Die Eisheiligen

Ein Gedicht zum wunderschönen Monat Mai (Heinrich Heine). Allerdings eines ganz ohne triebhafte Bäume, ohne Blütenkraft und Sonnenschein, ohne Vogelgezwitscher und warmen Abendschimmer. Die Genossen Mamertus, Pankratius, Servatius und Bonifatius, ihnen auf schnellem Fuße folgend die kalte Sophie, vertreten die andere Seite des Wonnemonats. Max Herrmann-Neiße hat dieses Geschehen vortrefflich in frostige Verse gefasst.

(Bernd Michael Köhler hat das Gedicht für con=libri ausgegraben und Infos zu Leben und Werk Max Herrmann-Neißes geliefert. Das Foto stammt ebenfalls von ihm.)

Die Eisheiligen

Die Eisheiligen stehen mit steif gefrorenen Bärten,
aus denen der kalte Wind Schneekörner kämmt,
früh plötzlich in den blühenden Frühlingsgärten,
Nachzügler, Troß vom Winter, einsam, fremd.

Eine kurze Weile nur sind sie hilflos, betroffen,
dann stürzt die Meute auf den Blumenpfad.
Sie können nicht, sich lang zu halten, hoffen;
so wüsten sie in sinnlos böser Tat.

Von den Kastanien reißen sie die Kerzen
und trampeln tot der Beete bunten Kranz,
dem zarten, unschuldsvollen Knospenglück bereiten sie hohnlachend Schmerzen,
zerstampfen junges Grün in geisterhaft verbissenem Kriegestanz.

Plötzlich mitten in all dem Toben und Rasen
ist ihre Kraft vertan,
und die ersten warmen Winde blasen
aus der Welt den kurzen Wahn.

Der Lyriker, Dramatiker und Erzähler wurde am 23. Mai 1886 als Sohn eines Gastwirts im schlesischen Neiße als Max Herrmann geboren. Vielleicht aus Stolz auf diese Herkunft nannte er sich später Herrmann-Neiße. Dass seine Heimatregion nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr Teil Deutschlands war, hat er nicht mehr erlebt. Bereits 1933 ging der politisch links stehende Pazifist mit seiner Frau in die Schweiz ins Exil, später nach Holland und Paris und übersiedelte schließlich nach Großbritannien. Er starb am 8. April 1941 in London. Die Heimatlosigkeit hatte ihn krank gemacht, er starb an gebrochenem Herzen.

Max Herrmann-Neiße war eine geschätzte und anerkannte künstlerische Größe seiner Zeit, bekannt mit den wichtigsten kreativen Köpfen der Weimarer Republik. Stefan Zweig, der bekanntlich ebenfalls an seinem Schicksal im Exil litt, schrieb über ihn: … die schönsten (Verse) vielleicht, die seit Heinrich Heine im Exil geschrieben wurden. … Etwas Einmaliges, etwas Großartig-Unwahrscheinliches ist mit dieser Treue zur Dichtung und zur humanen Gesinnung mit ihm dahingegangen. Denn selten habe ich bei einem Menschen so viel seelische Tapferkeit der Gesinnung gesehen wie bei diesem kleinen schwachen Mann, der zerbrechlich schien vor einem Hauch des Winds …

Von kleiner Statur, wirkte der Dichter als erwachsener Mensch auf den ersten Blick eher unansehnlich. Sein Rücken war buckelig, früh wurde der Schädel kahl. Man nannte ihn den deutschen Toulouse-Lautrec. Es ist ein kleiner Treppenwitz der deutschen Kulturgeschichte, dass dem bissigen Zeichner und Gesellschaftskritiker George Grosz mit einem Porträt des Freundes eines seiner bekanntesten und schönsten Gemälde gelang. Der Neuen Sachlichkeit zugerechnet, wirkt es ehrlich und präzise, drückt gleichzeitig Zuneigung aus und weckt beim Betrachter eine Art ehrfürchtiges Mitleid.

Max Herrmann-Neiße war nach 1945 in Deutschland nahezu vergessen. Erst 1986 – 88 erschien eine Ausgabe seiner gesammelten Werke, 2012 wurden eine zweibändige Briefausgabe, ein Reisealbum, sowie ein Erinnerungsbuch mit Aufzeichnungen seiner Frau Leni und einer Auswahl seiner Gedichte herausgegeben. Das eine oder andere davon mag noch lieferbar sein, für gute Bibliotheken sollte es eine Selbstverständlichkeit sein dieses Erbe zu bewahren und bereit zu halten.

Zum 7. Mal: Literaturwoche in Ulm und Neu-Ulm

Vom 25. April bis zum 5. Mai dauert die Literaturwoche Donau 2019. 

Der Verein Literatursalon Donau e. V. und seine Partner Museumsgesellschaft Ulm, vh ulm, Buchhandlung Aegis und Stadtbibliothek Ulm, sowie zahlreiche Unterstützer, laden ein zu 16 Veranstaltungen mit Autorinnen und Autoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Mit gedruckten und fein gestalteten Büchern, die fast alle in kleineren, unabhängigen Verlagen erschienen sind. Den Initiatoren und Programmverantwortlichen Florian L. Arnold und Rasmus Schöll ist es einmal mehr gelungen ein farbiges, abwechslungsreiches und anregendes Programm auf die Beine zu stellen. Es gibt Literatur in allen Spielarten: Romane, Erzählungen, Lyrisches und Essays. Unterhaltsames, Überraschendes und Gewagtes, das den Geist frisch hält, mit Formaten spielt und die Grenzen der Sprachkunst auslotet.

Ein gedrucktes Programm gibt es u. a. in der Buchhandlung Aegis und der Stadtbibliothek Ulm.

Im Netz sind umfassende Infos hier zu finden:

Literaturwoche Donau 2019

Leipzig und die Tschechen

Zweiter Teil des Rückblicks auf Buchmesse und Festival Leipzig liest 2019

Martin Beckers Warten auf Kafka kann man auch lesen wenn Tschechien nicht gerade Gastland der Leipziger Buchmesse ist. Andererseits hat es der Autor natürlich genau zu diesem Anlass geschrieben, mit kühlem Kalkül angesichts des angekurbelten Interesses an Literatur und Kultur der östlichen Nachbarn. Das Buch las ich zu großen Teilen während der Zugfahrt nach Leipzig ich hatte die etwas längere Strecke über Mannheim, Frankfurt und Fulda gewählt die lästiges Umsteigen erspart, stattdessen Zeit und Muse für einstimmende Lektüre lässt.

