„Kraft“ von Jonas Lüscher

Ein kurzer Blick auf den Klappentext und ich wusste, dass ich an diesem Buch nicht vorbeikomme: „Richard Kraft, Rhetorikprofessor in Tübingen …“ Ein Buch über einen fiktiven Nachfolger des legendären Walter Jens. Ein Buch also, wie für mich gemacht? Nicht ganz, denn schon nach wenigen Seiten war ich genau da, wo ich mit meiner aktuellen Lektüre nicht hinwollte. In den Vereinigten Staaten von Amerika. Die penetrante PR für zwei dickleibige Wälzer von dort hatten mich in den letzten Wochen eher abgeschreckt. Der Trend ist nun einmal nicht mein Freund. Mir war noch gut in Erinnerung, dass vor einem Jahr der neue Franzen längst nicht hielt, was die Werbetrommeln verkündet hatten.

Kraft hat eine beachtliche akademische Karriere absolviert, die ihn bis auf den renommierten Lehrstuhl in Tübingen und zu Kongressen und Vorträgen in der ganzen Welt brachte. Dennoch sieht er sich als gescheitert – sein Maßstab für Erfolg und Glück ist in erster Linie ein materieller. Geld bedeutet ihm Freiheit. Seine Freiheit hat er mit mehreren gescheiterten Ehen, den Kindern und den entstandenen finanziellen Verpflichtungen restlos eingebüßt. Die so entstandene, von ihm als nahezu ausweglos empfundene Situation macht er für seine nachlassende geistige Schaffenskraft und Kreativität verantwortlich. Er wartet auf einen Befreiungsschlag.

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Die Chance darauf tut sich auf in Form eines Wettbewerbs den ein us-amerikanischer IT-Unternehmer und Multi-Milliardär ausgeschrieben hat. Eine Million Dollar winken dem Gewinner eines Essay-Wettbewerbs. Dieser Aufsatz ist im direkten Wettstreit mit anderen Teilnehmern öffentlich zu präsentieren. Thema ist die Gottesfrage, auch als Theodizee-Problem bekannt. Warum lässt Gott das Schlechte auf der Welt zu? Kann Gott existieren, wenn der von ihm geschaffene Mensch so viel Böses anrichtet? Und wenn Gott existiert, warum verhindert er dann Kriege und Elend nicht? Die konkurrierenden Denker haben zudem nachzuweisen, warum die Welt gut ist wie sie ist.

Krafts Noch-Ehefrau strebt ebenfalls nach einer Zukunft ohne den Gatten. Sie bestärkt ihn in seinem Plan an der Ausschreibung teilzunehmen und bereits für die Vorbereitung nach Kalifornien zu reisen. „Geh, gewinne, bring uns das Geld nach Hause, damit wir alle wieder unsere Freiheit haben, hört Kraft Heike sagen, und dabei muss er an ihren Hallux denken.“

Bei der Familie des alten Freundes Ivan (Isztvan), einem Exil-Ungarn, findet er eine Bleibe und in einer der großzügigen Forschungsbibliotheken den adäquaten Arbeitsplatz. Doch die Arbeit will nicht recht gelingen. Immer mehr drängen sich Erinnerungen an den bisherigen Lebensweg und Reflektionen über vergebene Möglichkeiten in den Vordergrund. Kraft war stets glühender Anhänger einer libertären Wirtschaftsordnung. Ronald Reagan, Maggie Thatcher und Graf Lambsdorff hat er bewundert, vorübergehend an das geistig-moralische Wende-Versprechen Helmut Kohls geglaubt und den Kräften der Märkte vertraut. Die Begegnung mit dem real existierenden Unternehmertum, mit forschen Dienern des Kapitalwachstums, narzisstischen Waffenträgern und softwareentwickelnden Dauerpubertären, bringt sein Weltbild ins Wanken.

Diese ideologische Ausrichtung des Protagonisten gehört zu den Besonderheiten des Buches und unterscheidet es deutlich von den linksalternativen Lebensentwürfen hinter bodentiefen Fensterscheiben der Hauptstadt, die so häufig im Mittelpunkt der Werke gegenwärtiger Jungautoren stehen.

Zudem schreibt Jonas Lüscher hochklassisch. Bevorzugt lange, geduldig ausformulierte Sätze, bei realistischer Erzählweise und einer durchgängigen ironischen Distanz. Das Buch hat Witz. Etwa wenn Kraft bei seinem Ruderausflug auf unbekanntem Gewässer gegen guten Rat grandios Schiffbruch erleidet und diese Szenen stark an einen Segelausflug auf dem stürmischen Bodensee in Martin Walsers „Ein fliehendes Pferd“ erinnern.

Und wenn die hippe Lifestyle-Kultur solventer Nerds rund um das Silicon Valley auf die Schippe genommen wird. Da stehen sie in langer Reihe geduldig vor einem In-Lokal Schlange, um, endlich eingelassen, mit einem nach normalen Maßstäben eher bescheidenen Mahl abgespeist zu werden. „Die Mühsal der Speisenauswahl kann man sich hier sparen, es gibt nur ein Gericht. Kraft schaut etwas ratlos auf das mit goldbraunem Paniermehl überbackene Nudelgratin … Exakt achtzehn Minuten nachdem sie das Lokal betreten haben, stehen sie wieder auf der Valencia Street.“

In diesen achtzehn Minuten erläutert der einladende Mäzen Erkner seine Zukunftsvisionen. Visionen von einem Projekt, verbunden mit einem Menschen- und Weltbild, das Krafts ideologische Festung endgültig erschüttert. Er hat in seinem Leben einen entscheidenden Wendepunkt erreicht. Das Ende des immer spannender werdenden Ablaufs ist überraschend.

Jonas Lüscher, ein Schweizer der in München lebt, hat 2013 mit der Novelle „Frühling der Barbaren“ debütiert. Er hatte zunächst eine akademische Laufbahn als Philosoph eingeschlagen und bereits drei Jahre in seine Dissertation investiert. „Aus der Dissertation ist leider nichts geworden, dafür ist nun der vorliegende Roman entstanden, in den einiges eingeflossen ist, über das ich im Rahmen meiner wissenschaftlichen Tätigkeit nachgedacht habe.“ So steht es in der „Danksagung“ am Ende des Buches, das nicht durchgängig leicht zu lesen ist. Doch Ausdauer und Mitdenken des Lesers werden mit einem Erlebnis belohnt, das Anspruch und Vergnügen auf fast ideale Weise kombiniert.

media_44388249Die „Süddeutsche Zeitung“ war begeistert von „Kraft“ und widmete dem Buch und seinem Autor in der Ausgabe vom 4. Februar eine ausführliche, farbig illustrierte Rezension. Das Fazit von Christopher Schmidt: „Die kühle Intellektualität dieses Autors ist ein schöner Fremdkörper in einer Zeit, in der Reflexionsprosa nicht allzu hoch im Kurs steht, … wohltuend ist der Laserblick eines Jonas Lüscher, der unsere Gegenwart mit einem eisigen Sengstrahl analysiert.“

Lüscher, Jonas: Kraft. Roman. – C. H. Beck, 2017. Euro 19,95

„Das Tiefste wirst du endlich schauen…“

Der Roman “Am Schwarzen Berg” von Anna Katharina Hahn

Welche Stuttgart-Romane von einiger Bedeutung sind eigentlich in den letzten Jahrzehnten erschienen? Bevor ich Anna Katharina Hahns Bücher kennenlernte, wären mir wahrscheinlich vorzugsweise die Werke von drei Autoren eingefallen. Im ersten Fall handelt es sich um einen Roman-Zyklus. In insgesamt neun selbstständigen Erzählwerken – unter dem Motto “Vergangene Gegenwart” lose zusammengefasst – schildert Hermann Lenz (1913 – 1998) Herkunft und Leben des Schriftstellers Eugen Rapp und schöpft dabei fast ausschließlich aus der eigenen Biographie. Die Handlung ist, bis auf Abstecher zu den Schauplätzen des Weltkriegs, in Stuttgart und München angesiedelt. Mit ruhiger Sprache und unspektakulärer Erzählweise, sind die Bücher bleibende Zeugnisse vergangener Zeiten und einer nahezu unscheinbaren Dichter-Existenz.

