Stuttgarter Antiquariatsmesse

„Der Umgang mit Büchern bringt die Leute um den Verstand.“ Erasmus von Rotterdam (1465 – 1536)

Wenn eines nicht mehr allzu fernen Tages, alle Texte und Inhalte, alle Erzählungen, Gedichte und Abhandlungen in die Netze der Smart-Phoniker und Kindle-Händler gegangen sein werden, wenn große Teile allen Wissens und Seins im Riesenreich der allgewaltigen Google oder zweitverwertender Schein-Realitäten verschwunden sind, dann wird dennoch ein kleines Häuflein unerschrockener, unbekehrbarer Haptiker übrig bleiben, das unbeirrt weiterhin mit beiden Händen nach gebundenem Papier und gedruckten Texten greift; schrullige Nostalgiker für die die digital fixierte Masse nur wenig Verständnis aufbringen und deren geistige Gesundheit und Gegenwartstauglichkeit von der applikativ operierenden Mehrheit permanent in Frage gestellt werden wird. Menschen, die das analoge Potential haben, dieser buchaffinen Resterampe anzugehören, trifft man kommendes Wochenende in Stuttgart.

Vom 29. bis 31. Januar 2010 bietet der museale Rahmen des Württembergischen Kunstvereins am Stuttgarter Schloßplatz das stilvolle Ambiente für einen der Höhepunkte im Kalender der Buch-Liebhaber. Auf der 49. Stuttgarter Antiquariatsmesse präsentieren Antiquare aus Deutschland, Australien, Frankreich, Italien, Großbritannien, den USA, Österreich, Frankreich, der Schweiz und den Niederlanden wertvolle Manuskripte, Bücher, Autographen und Graphiken aus 5 Jahrhunderten Buchdruck und Buchkunst. Sie verwandeln den Württembergischen Kunstverein für ein Wochenende in einen Marktplatz der Bibliophilie.

Einen Überblick über das Angebot gibt der Messekatalog online.

Doch es wird rund um die Messe noch mehr geboten: Die Geschichte eines jüdischen Jugendbuchverlages in Stuttgart 1939 bis 1945, Antiquare und Antiquariate im Porträt, ein Lesevergnügen für die jüngsten Sammler: Die Ausstellungen, Lesungen und Publikationen rund um die Stuttgarter Antiquariatsmesse sorgen für weitere interessante Eindrücke und Erlebnisse und machen die drei Tage zu einem ganz besonderen Ereignis für Händler, Bibliophile und Sammler – und solche, die es noch werden wollen.

Hier kann also noch einmal zugegriffen und Vorrat für Zeiten des Mangels beschafft werden. Bald werden aus bunten Bestsellern gefragte Rara und aus Rara gänzlich Vergriffenes. Längst ist der Apple gepflückt, die Vertreibung aus dem Paradies vielfältiger, lehrreicher, unterhaltsamer Büchersammlungen und Bibliotheken, die ihren Entdeckern viele Menschleben lang immer wieder Neues, Überraschendes und Erstaunliches boten, in vollem Gange. Wer dann kein Buch zu Hause hat, findet keines mehr.

Frankfurt, Ulm und Donaustrand

„Ich war zwischen den Dingen etwas, das da nicht hingehört.“

Nachdem wir wussten, weil es ein Herr mit skandinavischem Akzent verkündet hatte, dass Herta Müller den Nobelpreis bekommen würde, waren die Ulmer Buchhandlungen am LIMIT. Ein Streifzug durch die Läden in den Tagen nach dem Tag X, offenbarte manches SYMBOL. Allerhand Engel, Elfen und bissige Vampire. Von Verblendung bis Verdammnis – alles im Angebot. Aber nichts Lesbares der ausgezeichneten Rumäniendeutschen. „Atemschaukel“, vor kurzem in knapper Auflage erschienen, musste erst wieder in Auftrag gegeben werden. „120 Tausend in einigen Tagen“, verkündete der Verlag zuversichtlich. Es dauerte dann doch etwas länger, bis die Promi- und Sensationslust der Käufer das Werk sogar im Verkaufs-Ranking bei Amazon nach oben spülen konnte.

Mueller_23391_MR.inddHarte Zeiten für Herta. Von leichtem Infekt genesen, konnte sie Spotlights und Beifallsstürmen auf der Frankfurter Bühne nicht mehr entkommen. Selten hat eine Autorin, ein Autor, nach solcher Auszeichnung, so sehr unser Mitleid verdient. Mit schmalen Schultern und hängendem Kopf stand da eine kleine Frau vor vielen Menschen, die gar nicht mehr aufhören wollten mit Klatschen. Es war auch die Bitte um Absolution, weil man sehr wohl wusste, wie wenig ernst und wichtig man gerade diese Autorin vor dem 8. Oktober genommen hatte. Derweil übte sich ein Frankfurter Meta-Kritiker in ungewohntem Schweigen, das er wahrscheinlich für beredt hält.

Herta Müller und ihr Werk waren schon früher mit zahlreichen Preisen bedacht worden. So zum Beispiel mit dem ebenfalls sehr hoch dotierten „International IMPAC Dublin Literary Award“, den sie für die englische Übersetzung von „Herztier“ bekam. Zwei Besonderheiten hat diese Auszeichnung. Von dem außergewöhnlich üppigen Preisgeld (Euro 100.000) geht ein Viertel an den Übersetzer. Und am Preis beteiligen sich neben dem Hauptsponsor IMPAC auch die Kommune Dublin und deren Bibliotheken. Jetzt suchen wir die deutsche Stadt (SDDS) und das zugehörige Erfolgsunternehmen, die dem irischen Beispiel folgen!