Martin Becker ist ein 37-jähriger Journalist, Literaturkritiker, Romancier, Hundefreund und Starkraucher, der seit einem Studienaufenthalt vor etlichen Jahren regelrecht vernarrt in Tschechien ist, seine Metropole Prag, deren Ka-und-Ka-Vergangenheit, die literarischen und filmischen Traditionen, den böhmisch-mährischen Humor und nicht zuletzt die seltsame Ernährung der Einwohner, die, so wird immer wieder kolportiert, bevorzugt aus Fleisch und Bier besteht.

Martin Becker und die Moderatorin des Nachwuchsradios Mephisto 97.6 stoßen vor ihrem Gespräch auf dem orangenen Sofa mit tschechischer Braukunst an.

Warten auf Kafka ist eine lockere Reise durch die tschechische Literatur des vorigen Jahrhunderts und der Gegenwart ohne jeglichen Anspruch auf Vollständigkeit. Dafür verpackt mit einer leicht kafkaesken, sehr unterhaltsamen Rahmenhandlung, mehreren detailliert geschilderten Kneipenbesuchen und befeuchtet mit dem einen oder anderen großen Glas Gerstensaft. In den Kneipen trifft sich Becker, teils real, teils in Gedanken und Gedenken mit schriftstellerischen Größen des Heute und des Gestern. Kafka selbst taucht als verkitschter Kult auf, zu dem er vor Ort aus pekuniär-touristischen Gründen gemacht wird.

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… ich bin ein erschrockener menschlicher Aufschrei, den eine Schneeflocke zusammenbrechen läßt …

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Warten auf Kafka. Im Wirtshaus. Und auf die seligen Geister Jaroslav Hasek und Bohumil Hrabal, den zu besten Zeiten sogar präsidialen Vaclav Havel, die derzeit angesagten Jaroslav Rudiš und Jaromir99, die Märchentante Božena Němcová und den Spezialfall Milan Kundera (zu ihm später). Die greise Lenka Reinerová, letzte deutschsprachige Schriftstellerin Prags, lernte Becker 2008 kurz vor ihrem Tod am Krankenbett kennen. Sein Buch enthält ausführliche Passagen der Verehrung für diese außergewöhnliche Persönlichkeit. Reinerová ist in ihren Werken nicht nur eine aufrichtige Chronistin dieses schrecklichen 20. Jahrhunderts, sondern versammelt zudem in ihren farbigen Ahnengalerien alle maßgeblichen künstlerischen Figuren ihrer Heimat aus dieser Epoche.

Martin Becker hat seinem Buch den Untertitel Eine literarische Seelenkunde Tschechiens gegeben. Ihm ist eine unterhaltsame, leicht lesbare und dennoch bis hin zum Literaturverzeichnis äußerst informative Einführung gelungen, wie man sie in dieser Form nicht noch einmal findet und manch anderer Sprache und Dichterlandschaft wünschen würde. 

Das Buchmesse-Gastland des Jahres 2018 war Rumänien. Bevor das bereits wieder völlig in Vergessenheit gerät, wurde 2019 in Leipzig noch einmal daran erinnert und versucht das Interesse an diesem Land und seiner Literatur wach zu halten. Eine Expertenrunde lotete aus, welche Chancen aus dem Rumänischen übersetzte Bücher auf dem Markt wohl haben mögen. Die Zahl der Gesprächsteilnehmer auf dem Podium übertraf dabei die Zahl der besetzten Stühle vor ihnen. Mäßiges Interesse und bescheidene Aussichten für die Vermittlung rumänischer Autoren und Autorinnen in den deutschen Sprachraum. Was nicht ganz überraschend ist, da bekanntlich im Ursprungsland selbst das Interesse an Gedrucktem und die Zahl der Leser sehr gering sind. 

In Tschechien ist das anders. Es ist eines der ganz großen Leseländer mit einem wachen Interesse an Traditionellem ebenso wie an der Vielzahl der Neuerscheinungen. In Deutschland bekommt man davon wenig mit. Es gab eine Zeit, da war das anders. Ein beliebiges Beispiel: Neben dem Franzosen Ionesco gehörte Sławomir Mrożek einst zu den Stars des absurden Theaters. Seine Stücke wurden Land auf, Land ab gespielt. Dann nicht mehr. Immerhin hat vor vor einigen Wochen das Zittauer Gerhard-Hauptmann-Theater seine Farce Auf hoher See wieder einmal aufgeführt. 

Mrożek war eine meiner wenigen intensiveren Begegnungen mit der tschechischen Literatur. Ich habe ihn gelesen, Hörspielfassungen gehört, Bühnenaufführungen habe ich bis heute leider nicht sehen können. In viel zu jungen Jahren hatte man mir Jaroslav Hašeks Abenteuer des braven Soldaten Schweijk zum Lesen gegeben. Dieser sehr spezielle Humor kam für mich viel zu früh ich habe ihn nicht verstanden. Und das ganze militärische Ambiente war mir damals ebenso suspekt, wie es heute bei vergleichbaren Schilderungen ist.

Brandneu ist Jáchym Topols Roman Ein empfindsamer Mensch. Eine wilde Auseinandersetzung mit europäischer Aktualität. Seine tschechische Künstlerfamilie gastiert beim Shakespeare Festival in Großbritannien und wird von Brexit-Anhängern aus dem Land gejagt: Leave means leave!. Im Campingwagen reisen sie quer durch Europa, gegen den Strom der Flüchtlinge, Richtung Osten. Sie geraten ins russisch-ukrainische Kriegsgebiet, treffen Gerard Depardieu, klauen ihm seinen BMW und machen sich auf den Heimweg nach Böhmen. Radikal ungebändigt ist Topols Erzählweise.

Stilistisch strenger und von ganz anderem Charakter ist Radka Denemarkovás Ein Beitrag zur Geschichte der Freude. Drei ältere Frauen betreiben in Prag ein Archiv, in dem Gewalt an Frauen dokumentiert wird. Sie dokumentieren nicht nur, sie handeln auch. Ein Ermittler untersucht den scheinbaren Selbstmord eines reichen, einflussreichen Mannes und stößt dabei auf die drei Frauen und ihr Tun. Radka Denemarková, die wie ich mir sagen ließ vielleicht wichtigste tschechische Autorin der Gegenwart, verwebt in ihrem sprachmächtigen Roman Elemente des Kriminalromans, Fakten und Fiktion zu einem erschütternden Panorama der Gewalt gegen Frauen.

