / Und die Wahrheit stets unnennbar,/ Dennoch blickt der Berg mich an / Zackig und genau erkennbar. Dichtet Hermann Hesse im Februar 1961. Die aquarellierte Handschrift des Dichters und Malers unter dem Titel ZEN, einer leicht abgewandelten Version des Gedichtes Junger Novize im Zen-Kloster II, gehört für mich zu den besonders wertvollen Einzelstücken der von Dr. Eva Zimmermann kenntnisreich kuratierten Ausstellung.

Beim zweiten Durchgang allein und mit viel Zeit – die Reisegruppe hat inzwischen das in Sichtweite liegende Literaturcafé Boccadoro (= Goldmund) gestürmt – nehme ich weitere Exponate als leuchtende Kleinode wahr, die ich als den Alltag überdauernde Bilder mitnehme: Den Original-Fotoband mit Buddha-Abbildungen, den Kei Wagasuki Hermann Hesse schenkte, und der diesen im Dezember 1958 zu dem Gedicht Uralte Buddha-Figur in einer japanischen Waldschlucht verwitternd (Kei Wagasuki gewidmet), inspirierte. Eine Gesichtsmaske Hesses, die Goro Shituda, der in seinem Wohnort Hiroshima einen Teil seines Hauses als Hermann-Hesse-Literaturhaus eingerichtet hatte, dem Dichter schenkte. Ein Foto von Hermann Hesse und Wilhelm Gundert, dem japanischen Vetter, aus dem Jahre 1956. Ein Buch des Schriftstellers Ozaki Kihachi von 1933, in dem er ein Kapitel Hermann Hesse von ganzem Herzen widmete. Eine Kalligraphie von Hesses Sohn Heiner mit dem Titel Worte des Meng Hsiä. Ein Exemplar des Privatdruckes Zen, der 1961 in St. Gallen vom Tschudy-Verlag gedruckt wurde.

Beeindruckend auch die Übersetzung eines Kapitels von Knulp ins Japanische bereits im Jahre 1909 und die 18-bändige japanische Gesamtausgabe vom Ende der 1930er Jahre. Interessanterweise ist es gerade die 222-seitige und um Fotografien von Martin Hesse erweiterte 1995 erschienene japanische Übersetzung des Sammelbandes Mit der Reife wird man immer jünger – Betrachtungen und Gedichte über das Alter, die zu einem der meistgelesenen Bücher in Japan wurde. Einen Zusammenhang mit der Überalterung Japans herzustellen ist naheliegend.

Heute hat Japan neben den USA die höchsten Verkaufszahlen fremdsprachiger Hesse-Werke vorzuweisen. Neu für mich war in der Ausstellung, dass Motive Hermann Hesses sogar in die Literaturgattung der Mangas eingegangen sind. So hat die in Deutschland beim Carlsen Verlag erscheinende Manga-Reihe Das Demian-Syndrom der japanischen Comic-Zeichnerin Mamiya Oki sogar einen Eintrag in der Wikipedia erhalten.

Montagnola, Sommer 1919. In einem Brief an seine Schwester Adele schildert Hermann Hesse seinen Umzug von Bern nach Montagnola und berichtet u.a., dass seine 23 Bücherkisten in drei Wägen mit acht Gäulen in das Bergdorf transportiert wurden.

Mitte April 1919 hatte sich der Dichter aufgemacht, auf der Alpensüdseite ein neues Leben zu beginnen. Die Tragödie des Ersten Weltkriegs, sein kräftezehrender Einsatz für die Kriegsgefangenen-Fürsorge, die Diffamierung Hesses als vaterlandsloser Gesell und Drückeberger, das dramatische Scheitern seiner Ehe und das Auseinanderfallen der Familie hatten ihn in eine existentielle Krise gestürzt.