Messe-Berichterstattung aus Frankfurt und im Frühjahr aus Leipzig ist ja inzwischen eine ganz eigene Literaturgattung geworden. Wenn es da für Spitzenleistung einen Preis gäbe, hätte diesen sicher Andrea Diener verdient. Ihr Blog ist ganz nah dran an den Stimmungen und der Autorin gelingt es wundervoll, diese ihren Lesern zu vermitteln. Unbedingt vorbeischauen!:

Zu Andrea Diener

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Claudio Magris, der diesjährige Preisträger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, ist ein italienischer Germanist. Warum kommt einem diese Berufbezeichnung nur so absurd vor? Kleiner Riese quasi ähnlich absonderlich und selten. (**) Und er – die Ulmer wird es wundern – er hat die Donau als verbundenen und verbindenden Kulturraum entdeckt. Lange vor Langer. Auf einer Flussfahrt mit Buch. Genau betrachtet ist er der originäre Erfinder aller Donaufeste. Zu schön um wahr zu sein, wenn er beim nächsten in Ulm zu Gast wäre.

Und dann schon wieder dieser E-Book-Hype. Zum Gähnen. Toll so ein Kindle! Teuer in Dollar. Was wir lesen dürfen bestimmt Amazon. Nur amerikanische Bücher und Zeitungen drauf. Das Ding ist in aller Munde und vor aller Augen, aber nicht wirklich dabei. Sony-Reader dito. Fortsetzungen folgen. The same procedure next spring in Leipzig. Aufregen nützt nichts. Angst haben vor der Entwicklung auch nicht. Am Ende entscheiden wir selbst, ob Bücher als Haupt-Trägermedium für schöne Literatur verschwinden werden.

Die meisten Chinesen sind nun auch zurück in China. Der eine oder andere Dissident, Kulturschaffende oder Wok-Betreiber hat es vorgezogen hier zu bleiben. Die anderen kommen aber eines Tages wieder. Sie werden es sein, die das ultimative E-Book mitbringen. Den Toyota-Suzuki-Volkswagen der Reader. Den haben dann aldi Lidls für wenig Penny im Angebot. Mehr Plus für Netto. Dann gibt es für den ganzen Druckramsch nur noch Joker. Aber bis dahin haben wir schließlich auch das letzte Feuchtgebiet trockengelegt, hat die Stadt Berlin einen ausgeglichenen Haushalt und Guido Westerwelle die absolute Mehrheit. Also, was kann uns da heute schon passieren?

Sopho„Sophokles war 84, als er die Antigone schrieb, da habe ich noch fast zwei Jahre Zeit.“ Sagte Martin Walser. Er war letzten Herbst in China auf Lesereise. Er wird dort viel übersetzt, gelesen und geschätzt. China hat eine lange Tradition im ehrenden Umgang mit weisen alten Männern. Deutschland im missverstehen wollen. Martin Walser hat es in China gefallen. Und so kam es, dass in Frankfurt Chinesen gerne über den Dichter vom großen Wasser sprachen und dass Martin Walser von China schwärmte. Aber das fiel kaum jemandem auf und kam in den Medien fast nicht vor. Dabei hätte gerade dies wirklich interessant, wichtig, erfreulich und verbindend sein können.

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(**) Kleine Verbeugung vor dem Meister des prädikatfreien Satzbaus. Weil, Bewunderung quasi Hilfsausdruck: Haas, Wolf: Der Brenner und der liebe Gott. – Hoffmann und Campe, 2009. Euro 18,99

Was Wille meint

GrundgesÄtzliches

Im Mai 1830 versammelten sich etwa 30.000 Menschen zum Hambacher Fest auf dem gleichnamigen Schloss, nahe Neustadt an der heutigen Weinstraße. Bei der Versammlung handelte es sich um kein lustig, lustvolles Freizeit-Event sondern um einen ersten Höhepunkt fundamentaler frühliberaler, bürgerlicher Opposition. Die Hauptforderungen der Festteilnehmer waren Meinungs- und Pressefreiheit, religiöse Toleranz, nationale Einheit und Einführung allgemeiner Bürgerrechte. Die Zensurbestimmungen waren zu dieser Zeit in allen deutschen Staaten sehr streng, in der Pfälzer Region, die unter bayerischen Herrschaft stand, waren sie 1830 noch zusätzlich verschärft worden. Ein Besuch dieser gut restaurierten und erhaltenen Schloßanlage lohnt heutzutage allemal. Malerisch inmitten von Weinbergen gelegen, hat man einen weiten Ausblick über die Rheinebene. Nicht versäumen sollte man den Besuch der Daueraustellung „Hinauf, hinauf zum Schloss!“, die eindrucksvoll die deutsche Demokratie-Geschichte präsentiert.

Im Mai 1949 wurde in Bonn am Rhein vom Parlamentarischen Rat, dem verfassungsgebenden Organ der neuen deutschen Republik, festgestellt, dass das neue Grundgesetz von mehr als zwei Dritteln der Volksvertretungen der deutschen Länder angenommen wurde und damit in Kraft tritt. Dort heißt es im Kapitel I, Artikel 5:

„Jeder hat das Recht…sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt…Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei.“

Wie ist es nach sechzig Jahren mit diesen Rechten beschaffen? Welche Rolle spielen dabei insbesondere die Bibliotheken im Lande? Der kausale Zusammenhang zwischen dem populär „Informationsfreiheit“ genannten Grundrecht und den Bibliotheken war eigentlich immer offensichtlich und wurde nie ernsthaft in Frage gestellt. Lange Zeit genügte es, sich während eher spärlicher Öffnungszeiten in die nächstgelegene Bibliothek zu begeben und in gefüllten Regalen einen fülligen Kosmos an Wissen, Information und Bildung zur Verfügung zu haben. Wollte man Teile davon für eine begrenzte Zeit bei sich zu Hause auswerten, war dies meist einfach und kostenfrei möglich.