Eine echte Überraschung ist Gerta. Das deutsche Mädchen von Kateřina Tučková, nicht nur wegen 548 Seiten ein wahres Schwergewicht unter den frisch übersetzten Neuerscheinungen. Gerta wächst in der zweisprachigen Familie Schnirch im mährischen Brünn auf. Die Mutter ist Tschechin, der Vater Deutscher und Anhänger Hitlers. Mit der Errichtung des deutschen Protektorats 1938 zerfällt die Familie wie die Gesellschaft in einen tschechischen und einen deutschen Teil. Die Mutter stirbt und Gerta wird vom eigenen Vater schwanger. Wie tausende Deutsche wird die junge Frau nach dem Krieg zum Staatsfeind erklärt, ausgebürgert und vertrieben. Gerta und ihre Tochter überleben mit anderen deutschen Frauen bei der Zwangsarbeit auf dem Land. Als sie Jahre später in die Heimatstadt zurückkehren werden sie als Deutsche stigmatisiert. Die Sichtweise des Romans auf den ehemals deutsch sprechenden Bevölkerungsteil ist neu und war lange Zeit so nicht vorstellbar. 

Topol und Denemarková, Mitglieder einer mittleren Generation tschechischer Autoren und Autorinnen, gehörten zu den tschechischen Gästen bei deren Veranstaltungen es in Leipzig richtig eng wurde. So etwas wie Starrummel entstand ebenfalls um Jaroslav Rudiš, einer von zahlreichen Künstlern die durch ihre Mehrfachbegabung auffallen und die gerne Genre übergreifend arbeiten. Da wird musiziert, wird gezeichnet und natürlich immer wieder auf unverwechselbare tschechische Art erzählt. Diese teils schrägen Geschichten, entstanden aus den Hefekulturen reicher Phantasie, diese Ansammlungen liebenswerter Außenseiter, lächelnder Verlierer, großer Liebender. Humor und Satire, Melancholie und schwarze Galle. Erzählungen die in der Kneipe bei Knödel und Pilsner ihren Anfang nehmen und immer reicher und farbenfroher werden, je mehr ihr Wahrheitsgehalt abnimmt.

Zu den am meisten besprochenen Büchern dieses Frühjahrs zählt Jaroslav Rudiš Roman Winterbergs letzte Reise. Der greise, mit einem Bein im Grab stehende Winterberg bricht mit seinem genervten Pfleger Jan Kraus auf zu einer Schienenreise durch die eigene Vergangenheit. Zu geschichtsträchtigen Orten der ehemaligen Donaumonarchie über die der alte Mann ebenso seitenlang zu räsonieren versteht, wie über das zurückliegende lange Leben. Ein Roadmovie der besonderen Art, mit stilistischen Eigenheiten, etwa zahlreichen rhetorischen Wiederholungen, das mit einer Streckenlänge von 540 Seiten ein wenig zu viel des Guten will.

Zusammen mit dem Künstler Jaromir99 bildet Rudiš den Kern der Kafka Band. Bei ihren aktuellen Auftritten improvisiert das Ensemble musikalisch-szenisch über Kafkas Roman Amerika.

Die Kafka Band mit Front-Mann Jaroslav Rudiš

Leider sind die projizierten Animationen nicht so gelungen wie in vorangegangenen Programmen. Mit ihrer Farbigkeit und schlichten Geometrie stören sie eher den Gesamteindruck als zur gelungenen Abrundung beizutragen. Enttäuschung macht sich deshalb breit, weil wir ja Jaromir99 als zeichnerischen Schöpfer des wunderbaren Alois Nebel kennen.

Milan Kundera wollte ich erwähnen. Quasi der moderne tschechische Klassiker. Mit seinem viel gelesenen, viel diskutierten und interpretierten Werk Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins habe ich mich etwas geplagt. Mir ist das zu viel Obsession und Abhängigkeit, auch wenn es Kundera meisterlich versteht vom Kern der Geschichte immer wieder in existenzielle Exkurse aufzubrechen. Er ist zweifellos einer der herausragenden tschechischen Autoren, obwohl ihn die Landsleute bereits 1975, da war er 46, (dieser Tage wurde sein 90. Geburtstag gefeiert) ins Exil vertrieben. Seitdem lebt er in Frankreich. Und sein wichtigster Roman weist deutlich mehr französische Einflüsse denn böhmisch-mährische auf. 

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… daß diese ganze Pracht mit einem Samentropfen begann und im Knacken eines Feuers enden wird …

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(Die beiden Zitate sind aus Bohumil Hrabal: Leben ohne Smoking. – Frankfurt am Main, 1995)

Leipzig wie es liest und lebt

Erster Teil des Rückblicks auf Buchmesse und Festival Leipzig liest 2019

Eine sehr spezielle Form von Prosa enthält die Sächsische Waffenverbotszonenverordnung. In ihr wird seit letztem November festgehalten, dass das Leipziger Gebiet östlich des Zentrums Waffenverbotszone ist. Personen dürfen keine Waffen nach der Definition des Waffengesetzes mit sich führen. Wer es dennoch tut, begeht eine Ordnungswidrigkeit und muss mit einer Geldbuße rechnen. Es gibt nicht wenige Gestalten vor Ort, die der Meinung sind, dass sächsische Verordnungen für sie keine Gültigkeit haben oder die von diesen schlicht nie gehört haben. Die Leipziger Eisenbahnstraße gilt als eine der gefährlichsten Straßen Deutschlands. Einschlägige Statistiken verzeichnen für Straße und Quartier knapp 73.000 Delikte pro 100.000 Einwohner. Das ist auf den ersten Blick kein Spitzenwert, erfasst allerdings nur die aktenkundigen Fälle und der Anteil an Gewaltdelikten ist deutlich höher als andernorts.