Seine erste Station im Tessin war das Hotel Continental in Lugano, das noch heute unter dem Namen Continental Parkhotel zahlreiche Gäste aus aller Welt beherbergt. Zwei Wochen verbrachte er dort. Uns bescherte ein überraschendes Upgrade ein Zimmer in der dritten Etage des Haupthauses – drei Türen weiter auf der anderen Gangseite in Sichtweite die Nr. 51, das Zimmer, in dem Hermann Hesse ganz am Beginn seines Tessiner Lebens untergekommen war.

Nach seinem Aufenthalt im Luganer Hotel wohnte Hesse noch kurze Zeit in Sorengo, bevor er Mitte Mai in Montagnola vier kleine Räume in der Casa Camuzzi, einem Palazzo im Barockstil, bezog. Unmittelbar nach dem Einzug beginnt er mit der Arbeit an der Novelle Klein und Wagner, in der er den Zusammenbruch seiner bürgerlichen Existenz mit der Trennung von der Familie literarisch radikal gestaltet.

Spielerisch und zugleich todernst schafft der Dichter eine Versuchsanordnung von Bewusstem und Unbewusstem. Lässt im eigenen, wahrsten, innersten Ich, befreit von allen Lügen, Entschuldigungen und Komödien, Liebe und Hass, Schuld und Sühne, Schöpferkraft und Zerstörung, Lebenstrieb und Todessehnsucht freien Lauf. Schön und holdselig ist diese Dichtung nicht, mehr wie Cyankali (O-Ton Hesse). Im Juli ist das Werk getan, die Hauptfigur Friedrich Klein samt seinem Doppel-Schatten Wagner im Luganer See zu Tode gekommen, das Familiendrama vorerst Vergangenheit, Platz geschaffen für eine neue literarische Figur, den Maler Klingsor.

Er kam vor ein Hotel, dessen Garten ihm gefiel… und las: Hotel Kontinental. So beginnt Hesse das zweite Kapitel in Klein und Wagner. Auch den Hotelgästen im September 2018 gefällt der Garten, der eigentlich ein ausgewachsener Park ist. Palmen, Olivenbäume, Zedern, Rhododendren, Magnolien – man findet sie alle wieder in Hesses Texten aus jenem rauschhaften Sommer 1919, der Klingsors letzter und des Dichters erster Tessiner Sommer werden sollte.

Im ausklingenden Sommer 2018 sitze ich im Park an einem steinernen Tisch und lese Klingsors letzter Sommer, Hesse schrieb die Erzählung im Juli und August. Wenngleich es nicht Klingsors Garten ist, in dem ich mich in Glück und Unglück des Malers vertiefe, so ist es doch des Dichters Hermann Garten, der mit Klingsor und weiteren illustren Begleitern in der sonnendurchglühten Tessiner Landschaft unterwegs ist und der einst im Frühjahr des Jahres 1919 im Hotel Kontinental abstieg. Einmal mehr ist die Lektüre des Klingsor ein intensives Leseerlebnis. Ein Buch wie ein Gemälde ohne Maß und Ziel, wie eine rasende Fahrt durch alles Gegenwärtige, durch lodernde Seelenlandschaften. Ein endloser Strom der Gestaltungen, ein Mensch am Limit und darüber hinaus.

Lugano, 1920erJahre. Zweimal hat Hermann Hesse in Lugano aus seinen Werken gelesen. Im August 1922 war die noch heute tätige Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit mit ihrem zweiwöchigen Internationalen Sommerkurs am Luganer See zu Gast.

Hesse wurde gebeten, einen Vortrag zu halten, was er ablehnte. Stattdessen las er – ein erlesener Genuß – am Montag, dem 21. August nachmittags im damaligen Hotel Meister die zwei letzten Kapitel aus der zu diesem Zeitpunkt noch unveröffentlichten indischen Dichtung Siddhartha und den Prosatext Bäume aus dem bebilderten Skizzenbuch Wanderung, laut Hesse nichts als ein Lobgesang auf die Tessiner Landschaft.