Da war das Roman-Debüt des Martin Walser (geb. 1927) – “Ehen in Philippsburg” – schon von anderem Kaliber und mit unüberhörbarem Widerhall in Medien und Gesellschaft. Seine Schilderungen der bundesdeutschen Nachkriegszeit und der ersten Schritte eines jungen Akademikers auf dem Weg zum Schriftsteller-Beruf haben ausschließlich die Medienstadt Stuttgart der 1950er-Jahre zur Vorlage.

Während Walser und Lenz in ihren Darstellungen eine bürgerliche Welt abbildeten, entführte Manfred Esser (1938-1996) die Leser in eine dazu völlig konträre. Prollig und streckenweise ordinär geht es zu im Osten der schwäbischen Großstadt. Essers “Ostend-Roman”, der beim Erscheinen (1978) von Leitmedien wie „DER SPIEGEL“ und „DIE ZEIT“ fast hymnisch gefeiert wurde, ist saftig wirklichkeitsnah und von kraftvoller literarischer Qualität. Erschienen ist er einst im nicht mehr existierenden und inzwischen sagenumwobenden Verlag “März”. Nur noch antiquarisch mit kräftigem Preisaufschlag zu bekommen.

Wohl nicht zufällig findet man in den Büchern Anna Katharina Hahns Spurenelemente dieser drei Vorgänger. Sie blickt hinter die Fassade intellektueller Bürgerlichkeit, entlarvt die schale Behaglichkeit einer auf den ersten Blick sehr sauberen Großstadt zwischen Wohlstand und Weinbergen. Sie zeigt uns die kaum wahrgenommenen Randexistenzen neben den wohlbestallten Ministerialbeamten und Oberstudienräten, die verschämten Schmuddelecken neben den klinisch reinen Straßenbahn-Haltestellen. Dabei kommt die Drastik bei Anna Katharina Hahn ruhig, aber sehr präzise daher, und ist gerade deshalb so schneidend und wirkungsvoll. Kleine kräftige Schläge treffen den Leser immer wieder ganz unvorbereitet. Und sie schildert “Schmerzlinien”, wie sie fast jedes Leben durchziehen.

Anna Katharina Hahn im März 2012 auf der Leipziger Buchmesse

Der neue, im Februar erschienene Roman von Anna Katharina Hahn heißt “Am Schwarzen Berg” und schildert fünf eng miteinander verwobene Schicksale. Als Peter Rau, Sohn der Nachbarn von Emil und Veronika Bub, und gleichzeitig eine Art Ziehsohn des kinderlosen Paares, in eine schwere Lebenskrise gerät, bricht die mühsam aufrechterhaltene Scheinwelt beider Häuser auseinander. Der Gymnasiallehrer Emil Bub hatte einst in Peter einen dankbaren Mitstreiter für seine Mörike-Begeisterung gefunden, seine Frau ein Ziel für brachliegende Muttergefühle. Jetzt kämpfen die beiden gealterten Paare um Wohl und Zukunft des verzweifelt Gescheiterten. Sie tun dies, über Jahrzehnte kumulierten Ballast bequemer Lebenslügen und Scheinwahrheiten im Gepäck, mit nicht tauglichen Mitteln. Hinter der Hilflosigkeit der Helfer zeichnet sich bald die Unaufhaltsamkeit einer Tragödie ab.

Nach “Kürzere Tage” hat Anna Katharina Hahn einen zweiten großartigen Stuttgart-Roman geschrieben; damit wurde diese Gattung innert weniger Jahre gleich zweifach bereichert und erweitert. “Am Schwarzen Berg” ist aber weit mehr als ein Stuttgart-Buch; mehr als ein Werk über bröckelnde Bürger-Idylle. In weiteren kunstvollen Schichten, die uns die Autorin präsentiert, entdecken wir Spuren zum langsam in Vergessenheit geratenden Hermann Lenz, vor allem aber zum unvergesslichen schwäbischen Parnass-Bewohner Eduard Mörike, dem gelernten Theologen und dichtenden Fast-Aussteiger, aus dessen Gedicht “Elemente” der Titel des Romans stammt.

Darüber hinaus gibt es in diesem Buch sehr gegenwärtige Stuttgart-Bezüge voll frischer Aktualität. So wird dieser Roman von zukünftigen Lesern, die er hoffentlich zahlreich findet, als Stimmungsbild der frühen 2010er Jahre gelesen werden können. Unter anderem dienen die Auseinandersetzungen um Stuttgart 21 als Kulisse. Der krisengetriebene Peter Rau treibt sich eine zeitlang samt Kindern in der Parkschützer-Szene herum. Während sie die Geschehnisse schildert, findet die Autorin auch noch Sprachraum um uns mit reichem Vokabular und wie nebenbei von der naturräumlichen Gegenwelt, der artenreichen Flora und Fauna, einer deutschen Metropole zu berichten.

Die Stadtbibliothek Stuttgart einst …

Traurig-schön hingegen die Schilderung des schweren Abschieds von der alten Stadtbibliothek im Wilhelmspalais, wo die langsam aber stetig im Alkohol ertrinkende Veronika Bub fast ihr ganzes Berufsleben verbracht hat und die jetzt in das neuerbaute koreanische Luftschloss nahe des bald schon ehemaligen Bahnhofsgeländes ziehen muss – nicht nur für sie ein Fast-Begräbnis. Anna Katharina Hahn betrachtet durch die Brille ihrer bibliothekarischen Protagonistin noch einmal die Athmosphäre des charmant gealterten, nicht mehr zeitgemäßen Bibliotheks-Baus:

“Im Lesesaal war es plötzlich ganz ruhig. Ein gleichmäßiges Summen und Murmeln, Blättern und Knistern durchdrang den Raum. Niemand sprach, die Leute hatten die Köpfe über ihre Bücher gebeugt. Stadtverkehr und Spatzengetschilpe aus den Büschen um das Palais drangen nur gedämpft herein… Ein paar Erschöpfte schliefen mit den Köpfen auf den aufgeschlagenen Büchern… Sie alle wurden von der großen, unangreifbren Ruhe eingehüllt, die hier herrschte und von den Tausenden und Abertausenden von Büchern bewacht wurde. Dicht an dicht postierten sie auf ihren Plätzen und bewachten jene, die hinter ihren bunten Rücken Schutz suchten”

… und heute.
Foto: Ursula Doll

Anna Katharina Hahn hat in Hamburg und Berlin studiert und wissenschaftlich gearbeitet. Heute lebt sie mit Mann und zwei Söhnen in Stuttgart. Vor den beiden Romanen wurden von ihr zwei schmale Bände mit Erzählungen veröffentlicht. Die Schriftstellerin liest am 24. April in Tübingen (20 Uhr, Museums-Saal, von Osiander veranstaltet), am 26. April in Kirchheim/Teck (20 Uhr, im Buchhaus Zimmermann) und am 15. Mai in Stuttgart-Möhringen (20 Uhr, in der Pegasus Buchhandlung).

Hahn, Anna Katharina: Am Schwarzen Berg. – Suhrkamp, 2012. Euro 19,95

Aktuell: Deutscher Bibliothekartag 2011

Zukunft für die Bibliotheken?

oder: Wie Günter Grass Bibliothekare ermuntert.