Zwischen all den Gemüseläden, Kebap-Buden, Asia-Imbissen, Spätverkäufen, Shisha-Höhlen, den Barbieren für die bärtigen Bewohner mit meist gut definierter Muskulatur, zwischen seit dreißig Jahren abrissreifen Häusern, dem gerade noch bewohnbaren Bestand und sanierten Altbauten, zwischen all dem Sprachengewirr und den Abgaswolken der Geländewagen, sind auch junge Paare mit kleinen Kindern, sind Studenten, Auszubildende und sehr alte Menschen unterwegs, weil sie sich das Wohnen hier leisten können und die Versorgung mit dem Lebensnotwendigen vor der Haustür möglich ist. 

In diesem bunten und quicklebendigen Gemisch gibt es für das abendliche Ausgehen so manchen Geheimtipp, Lokalitäten wie man sie sonst nur von der KarLi (Karl-Liebknecht-Straße) und aus Plagwitz kennt. Wie jene lauschige Kneipe mit integriertem kleinen Buchhandel und einer sehr improvisierten Kleinkunstbühne, auf der Reinhard Kaiser-Mühlecker seinen neuen Roman vorstellte. Die Kulturapotheke, kurz KuApo, findet man in der Eisenbahnstraße 99. Es gibt dort wenig Platz, eine kurze Speisenkarte und wohlfeile Getränke für jeden Geschmack.

Der 37-jährige österreichische Autor kam bereits 2008 auf Empfehlung von Arnold Stadler zu S. Fischer, wo er ein festes verlegerisches Zuhause gefunden hat. Enteignung ist schon sein achter Roman. Er spielt einmal mehr in abgelegener ländlicher Provinz. Für das kriselnde Lokalblatt schreibt ein Journalist, der nach langer Abwesenheit an den Ort seiner Kindheit zurückkehrte. Von der Wucht der eingetretenen Veränderungen während seiner Abwesenheit und dem sich andeutenden weiteren gravierenden Einschnitten in gepflegte Traditionen ist er überrascht. Die Geschichte handelt vordergründig von menschlichen Beziehungen und Affären, viel grundsätzlicher jedoch vom Wandel der althergebrachten Strukturen und Lebensformen. Die damit verbundenen existenziellen Konflikte stellt Kaiser-Mühlecker in seinem Buch exemplarisch dar. 

Er schreibt in einer Sprache, die etwas aus der Zeit gefallen scheint, in ruhigem Ton, detailgenau, mit langem Atem. Man kann an Stifter denken, an Hermann Lenz. Wer sich auf diesen Rhythmus einlässt, erlebt einen der ausdrucksstärksten Schriftsteller dieser so kurzatmigen Zeit. Bei Abschluss seines ersten Vertrags mit dem Verlag wollte er es zur Bedingung machen, dass er nie aus seinen gedruckten Büchern öffentlich lesen müsse. Die Vertragspartner ließen sich darauf zum Glück seiner Leser und Bewunderer nicht ein. Offensichtlich unterschrieb Reinhard Kaiser-Mühlecker dennoch.

In Sachen ländliche Schauplätze kommt uns natürlich Dörte Hansen in den Sinn. Auch sie beschäftigt sich in ihrem aktuellen Roman Mittagsstunde mit Themen rund um die strukturellen Veränderungen im ländlichen Raum. Bilden bei Kaiser-Mühlecker Hügel und Berge Oberösterreichs die Kulisse, ist es bei Hansen die weite platte Fläche Nordfrieslands. Gerade einmal 43 Meter über Meereshöhe erreicht die höchste Erhebung der Umgebung.

Der erste Sommer ohne Störche war ein Zeichen, und als im Herbst die Stichlinge mit weißen Bäuchen in der Mergelkuhle trieben, war auch das ein Zeichen … Die alten Ulmen starben einen Sommer später, am Westerende, wo sie seit hundert Jahren Ast in Ast gestanden hatten.

Auch Dörte Hansen macht einen Heimkehrer zu einem ihrer Hauptprotagonisten. Die Schilderungen der Veränderungen in Mittagsstunde sind langfristiger und weitreichender als bei Kaiser-Mühlecker, sie reichen von der Flurbereinigung in den 1970er-Jahren, über den Einfluss des Klimawandels, bis zur Landflucht von Bewohnern auf der Suche nach auskömmlicher Arbeit. Was das mit den Menschen macht schildert Hansen einfühlsam, gelegentlich deutlich bis drastisch. Bei aller Zuspitzung gibt es immer wieder kleine humorvolle und skurrile Passagen.

Die Autorin, der 2015 mit ihrem Debüt Altes Land ein Lieblingsbuch der Buchhändler und Leser gelang, wurde von Denis Scheck in seiner Sendung Druckfrisch und bei seinen effektvollen, die Massen anziehenden Leipziger Messeshows mehrfach geadelt: Ein Buch voller Wehmut, schmucklos schön, das überraschend und klug in die Zukunft weist. Ein literarisches Ereignis!

Leipzig 2019. Das waren Messefahnen im Frühlingswind. Sonnentage. Hitze unter dem Glasdach. Zartes Grün an Büschen und Bäumen, das die Bilder des Vorjahres, Bilder von Schnee und Eis, liegengebliebenen Zügen, gesperrten Straßen, verblassen ließ. Und so strömten sie aus allen Himmelsrichtungen in ihr Leipzig. Das Leipzig der Bücher, Autoren, Buchhändler, ihr Leipzig der Leser, zum Treffen unter Gleichgesinnten. Fast 286.000 Menschen sollen es am Sonntagabend, als die letzte Lederjacke an der Garderobe abgeholt war, gewesen sein. 

Nahezu 286.000 Besucher. Leser, buchaffine Menschen, die sich zuhause schleunigst ins stille Kämmerlein verziehen, um ihre Neuerwerbungen, die eingesammelten Geheimtipps, die Bestseller der Saison zu verschlingen? Man wird sich eingestehen müssen, dass diese Charakterisierung aus den verschiedensten Gründen nur auf einen kleinen Teil der Messebesucher zutrifft. Das ist nicht neu. Doch zunehmend wildern Smartphones, digitale Medienvielfalt, flexible omnipräsente Anbieter wie Netflix, Amazon mit ihrer ganzen bildgewaltigen Streamingwelt in den Hoffnungen der Buchbranche auf reichlich Leser- und Käufernachwuchs.

Zu allem Überfluss ist es dann auch noch mit der Zukunft der Lesefertigkeit und der Lesekompetenz so eine Sache. Lesenlernen und Leseförderung Leipzig bietet Jahr für Jahr reichlich Podien und Begegnungen die sich mit diesen komplexen und wichtigen Themen beschäftigen. Alle einschlägigen Organisationen und zahlreiche Experten sind vor Ort, stehen für Diskussionen und Gespräche bereit, geben Wissen und Erfahrungen weiter. 

