Von GRA bis GRI

„Grimms Wörter“ von Günter Grass


Jacob Grimm wurde 1785 geboren, sein Bruder Wilhelm ein gutes Jahr später. Die Kindheit verbrachten die Geschwister in Hanau, besuchten das Gymnasium in Kassel, studierten in Marburg Jura und beschäftigten sich schließlich ein Leben lang mit Sprache und Literatur. Berufliche Laufbahnen, vor allem akademische, folgten noch keinen normierten Bologna-Schmalspuren, allerdings konnten sie häufig Mann und Familie nicht ernähren.

Fast zweihundert Jahre vor Einführung aller Segnungen und Plagen elektronisch gestützter Kommunikation, tauschten Menschen, die sich und anderen etwas zu sagen hatten, Briefe aus. Das bedingte zumindest bescheidene Kenntnisse und Fähigkeiten, die damals keineswegs weit verbreitet waren. Wilhelm Grimm bevorzugte ab seiner Göttinger Zeit übrigens die konsequente Kleinschreibung und gab also unwissentlich den frühen Schreib-Reformer radikalster Ausprägung. Vor einigen Jahren wurde eine kritisch-kommentierte Ausgabe der Briefe der Brüder in Angriff genommen. Die Zahl der vorliegenden, bzw. bekannten, Einzelbriefe wird derzeit auf 38.000 geschätzt. Sie dienten Günter Grass als Hauptquelle für seine Erzählung über die Grimms, ihre Lebensumstände und die Arbeiten am großen Deutschen Wörterbuch.

1830 kamen Jacob und Wilhelm als Bibliothekare und Hochschullehrer nach Göttingen. Gut sieben Jahre später zogen sie wieder von dannen – nicht freiwillig. Wie sah es aus, das Göttingen dieser Zeit?

„Die Stadt Göttingen, berühmt durch ihre Würste und Universität, gehört dem König von Hannover und enthält 999 Feuerstellen, diverse Kirchen, eine Entbindungsanstalt, eine Sternwarte, einen Karzer, eine Bibliothek und einen Ratskeller, wo das Bier sehr gut ist. Der vorbeifließende Bach heißt ‚die Leine‘ und dient des Sommers zum Baden …  Die Stadt selbst ist sehr schön und gefällt einem am besten, wenn man sie mit dem Rücken ansieht … Im allgemeinen werden die Bewohner Göttingens eingeteilt in Studenten, Professoren, Philister und Vieh, welche vier Stände doch nichts weniger als streng geschieden sind. Der Viehstand ist der bedeutendste.“

Diese launische Schilderung verdanken wir Heinrich Heine, der ebenfalls einige Jahre in Göttingen lebte, dort mehr oder weniger studierte und 1824 von hier zu einer Harz-Reise aufbrach, aus deren Schilderung diese Zitate stammen.

Jener König, Ernst August von Hannover, war es, der eine ihm zu liberale, von den Ständen beschlossene Verfassung, außer Kraft setzte und eine konservativ absolutistische für sein Land und seine Georgia Augusta verordnete. Das erregte den Unmut etlicher Professoren, die Legende spricht von sieben, die eine „Protestation“ verfassten und veröffentlichten. Jacob Grimm gehörte dazu, Wilhelm, er hatte Familie, enthielt sich. Und da Landesherren damals kritische Lehrkörper keineswegs schätzten, mussten die Aufsässigen Stadt, Universität und Ämter im Jahr 1837 verlassen.

Ein Glücksfall für die deutsche Philologie. Denn alsbald kamen die Leipziger Verleger und Buchhändler Reimer und Hirzel auf die Brüder zu, um sie für das (im heutigen Sprachgebrauch) Wörterbuch-Projekt zu gewinnen. Von Hirzels Stuttgarter Nachfolge-Unternehmen wird es noch heute verlegerisch betreut, es erscheinen immer wieder neue Nachträge, Auflagen, Ausgaben.