Vorträge wurden auf dem Sommerkurs unter anderem von Bertrand Russell, Harry Graf Kessler, Vilma Glücklich und dem indischen Professor Kalidas Nag gehalten, der hingerissen der Übersetzung des Siddhartha lauschte und Hesse am Tag nach der Lesung in Montagnola besuchte. Eine besondere Freude war für die Teilnehmerinnen die Anwesenheit des Schriftstellers, Pazifisten und Hesse-Freundes Romain Rolland, der in der zweiten Woche einige Tage an der Sommerschule teilnahm.

Am 25. Januar 1923 veranstaltete die Literarische Gesellschaft Lugano im heute nicht mehr existierenden Grand & Palace Hotel eine Lesung mit Hermann Hesse, der für die Örtlichkeit seines literarischen Vortrags die Bezeichnung Palace-Schieberhotel vorzog. Wieder las er Passagen aus Siddhartha, dazu aus dem damals noch unveröffentlichten Märchen Piktors Verwandlungen und zur Freude der Tessiner Besucher aus dem Klingsor.

Im Frühjahr 1927 – Hesse lebt nun seit acht Jahren in seiner Tessiner Wahlheimat – verkündet der Dichter in Rückkehr aufs Land: Die Ankunft in Lugano war allerdings nicht entzückend. In dem kleinen Lugano sind ein Viertel der Einwohner von Berlin, ein Drittel von Zürich, ein Fünftel von Frankfurt und Stuttgart anzutreffen, auf den Quadratmeter kommen etwa zehn Menschen, täglich werden viele erdrückt … Jahr um Jahr vermehren sich die Autos, werden die Hotels voller …

Hellsichtig, wie Hermann Hesse war, hat er den Massentourismus auch unserer Tage bereits vor mehr als 90 Jahren nicht nur vorausgesehen, sondern mit analytischer Schärfe satirisch und bitterböse auf den Punkt gebracht.

Das Geld, die Industrie, die Technik, der moderne Geist haben sich längst auch dieser vor kurzem noch zauberhaften Landschaft bemächtigt, und wir alten Freunde, Kenner und Entdecker dieser Landschaft gehören mit zu den unbequemen altmodischen Dingen, welche an die Wand gedrückt und ausgerottet werden. Der Letzte von uns wird sich am letzten alten Kastanienbaum des Tessins, am Tag eh der Baum im Auftrag eines Bauspekulanten gefällt wird, aufhängen.

Am 9. August 1962 stirbt Hermann Hesse 85-jährig in Montagnola. In der Casa Rossa, die er 1931 mit seiner zukünftigen Frau Ninon bezogen hatte. Im Klingsor ist zu lesen: … morgen begann schon der August, der brennende Fiebermonat, der so viel Todesfurcht und Bangnis in seine glühenden Becher mischt. Die Sense war geschärft, die Tage neigten sich, der Tod lachte versteckt im bräunenden Laub.

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Hesse, Hermann: Klein und Wagner. Erzählung (Suhrkamp Taschenbuch, 116)

Hesse, Hermann: Klingsors letzter Sommer. Erzählung (Suhrkamp Taschenbuch, 1195)

 

Hermann Hesse und Ulm

Was führte Hermann Hesse an einem Abend im April 1904 in das Gasthaus Schwarze Henne hinter dem Gänsturm? Was faszinierte den Dichter am Ulmer Münster? Und wer war eigentlich Eugen Link?

Zweimal war der Schriftsteller Hermann Hesse zu Lesungen aus seinen Werken in Ulm. Den Aufenthalt im November 1925 hat er in seiner autobiographischen Erzählung “Die Nürnberger Reise” in Literatur verwandelt.

Dass sich Hesse darüber hinaus sehr oft in Ulm aufgehalten hat und ein Leben lang gute Beziehungen zu Freunden und Bekannten in der Stadt pflegte, schildert jetzt ein Buch mit dem Titel “Seien Sie gegrüßt, liebe Freunde in Ulm. Hermann Hesse und die schwäbische Donaustadt.” Es erscheint Anfang Oktober im Verlag Klemm + Oelschläger. Anhand bekannter und bisher unbekannter Quellen zeigen Jan Haag und Bernd Michael Köhler Aspekte aus dem Leben des Schwaben Hermann Hesse, die in den bisherigen Lebensbeschreibungen nicht berücksichtigt wurden.