Foto: Tom Schulze

In Halle zwei befinden sich das Forum Kind-Jugend-Bildung und das Fachzentrum Bildung. Dort sind Leseinseln und Lesebuden zu finden, der Leipziger Lesekompass präsentiert gute Bücher für die Jungen und die Jüngsten. Es gibt ein Familiencafé, eine Chillout-Aerea und einen Still- und Wickelraum für Messeteilnehmer die vom Lesen noch nicht einmal träumen können. Und das alles schon seit Jahren. So werden Ideen, Anregungen, Anstöße, Anleitungen ins ganze Land, in Kindergärten, Schulen, Lehrerstudiengänge getragen.

Die nüchterne Bilanz lautet: 20 Prozent der Schüler und Schülerinnen der vierten deutschen Grundschulklassen können nicht flüssig lesen, haben Probleme den Inhalt gelesener Texte wiederzugeben. Sie drohen den Anschluss zu verlieren, an den Schulstoff und schließlich an eigene Lebenschancen. Trotz aller Bemühungen und Förderungen ist keine Besserung in Sicht, letztlich fehlt es in den Schulen an Ressourcen und in den Elternhäusern an Einsicht und Verständnis. 

Bildungsferne Einstellung wird oft von Generation zu Generation weitergegeben. Viele Familien haben ganz andere materielle, existenzielle Sorgen. Lesenlernen, das mit Vorlesen durch Eltern oder Großeltern beginnen kann, wird nicht überall als Wert gesehen. Förderung muss also die Familien der betroffenen Kinder mitnehmen. Sonst gehen immer mehr junge Menschen auf ihrem Weg in die Mitte der Gesellschaft verloren. Die Kompromissfähigkeit, die Fähigkeit Konflikte verbal auszutragen, sich die für eine demokratische Partizipation notwendigen Informationen anzueignen, sinken.

Die Lese- und Literaturnation Tschechien präsentierte sich als Gastland der diesjährigen Leipziger Buchmesse 2019. Notizen dazu stehen im Mittelpunkt des zweiten Teils meines Rückblicks. Den gibt es nächste Woche auf con=libri.

Allegro con fuoco

Über Katharina Mevissens Roman Ich kann dich hören

Osman spielt Cello. Osman spielt Fußball. Osman hält sich von seinem Vater fern. Dabei verbindet gerade Musik und Musizieren die beiden. Allerdings ist dies auch genau das was der Sohn dem Vater vorwirft.

Bereits mit vier Jahren lernt das Kind eines türkischstämmigen Cellisten und einer Mutter, die längst aus seinem Leben verschwunden ist, das Cellospiel. Mit Mitte zwanzig gehört er zu den aussichtsreich Fortgeschrittenen an der Musikhochschule. Nur er selbst zweifelt immer mehr an seinen Fähigkeiten und Perspektiven. Geradezu kämpferisch setzt er sich mit dem dritten Satz von César Francks Sonate für Violine (hier in einer Fassung für Cello) und Klavier in A-Dur Recitativo Fantasia. Moderato auseinander. Er hält das Scheitern an dieser schwierigen Passage für den schicksalhaften Hinweis auf mangelnde Eignung für eine Laufbahn als Musiker.

Foto: Cello study von Michael Maggs

Mit Tante Elide versteht sich Osman gut, sie ist Mutterersatz, wird ihn jedoch bald Richtung Türkei verlassen. Und er fühlt sich zur WG-Mitbewohnerin Luise hingezogen. Dann lernt er eines Tages auf kuriose Weise ein anderes Mädchen kennen. Zunächst nur ihre Stimme. Die Stimme einer jungen Frau auf einem gefundenen Tonband, die sich mit ihrer Schwester unterhält. Einer Schwester die, wenn überhaupt, mit Geräuschen und merkwürdigen Tönen antwortet. Jo ist gehörlos. Eine Konstellation die Osman anzieht. Er verliebt sich in Ellas Stimme. 

Nicht ganz problemlos gelingt es ihm eine Verabredung zu arrangieren. Während sie redet, sehe ich sie kaum, ich höre sie, diese vertraute Stimme. Ich will sie sofort berühren, umarmen und festhalten, aber sie gehört zu einer komplett fremden Person … Die geträumte Annäherung Osmans an die oft Gehörte scheitert, sich zu hören ist keine ausreichende Basis für eine echte Beziehung. Nicht nur die äußeren Welten der beiden sind zu verschieden. Von der intimen Kommunikation die Ella und Jo verbindet bleibt er ausgeschlossen. 

Jo schließlich möchte gar nicht hören, eine dafür notwendige Operation verweigert sie. Dazu Ella: Und dann Jos Gesicht vor zwei Wochen, als wir aus der Klinik in Eppendorf kamen, nachdem sie die Behandlung abgebrochen hatte: wie ihre Augen geleuchtet haben, ihr ganzes Gesicht.

Katharina Mevissen hat einen Roman über Musik und einen begabten jungen Musiker geschrieben, einen Roman über die Suche nach eigenen Wegen und Ausdrucksformen. Über Herkunft und Identität. Und einen Roman darüber was Menschen verbindet, nicht selten jedoch auf fast tragische Weise trennt: Die verschiedenen Formen von Sprache. 

Neben der Musik spielen in ihrem Buch menschliche Verständigungsmöglichkeit und -unmöglichkeit eine zentrale Rolle, exemplarisch zugespitzt in der Figur des gehörlosen Mädchens. Eine Konstellation die so in der erzählenden Literatur möglicherweise einmalig ist. Sie ist eingebettet in eine originelle, fesselnde Geschichte mit wohltuend ambivalenten Protagonisten. Mevissen gelingt ein sprachliches Klangbild das manchmal wohltönt und gelegentlich schräg bis kakophonisch wirkt

Copyright by Denise Sterr

Erfreulich, dass junge deutschsprachige Literatur entsteht deren Schauplätze und Themen abseits der üblichen Berliner Gentrifizierungs-Brennpunkte liegen. Ich kann dich hören spielt in Hamburg und Essen. Neben der erwähnten Sonate von César Franck und einigen anderen Musikstücken, kommen dem Cello-Konzert von Dvorak (eines meiner absoluten Lieblingsstücke!) und Tracy Chapmans At this Point in My Life im Buch eine wichtige Rolle zu. Sehr gut konnte ich mich mit Osmans Abneigung gegen diese optimistische Kuschelmusik identifizieren, also jenen penetranten Klangteppich, der uns beinahe allerorten durch den Alltag begleitet.