Was hier nur stichwortartig skizziert wird, stellt Günter Grass in seinem neuesten Buch ausführlicher, hintergründiger und natürlich sprachgewandter dar. Er gibt sich dabei sogleich und unumwunden als großen Bewunderer der Grimms und ihrer vielfältigen Werke zu erkennen, nicht ohne noch etwas Raum für eigen Werk und Weg zu lassen. „Grimms Wörter“ ist ein Buch über Sprache, ihre Geschichte, ihre Wirkung, über die Persönlichkeiten und Wissenschaftler Jacob und Wilhelm Grimm und nicht zuletzt über den Dichter, Künstler, kritischen Zeitgenossen und Erz-Demokraten Günter Grass aus Danzig.

Es ist sein drittes biographisch hinterlegtes Buch. In „Das Häuten der Zwiebel“ schildert er ein Kind und einen jungen Mann aus Danzig der mal Protagonist, mal Verfasser ist. „Die Box“ setzt sich mit dem „familiären Kuddelmuddel“ auseinander, zu dem Grass Leben mit seinen Beziehungen und den daraus hervorgegangenen Nachkommen und Verwandtschaftsbeziehungen nach eigener Aussage ein Stück weit geriet.

Der erzählerische Hauptgegenstand in „Grimms Wörter“ ist das Wörterbuch. Es ist die Hauptfigur. Weitere sind Jacob und Wilhelm Grimm, die zuvor schon die bekannten Kinder-  und Hausmärchen und eine mehrbändige deutsche Grammitik herausgebracht hatten, sowie der Verfasser. Jedes Kapitel enthält neben der Geschichte des Wörterbuchs und Geschichten über sein Entstehen und die an ihm arbeitenden Brüder, auch eine Portion Grass. Da geht es unter anderem um die politischen Aktivitäten in den 1960er und 1970er Jahren. Der Rufmord an Willi Brandt aus „allerchristlichstem Mund“ – dem Konrad Adenauers – hat Grass endgültig „aufs politische Gleis gebracht“. Auf ihm ist er geblieben, bis heute, zumal er in späteren Jahren ebenfalls Verbal-Entgleisungen ausgesetzt war, als ein Franz Josef Strauß bundesdeutsche Intellektuelle und Künstler als „Ratten und Schmeißfliegen“ bezeichnete. Grass schreibt über Weggefährten, wie Heinrich Böll, Carola Stern, Leo Bauer, Yasar Kemal oder Erich Loest, über seine Erlebnisse mit der Gruppe 47, das Entstehen seiner Bücher in diesen Jahrzehnten und berichtet auch über seine Tätigkeit als bildender Künstler.

„Grimms Wörter“ trägt den Untertitel „Eine Liebeserklärung“. Diese macht Günter Grass in erster Linie der deutschen Sprache. In neun Kapiteln von  A, wie „Im Asyl“ bis Z, wie „Am Ziel“, geht es immer wieder um den Wortreichtum, um Veränderungs- und Deutungsmöglichkeiten der sogenannten „Muttersprache“. Die Mythologie der Mütter und Frauen, auf die Grass in seinem Werk gerne anspielt, beginnt mit Eva. Über das Wörtersammeln im Alltag der beiden Brüder schreibt Grass im fünften Kapitel, das dem E gewidmet ist und den Titel „Der Engel, die Ehe, das Ende“ trägt: „Jedenfalls stelle ich mir ein erregtes, aber nicht immer vom Ernst ernüchtertes Hin und Her vor. In meiner Einbildung, die gerne lebhafte Szenen entwirft, bewerfen sie sich mit Wörtern wie Elle und Ecke, erschrecken einander mit Einsilbern wie Eis und Ei. Ehrlos folgt ehrlich. Was mit Zitaten der Ewigkeit einverleibt ist, erhebt oder erheitert sie.“ Wie einst in seinem Erfolgsbuch „Das Treffen in Telgte“ gelingt es Grass erneut über Sprach- und Kulturgeschichte Menschengeschichte deutlich zu machen, Ereignisse, Lebensumstände, Mühsal und Freuden des Alltags. Es ist in jeder Hinsicht der alte Grass, der hier auf der Höhe seines erzählerischen Könnens kurzweilig und spannend schreibt – „weil eitler Ehrgeiz juckt“, wie er unter erneutem E-Einsatz gesteht.