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Einmal im Jahr treffen sich Bibliothekarinnen, Bibliothekare und verwandte Berufsgruppen aus ganz Deutschland zu Fort- und Weiterbildung, zu Diskussion und Erfahrungsaustausch, auf ihrem “Bibliothekartag”. Das hat eine lange Tradition. Und so wird vom 7. bis 10. Juni, zum inzwischen 100. Mal, diese Großveranstaltung mit diesmal etwa 3000 Teilnehmern stattfinden. Tagungsort ist das geschichtsträchtige, an musischer und ethnischer Vielfalt reiche Berlin. Der Kongress hat sich das etwas unscharfe Motto “Bibliotheken für die Zukunft – Zukunft für die Bibliotheken” verordnet.

Erstaunlicherweise hat man als Treffpunkt eine Örtlichkeit gewählt, die keinerlei Nähe zu Bibliotheken oder bibliotheksnahen Einrichtungen bietet. Im “Estrel Convention Center” findet man, ganz im Sinne einer zeitgemäßen Tagungs-Ökonomie, alles unter einem Dach: Bett und Verpflegung, Tagungsräume und Firmenaustellung, selbst den finalen nächtlichen Absacker kann man an der Bar des Hauses einnehmen. Wenn Teilnehmer oder Teilnehmerin nicht will, wird wenig Außenwelt die Kontemplation stören. Man kann nur hoffen, dass soviel klausurartige Sammlung, solch weltabgewandter Einschluss, nicht zum Selbstverständnis der Berufsgruppe und ihrer Arbeitsgebiete gehört; sie brächte es sonst fertig, populäre, in breiten Kreisen im Umlauf befindliche Klischees zu bestätigen.

Bibliotheken genießen nach wie vor hohes Ansehen und oft ehrfurchtsvolle Sympathie. Auch bei dem deutschen Nobelpreisträger Günter Grass. Der 83-jährige hat nach eigenen Aussagen sein literarisches Werk im wesentlichen abgeschlossen, nimmt aber wie eh und je regen Anteil an Alltag, Politik und kulturellen Strömungen unserer Republik. Im Vorfeld des diesjährigen Bibliothekartages gab er der Fachzeitschrift “BuB -Forum Bibliothek und Information” – so etwas wie das Zentralorgan der deutschen Bibliotheks-Szene – ein leicht zerstreutes Interview.

Pflichtgemäß kritisiert der Literat die aktuelle Gefährdung der reichhaltigen deutschen Bibliothekslandschaft durch Sparmaßnahmen und mangelnde Unterstützung der verantwortlichen Politiker. Beim Zukunftsaspekt wirft er dann allerdings Überlegungen zum Buch als gedrucktem Medium, sowie der Bibliothek als Anbieter vielfältiger Informations- und Medienformen, munter durcheinander. Außerdem muss man sich fragen, ob sich jemand zum Thema wirklich sachkundig äußern kann, der berichtet: “Natürlich brauche ich für meine Arbeit viele Bücher. Die lasse ich mir aber bei Bedarf aus der Bücherei bringen.”

Bibliothekare und alle die verwandte Berufe ausüben, alle Bibliotheken, Archive, Museen und Dokumentationszentren im Land, brauchen prominente Unterstützung. Der Dank ist einem Schriftsteller sicher, wenn er uns wissen lässt: “Die Bibliothekare erfüllen eine wichtige Aufgabe … “. Mit seiner reflexartigen Abgrenzung des haptischen – und damit im Grass’schen Sinne positiven Erlebnisses – herkömmlicher Bücher und den neuen problematischen, sprich elektronischen Medien, ist für die aktuellen und kommenden Herausforderungen jedoch niemandem gedient.

“Wenn ich zum Beispiel in einer Bibliothek die Bücher an den Wänden sehe, … dann ist das etwas ganz anderes als ein Blick durch den Bildschirm in die virtuelle Welt.” Ein Satz von Günter Grass der verständlich und nachvollziehbar ist, der aber eben lediglich einen Ausschnitt der heutigen Realität erfasst. Den ebenso realen, wie raschen Wandel, die immer mehr zunehmende Komplexität und die bereits erkennbaren zukünftigen Entwicklungen unserer Medienwelt, spricht Grass in dem BuB-Interview leider nicht an.

Mit seiner, das Gespräch abschließenden Formulierung, deutet er einen Weg an, den einzuschlagen eigentlich naheliegen sollte: “Ich wünsche den deutschen Bibliothekaren, dass sie sich lauter zu Wort melden und ihre Sorgen und Nöte geschlossen vortragen … “ Man wird es gerne hören. Ob Wunsch und Forderung von Günter Grass hinter den Plattenbau-Elementen einer Berliner Hotel- und Tagungs-Burg am besten umgesetzt werden können, wird jene Zukunft zeigen, die dort zum Thema gemacht wird.

Das Interview mit Günter Grass: BuB (5) 2011, S. 354 – 356

Zurück in die Zukunft – Goethe meets Eckermann im Chat-Room

Die Deutsche Initiative Netzwerkinformation – kurz DINI – ist einer breiteren Öffentlichkeit bisher eher wenig bekannt. Das könnte sich für diese Arbeitsgemeinschaft der Medienzentren an Hochschulen e. V. (AM), der Sektion für Wissenschaftliche Universalbibliotheken im Deutschen Bibliotheksverband und den Zentren für Kommunikation und Informationsverarbeitung in Lehre und Forschung e. V. (ZKI) bald ändern. Schwerpunkte ihrer Tätigkeit sind die Förderung elektronischen Publizierens, die Entwicklung von Lernsoftware und die Förderung von Medienkompetenz an Hochschulen.

DINI hat einen spannenden Ideen-Wettbewerb ausgeschrieben. Unter dem Motto “Studentische Netzwerke: kreativ – mobil – kooperativ” werden originelle und zukunftsfähige internet-basierte Aktivitäten, Projekte, sowie Konzepte zur sozialen Vernetzung und Zusammenarbeit gesucht. Gedacht wird dabei z. B. an gemeinsames Lernen durch kreative Nutzung mobiler Endgeräte, Social Networking innerhalb eines Fachgebietes oder zu bestimmten Themen, oder neue Ansätze für den Einsatz von Netztechnologien. Eine bestimmte Richtung wird nicht vorgegeben, Fantasie und kreativen Denken keine Grenzen gesetzt.

Originell ist die zentrale Werbeaussage, mit der dieser Wettbewerb an den Hochschulen und über die Medien bekannt gemacht wird. Auf einem großformatigen Plakat sehen wir da Alexander von Humboldt, der auf seinem Laptop Tischbeins Goethe-Bildnis betrachtet und lesen den Spruch: “Humboldt und Goethe wären heute Blogger.” Witzig und graphisch gut umgesetzt. Vielleicht würde die Aussage sogar zutreffen, könnten die beiden Geistesgrößen via Zeitreise zu unseren Zeitgenossen werden. Doch wie sähe es aus, wenn wir uns die Sache einmal umgekehrt vorstellen? Setzen wir einmal voraus, Goethe und Humboldt hätte bereits zu Ihrer Zeit die heutige Informationstechnologie in all ihren Facetten zur Verfügung gestanden.

“Alles, was an und in mir ist, werde ich mit Freuden mitteilen.” So schrieb Johann Wolfgang Goethe am 27. August 1794 an Friedrich Schiller. Eine Aussage, die nahelegen könnte, dass der Dichter heute durchaus ein häufiger Nutzer sozialer Netzwerke oder diverser elektronischer Verständigungssyssteme wäre. Aktuell geht die Forschung davon aus, dass Goethe etwas 20.000 Briefe geschrieben oder erhalten hat, etwa 15.000 sind erhalten, um die 12.000 veröffentlicht.

Bis heute haben wir damit historische Quellen von unschätzbarem Wert zur Verfügung. Sie lassen nicht nur das Leben und Schaffen des Dichters, Staatsmannes, Naturforschers, Theaterleiters, Bücher- und Kunstsammlers lebendig werden, sondern geben auch Auskunft über den Literatur- und Kunstbetrieb, über Politik, Ökonomie, Handwerk, Fabrikwesen, Verkehr und über die Geistes- und Naturwissenschaften eines ganzen Zeitalters.