Ganz anders heute. In vielen Bibliotheken kann ich als gemeiner Bürger inzwischen zwar fast rund um die Uhr eintreten und einen Leseplatz einnehmen, doch mit den entnehmbaren Informationen ist es nicht mehr weit her. Viel Gedrucktes hat eine Metamorphose in elektronische Formen durchgemacht, die Bibiotheksverantwortlichen haben Lizenzverträge geschlossen und Nutzungsvereinbarungen unterschrieben. Der Nutzerkreis wurde eingeschränkt, es wurden rationierte Authenfizierungen ausgegeben. Weite Kreise der Bevölkerung wurden von Inhalten ausgeschlossen. Zudem wurden Nutzung und vor allem Ausleihe in der Regel gebührenpflichtig, Formen der Dokumentenlieferung restriktiver und teurer. Wie ungehindert können wir uns also „unterrichten“? Ist der Zugang immer noch „ungehindert“, wenn ich einem bestimmten Personenkreis angehören oder inzwischen nicht unerhebliche Mittel dafür aufwenden muss?

Sind Presse, Funk und Fernsehen frei? Ist die „Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film“ gewährleistet? In der Tat kann ich nach wie vor für vergleichsweise wenig Geld eine Tages- oder Wochenzeitung erwerben, kann diese Blätter immer noch in den meisten Bibliotheken problemlos studieren, finde einen Teil ihrer Inhalte im Internet unkompliziert und gratis. Privaten Rundfunk in Form von Radio und Fernsehen gibt es inzwischen vielfältig, einfältig und verkaufsfördernd. Der Zugang zu öffentlich-rechtlichen Quellen erfordert wiederum einen monetären Aufwand und die Konfrontation mit einer Institution namens Gebühren-Einzugs-Zentrale (GEZ), die im Grundgesetz auch nicht explizit erwähnt wird. Aber kann ich mich mit Hilfe dieser Medien auch wirklich „ungehindert unterrichten“? Werfen wir dazu einen fragenden Blick auf deren aktuellen „Content“. Hier eine zwar kleine, dafür subjektive und tendenziöse Auswahl:
„Sarkozy stellt Schmuse-Video ins Internet“ – „Wer trug das scheußlichste Outfit“ – „Pooth-Pleite blockiert Familienplanung“ – „Polizei jagt Eierwerfer“ – „Schlag den Raab“ – „Musikantenstadl“ – „Die Kochprofis – Einsatz am Herd“. Dieses und jede Menge ähnliches, ja oft nahezu gleiches, oft nicht mehr unterscheidbares Material finden wir  in BILD, Süddeutsche, auf Pro Sieben, ARD, RTL II, Spiegel Online und all den Organen, deren vielfältiges Vorkommen leicht mit Meinungs-Vielfalt verwechselt werden kann. Zugegeben, die Quellen sind frei zugänglich, ich kann mich „ungehindert unterrichten“. Suche ich allerdings in Brockhaus oder Munzinger Archiv nach verlässlichen Informationen über Glen Miller, Jutta Dithfurth oder Theodor Heuss, stehe ich vor elektronischen Schranken und gehöre ich nicht zum Kreis der Berechtigten, habe ich für einen einzelnen Aufruf von Informationen zu bezahlen, finde ich die alten gedruckten Versionen in meiner Stadtbibliothek nicht wieder und auf Nachfrage wird mir mitgeteilt, dass sie ausgesondert wurden.

So langsam wird es Zeit, dass Rechtsgelehrte ans Werk gehen und Artikel 5 des Grundgesetzes von 1949 mit der Wirklichkeit von 2009 in Einklang bringen. Oder wir Bürger, unsere Politiker, die Mitwirkenden in Wirtschaft, Medien und Kultur tragen dazu bei, den Artikel 5 Wirklichkeit werden zu lassen.

Ach so, da hieß es ja auch noch: „Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei.“ Das will natürlich auch unser Volksvertreter im Reichstag zu Berlin, der Präsident meiner Hochschule, der Minister für Wissenschaft und Kultur. Im Prinzip. Aber für ein bisschen Religionsfrieden, für ein wenig Wirtschaftwachstum, für die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes muss man eben auch einmal Kompromisse machen.

Arthur Thomas Wille, Jahrgang 1954, hat Buchhändler gelernt, studierte Philosophie, Linguistik und Ungaristik und arbeitet freischaffend als praktischer Philosoph und Informationstheoretiker. Er ist auf LIT*OS mit gelegentlichen Glossen und Kommentaren vertreten. Wille lebt mit seiner Familie in Weimar und im Westallgäu.

Bibliothekartag 2009

Eindrücke und Nachdrucke aus Erfurt

Atmosphäre

Der Mantel „Erfurter Messe“ ist dem 98. Deutschen Bibliothekartag um einige Nummern zu groß. Hallen und Congress Center haben noch viel Luft. Wie man hört, finden auf diesem Messestandort nur wenige Veranstaltungen im Jahr, und dann eher kleinere, statt. Halle 3 ist eine riesige funktionale Messehalle, in der man problemlos Yachten oder Kleinflugzeuge ausstellen, aber natürlich auch eine Rassehunde-Ausstellung unterbringen kann. Über rote Teppiche (Faden) geht es zu zwei Seminarräumen die ganz am anderen Ende der großen Halle „eingebaut“ wurden. Wellblech und flexible Raumteiler bilden die Wände. Eisenträger und Installationsrohre die Decke. Tageslicht gibt es nicht, aber relativ gute, kühle Luft. Die technische Betreuung ist in jeder Hinsicht aufwändig, Personalknappheit ist hier kein Thema.

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Auf geht’s. Zum Bibliothekartag 2009.

Die Veranstaltungen im nobleren Congress Center sind nur auf verschlungenen Umwegen durch halb Thüringen zu erreichen. Der eigentlich vorhandene Haupteingang ist aus unerfindlichen Gründen geschlossen. Türsteher und Wegweiserinnen helfen weiter, wenn man an verschlossenen Pforten rüttelt. Das Messegelände liegt, wie viele dieser neuen Infrastruktur-Projekte, ganz am Rande der Stadt. Die nächste Bibliothek ist weit. Moderne Straßenbahnen bringen die Kongress-Teilnehmer auf angenehme Weise zu ihnen und in die wunderschöne, sehr malerische, lebhafte, stark durchgrünte Erfurter Innenstadt. Hier kann man jederzeit an einer der gefühlten zweitausend täglichen Stadtführungen teilnehmen. Wer Venedig für eine stark von Touristen frequentierte Stadt hält, war noch nicht in Erfurt.