Am Dienstag, 2. Oktober, stellen die Autoren ihr Buch in der Museumsgesellschaft Ulm (Neue Straße 85, Eingang Kramgasse) vor. Die Veranstaltung beginnt um 19:30 Uhr, der Eintritt ist frei.

„Aber das Leben ist anderswo“

Über Silke Knäppers neuen Roman Das Lieben der Anderen

Er dachte an die Nacht mit Claire, an den Streit, an den Schrei. Wieder und wieder sah er Claire vor sich auf dem Pflaster liegen, ihren leblosen Körper, ihren starren Blick. 

Claire ist tot. Vom Balkon des Kölner Gründerzeithauses gestürzt. Helen vor die Füße gefallen. Selbstmord? Zweifel bleiben. Kurz gerät Claires Mann Simon, der Psychodoc, in Verdacht, dann legt die Kriminalpolizei den Fall als Suizid zu den Akten. 

Das Leben von Helen ändert sich drastisch. Die alleinstehende Graue Maus hat den Schlüsselbund der Toten an sich genommen und beginnt sich die unerwarteten Chancen und Möglichkeiten auszumalen. Dieser simple Hausschlüssel soll für sie der Schlüssel zu Simon werden, dem sie sich nun auf zunächst verdeckte, schon bald jedoch offensive und nachdrückliche Weise nähert.

Die besitzergreifende Helen ist gewillt aus ihrer farblosen Existenz auszubrechen und mit dem attraktiven und erfolgreichen Facharzt ein neues, besseres Leben zu beginnen. Eine Zukunft die für sie Anerkennung, Wertschätzung und Liebe bereithalten soll. Denn dass das Leben immer dort ist, wo sie nicht ist dieses Gefühl zieht sich durch ihr ganzes bisheriges Leben. 

Seit der Kindheit ist sie Erniedrigungen ausgesetzt. Der Vater hat sie einst im Winter auf brüchigem Eis hilflos zurückgelassen. Der chronisch Untreue bevorzugt den Bruder. Ehefrau und Tochter verlässt er eines Tages. Selbst als Vater und Sohn beim gemeinsamen Bergsteigen ums Leben kommen deutet Helen dies als Beweis ihrer Minderwertigkeit. 

Sie wird Simons Patientin und konfrontiert ihn mit ihren Zweifeln an Claires Selbstmord. Geschickt erhöht sie den Druck, spielt Simons Geliebte Anna gegen ihn aus, gefährdet seine berufliche Reputation und seine bürgerliche Existenz. Aus Annäherung wird Aufdringlichkeit, aus Nachstellungen Verfolgung, aus Sehnsucht nach Anerkennung und Zuneigung schließlich Hassliebe und subtile Wut. Die Zurückweisungen setzen neue destruktive Kräfte frei. Der Wille zur Verletzung richtet sich gegen das Objekt der Begierde und immer stärker gegen sie selbst.

Simon ist Psychoanalytiker mit eigener Praxis in Köln. Ein Leben in gediegenem Wohlstand mit Ehefrau und Geliebter. Er stammt aus Wien, ist dort aufgewachsen, hat dort studiert. Besondere Umstände führen zum Umzug ins Rheinland, wo sich Milieu und Lebensweisen deutlich von der geruhsam-morbiden Donaumonopole. unterscheiden. Die Lebensmitte hat der immer noch ansehnliche Mann überschritten. Da schmückt eine junge Geliebte und hebt das Ego.

Anna war jung und überschwänglich, und wenn sie lachte, veränderte sich die Landschaft ihrer unzähligen Sommersprossen. Anna war im sofort vorgekommen wie die fröhlichere Variante der mit den Jahren immer ernster gewordenen Claire.