„Über allen Gipfeln / Ist Ruh, / In allen Wipfeln / Spürest du / Kaum einen Hauch; / Die Vögelein schweigen im Walde / Warte nur, balde / Ruhest du auch.”

Dieses Gedicht, das ursprünglich einen anderen Titel trug, wurde allgemein als “Wandrers Nachtlied” bekannt. Nehmen wir für einen Augenblick an: Goethe schrieb die berühmten, unvergänglichen Zeilen am Abend eines schönen September-Tages in einer Jagdhütte hoch über dem thüringischen Städtchen Ilmenau in seinen Blog “Gedichte*Orte*Spuren”. Gleichzeitig schrieb er sie mit Bleistift an die Holzwand des Waldhäuschens. Tatsache ist: Dem frühen Graffiti verdanken wir die Überlieferung der einfachen, genialen Verse; es wurde zur Vorlage für mündliche Weitergabe und schriftliche Aufzeichnung. Die Vermutung liegt nahe: Das Blog wäre heute nicht mehr nachweisbar.

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„Alexander von Humboldt ist diesen Morgen für einige Stunden bei mir gewesen. Was ist das für ein Mann! Ich kenne ihn so lange und bin doch von neuem über ihn in Erstaunen. Man kann sagen, er hat an Kenntnissen und lebendigem Wissen nicht seinesgleichen. Und eine Vielseitigkeit, wie sie mir gleichfalls noch nicht vorgekommen ist! Wohin man rührt, er ist überall zu Hause und überschüttet uns mit geistigen Schätzen. Er gleicht einem Brunnen mit vielen Röhren, wo man überall nur Gefäße unterzuhalten braucht und wo es immer erquicklich und unerschöpflich entgegenströmt“.

So sprach einst unser Weimarer Dichterfürst hochachtungsvoll zum treuen Eckermann, der eifrig mitschrieb – wir atmen auf, dass der Austausch nicht mit Hilfe eines chat tools stattfand – , auf dass wir noch heute in den Gesammelten Werken des Dichters davon erfahren.

Auch an Humboldts Erfahrungen, Forschungen, Erkundungen können wir nach wie vor teilhaben. Viele Erkenntnisse und Ergebnisse gegenwärtiger Wissenschaft haben ihr Fundament in den Humboldtschen Vorarbeiten. Die “Ansichten der Natur” erschienen 1808 bei Cotta, sein “Kosmos – Entwurf einer physischen Weltbeschreibung” in den Jahren 1838 bis 1848 bei Perthes in Gotha. Auch von Alexander von Humboldt liegt eine äußerst umfangreiche Sammlung von Briefen vor, die bis heute vielfach editiert und ausgewertet wurde.

Einer der bekanntesten und erfolgreichsten deutschen Romane der letzten Jahrzehnte wäre ohne diese Dokumente und Publikationen nicht entstanden. In “Die Vermessung der Welt” gelingt dem Jungautor Daniel Kehlmann ein einzigartiges Doppelportrait der eigenwilligen Gelehrten Friedrich Wilhelm Gauß und Alexander von Humboldt. Das Buch hat seinen Höhepunkt in einer recht skurrilen Begegnung der beiden, zum Zeitpunkt der fiktiven Szene, schon älteren Männer. Es ist ausgesprochen lesbar und lesenswert, millionenfach verkauft und in viele Sprachen übersetzt.
Man ahnt was nun kommen muss: Und hätte Humboldt von seinen zahlreichen Reisen und Expeditionen gebloggt, getwittert, gemailt oder gechattet…

„In der Nacht schrieb Humboldt, zum Schutz gegen das Schneetreiben zusammengekauert unter einer Decke, zwei Dutzend Briefe, in denen er Europa die Mitteilung machte, daß von allen Sterblichen er am höchsten gelangt sei. Sorgfältig versiegelte er jeden einzelnen. Dann erst schwanden ihm die Sinne.“

(Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt. – Reinbek bei Hamburg, 2005)

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In einem Aufsatz mit dem Titel “Das Buch. Nährstoff des Geistes, politische Waffe und Lebensbegleiter” (Volltext, 5.2010, S. 40 ff.) weißt die Konstanzer Literaturwissenschaftlerin Aleida Assmann darauf hin, dass es sich bei Bücherverbrennungen stets um ein Ritual der Demütigung und den Versuch der Vernichtung des Autors handelte. Als Zensurmaßnahmen waren sie nie effizient, denn irgendwo war immer noch ein Exemplar existent. Dieses hochmütige Medium war durch den Kleingeist nicht ausrottbar, denn “die Dauerhaftigkeit gedruckter Bücher geht im Druckzeitalter nicht auf das haltbare Material zurück … sondern auf ihre Vervielfältigung.” Das Buch hat schließlich 4.500 Jahre technische Evolution hinter sich und Inhalte transportiert die Nachdruck und Eindruck hinterliesen und bis heute Respekt verlangen.

Reden wir von Bloggs, Mails und Social Web, so zweifeln wir nicht nur sofort an der Langlebigkeit des technischen Mediums, sondern häufig auch an Nach- und Sinnhaltigkeit, sowie dem Niveau der transportierten Inhalte. Obwohl immer öfter gar nicht zutreffend, entstehen Unterstellung und Vorurteil über alles dort Veröffentlichte fast ohne kritische Differenzierung, während dem Buch und anderem Gedruckten oft Bedeutung und hehres Maß unterstellt wird. Das dies nicht immer und ausschließlich berechtigt ist, muss nicht betont werden. Doch analoge Medien haben sich so etwas wie eine historische und allgemein anerkannte Wertschätzung und Hochachtung erworben.

Auf jeden Fall ist sicher, dass wir bei elektronischen Medien vor der grundsätzlichen Frage stehen, was von ihnen nach Jahren und Jahrzehnten, nach mehreren Generationen von Hard- und Software, unterschiedlichen und wechselnden Standards, angesichts flottem Gehandel und Geschacher der Content-Anbieter, bleiben wird. Was wird damit in Zukunft Historikern und Verlegern, Schriftstellern und Naturforschern an Quellenmaterial zur Verfügung stehen?

Und damit sind wir wieder bei DINI, und deshalb ist der initiierte Wettbewerb eine gute Sache. Wie selten zuvor wird es immer wichtiger, Kreativität, Originalität, jugendlichen Sturm und Drang, dabei auch Überschwang duldend, anzustoßen, zu mobilisieren, dem Nachwuchs Anreize zu bieten aktiv zu werden. Vielleicht erkennen Bibliothekar, Verleger und Informationswissenschaftler späterer Generationen beim Blick in eine ferne Vergangenheit, die wir heute Gegenwart nennen, dass aus diesem Wettbewerb die ultimative Speicher-Idee, der dringend benötigte dauerhaftige Ideen-Speicher hervorging. Ob Papier oder digital: Information wird Wissen wird Bildung wird Zukunft. Da darf einfach nichts mehr verlorengehen.

So! Rum. Frankfurter Buchmesse MMX

Mittwoch und folgende

Am liebsten würde ich alle analogen und digitalen Empfangsgeräte ausschalten, alle gedruckten Massenmedien in dafür geeignete Container entsorgen, wegschauen, abtauchen, nur noch mit Lieblingsbüchern dauerschmökern, auswandern nach Polylesien, Tau und Tee trinken, Tag und Nacht von Zetteln träumen, das Westallgäu von Nord nach Süd durchwandern, in mein Tagebuch fallen, unsichtbar bleiben. Doch wenn ich geh’, geht nur ein Teil von mir und der and’re schaut zu dir.