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Typisch Erfurt: Luther und Bratwurst

Krise

Die ICOLC erwartet – mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung – massive Einschnitte bei den Bibliotheks-Etats, verursacht durch die Finanz- und Wirtschaftkrise. In den USA hat dieser Prozess bereits begonnen, da die amerikanischen Universitäten starke Vermögenseinbußen hinnehmen mussten. In Deutschland werden noch weitere Faktoren dazu kommen, wie etwa geringere Einnahmen durch Studiengebühren oder erhöhte Aufwendungen für Bau und Unterhalt. Wie weit es her ist mit den Bildungsoffensiven der Politik, zeigt das Beispiel der ehemaligen Vorzeige-Einrichtung Forschungszentrums Jülich, die in den letzten Jahren von erheblichen Mittelkürzungen betroffen ist. Ach so: ICOLC, was ist das eigentlich? Natürlich die „International Coalition of Library Consortia“. Jedes Berufs-Feldchen hat seinen Verband, seine Vereinigung, regional, überregional und natürlich in Zeiten der Globalisierung auch international. Eine Vielzahl von Arbeitssitzungen solcher Zusammenschlüsse und Gruppierungen sind fester Bestandteil der jährlichen Bibliothekartags-Routine.

Zensur

Bibliothekare lehnen Zensurbestrebungen jeglicher Art ab. Wie sieht es aber mit dem Zusammenhang zwischen Computerspiel und Amoklauf aus? Es gibt ja so Spiele, also, tja, da sollte man schon eventuell einmal darüber nachdenken. In offener Debatte zu diesem Thema sind die Meinungen durchaus geteilt. Da wird Mancher, Manche schwach in Sachen konsequenter Verurteilung von Zensur. Mancher der, als es um gesperrte Web-Sites in China ging, ganz vorne in der Protestfront stand. Andere führen an, es sei ja wohl eine Frage der Sozialisation, der Erziehung, nicht des speziellen Mediums, die aus Menschen Verbrecher macht. Im Fall des Amokläufers von Winnenden bleibt immerhin festzuhalten, dass er über ein umfangreiches Waffenarsenal einschließlich Munition verfügte und bisher noch nicht ernsthaft geplant ist, Waffen generell zu verbieten. Wir Bibliothekare wissen auch, dass so allerhand Bedenkliches zwischen Buchdeckeln gedruckt wurde und wird, von manchen Zeitschriften, Broschüren, ganz zu schweigen. In unserem Beruf fühlen wir uns dafür zuständig, den Mitmenschen einen verantwortungsvollen Umgang damit nahezulegen. Seit dem Ende der Thekenbibliothek ist Freihand ja sehr viel greifbar – aber eben doch längst nicht alles öffentlich zugänglich, allerdings bei nachgewiesener dringender – meist wissenschaftlicher – Bedürftigkeit, in den Arsenalen der National-, Landes- und Sondersammelgebiets-Bibliotheken dennoch zu finden. Bei einer sehr interessanten, lebhaften zeitweise kontroversen Diskussionsveranstaltung, lehnten namhafte Vertreterinnen des deutschen Bibliothekswesens jede Form von Zensur ab und bekräftigten den Sammelauftrag der Bibliotheken für alle Medienformen und alle Inhalte.

Preise

Wenn Bibliothekare auf einfache Fragen selbst keine komplizierten Antworten finden, laden sie sich Wissenschaftler ein. Warum, lautet eine gern und viel gestellte Frage, sind wissenschaftliche Zeitschriften eigentlich so teuer? Welche Zusammenhänge sind erkennbar, die zu diesem Phänomen beitragen? Steffen Bernius, ein smarter Wirtschaftsinformatiker der Universität Frankfurt, mit Arbeitsschwerpunkt Wissensmanagement hat sich mit einem Team daran gemacht, klare Ergebnisse für diese komplexe Problematik zu finden. Ausgangsthese war: Der Impact-Factor ist schuld. Ergebnis der Studie: Er ist es nicht. Er konnte keine signifikante Korrelation finden, erläuterte Herr Bernius dem seinen Ausführungen fasziniert folgenden Auditorium im dicht besetzen Saal. In der Untersuchung waren nur Online-Titel untersucht worden. Dass diese meist noch parallel mit Print-Versionen erscheinen und deshalb eine komplizierte Mischkalkulation der Verlage bei der Preisfindung stattfindet, war kein Thema. In diesem Zusammenhang ist die Aussage, dass Open Access bei den Prozesskosten deutliche Vorteile besitzt, so richtig, wie die Erkenntnis, dass Wasser am liebsten bergab fließt – mit den Tatsächlichkeiten auf dem Markt hat sie jedoch wenig zu tun.