Katharina Mevissen betritt frisch und forsch die Literaturszene. Nach dem Studium der Kulturwissenschaft und transnationalen Literaturwissenschaft in Bremen absolvierte sie eine Drehbuch-Ausbildung in Berlin. Sie war Böll-Stipendiatin und erhielt für das Manuskript des vorliegenden Romans das Bremer Autorenstipendium. Mit seinem ausgezeichneten Gespür für das Besondere hat sich der Wagenbach-Verlag Autorin und Buch angenommen. Sorgfältig gesetzt, und gedruckt bei Pustet findet es hoffentlich engagierte Menschen in Buchhandlungen, Lesekreisen und Bibliotheken, die es möglichst vielen Kunden und Lesern empfehlen. Die Autorin ist Mitinitiatorin des Projekts handverlesen das Literatur im Wortsinne in die Hand nehmen möchte, durch übersetzen, vermitteln und verbreiten von Literatur in deutscher Gebärdensprache.

Natürlich wusste ich nicht, dass es für Gehörlose in Deutschland keine Möglichkeit gibt auf Universitätsniveau zu studieren. Im Roman von Katharina Mevissen erfährt man es, wie manches andere, was man über Gehörlosigkeit und die Betroffenen nicht weiß.

Mevissen, Katharina: Ich kann dich hören. Roman. – Verlag Klaus Wagenbach, 2019

Das Projekt handverlesen

Reise ins Innere. Karl May und Hermann Hesse

Ein Gastbeitrag von Bernd Michael Köhler

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Lieber Leser, weißt du, was das Wort Greenhorn bedeutet? – – eine höchst ärgerliche und despektierliche Bezeichnung für denjenigen, auf welchen sie angewendet wird.
(Karl May: Winnetou I)

Das Landhaus Erlenhof lag nicht weit vom Wald und Gebirge in der hohen Ebene.
Vor dem Hause war ein großer Kiesplatz, in den die Landstraße mündete.
(Hermann Hesse: Heumond)

Dies waren die ersten Zeilen, die ich von Karl May (1842-1912) und Hermann Hesse (1877-1962) gelesen habe. Karl May lernte ich im Alter von 12 Jahren in der Gestalt von Old Shatterhand in seiner Reiseerzählung Winnetou I kennen. Und ich war 17, als mir ein Fischer-Taschenbuch mit grünem Einband in die Hände fiel. Es trug den verlockenden Titel Schön ist die Jugend, enthielt die Erzählungen Heumond, Schön ist die Jugend und Der Zyklon und war von Hermann Hesse.

Der Abenteuerschriftsteller Karl May bescherte mir unzählige selige Lesestunden, in denen ich in eine komplett andere Wirklichkeit abtauchen konnte und wie der Autor selbst in einen Wunscherfüllungsrausch verfiel, der die Rückkehr in die Realität meiner Kinder- und Jugendjahre nicht immer leicht machte. Am Ende dieses Lesemarathons hatte ich alle damals erschienenen Werke Karl Mays einschließlich des Spätwerks regelrecht verschlungen- es dürften so um die 70 Bände gewesen sein.

In der Gemeindebücherei meines Heimatdorfes standen die Gesammelten Werke im Regal- es handelte sich um die berühmten grünen Bände des Karl-May-Verlages. Ich gehörte zu den eifrigsten Nutzern der kleinen Bibliothek. Zu Geburtstagen und an Weihnachten bekam ich einzelne Titel der Sonderausgabe des Wiener Tosa-Verlages geschenkt, die damals u.a. vom Kaufhof vertrieben wurden. Es waren Höhepunkte meines frühen Leselebens, wenn ich in der nahegelegenen Stadt vor den Kaufhof-Regalen stand und mir einen Karl May aussuchen durfte. In seltenen Fällen hatte ich mir vom kargen Taschengeld einen Band abgespart, den ich dann in Verbindung mit einem heftigen Ausstoß von Glückshormonen höchstselbst käuflich erworben habe.

Hermann Hesse schließlich wurde einige Jahre später zu meinem lebensbegleitenden Lieblingsdichter. Die Entdeckung des Hesse-Kosmos glich einer Entdeckungsfahrt ins Innere der Seele. Vieles von dem, was ich dort nach und nach vorfand, betraf mich direkt, schien wie für mich geschrieben. Eine Lesewirkung, die unter jugendlichen Hesse-Lesern weit verbreitet war. Ob sie es auch heute noch ist? Ob es denn im 21. Jahrhundert überhaupt noch eine nennenswerte Anzahl von Hesse-Lesern in der jüngeren Generation gibt?

Kurze Zeit nach der Initialzündung durch die Verheißung Schön ist die Jugend schenkten mir meine Eltern die 12-bändige Werkausgabe der Gesammelten Werke. Es war das kostbarste, folgenschwerste Geschenk, das ich je von meinen Eltern erhalten habe. Ich bin ihnen für immer dankbar dafür, zumal es ihnen schwergefallen sein dürfte, das nötige Geld für über 6000 Seiten Buch aufzubringen. In der Folge habe ich in vergleichsweise kurzer Zeit die 12 blauen Bände vom Auftakt in Band 1 (Einem Freunde mit dem Gedichtbuch) bis zum Schlussakkord in Band 12 (Ende einer Bücherbesprechung) gelesen- in jugendlichem Eifer und entflammt von der Brisanz und Kraft der Texte. Oft gerieten die Lektürestunden zu ausgesprochenen Lesefeiern, die ich zelebrierte wie ein geistiges Ritual.

Im Band 12 der geliebten blauen Bände (Schriften zur Literatur II) ist als letzte von Hesses Buchbesprechungen die Erzählung Abschied von den Eltern von Peter Weiss (1961) abgedruckt. Hier schließt sich für mich der Kreis um meine Geschichte der Hermann-Hesse-Werkausgabe, musste doch auch ich Abschied nehmen von meinen beiden Eltern, den Portalfiguren meines Lebens (Peter Weiss).