Alle reden von Argentinien. Doch ich sehe, höre und lese nur Schweiz. Melinda Nadj Abonji gewann – Sarrazin sei dank! – mit „Tauben fliegen auf“ den diesjährigen deutschen Buchpreis. Das Schicksal einer ungarischen Familie, die aus Serbien in die Schweiz auswandern muss und deren Geschichte nun in Frankfurt und anderswo die Runde macht. Lieblich, ohne nachhaltigen Abgang. Wir sind Europa.

Dorothee Elmiger bekam neulich den Aspekte Literaturpreis des ZDF für „Einladung an die Waghalsigen“. Ich hab’s gelesen – es ist nicht viel und auch nicht lang – aber großartig und ganz eigen. Mit Mut, Phantasie und Sprachvermögen. Nicht dieses weit verbreitete Schreiben, das eine tragische Biographie erzwingt. Wenn sie das Niveau irgendwann bestätigt, können wir eine neue großartige Stimme begrüßen. Dorothee Elmiger stammt aus Wetzikon im Bezirk Hinwil und lebt jetzt – dreimal raten überflüssig – in Berlin.

Schluss mit Schweiz? Nein, einen hab’ ich noch. Beim 44. Literarischen Wettbewerb der GAD (wer es wirklich nicht weiß: Gastronomische Akademie Deutschland) bekamen die Autoren Dominik Flammer und Fabian Scheffold die „Goldene Feder“ für „Schweizer Käse“, erschienen im AT Verlag, der im schweizerischen Aarau zu Hause ist.

Und Argentinien? Der mehrfach begabte Chansonnier Michael Ebmeyer (Mitglied der Berliner Combo „Fön“) hat schon wieder einen Roman geschrieben. „Landungen“ spielt zu großen Teilen in Argentinien. Erschienen ist diese lesenswerte Zeit- und Familiengeschichte natürlich bei Kein und Aber. Ja, genau: Zürich!

Die armen Grimms. Sie kennen doch die Grimms?! Jacob und Wilhelm, die Wörter- und Märchensammler und großen Gelehrten. Früher Göttingen, später Berlin. Wie geschieht heutzutage ihren Gestalten und Geschichten, den altdeutschen Mythen, den volkstümlich romantischen Figuren? In Reckless, dem neuesten Buch der nach Amerika ausgewanderten, aber immer noch deutschsprachigen Erfolgsautorin Cornelia Funke, werden sie Opfer profitabler Umdeutung.

Birgit Dankert, längst im tätigen Ruhestand, einstmals eine meiner Lieblings-Professorinnen am Hamburger Fachbereich, erläuterte letzte Woche in der ZEIT „Warum das neue Buch von Cornelia Funke ein einziges Ärgernis ist.“

„Cornelia Funke operiert zum Teil recht erfolgreich mit der Ausstattung der Grimmschen Märchenwelt … Aber viele der Wesen, die wir aus den alten Märchen kennen, werden in Reckless einfach nur benutzt und ausgebeutet … Die ständige Aufgeregtheit, die Tücke, die Kleptomanie all der Wassergeister, Stilze, Einhörner und Wölfe, die das Buch übervölkern, schaffen immer nur kurzfristig Spannung … Sehr bedenklich ist auch das Frauenbild, das Reckless zeichnet: Reiz und Kraft der weiblichen Figuren liegen fast ausschließlich in ihren sexuellen Vorzügen. Das beliebte Klischee der gefährlichen Frau nimmt breiten Raum ein.“

Frau Dankert kritisiert den Etikettenschwindel, wenn uns weiß gemacht werden soll, es handelt sich um ein „harmloses Kinder- und Jugendbuch für jedes Lesealter.“ Ihr Fazit: „Wirklichkeit zu erkennen, zu deuten, zu bewältigen und zu überspringen – dazu taugen Märchen. Reckless gelingt das nicht. Seine Welt ist synthetisch und kommt im Leben nicht an.“ Aber alsbald als Kassenschlager in die Kinos – möchte man ergänzen, FSK ab 6 und im Sessel Mutter und Vater mit Drei- und Vierjährigen. Heute müssen Eltern ihre Kinder nicht mehr im Wald aussetzen. Es gibt subtilere Möglichkeiten der Vernachlässigung.

Falten Zitronenfalter Zitronen? Enthält Hundekuchen…? Hat die Frankfurter Buchmesse irgendwie mit Literatur zu tun? Mit Büchern schon. Bücher von Autoren die komplexe Begriffe wie (völlig willkürliches Beispiel!) „hummeldumm“ auf so und so viel Seiten exemplarisch, praktisch, lebensnah und banal glauben erläutern zu müssen. Oder Werke von Jung-, Neu- oder Eigentlichnicht-Autoren, die sich vor völlig natürlichen und weit verbreiteten Naturereignissen wie Vaterwerden und Kinderhaben ins Bücherschreiben flüchten.

Und mit E-Books hat sie zu tun. Nun schon im dritten Jahr nacheinander – in Frankfurt und in Leipzig – sind diese unheimlich im Kommen, werden zum unverzichtbaren Lifestyle-Produkt hochgepredigt. Und alle medialen Kanäle stimmen ein. Das Angebot an Hardware ist vielfältig. Was hätten’s denn gerne? Das anglophile Kindle oder den geschmeidigen Sony Reader, Bookeen Cybook Opus, Foxit eSlick oder Ectaco jetBook-Lite? Den PRS-600 Touch black, das Cybook Gen3 Gold Edition oder doch lieber das äußerst günstige Weltbild-Modell? Es gibt auch tatsächlich schon das eine oder andere Buch zum Draufladen und Runterlesen. Aber nicht für alle die gleichen. Das gilt auch für die Formate und Ausstattungsmerkmale. Unter Strom sollte es natürlich schon stehen – Stichwort: Akku-Laufzeit. Flatrate demnächst. Tolstoj und Fontane gratis dazu.

Von Bibliotheken ist und war in Frankfurt allenfalls am Rande die Rede. Die lassen sich nicht handeln und ihre Dividenden sind nicht pekuniär. Das soll sich jetzt ändern, war zu hören. Und wie Vieles kommt auch diese Idee wohl bald über den großen Teich zu uns. Unser aller Terminator und Ex-Ösi Arni gehört zu den Pionieren die hier mutig Neues wagen. In den USA werden neuerdings kommunale Bibliotheken an private Anbieter übergeben. LSSI (Library Systems and Services) ist eine der Firmen, die dieses Geschäftsfeld erschließen. Ich zitiere aus der FAZ vom 30. September: „Das Unternehmen betreibt bereits 14 Stadtbüchereien mit 63 Zweigstellen, die meisten davon im krisengeschüttelten Bundesstaat Kalifornien, wo Gouverneur Arnold Schwarzenegger gegen die chronische Finanznot kämpft … Jüngst hat es (LSSI) den Auftrag bekommen, drei Büchereien in Santa Clarita (Los Angeles County, 170.000 Einwohner) zu managen. Dort will LSSI-Vorstandchef Frank Pezzanite rund eine Million Dollar jährlich einsparen.“

Über die Buchmesse wird viel gesendet und geschrieben. Lesen Sie einfach was Sie wollen oder lassen Sie es bleiben. Nicht versäumen sollten Sie allerdings den Buchmesse-Blog von Andrea Diener auf faz.net. Das ist auch Tage und Wochen danach noch lesens- und – wegen der photographischen Fähigkeiten der Autorin – auch sehenswert. Sehr interessant und auf bestem Niveau sind zudem zahlreiche Kommentare, die den Berichten jeweils prompt folgen. Allerbeste Diskussionskultur, wie man sie im web nur selten findet.