Emerging Markets

Es kann durchaus sein, dass, global betrachtet, die Bedürfnisse der deutschen Bibliotheken bei international agierenden Verlagskonzernen keine entscheidende Rolle spielen. Die Märkte der Zukunft sind in China, Indien, Südamerika, in fernerer Zukunft auch in Afrika. Und diese haben Dimensionen, die deutsche Zahlen fast zur statistischen Unsichtbarkeit degradieren. So leben in Indien derzeit etwa 1,3 Milliarden Menschen.  Indien ist der siebtgrößte Buchmarkt der Welt und der drittgrößte für englischsprachige Literatur. Heute. (2007 wurden im Buch- und Verlagswesen circa 1,4 Mrd. Euro umgesetzt.) Wenn man nun bedenkt was dort in Sachen Alphabetisierung, höherer Bildung für breite Schichten und Steigerung des allgemeinen Wohlstandes noch bevorsteht, versteht man, dass sich Springer, Elsevier, Wiley und Co. sehr viel mehr für dieses Potential als für die Finanzprobleme einer einzelnen German University of Applied Science interessieren. Interessant in diesem Zusammenhang, dass dieses Wachstum bis auf weiteres fast ausschließlich den Print-Produkten zugute kommt. (Damit wären wir wieder bei den international vertriebenen print + online Wissenschaftstiteln und erkennen, warum print noch lange nicht ausgedient hat. Siehe oben.) Ähnlich sind die Verhältnisse im größten südamerikanischen Staat, bei allerdings bereits höherer Bildung und besseren Einkommensverhältnissen. Brasilien investiert sehr viel in die Leseförderung, stellt Bücher mehrwertsteuerfrei, gibt Verlagen direkte finanzielle Unterstützung und verschenkt Bücher an Kinder und Jugendliche. Wenn man zur Literatur für Wissenschaft, Schule und Berufsbildung auch noch die Belletristik dazunimmt, wird die Größenordnung noch eindrucksvoller.

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Die Stadtbibliothek in Erfurt

Stella, mein Stern!

„Guten Abend! Ich heiße Stella und begleite Sie durch die Stabi. Ich vermute, Sie brauchen eine Auskunft. Kann ich Ihnen helfen?“ So werden Sie schon seit einiger Zeit auf der Web-Site der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg von einem bleichhaarigen Wesen begrüßt, das die meisten Besucher wohl als weiblich einstufen werden. So ist vermutlich zu erklären, dass diese virtuelle Dame jede Menge Heiratsanträge und – so ist zu vermuten – auch noch einige Anträge anderer, möglicherweise auch solche eindeutiger Art, bekommt. Das mit den Heiratsanträgen hat uns die Leiterin der Bibliothek, Frau Prof. Dr. Gabriele Beger, verraten. Sie ist die Chefin und auch so eine Art Großmutter dieses Avator (dieser Avatorin?). Damit kann man in Podiumsdiskussionen trefflich punkten und nachweisen, dass moderne Bibliotheken voll interaktiv und mächtig WEB 2.0-affin sind. Die Digital Natives sollen sich bei uns wohlfühlen. Wenn Sie jetzt Stella auch einmal anschauen und besuchen möchten, geben Sie bitte nicht einfach bei Google „Stella Hamburg“ ein, denn es ist gar nicht sicher, dass Sie dieses Ergebnis zufriedenstellen wird. Folgen Sie lieber diesem Link:

Ich will zu Stella!

Bibliothekartag 2009

„Ein neuer Blick auf  Bibliotheken“

So lautet das Motto des 98. Bibliothekartags, zu dem sich in dieser Woche etwa 3000 Bibliothekare und Informationsspezialisten in Erfurt eingefunden haben.

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Die Veranstaltung findet im Congress Center der Messe Erfurt statt, weit draußen am Rande der Stadt, fern ab jeder realen Bibliothek. Das Motto der Veranstaltung ist eher etwas unscharf formuliert, zur Sache geht es dann in den einzelnen Veranstaltungen, Workshops, Arbeitssitzungen. Kernstück bilden die 12 Themenkreise, in denen es viel um die Zukunft geht: der Bibliotheken, des Berufes, des Web usw., aber auch Fragen der Selbstdarstellung – insbesondere Öffentlicher Bibliotheken – sowie Bibliotheksbau und Bibliothekseinrichtung. Die Bibliothekare wissenschaftlicher Bibliotheken haben noch etwas eigene Schwerpunkte, wie z.B.  web-basiertes Lernen, elektronische Medien und: Der Wandel der wissenschaftlichen Bibliothek vom „Büchermuseum“ zum multimedialen Lernort.

Man kann allen Teilnehmern dieses Kongresses nur wünschen, dass der Blick scharf und der Sinn für die Realität wach bleibt. Denn sehr viel mehr als die Sachverhalte, die in Erfurt vorgetragen und diskutiert werden, sind es die Rahmenbedingungen, die Finanz- und Wirtschaftskrise diktieren und die Bibliotheks- und Informationswesen wohl stärken beeinflussen werden, als alle guten Pläne und Vorsätze der Fachleute. Die milliardenschweren Unterstützungen für Banken und Industrie wird der öffentliche Sektor in Form von Einsparungen zu spüren bekommen; da helfen alle Bildungs-Bekenntnisse der Politiker nichts. Davon steht nichts im  Programm dieses  Bibliothekartags; aber in den Fluren, an den Kaffee-Tischen und in den Straßenbahnen auf dem Weg in die Innenstadt wird viel darüber diskutiert. Nun ist immerhin bereits absehbar, dass wir auch in Zukunft mit einem Opel zur Bibliothek fahren können, ob diese oder auch andere Bildungs- und Kultureinrichtungen, dann aber noch da sind, wird man sehen müssen.

Der diesjährige ist erst der zweite Bibliothekartag überhaupt, der in Erfurt stattfindet. Zum ersten Mal traf man sich 1924. Angemeldet waren 150 Teilnehmer.

Erfurt

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„Ein neuer Blick auf Bibliotheken“ heißt es in der nächsten Woche in Erfurt. Dann findet in der Landeshauptstadt Thüringens der 98. Deutsche Bibliothekartag statt. Anlass in diesem Blog ebenfalls einen nicht immer ganz unkritischen Blick auf das aktuelle Bibliotheks- und Informationswesen zu werfen, aber auch auf den Veranstaltungsort und seine Umgebung. Heute wird zunächst einmal an zwei historische Ereignisse erinnert, die in Erfurt stattfanden. Zwei Ereignisse, stellvertretend für die ganze bewegte Geschichte einer Stadt, die sich immer im Zentrum Europas befand und damit oft genug Schauplatz von Kriegen, Grenzverschiebungen, Wanderungsbewegungen und wichtiger Begegnungen, und die sich seit nunmehr fast 20 Jahren wieder in der Mitte des vereinten Deutschland befindet.