Nun, ich kenne ihn [Karl May] jetzt, und empfehle seine Bücher den Onkeln von Herzen, die der Jugend Bücher schenken wollen. Sie sind phantastisch, unentwegt und hanebüchen, von einer gesunden, prächtigen Struktur, etwas völlig Frisches und Naives, trotz aller flotten Technik. Wie muss er auf die Jungen wirken! Hätte er doch den Krieg noch erlebt und wäre Pazifist gewesen! Kein Sechzehnjähriger wäre mehr eingerückt. (Hermann Hesse 1919 nach der Lektüre von Schatz im Silbersee und Von Bagdad nach Stambul in der Neuen Zürcher Zeitung vom 13.07.1919.)

Der Volksschriftsteller Karl May und der Literaturnobelpreisträger Hermann Hesse lebten und arbeiteten ohne Zweifel in vollkommen verschiedenen Welten. Trotzdem gibt es, wenn man die oberen Schichten abträgt, bedeutende Gemeinsamkeiten, die Hartmut Wörner in seiner Studie Seelenbrüder akribisch herausgearbeitet hat. Danach diente die polare Struktur des Menschseins und der Welt, in wir leben, beiden als Grunderkenntnis, von der aus sie ihre Geschichten entwickelten. Hesses großes Thema der Individuation mit dem Ziel der Integration der Gegensätze entspricht bei May die Entwicklung des Einzelnen hin zur Überwindung des negativen Pols, des Bösen.

Beiden gemeinsam ist eine im weitesten Sinne ethisch-spirituelle Grundierung all ihren Denkens und Tuns. Während Mays Helden aus einer rigid christlich-mystischen Gesinnung heraus agieren, durchzieht Hesses Werk vor dem Hintergrund seiner pietistischen Herkunft eine überkonfessionelle, an das indische und vor allem chinesische Denken angelehnte Spiritualität. Es wundert nicht, dass sich daraus bei beiden eine pazifistische Grundhaltung manifestierte- bei Hesse sehr früh am Beginn des Ersten Weltkrieges, bei May spätestens in seinem Alterswerk ab ca. 1899.

Der Sofien-Saal zu Wien um 1900

In einzigartiger Weise hat Hermann Hesse sein Schreiben als Selbsttherapie betrieben. Seelisches und körperliches Leiden am Leben veredelte er zu Literatur. Karl May wiederum hat die Wunscherfüllungsfunktion von Literatur als Autor geradezu perfektioniert- in seinem Werk und in seiner vorgetäuschten Identität als Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi in der realen Welt, die er erst nach seiner Orientreise 1899/1900 aufgab. Beiden gemeinsam ist eine komplizierte psychische Struktur, die Kompensationen geradezu lebensnotwendig machte. Die Reise ins Innere hat dabei zu sehr unterschiedlichen literarischen Resultaten geführt, in der Selbsterforschung und der Verwandlung von Gelebtem und nicht Gelebtem in packende Geschichten sind sich die Schriftsteller aus Radebeul und Montagnola auf einer tiefen Ebene nahe.

Getroffen haben sich die zwei Schriftsteller in den Jahren, in denen eine Begegnung hätte stattfinden können, wohl nie. Hartmut Wörner hat in seiner Studie Kirchheim unter Teck als den Ort genannt, wo sich die Wege beider um die Jahrhundertwende hätten kreuzen können. Darüber hinaus kann nun mitgeteilt werden, dass Karl May und Hermann Hesse sich im März 1912 nachweislich zur gleichen Zeit in derselben Stadt aufgehalten haben: in Wien. May hielt bei seinem letzten öffentlichen Auftritt am 22. März vor einem ca. 2000-köpfigen Publikum (darunter u.a. Bertha von Suttner, Georg Trakl, Karl Kraus und Heinrich Mann) im Sofiensaal seine berühmte Rede Empor ins Reich der Edelmenschen! Von Mittwoch, 20. März bis Sonntag, 24. März logierte er mit seiner Frau Klara im Wiener Hotel Krantz. Zurück in Radebeul starb Karl May wenige Tage später am 30.03.1912.

Hesse war wegen Lesungen in Brünn (22.3.) und Wien (23.3.) in die Kaiserstadt an der Donau gereist. Unterbrochen von dem Abstecher nach Brünn weilte Hermann Hesse vom 19. März (Dienstag) bis 25. März (Montag) in Wien. Vor seiner Abreise hatte der Dichter am Sonntag in der Hofoper noch eine Nachmittagsvorstellung von Mozarts Zauberflöte besucht. Gut möglich, dass Hesse bei einem seiner Stadtrundgänge eines der vielen großformatigen Plakate oder einen Aushang gesehen hat, auf denen für Mays Vortrag geworben wurde. Am Vortragsabend selbst stand auch Hesse am Vortragspult, allerdings im nur wenige Bahnstunden entfernten Brünn. Jedenfalls waren sich die beiden Schriftsteller räumlich wohl nie so nahe wie in diesen Wiener Tagen im Frühjahr 1912. Geistig waren sie es bei den von Wörner nachgewiesenen Gemeinsamkeiten auf jeden Fall – unabhängig von Ort und Zeit.

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Karl May: Die Gesammelten Werke des Karl-May-Verlags (94 „grüne Bände“) sind weiterhin lieferbar. Seit 1987 erscheint zusätzlich die Historisch-kritische Ausgabe (seit 2008 im Karl-May-Verlag). Preisgünstige Ausgaben werden von diversen Verlagen vertrieben. 

Hermann Hesse: Die Sämtlichen Werke (20 Bände + Registerband) sind ebenso wie etliche Einzelausgaben und Sammlungen bei Suhrkamp/Insel erschienen.

Wörner, Hartmut: Seelenbrüder. Eine Studie zu Karl May und Hermann Hesse. Hansa Verlag 2015 (nicht mehr lieferbar).