Sonntag-Abend

Der Kaffee wird kalt. Auf meinem Schreibtisch liegt ein knittriger Gutschein für das „Café der Verlage“, zu finden auf der Frankfurter Buchmesse in Halle 3.1, zwischen Gang L und M. Dafür hätte ich wahlweise einen Espresso oder einen Café Latte bekommen. Eigentlich schade, wenn man die Verpflegungspreise auf der Frankfurter Messe kennt. Aber zu verkraften. Dafür gönne ich mir, wenn ich hiermit fertig bin, einen kräftigen Schluck argentinischen Roten und ein großes Stück reifen Emmentaler.

Von GRA bis GRI

„Grimms Wörter“ von Günter Grass


Jacob Grimm wurde 1785 geboren, sein Bruder Wilhelm ein gutes Jahr später. Die Kindheit verbrachten die Geschwister in Hanau, besuchten das Gymnasium in Kassel, studierten in Marburg Jura und beschäftigten sich schließlich ein Leben lang mit Sprache und Literatur. Berufliche Laufbahnen, vor allem akademische, folgten noch keinen normierten Bologna-Schmalspuren, allerdings konnten sie häufig Mann und Familie nicht ernähren.

Fast zweihundert Jahre vor Einführung aller Segnungen und Plagen elektronisch gestützter Kommunikation, tauschten Menschen, die sich und anderen etwas zu sagen hatten, Briefe aus. Das bedingte zumindest bescheidene Kenntnisse und Fähigkeiten, die damals keineswegs weit verbreitet waren. Wilhelm Grimm bevorzugte ab seiner Göttinger Zeit übrigens die konsequente Kleinschreibung und gab also unwissentlich den frühen Schreib-Reformer radikalster Ausprägung. Vor einigen Jahren wurde eine kritisch-kommentierte Ausgabe der Briefe der Brüder in Angriff genommen. Die Zahl der vorliegenden, bzw. bekannten, Einzelbriefe wird derzeit auf 38.000 geschätzt. Sie dienten Günter Grass als Hauptquelle für seine Erzählung über die Grimms, ihre Lebensumstände und die Arbeiten am großen Deutschen Wörterbuch.

1830 kamen Jacob und Wilhelm als Bibliothekare und Hochschullehrer nach Göttingen. Gut sieben Jahre später zogen sie wieder von dannen – nicht freiwillig. Wie sah es aus, das Göttingen dieser Zeit?

„Die Stadt Göttingen, berühmt durch ihre Würste und Universität, gehört dem König von Hannover und enthält 999 Feuerstellen, diverse Kirchen, eine Entbindungsanstalt, eine Sternwarte, einen Karzer, eine Bibliothek und einen Ratskeller, wo das Bier sehr gut ist. Der vorbeifließende Bach heißt ‚die Leine‘ und dient des Sommers zum Baden …  Die Stadt selbst ist sehr schön und gefällt einem am besten, wenn man sie mit dem Rücken ansieht … Im allgemeinen werden die Bewohner Göttingens eingeteilt in Studenten, Professoren, Philister und Vieh, welche vier Stände doch nichts weniger als streng geschieden sind. Der Viehstand ist der bedeutendste.“

Diese launische Schilderung verdanken wir Heinrich Heine, der ebenfalls einige Jahre in Göttingen lebte, dort mehr oder weniger studierte und 1824 von hier zu einer Harz-Reise aufbrach, aus deren Schilderung diese Zitate stammen.

Jener König, Ernst August von Hannover, war es, der eine ihm zu liberale, von den Ständen beschlossene Verfassung, außer Kraft setzte und eine konservativ absolutistische für sein Land und seine Georgia Augusta verordnete. Das erregte den Unmut etlicher Professoren, die Legende spricht von sieben, die eine „Protestation“ verfassten und veröffentlichten. Jacob Grimm gehörte dazu, Wilhelm, er hatte Familie, enthielt sich. Und da Landesherren damals kritische Lehrkörper keineswegs schätzten, mussten die Aufsässigen Stadt, Universität und Ämter im Jahr 1837 verlassen.

Ein Glücksfall für die deutsche Philologie. Denn alsbald kamen die Leipziger Verleger und Buchhändler Reimer und Hirzel auf die Brüder zu, um sie für das (im heutigen Sprachgebrauch) Wörterbuch-Projekt zu gewinnen. Von Hirzels Stuttgarter Nachfolge-Unternehmen wird es noch heute verlegerisch betreut, es erscheinen immer wieder neue Nachträge, Auflagen, Ausgaben.

Was hier nur stichwortartig skizziert wird, stellt Günter Grass in seinem neuesten Buch ausführlicher, hintergründiger und natürlich sprachgewandter dar. Er gibt sich dabei sogleich und unumwunden als großen Bewunderer der Grimms und ihrer vielfältigen Werke zu erkennen, nicht ohne noch etwas Raum für eigen Werk und Weg zu lassen. „Grimms Wörter“ ist ein Buch über Sprache, ihre Geschichte, ihre Wirkung, über die Persönlichkeiten und Wissenschaftler Jacob und Wilhelm Grimm und nicht zuletzt über den Dichter, Künstler, kritischen Zeitgenossen und Erz-Demokraten Günter Grass aus Danzig.

Es ist sein drittes biographisch hinterlegtes Buch. In „Das Häuten der Zwiebel“ schildert er ein Kind und einen jungen Mann aus Danzig der mal Protagonist, mal Verfasser ist. „Die Box“ setzt sich mit dem „familiären Kuddelmuddel“ auseinander, zu dem Grass Leben mit seinen Beziehungen und den daraus hervorgegangenen Nachkommen und Verwandtschaftsbeziehungen nach eigener Aussage ein Stück weit geriet.

Der erzählerische Hauptgegenstand in „Grimms Wörter“ ist das Wörterbuch. Es ist die Hauptfigur. Weitere sind Jacob und Wilhelm Grimm, die zuvor schon die bekannten Kinder-  und Hausmärchen und eine mehrbändige deutsche Grammitik herausgebracht hatten, sowie der Verfasser. Jedes Kapitel enthält neben der Geschichte des Wörterbuchs und Geschichten über sein Entstehen und die an ihm arbeitenden Brüder, auch eine Portion Grass. Da geht es unter anderem um die politischen Aktivitäten in den 1960er und 1970er Jahren. Der Rufmord an Willi Brandt aus „allerchristlichstem Mund“ – dem Konrad Adenauers – hat Grass endgültig „aufs politische Gleis gebracht“. Auf ihm ist er geblieben, bis heute, zumal er in späteren Jahren ebenfalls Verbal-Entgleisungen ausgesetzt war, als ein Franz Josef Strauß bundesdeutsche Intellektuelle und Künstler als „Ratten und Schmeißfliegen“ bezeichnete. Grass schreibt über Weggefährten, wie Heinrich Böll, Carola Stern, Leo Bauer, Yasar Kemal oder Erich Loest, über seine Erlebnisse mit der Gruppe 47, das Entstehen seiner Bücher in diesen Jahrzehnten und berichtet auch über seine Tätigkeit als bildender Künstler.

„Grimms Wörter“ trägt den Untertitel „Eine Liebeserklärung“. Diese macht Günter Grass in erster Linie der deutschen Sprache. In neun Kapiteln von  A, wie „Im Asyl“ bis Z, wie „Am Ziel“, geht es immer wieder um den Wortreichtum, um Veränderungs- und Deutungsmöglichkeiten der sogenannten „Muttersprache“. Die Mythologie der Mütter und Frauen, auf die Grass in seinem Werk gerne anspielt, beginnt mit Eva. Über das Wörtersammeln im Alltag der beiden Brüder schreibt Grass im fünften Kapitel, das dem E gewidmet ist und den Titel „Der Engel, die Ehe, das Ende“ trägt: „Jedenfalls stelle ich mir ein erregtes, aber nicht immer vom Ernst ernüchtertes Hin und Her vor. In meiner Einbildung, die gerne lebhafte Szenen entwirft, bewerfen sie sich mit Wörtern wie Elle und Ecke, erschrecken einander mit Einsilbern wie Eis und Ei. Ehrlos folgt ehrlich. Was mit Zitaten der Ewigkeit einverleibt ist, erhebt oder erheitert sie.“ Wie einst in seinem Erfolgsbuch „Das Treffen in Telgte“ gelingt es Grass erneut über Sprach- und Kulturgeschichte Menschengeschichte deutlich zu machen, Ereignisse, Lebensumstände, Mühsal und Freuden des Alltags. Es ist in jeder Hinsicht der alte Grass, der hier auf der Höhe seines erzählerischen Könnens kurzweilig und spannend schreibt – „weil eitler Ehrgeiz juckt“, wie er unter erneutem E-Einsatz gesteht.