Nach ihren beiden autobiographisch angehauchten Romanen Im November blüht kein Raps und Hofkind, schlägt die Neu-Ulmer Autorin und Gymnasiallehrerin Silke Knäpper nun andere Töne an. Das drastische Geschehen wird mit gekonnt treffender Sprache, präzisen Beschreibungen und zügig fließendem Rhythmus voran getrieben. Dabei vermeidet sie, dass aus Das Lieben der Anderen ein simpler Psycho-Thriller wird. Ihr ist vielmehr eine dichte vielschichtige Studie menschlicher Grenzfälle und Konfrontationen gelungen. Spannung ist dennoch garantiert. 

Mit jeder Seite zunehmend. Konsequent treibt Knäpper ihre von innen und außen scharf konturierten Personen einer möglichen Katastrophe entgegen. Ob es tatsächlich dazu kommt erfährt der von Anfang an gefesselte Leser auf 235 mitreißenden Seiten. Keine einzige zuviel  

Knäpper, Silke: Das Lieben der Anderen. Roman. Klöpfer & Meyer, 2018

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Am Freitag den 5. Oktober stellt Silke Knäpper ihren neuen Roman erstmals öffentlich vor. Um 19:30 Uhr im Ulmer Künstlerhaus (Grüner Hof 5, 89073 Ulm).  

Vorfreude 2018

Schluss. Aus. Einmal muss er ein Ende haben. Dieser Sommer aller Sommer. Schluss mit Dürre und Bauernelend. Mit Fischsterben und Freikörperkultur. Kopfsprüngen und Sonnenmilchdüften. Der Jahrhundertsommer des Jahres 2018 ist Vergangenheit. Hugo und Sprizz im Freien perdu. Erste Eisdielen lassen die Jalousien herunter. 

Noch bevor Wehmut aufkeimt macht sich Vorfreude breit. Vorfreude auf feucht-kalten Nebel. Auf frühe Dunkelheit und schlüpfrige Blätterteppiche. Nieselregen. Radfahrende Kohorten verschwinden endlich von den mehrspurigen Stadtdurchfahrten. Freie Fahrt für Stickoxid speiende Kolossalvehikel. Stoßstange an Stoßstange im gewohnten Dauerstau. Halogenstrahler ersetzen himmlische Sternenbotschaften und illuminieren erste Schneeflocken.

Da marschiert es ein in die Supermärkte: Das Heer der Schokomänner mit Zipfelmützen und roten Mänteln. Korinten und Krokant. Spekulatius und Haselnuss. Christbaumständer und Lichterketten als Stapelware. Endlich blinkt und schimmert es wieder bunt und penetrant allüberall an Hütten und Palästen, an Bäumen und Zäunen, an Buden und Palisaden.

Zugegeben, bis zum ersten Weihnachtsmarkt ist es noch ein paar Tage hin. Irgendwo müssen schließlich zwischen sich wandelnden Jahreszeiten die zahlreichen Weinfeste untergebracht werden. Je schlechter der Wein, je weiter weg vom Rebenhang, desto fester die Feier. Freiwillige Feuerwehr, Schützengilde oder Gewerbeverein tischen auf, schenken ein. 

Riesling und Burgunder machen jedes Mannsbild lull und lall. Mädels kippen Secco. Die blonde Weinkönigin hat einen in der Krone. Unterm Tisch kotzt Müllers Toni. Drugs, Sex und Heimatklänge. Wir sind alle Amigos und latschen a la playa. Einige kommen direkt aus dem Bett im längst gemähten Kornfeld. Hossa!

Endlich wieder jeden Tag Fußball in Ultra-HD. Schämpjenslig, Bunsliga, Pokal. Elfmeterschießen, Play off und öffer. Vorbei die harten Wochen für Abhängige. Synchron-Speerwurf und Tauziehen haben als Ersatzdroge ausgedient. Und wenn die ballspielende Werbemeute doch einmal Pause macht, betören uns singende und tanzende, ewig junge Maiden und Charmeure mit österreichischem, griechischem oder russischem Migrationshintergrund.

Also alles eitel Vorfreude? Ungetrübt und unverstellt? 