AusLese 2018. Der zweite Teil

Deutsches Haus. Wir sind in den 1960er Jahren der jungen deutschen Republik. Männer tragen Nylonhemden und Frauen brauchen um berufstätig sein zu dürfen die Zustimmung von Vater oder Ehemann. Eva Bruhns ist Dolmetscherin für Polnisch. Als in Frankfurt Auschwitz-Prozesse stattfinden ist ihre Mitarbeit vor Gericht gefragt. Deutsches Haus heißt die Gaststätte der Eltern, die von den Plänen ihrer Tochter ebenso wenig begeistert sind wie ihr Verlobter. In einem schmerzlichen Prozess geht Eva ihren Weg. Annette Hess hat ein fesselndes Zeitporträt geschrieben in dessen Mittelpunkt eine junge Frau steht, die erstmals mit der Nazivergangenheit ihrer Elterngeneration konfrontiert wird und vor konfliktreichen Weichenstellungen steht. Die routinierte Drehbuchautorin (Weissensee, Kuhdamm 56 und 59) hat einen ebenso mitreißenden wie informativen Roman geschrieben, der auf seine Verfilmung wartet. Mein Fazit: Unterhaltsam, aufklärend, ein tolles Frauenbuch das nicht zuletzt männliche Leser faszinieren wird. Starke Empfehlung.

Hess, Annette: Deutsches Haus. Roman. – Ullstein, 2018. Euro 20.

Fräulein Nette. Wieder ein umfangreiches Stück erzählte Literaturgeschichte. Ein rechter Besen ist sie, diese angehende westfälische Dichterin und Adelige Annette von Droste-Hülshoff. Eine intelligente, eigenwillige Frau, die lieber Mineralien ausbuddelt als den gesellschaftlichen Gepflogenheiten Rechnung zu tragen. Der Göttinger Poet Heinrich Straube, zu Gast auf dem Hof der Eltern, ist von ihr hin und weg und auch sie ist nicht ganz abgeneigt. Doch wahre Liebe und ausgeprägter Eigensinn haben es nicht leicht in diesen Kreisen und Zeiten des 19. Jahrhunderts. Karen Duve erzählt realistisch und mit trockenem Humor von der Liebes- und Lebenskatastrophe der Annette von Droste-Hülshoff. Mein Eindruck: 560 Seiten nicht ohne Längen, dennoch für Freunde der Literaturgeschichte undoder des historischen Romans ein Fastmuss.

Duve, Karen: Fräulein Nettes kurzer Sommer. Roman. – Galiani, 2018. Euro 25.

Ein irischer Dorfpolizist. Ein Krimi? Mehr als das. Eindringliches Porträt der irischen Provinz und seiner Bewohner. Eine ganz besondere Kriminal- und Seelengeschichte in die der behäbige, dickleibige Sergeant PJ Collins da gerät. In Duneen, das wirklich  am Arsch der Welt liegt, hofft nicht nur er auf etwas Sinn, Erfüllung und Liebe im eintönigen Dasein. Dass auf einer Baustelle ein Skelett gefunden wird, bringt jedoch nicht nur die erwünschte Abwechslung in den Alltag der Einheimischen. Der Fund reißt vielmehr alte Wunden auf und stürzt Collins und die anderen Protagonisten in einen Strudel der Wirrnisse und Lebenswenden. Literarisches Debüt des britischen Talkmasters Graham Norton. Glänzend geschrieben, wandelt das Buch auf schmalem Grat zwischen menschlichen Dramen, Spannung und Provinzposse. Fazit: Bitte mehr von Sergeant Collins und den anderen!

Norton, Graham: Ein irischer Dorfpolizist. Roman. – Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2018 (Dt. Originalausgabe 2017 bei Rowohlt.) Euro  12.

Eifersucht. Zweiter Fall der Münchener Rechtsanwältin Rachel Eisenberg von Meister Andreas Föhr, der mit seinen skurrilen Bergkrimis schon länger einen guten Ruf bei Lesern die das Besondere schätzen genießt. Seine neue Protagonistin ist ganz in der Weltstadt mit Herz und krimineller Energie verwurzelt. Eike Sandner soll ihren Lebensgefährten in die Luft gesprengt haben. Sie beteuert ihre Unschuld. Das ist schwer zu glauben. Die Indizien wiegen schwer. Doch nach und nach kommt Rachel Eisenberg einem weit verzweigten Komplott auf die Spur. Solide deutsche Spannungskost, die die gewünschte Dosis Atemlosigkeit erzeugt. Fazit: Einmal eingetaucht in die Geschichte, sollte man nichts anderes mehr vorhaben.

Föhr, Andreas: Eifersucht. Ein neuer Fall für Rachel Eisenberg. Knaur, 2018. Euro 14,99.

Mexikoring. Achtung starker Tobak. Dass in Hamburg und anderswo immer wieder Autos brennen ist kriminelle Tat und gesellschaftliches Symptom zugleich. Hier Aufklärung zu leisten, Täter zu identifizieren, das allgegenwärtige Zwielicht zu durchleuchten, ist die richtige Herausforderung für die Staatsanwältin mit amerikanischem Vater Chastity Riley und die Crew von Hamburger Polizisten um sie herum. Keine dieser handelnden Personen entspricht bürgerlichen Normen und Idealvorstellungen und ist weit davon entfernt dies anzustreben. Sie arbeiten hart, pflegen und begießen ihre irritierten Egos vorzugsweise in den Kneipen und Kaschemmen St. Paulis. Chas geht voran, folgt der Spur des verbrannten Nouri in die Welt arabischer Clans und Familien, deren Mitglieder in der Mehrzahl aus Intensivtätern bestehen. Der Weg zu ansatzweisen Erfolgen ist mit persönlichen Opfern, mit Verletzungen an Seele und Körper gepflastert. Zwischenmenschliche Beziehungen sind kompliziert und selten von Dauer. Liebe eine fragwürdige Vokabel. 

Simone Buchholz hat für ihre hochaktuellen Gesellschaftsromane mit Krimihandlung eine ganz eigene Sprache gefunden. Zupackend, originell, zielgenau. Ein junger Mann, eine junge Frau, beide am Rande der Gesellschaft aufgewachsen, haben sich in Hamburg wiedergefunden und fühlen sich einander nahe und verbunden: ... sie stand auf und zog sich aus, so war sie eben, so war sie schon immer gewesen, es interessierte sie einen Scheiß, was andere dachten, und als sie ihre Klamotten zu Boden fallen ließ, vibrierte in der ganzen Stadt der Stahlbeton. Sie sah aus wie eine Kriegerin. Man muss die Bücher der Simone Buchholz und ihren Ton nicht mögen, doch wer ihnen einmal verfällt … Meine Reaktion: Begeisterung. Mein Urteil: Literatur pur.

Buchholz, Simone: Mexikoring. Kriminalroman. – Suhrkamp, 2018. Euro 14,95.