Der junge Autor der Blechtrommel hatte seine verlegerische Heimat einst bei Luchterhand gefunden. Bei diesem literarischen Verlagshaus in Neuwied blieb er lange Jahre. Als der Verlag verkauft wurde und seine Programm-Politik änderte, orientierte sich Grass neu und wechselte zu Steidl, der ihm „als leidenschaftlicher Büchermacher bekannt war …  Er (Steidl) betreibt in verwinkelten Göttinger Altstadthäusern seinen Verlag mit Druckerei … (und ist) … ins Büchermachen vernarrt.“

So war es kein Zufall, dass die Ur-Lesung aus diesem „neuen Grass“ in der nunmehr freiheitlich niedersächsischen Georg-August-Universität zu Göttingen stattfand. Besucher, die dazu an die Leine gekommen und vorher vielleicht noch nie oder selten in die niedersächsische Wissenschafts-Stadt gefunden hatten, waren möglicherweise überrascht, dass sie diese, im Vergleich mit Heines Schilderungen, doch deutlich verändert vorfanden. Vieles wurde seitdem besser! Durch die Weender Straße ziehen nur noch selten trunkene Studenten-Gruppen, sie ist inzwischen zu einer der meistfrequentierten Shopping- und Flanier-Meilen unserer zweiten oder dritten Republik geworden. Schummrig staubige Buchhandlungen, Antiquariate und miefig bierdünstelnde Kneipen wichen und weichen immer mehr den licht einladenden Filialen internationaler Mode- und Ramsch-Ketten. Die Würste sind schlechter geworden seit dunnemals, umso lieber sprechen die Menschen den Angeboten der Fast-Food-Tempel, Kebab-Imbisse und asiatischen Gar-Küchen zu.

Am auffälligsten sind jedoch die Veränderungen, welche die Universität während zweier Jahrhunderte erfuhr. Sie hat ein Vielfaches an Mitgliedern, als die Stadt zu Heines Zeit Einwohner. Die Lehre und Forschung dienenden Gebäude sind kaum noch zu zählen, der Campus ist weitläufig. Aus der Bibliothek wurde eine der größten des ganzen Landes und die Studenten hören die Lesungen ihrer Dozenten nicht mehr im schlecht geheizten Professoren-Haus, sondern finden sich in großen warmen Hörsälen zusammen. In einem der größten dieser modernen Versammlungsräume, trug an einem herbstlichen Tag im frühen September – draußen ließen die Platanen erste müde Blätter fallen – vor vollen Reihen Günter Grass aus „Grimms Wörter“ vor.

Und wenn dieser Mann liest, vergisst der gefesselte Zuhörer schon nach wenigen Augenblicken sogar die unbequem eng und steil aufgestellte Sitzmöbelei des akademischen Auditoriums. Grass ist der beste Vorleser seiner Werke; er artikuliert, betont und dramatisiert großartig. Er, der im Oktober 83 Jahre alt wird, wirkt dann jung, kraftvoll, unmittelbar. Seine Bücher und die darin enthaltenen Geschichten sind so geschrieben, dass sie ihre ganze Wirkung gerade durch gekonntes Vorlesen erzielen. Dass dies der Autor selbst übernahm an diesem Abend, dafür dankte man mit herzlichem Beifall.

Anschließend kam Grass mit dem Göttinger Literaturwissenschaftler Heinrich Detering noch recht angeregt ins Gespräch. Dabei ließ er die neugierig interessierten Anwesenden – unter ihnen auch nicht wenige Teilnehmer eines zeitgleich stattfindenden Kolloquiums der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft, dem auch Professor Detering für wenige Stunden entschlüpft war – nicht im Unklaren, dass „Grimms Wörter“ wohl sein letztes literarisches Werk bleiben wird. Er sei ausgeschrieben und müsse sich mit der Tatsache einer gewissen Todesnähe ohnehin arrangieren. Doch von Untätigkeit kann keine Rede sein. In nächster Zeit will er zeichnen. Zum 50. Jahrestag des Erscheinens seiner „Hundejahre“ möchte er eine Jubiläumsausgabe mit Radierungen illustrieren. Es war Rührung zu spüren, als der große alte Künstler, eine der markantesten deutschen Gegenwarts-Figuren, den Saal verließ.

Wir halten inzwischen sein vielleicht schönstes Buch in Händen. Ein Gesamtkunstwerk, das seines gleichen sucht: Es entstammt der ganzheitlichen Steidlschen Buch-Manufaktur, gestaltet von Günter Grass, Gerhard Steidel und Sarah Winter, gesetzt aus der Bodoni Old Face, auf holzfreiem 115g-Papier aus der Papierfabrik Schleipen gedruckt, gebunden in der Leipziger Kunst- und Verlagsbuchbinderei. Günter Grass selbst schuf die zahlreichen farbigen Buchstaben-Vignetten der Kapitelanfänge, die uns in unterschiedlicher Farbgebung auf dem Leinen-Einband, dem Schutz-Umschlag und der Schutz-Hülle wiederbegegnen.

Natürlich ist dieses Buch unbedingt lesenswert, doch darüber hinaus besonders wert besessen, gesammelt und bewahrt zu werden. Es ist zudem bestens geeignet den Bücherfreund, den Liebhaber feiner Druck- und Bindekünste, in das möglicherweise bevorstehende PostPrint-Zeitalter zu begleiten.

„Ach, alter Adam“: Nach diesem Abend in Göttingen hoffen wir einmal mehr, dass Günter Grass nicht klein beigeben, dass er Demokratie, Sprache und Verfassung unserer Republik gegen demagogische Pfuhler und Rattenfänger aller Art auch in Zukunft verteidigen wird, dass er sich weiter einmischt, uns als deutlich vernehmbar kritischer, skeptischer Zeitgenosse und geistreicher Begleiter noch lange erhalten bleibt.

Grass, Günter: Grimms Wörter. Eine Liebeserklärung. – Göttingen : Steidl, 2010. Euro 29,80

Heine, Heinrich: Die Harzreise. Zitate nach der Ausgabe: Stuttgart : Reclam, 1967

Das aktuelle Foto im Kopf des Blogs zeigt rechts das Kirchenschiff der ehemaligen Pauliner-Kirche, zu Grimms Zeiten das Zentrum der Universitäts-Bibliothek, heute u. a. ein repräsentativer Tagungsraum.

Das Porträt zeigt links Wilhelm und rechts Jacob Grimm. Es stammt von der dänischen Malerin Elisabeth Jerichau-Baumann (1819 -1881) und kann in der Nationalgalerie zu Berlin besichtigt werden.

So! Rum. Der Februar MMX

Kehraus. Tarrää, Tarrää – wenn ich diese Narren seh! Meine GEZ-Zwangs-Abgaben werden zweckentfremdet, alle öffentlich-rechtlichen Kanäle mit Faschingfasnachtkarnevaleinerlei verstopft. Und wenn nicht, wird geboxt. Literatur wenn überhaupt, verschoben und verschoben. Eine halbe Stunde Thea Dorn oder Felicitas von Lovenberg oft mehr als hinter Mitternacht.