Vom 27. September  bis zum 14. Oktober 1808 traf sich in Erfurt alles was in Europa Rang und Namen hatte zum sogenannten „Fürstenkongress“: Kaiser Napoleon und Zar Alexander I. von Russland, Friedrich August I., König von Sachsen, Friedrich I., König von Württemberg und auch der Bayer Maximilian I., um nur einige der wichtigsten zu nennen. Napoleon1806, nach der Doppelschlacht bei Jena und Auerstedt, bei der Preußen eine vernichtende Niederlage erlitt, war die preußische Vorherrschaft in Deutschland zu Ende. Der im selben Jahr unter dem Protektorat Napoleons gegründete Rheinbund wurde zu einer der bestimmenden Mächte im Reich. Im Dezember tritt Sachsen dem Rheinbund bei. Erfurt war damals Teil des Königreichs Sachsen und lag ganz am westlichen Rand. Seine Selbstständigkeit bewahrt hatte sich mit seiner anpassungsfähigen Schaukelpolitik das kleine Herzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach unter seinem Herrscher Carl August. Von dort reiste der Dichter und Geheime Rat Johann Wolfgang von Goethe nach Erfurt. Am 2. Oktober kommt es zu einer Begegnung mit dem Kaiser der Franzosen und Eroberer Europas, von der sich Goethe ausgesprochen beeindruckt zeigte, obwohl Napoleon kaum Zeit findet sich dem Weimarer ernsthaft zu widmen.

Auch im Jahre 1970 trafen sich in Erfurt zwei europäische Staatsmänner, die unterschiedlicher nicht sein konnten, wie auch die beiden Staaten die sie vertraten, deren Bürger immerhin eine gemeinsame Sprache hatten. Willi Stoph, Vorsitzender des Ministerrates und stellvertretender Vorsitzender des Staatsrats der DDR und Willy Brandt, Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Stoph hatte bereits 1967 mit einem Brief an den damaligen Kanzler Kiesinger versucht deutsch-deutsche Gespräche in Gang zu bringen, aber erst der Sozialdemokrat Brandt erklärte sich im IBrandtnteresse der Menschen in Ostdeutschland zu zwei Gesprächen, in Erfurt und später in Kassel, bereit. Brandt versuchte unter dem Motto „Wandel durch Annäherung“ eine Neuausrichtung der bundesdeutschen Ostpolitik; ein Ansatz der ihn im Westen zur viel kritisierten Zielscheibe der Konservativen machte. Die Bevölkerung in beiden deutschen Staaten erhoffte sich einiges von dem Treffen. So fiel auch der Empfang für den Bundeskanzler aus: Viele Erfurter hatten die Sperren am Bahnhof überwunden und jubelten Brandt zu. Nach Willy-Willy-Rufen zeigte er sich am Fenster des „Erfurter Hofes“ – davon erfuhr man aber nur in den westdeutschen Medien. Seit kurzem erinnert auf dem Gebäude des ehemaligen „Erfurter Hofes“ ein von dem Berliner Künstler David Mannstein gestalteter Schriftzug („Willy Brandt ans Fenster“) an das legendäre Erfurter Treffen.

Ein Märchen

(Inetbib und all den fröhlichen Diskutanten dort gewidmet.)

Es war einmal vor langer Zeit in oberdeutschen Landen. Zwar lag die Herrschaft der Alamannen schon etliche Jahrhunderte zurück, aber die Gegend um den Fluss Danubius war immer noch bedeckt von dichten Wäldern. In diesen Wäldern lebten Feen, Trolle und Kobolde, hauste das Einhorn und heulten nachts die Wölfe. In einem solchen, fast undurchdringlichen Tann aber lag tief verborgen eine große Bibliothek. Voll der weisen Werke, wirkten in ihr ratsame Bibliothekare und Bibliothekarinnen, studierten an ihren Pulten hoffnungsvolle Forscher und betagte Gelehrte. Die Königin dieser Bibliothek herrschte in einem Schloss, dessen erste Grundfeste dereinst noch aus dem Holz des Auwaldes die illyrischen Sklaven der Römer gelegt hatten. Zur Zeit von Königin „Margarete die Scheue“ aber, strahlte dieses Schloss in den schönsten Farben des Barock und die Untertanen hielten es für einen Teil des Himmelreichs.

Die Bibliothek der Königin „Margarete“ war nur schwer zu erreichen. Mühsam war der Weg zu ihr über schmale, wenig begangene Pfade und gefährlich wegen der wilden Tiere die lauerten. Als eines Tages Hofmarschall Alter Weh von Undorfer seiner Herrscherin vorschlug Schneisen in den Wald zu schlagen, entlang des Weges Fackeln zu entzünden und die Bibliothek auch in den Abendstunden offen zu halten, schlug sie entsetzt die Hände vor ihr ungläubiges Gesicht. Einige Zeit später wanderte eben jener Hofmarschall in rheinische Lande aus, um, wiederum Jahre später, im märkischen Sand des Preußenreichs eine neue Heimat zu finden.

Der Schnee kam und ging, die Sommer waren einmal heiß und trocken, dann wieder feucht und kühl. Jahr um Jahr verging und Deutschland war längst eins geworden; nur noch die ganz Alten konnten sich an Königin „Margarete die Scheue“ erinnern. Nun herrschten die großen Männer vom Stamme der Technocrati. Sie hatten weite Teile des Waldes gerodet und damit freier Wissenschaft und exzellenter Gelehrsamkeit gehörig Raum geschaffen. Die alte Bibliothek aber lag in neuem Glanz, angebaut, umgebaut, neubebaut, von Scheinwerfern umstrahlt, der Mittelpunkt einer riesenhaften Universitas, die die Technocrati auf dem ehemaligen Waldgrund errichtet hatten. Von Fabelwesen und wilden Bestien hatte hier niemand je gehört. Tag und Nacht strömten Studenten und Professoren durch die automatisch sich öffnenden Glastüren des Wissensspeichers, gingen durch lange Regalreihen und reihenweise online, buchten selbst, checkten an Lichtschranken ein und aus, trugen Medien die mit RFIDs ausgestattet waren herum und kommunizierten über einen allgegenwärtigen Helpdesk mit ratsamen, aber unsichtbaren Wesen. Der Horizont schien grenzenlos.