Wäre da nicht dieser zähe Wermutstropfen im ständig vollen Spaßglas. Erleben wir jetzt, 2018, 100 Jahre nach dem Ende der Monarchie, eine republikanische Dämmerung? Im Zwielicht nahender Nacht geifernder Mob in mancher Straße, mancher Stadt. Gewaltbereit. Rassistisch. Über Juden Witze machend. Über Menschenrechte lachend. In lauten Tönen saufend ihrer Dummheit frönend. Denn am Deutschen hinterm Tresen muss nun mal die Welt genesen. (*) In der Masse: dumpfe Volkskörper die ihren rechten Arm nur schwer an der Hosennaht halten können. 

Erleben wir das? Oder träumen wir nur schwer?

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(*) Das Originalzitat stammt aus dem Lied „Sage Nein!“ und lautet: 

Wenn sie jetzt ganz unverhohlen / Wieder Nazi-Lieder johlen, / Über Juden Witze machen, / Über Menschenrechte lachen, / Wenn sie dann in lauten Tönen / Saufend ihrer Dummheit frönen, / Denn am Deutschen hinterm Tresen / Muss nun mal die Welt genesen, / Dann steh auf und misch dich ein: / Sage nein! 

Es ist bekanntlich ein Text von Konstantin Wecker, der mir die Verkürzung und leichte grammatikalische Aneignung nachsehen möge. Seine Aussage hat nie seine Gültigkeit verloren und ist aktueller denn je.

Noch einmal Sommer mit Ringelnatz

An guten Tagen kann ich die Stimmung im Gedicht von Joachim Ringelnatz (s. unten) nachvollziehen. Auf keinen Fall wäre sie jedoch Grund genug haltlos durch blaue Lüfte zu schweben. Hinter dem Appetit auf Frühstück und Leben lauern immer eine kleine Angst vor Absturz aus zu großer Höhe und der Wunsch nach verlässlicher Bodenhaftung.

Den Dichter sehe ich derweil mit seiner geliebten und besungenen Muschelkalk auf besonnter Terrasse. Wir teilen den Appetit und das Dürsten nach Lüften. Mit seinen Versen und denen anderer Poeten genießen wir was vom Sommer bleibt.

Für die Bild- und Textauswahl des heutigen Tages danke ich wieder Bernd Michael Köhler.

Foto: Bernd Michael Köhler

 

Morgenwonne

Ich bin so knallvergnügt erwacht.
Ich klatsche meine Hüften.
Das Wasser lockt. Die Seife lacht.
Es dürstet mich nach Lüften.

Ein schmuckes Laken macht einen Knicks
Und gratuliert mir zum Baden.
Zwei schwarze Schuhe in blankem Wichs
Betiteln mich „Euer Gnaden“.

Aus meiner tiefsten Seele zieht
Mit Nasenflügelbeben
Ein ungeheurer Appetit
Nach Frühstück und nach Leben.

(Joachim Ringelnatz)

Sommerfrische 2018

Zu Beginn des August setzt sich der diesjährige Bilderbuch-Sommer fort. con=libri befindet sich derweil im Ferienmodus.

Deshalb gibt es heute nicht den gewohnten ausführlichen Beitrag über Bücher und Literatur, sondern – fotografiert und ausgewählt von Bernd Michael Köhler – ein Sommerbild und die trefflichen Verse des Joachim Ringelnatz.

 

Sommerfrische

Zupf dir ein Wölkchen aus dem Wolkenweiß,
Das durch den sonnigen Himmel schreitet.
Und schmücke den Hut, der dich begleitet,
Mit einem grünen Reis.

Verstecke dich faul in der Fülle der Gräser.
Weil’s wohltut, weil’s frommt.
Und bist du ein Mundharmonikabläser
Und hast eine bei dir, dann spiel, was dir kommt.

Und laß deine Melodien lenken
Von dem freigegebenen Wolkengezupf.
Vergiß dich. Es soll dein Denken
Nicht weiter reichen, als ein Grashüpferhupf.

(Joachim Ringelnatz, 103 Gedichte, Berlin: Ernst Rowohlt 1933, S. 42)