Fremdsprachen. Dass ich einmal Mitleid mit MP a. D. und Neu-Kommissar Günther Ö. haben würde, wäre mir eigentlich in keinem meiner stets originellen Alpträume eingefallen. Doch die Einheits-Häme aller Medien – Ausgangspunkt YouTube, und alle schadenfreuen nach – macht es möglich. Das hat niemand verdient. Selbst wenn er, wie Günther Ö. den Stolz nicht aufbringt, Deutsch zu sprechen, wenn er Englisch eigentlich nicht kann. Lech Walesa spricht zu jeder Gelegenheit bei der man ihn noch zu sehen bekommt Nord-Polnisch. Sarko mit der ihm angetrauten Italienerin und auch dem Rest der Welt Französisch. Sogar der Ratzinger-Papst sagt’s in Latein. Jeder darf seine Muttersprache sprechen, nur der… naja sie wissen schon. Nein, einen Link zur Peinlichkeit gibt’s hier nicht – wo kommen wir denn da hin?

Wetter. Winter ade? Sprechen wir vom Wetter und gewöhnen wir uns daran, dass unser metereologisches Vokabular, über den von allen Stimmbändern artikulierten Klimawandel hinaus, noch andere interessante Wortbildungen bereit hält: Eiszeit, Zwischeneiszeit, Kälte-Phase, Warm-Phase. Mein Liebling: Würm-Eiszeit! Fürs Dichter-und-Denker-Land selbstverständlich, dass es zu allen Problem-Themen passende Autoren mit marktgerechtem Reaktionsvermögen gibt, die rasch unterhaltende Orientierung parat halten. Jetzt erschienen und unbedingt lesenswert: Franz Schätzchen: Der Schal. – Wiepenheuer & Kitsch, 2010. 2656 S. Euro 51,99.

Zitat 1. „Das Plagiat: Was ist es im letzten Grunde andres als Selbsterkenntnis? Dass dem Betreffenden das fehlt, was er nimmt?“ Meinte der akribische Arno Schmidt irgendwann einmal.

Szene (= Berlin). Ein Buch zu schreiben, war ja schon öfters probates Mittel postpubertärer Mädels ihr Taschengeld aufzubessern. Dass man aber dermaßen das deutsche Feuilleton rockt, wie jene Jung-Autorin, die diesen Monat 18 wurde, ist schon eine ganz neue Dimension. Und natürlich nomiert für den Preis der Leipziger Buchmesse (siehe ganz weit unten), weil sie angeblich wirklich schreiben kann. Echt? Darüber wird noch zu reden sein – in frühestens zwanzig Jahren. Zu schnell entstehen heute Helden.

Zitat 2. „Der Fall Hegemann lässt in mir den dringenden Wunsch, nein, die aufrichtige Bitte aufkommen, dass sich die Literaturkritik hierzulande endlich weniger um Hypes oder die Biografie eines Autors kümmert und mehr um seinen Text.“ Der Schriftsteller Thomas von Steinaecker in „Börsenblatt“ 6.2010, S. 13.

Sport. In Vancouver hat das Gladiatorentum inzwischen Ausmaße angenommen, die stark an griechisch-römische Dekadenz im Endstadium erinnern. Und hierzulande mußte einmal mehr eine Gruppe älterer Herrn erkennen, dass Sexualität im Leben der Männer durchaus vorkommen kann. Nein, nicht die! Hier ist die Ober-Clique vom DFB gemeint, dass sind die, die für Fussball-Götter zuständig sind. Götter pflegen ja tradionell (siehe: griechische, siehe: römische) ein rechtes Lotterleben. Einige gemeine Stadion-Gänger-Sänger hingegen habens schon immer gewußt: „Schiri du schwule … !“.

Krieg. Oberfeldwebel Evi Sachenbacher-Stehle. Hauptfeldwebel André Lange. Hauptfeldwebel Tobias Angerer. Unteroffizier Andreas Wank. Deutsche Medailliengewinner in Kanada. Wer verteidigt eigentlich Freiheit und Vaterland am Hindukusch, wenn sich ein großer Teil der VondeutschenBodendarfniewiederKriegausgehen-Armee auf der Jagd nach Auszeichnungen durch olympischen Schnee kämpft?

Aus meinem Lese-Tagebuch. Viel Vergnügen bereitet hat mir diesen Monat die Lektüre von Thomas Glavinics „Das bin doch ich“, das mir bei einem anderen geplanten Einkauf, recht überraschend in die Finger geriet und als Spontan-Kauf noch am selben Abend angelesen wurde. Am Ende dieser äußerst witzigen Selbst-Darstellung und kultur-, bier- und weinseeligen Wien-Odysee eines jungen, nach Short-List-Präsenz lechzenden Autors, stellt sich dem Leser die spannende Frage, ob Thomas G. noch immer mit Daniel K. befreundet ist. Man wird der Ösis ja nicht müde. Deshalb bin ich jetzt mit dem neuen Hochgatterer beschäftigt. Dazu. Bald. Hier. Mehr.

Ausblick. Im Märzen der Bauer die Rösslein einspannt. Er reitet nach Leipzig. Und schon wieder ein Buchpreis, samt Shortlist: Faktor, Georgs Sorgen. Hegemann, Axolotl (das gäbe Taschengeld!). Klein, Roman unserer Kindheit. Seiler, Die Zeitwaage. Weber, Luft und Liebe. (Und Glavinic wieder nicht drauf!)

Ich bin am Ende. Diesmal fehlen zwei oder drei Tage, je nach Sichtweise, außerdem große Teile des inzwischen gewohnten winterlichen Nacht-Dunkels; wir vermissen die Schneemänner, übrig geblieben sind dreckige schmelzende Torsi; der WSV ist schon vorbei, die Berlinale auch, Stars und Sternchen weg – und Guido W.? Liegt dekadent dahingestreckt in der Hängematte. Im Schlaraffenland für wohlgeborene Politik-Profis. Und wirft mit gebratenen Tauben nach jenen in den dürren Ebenen, die nicht jedes global-urbane Tempo mitgehen durften, konnten oder wollten.

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Hypotext

Nach DNB und DDB: Die DLB kommt! Lange herrschte Funkstille, doch nun gibt es hoffnungsvolle Signale aus Raisting und Polling. Was bisher geschah: Am 29. Juni 2006 trat bekanntlich das neue „Gesetz über die Deutsche Nationalbibliothek“ in Kraft. Es benannte die Bibliothek mit ihren von blühenden Vorgärten umgebenen Häusern in Leipzig, Frankfurt am Main und Berlin in Deutsche Nationalbibliothek um. Dieser bibliothekarische Kraftakt fand 2008 seinen vorläufigen Abschluss: Im Oktober jenes Jahres erlies die Bundesregierung die Pflichtablieferungsverordnung, die die bisherige Pflichtstückverordnung ablöste. Damit war Kraft gewonnen für neue Aufgaben. Folgerichtig wurde am 8. Dezember 2009 in Stuttgart, im Rahmen des jährlichen IT-Gipfels und in Anwesenheit der Frau Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel, das Projekt DDB präsentiert. Die Deutsche Digitale Bibliothek wird einen zentralen Zugang zu digitalem Wissen und Kultur in Deutschland bieten. Sie eröffnet großartige Perspektiven für die innovative und zukunftsorientierte Nutzung digitaler Medien und setzt Zeichen für die Etablierung der Wissens- und Informationsgesellschaft in der Bundesrepublik. Diesen beiden tragenden Säulen der Informations-Landschaft wollen nun namhafte Experten aus Bibliotheks-, Informations- und Archivwesen eine weitere hinzufügen. Nach monatelangen Vorberatungen, Ausarbeitung meilensteingepflasteter Konzeptionen und der Sicherung einer zukunftsorientierten Finanzierung, geht am 10. März 2010 „Die letzte Bibliothek“ (DLB) mit Häusern in Raisting und Polling an den Start. Mehr dazu. Demnächst. An dieser Stelle.