Da meldete sich im fernen Berlin, das die Bewohner der oberdeutschen Landschaft mit einer modernen Beförderungsmaschine jetzt in weniger als sechs Stunden erreichen konnten und das vor Jahr und Tag zur Hauptstadt des gesamten Reichs avanciert war, ein greiser Mann zu Wort, der behauptete er hieße Alter W. Undorfer und sei einst Hofmarschall der Königin „Margarete die Scheue“ gewesen. Er ging in schwarzem Anzug, an einem Stock mit Knauf, hob den altmodischen Zylinderhut und sprach zu der Menge, die sich bald um ihn versammelt hatte: „Liebe Bibliothekare und Bibliothekarinnen, liebe Mitmenschen! Welch dunklen Zeiten und Mächten sind wir alle entkommen. Endlich muss keine Bibliothekarin mehr in nächtlicher Kälte, vorbei an grollenden Ungeheuern, durch dichten Nebel und dunklen Tann zum späten Dienst erscheinen. Ein Hoch auf die modernen Zeiten und ihre Automaten!“

Was Wille meint

Heute: Free access und freie Fahrt

Man stelle sich einmal diese irrwitzige Situation vor: Google würde Autos verkaufen. Oder besser noch, verschenken. In der Folge würden alsbald weltweit die geltenden Verkehrsregeln in Frage gestellt. Die Anhänger von Google und frei verfügbaren Autos sind nämlich entschiedene Gegner jeglicher Einschränkung ihrer automobilen Freiheiten und damit natürliche Feinde aller Straßenverkehrsordnungen. Bestehende Rechtssysteme werden ignoriert. Google, die Free-Drive-Initiative Herrsching am Ammersee und ein gewisser Herr Graf begrüßen und unterstützen diese Entwicklung ausdrücklich. Das Motto: „Freie Fahrt für alle – jederzeit und überall!“ Also auch: Vorfahrt an allen Kreuzungen für alle! Aber, meckert der Zögerliche, sind da nicht Kollisionen vorprogrammiert?

Wenden wir uns an dieser entscheidenen Stelle nun einfach einmal abrupt dem Publikationswesen zu. Google möchte nicht weniger als Alles – und zwar haben, also besitzen; auch Dinge die ihm nicht gehören. Begründung: Das dient der Allgemeinheit (gemeint sind dabei hauptsächlich das allgemeine Google und seine Aktionäre). Google dient der Wissenschaft. Alles was irgendwo von irgendwem erforscht, geschrieben und dokumentiert wurde, gehört ins Netz, frei für Jedermann. Andere wollen das auch. Forschung zum Beispiel heißt es, die sei doch Allgemeingut. Eine starke Front schließt sich dem an. Dabei sind außer Google, die Free-Access-Initiative Herrsching am Ammersee, sowie Herr Graf.

Wieder Andere wollen das dagegen ganz und gar nicht. Es sind jene, die man bisher als Eigentümer, Rechte-Inhaber oder zumindest Urheber, bezeichnet hat. Also ein gewisser Herr Ulmer und so Schriftsteller-Typen, so wie Daniel Kehlmann und Siegfried Lenz. Die sind dageben. Begründung: Geistiges Eigentum. Was jetzt gemacht wird sei Diebstahl geistigen Eigentums. Digitale Technik macht vieles möglich, dennoch ist das Problem keinesweg so neu. Schon Martin Luthers Traktate wurden geklaut, schwarz verbreitet, nicht entgolten und dabei auch noch inhaltlich entstellt. Es geht um viel: Geld, Einfluss, Macht – wie immer halt. (Das patente Gen-Schwein wird, um die Sache dann doch etwas zu vereinfachen, hier übrigens nicht auch noch abgehandelt.)

An dieser Stelle muss Zeit sein für einen kurzen Rückblick auf die Wechselfälle der Geschichte; denn liebe Freunde des gepflegten Diskurses, was man uns da umsonst verkaufen will, ist ja eigentlich nicht wirklich neu: Offline, dafür absolut absturzsicher, jede Menge Content, free access, für alle (fast) immer unbürokratisch und unkompliziert zugänglich, in ansprechendem Ambiente, bei kompetentem Support und leicht erreichbaren Helpdesks (vulgo: Auskunft oder Info); zudem eine sichere Einkommensquelle für Buchhändler und Verleger. – – – Man nannte es Bibliothek!

Und gleich danach die ebenso unangenehme, wie hochaktuelle Frage: Was ist eigentlich Eigentum? Das Guthaben einer Bank, gehört es der Bank oder den Kunden der Bank? Die in letzter Zeit modisch werdenden hohen Schulden mancher Bank: Wem gehören Sie? Der Bank? Dem Kunden? Dem Staat? Sind sie free access? Kann sie jeder haben, jederzeit?

Und damit zum Ende des ersten Aktes unserer kleine Tragikomödie, weitere werden mit Sicherheit folgen: Viele Fragen aufgeworfen, keine beantwortet. Verwirrung gestiftet, Orientierung nicht in Sicht. Das war der Sinn. Aber was sind schon Sinn und seine kleine Cousine Vernunft? Garantiert nicht jederzeit für jedermannfrau verfügbar. Aber unbezahlbar.

Arthur Thomas Wille, Jahrgang 1954, hat Buchhändler gelernt, studierte Philosophie, Linguistik und Ungaristik und arbeitet freischaffend als praktischer Philosoph und Informationstheoretiker. Er wird in Zukunft auf LIT*OS mit gelegentlichen Glossen und Kommentaren vertreten sein. Wille lebt mit seiner Familie in Weimar und im Westallgäu.

Neue Zeitschrift

Die meisten Informationen, bzw. Erkenntnisse, die auf Informationen beruhen, werden nie in eine praktische Anwendung oder in die Weiterentwicklung vorhandener Anwendungen oder Erkenntnisse umgesetzt. So werden Tag für Tag Tausende von Informationen recherchiert und dokumentiert ohne dass dies irgendwelche Konsequenzen hätte; die Ergebnisse der solchermaßen geleisteten Arbeit liegen brach. Eine stille Reserve, ein letztlich mehr oder weniger verborgener Schatz, auf den viel zu selten zurückgegriffen wird. Gewaltige Ressourcen werden auf diese Weise regelrecht verschwendet.

Mit dieser Problematik beschäftigt sich innerhalb der Informationswissenschaften, die noch junge Disziplin der „Sciences of Unapplied Information“.

Dem Renner-Verlag in Berlin, Heidelberg, Wien, Tokyo, Mailand, Sydney, Barcelona, Raisting, Neu-Ulm, Weißenhorn u. a. ist es nun zu verdanken, dass dieser neue Zweig der Scientific Community ein angemessenes Organ bekommt: Das „Journal of the Sciences of Unapplied Information.“ Jahrgang 1, Heft 1, 2009 ist soeben erschienen. Zum Editor in Chief wurde R. Eferenz Werk berufen, der in dieser Aufgabe eine ideale Ergänzung zu seiner Tätigkeit als Rektor an der UAISPL in Raisting sieht.

Werk hat sich auch bereiterklärt, zusammen mit Alter W. Undorfer, aus Anlass der Gründung der Raistinger Hochschule, in Zusammenarbeit mit und gefördert durch Renner, im September den First „Congress of the Siences of Unapplied Information“ vorzubereiten und zu veranstalten. Undorfer wird der Chairman dieser viertägigen Veranstaltung, die in der Dreifachturnhalle der Raistinger Ludwig-Thoma-Realschule stattfindet. Das Catering für die Teilnehmer aus Europa, USA, Japan und Russland (die neuseeländischen Kollegen haben bereits mit großem Bedauern wegen akuter Arbeitsüberlastung abgesagt) liegt in den bewährten Händen von Alfons Hirlhuber, dem Wirt des örtlichen Weißbräu-Stüberl.

Im Nachbarort Polling findet übrigens im selben Zeitraum eine Tagung der „Expertengruppe für geradlinige Kurvendiskussion“ statt. Teilnehmer beider Veranstaltungen sind herzlich eingeladen die Vorträge der jeweils anderen zu besuchen.

Hier nun das Inhaltsverzeichnis der ersten Ausgabe des „Journal of the Sciences of Unapplied Information“. (Eine Online-Version der Zeitschrift ist in Vorbereitung und wird voraussichtlich ab Heft 3 zur Verfügung stehen):

Greetings of the Publisher

Greetings of the Editor in Chief

Preface

A new Journal – Concepts, Bookmarks, and Milestones

R. Eferenz Werk, Raisting, University of Applied Information Sciences and Public Librarianship (UAISPL)

Dublin Core and More

James Joyce, Belfast, Union Library

Unapplied, what it realy means

Alter W. Undorfer, Zehlenberg-Quittenhain

Using Unapplied Informations in the Canadian Forestry

G. R. Osman, Alexandria, World Center for Unreadable Digital Documents

Recovering forgotten Knowledge

Lisaweta Quote, Moskau

The Information Scientist and Stress, Burn Out, and Nervous Breakdowns – A Psychoanalytic Approach

Lia D. Zlov, Dubrovnik, Garfield-Hospital for Information Specialists and Public Librarians

Announcements

New Literature

Outlook for the next issue

(If you are interested in a subscription of this new journal, please contact your local sales agent or the publisher.)

Wille und Mich in Leipzig

Der Literaturwissenschaftler, Schriftsteller, Büchersammler, Thomas-Mann- und Wieland-Experte Elias Kien hinterlässt eine umfangreiche Bibliothek und ein aus Originalmanuskripten, Tagebüchern und Dokumenten bestehendes, in Jahrzehnten stetig angewachsenes Archiv. Mit der Sichtung der Bestände und der Entscheidung über deren weiteren Verbleib, hatte Kien bereits im letzten Jahr den u. a. in Leipzig als Dozent tätigen Wissenschaftler Arthur Thomas Wille beauftragt und sich damit einverstanden erklärt, dass dieser die sachkundige Unterstützung des Bibliothekars B. E. Mich in Anspruch nimmt. Die Wohnung des Verstorbenen in einer Vorstadtstraße der traditionsreichen mitteldeutschen Buchhandels-, Verlags- und Messe-Stadt und die darin befindlichen wertvollen Bestände werden übergangsweise von der Haushälterin Therese betreut und beaufsichtigt.

B. E. Mich war, von Wellington kommend, in München gelandet und gleich an seinen Hauptwohnsitz Weißenhorn bei Neu-Ulm weitergereist, wo ihn alsbald der Anruf des Freundes aus Sachsen erreichte. In seinen Taschen klimperten noch die Münzen der Neuseeland-Dollars; er nahm sich gar nicht erst die Zeit diese in Euro oder die neue UAISPL-Währung Uzel, von deren Existenz er erst bei seiner Ankunft erfahren hatte, umzutauschen.

Mich packte seine Koffer neu, teilte R. Eferenz Werk in Raisting mit, dass sich das geplante Gespräch über das BIZ der UAISPL noch etwas verzögern würde und fuhr, nachdem er sich eine Nacht für erholsamen Schlaf und die notwendige Aklimatisation gegönnt hatte, über Neu-Ulm und Augsburg nach Leipzig, wo er ohne Verspätung am Hauptbahnhof ankam und von Arthur Thomas Wille abgeholt wurde. Wie lange die Sichtungsarbeiten am Kien-Nachlass dauern werden ist derzeit noch nicht absehbar. Die beiden wohnen während dieser Zeit in einer ZweiRaumWohnung im Gästehaus der Universität.