Der junge Autor der Blechtrommel hatte seine verlegerische Heimat einst bei Luchterhand gefunden. Bei diesem literarischen Verlagshaus in Neuwied blieb er lange Jahre. Als der Verlag verkauft wurde und seine Programm-Politik änderte, orientierte sich Grass neu und wechselte zu Steidl, der ihm „als leidenschaftlicher Büchermacher bekannt war …  Er (Steidl) betreibt in verwinkelten Göttinger Altstadthäusern seinen Verlag mit Druckerei … (und ist) … ins Büchermachen vernarrt.“

So war es kein Zufall, dass die Ur-Lesung aus diesem „neuen Grass“ in der nunmehr freiheitlich niedersächsischen Georg-August-Universität zu Göttingen stattfand. Besucher, die dazu an die Leine gekommen und vorher vielleicht noch nie oder selten in die niedersächsische Wissenschafts-Stadt gefunden hatten, waren möglicherweise überrascht, dass sie diese, im Vergleich mit Heines Schilderungen, doch deutlich verändert vorfanden. Vieles wurde seitdem besser! Durch die Weender Straße ziehen nur noch selten trunkene Studenten-Gruppen, sie ist inzwischen zu einer der meistfrequentierten Shopping- und Flanier-Meilen unserer zweiten oder dritten Republik geworden. Schummrig staubige Buchhandlungen, Antiquariate und miefig bierdünstelnde Kneipen wichen und weichen immer mehr den licht einladenden Filialen internationaler Mode- und Ramsch-Ketten. Die Würste sind schlechter geworden seit dunnemals, umso lieber sprechen die Menschen den Angeboten der Fast-Food-Tempel, Kebab-Imbisse und asiatischen Gar-Küchen zu.

Am auffälligsten sind jedoch die Veränderungen, welche die Universität während zweier Jahrhunderte erfuhr. Sie hat ein Vielfaches an Mitgliedern, als die Stadt zu Heines Zeit Einwohner. Die Lehre und Forschung dienenden Gebäude sind kaum noch zu zählen, der Campus ist weitläufig. Aus der Bibliothek wurde eine der größten des ganzen Landes und die Studenten hören die Lesungen ihrer Dozenten nicht mehr im schlecht geheizten Professoren-Haus, sondern finden sich in großen warmen Hörsälen zusammen. In einem der größten dieser modernen Versammlungsräume, trug an einem herbstlichen Tag im frühen September – draußen ließen die Platanen erste müde Blätter fallen – vor vollen Reihen Günter Grass aus „Grimms Wörter“ vor.

Und wenn dieser Mann liest, vergisst der gefesselte Zuhörer schon nach wenigen Augenblicken sogar die unbequem eng und steil aufgestellte Sitzmöbelei des akademischen Auditoriums. Grass ist der beste Vorleser seiner Werke; er artikuliert, betont und dramatisiert großartig. Er, der im Oktober 83 Jahre alt wird, wirkt dann jung, kraftvoll, unmittelbar. Seine Bücher und die darin enthaltenen Geschichten sind so geschrieben, dass sie ihre ganze Wirkung gerade durch gekonntes Vorlesen erzielen. Dass dies der Autor selbst übernahm an diesem Abend, dafür dankte man mit herzlichem Beifall.

Anschließend kam Grass mit dem Göttinger Literaturwissenschaftler Heinrich Detering noch recht angeregt ins Gespräch. Dabei ließ er die neugierig interessierten Anwesenden – unter ihnen auch nicht wenige Teilnehmer eines zeitgleich stattfindenden Kolloquiums der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft, dem auch Professor Detering für wenige Stunden entschlüpft war – nicht im Unklaren, dass „Grimms Wörter“ wohl sein letztes literarisches Werk bleiben wird. Er sei ausgeschrieben und müsse sich mit der Tatsache einer gewissen Todesnähe ohnehin arrangieren. Doch von Untätigkeit kann keine Rede sein. In nächster Zeit will er zeichnen. Zum 50. Jahrestag des Erscheinens seiner „Hundejahre“ möchte er eine Jubiläumsausgabe mit Radierungen illustrieren. Es war Rührung zu spüren, als der große alte Künstler, eine der markantesten deutschen Gegenwarts-Figuren, den Saal verließ.

Wir halten inzwischen sein vielleicht schönstes Buch in Händen. Ein Gesamtkunstwerk, das seines gleichen sucht: Es entstammt der ganzheitlichen Steidlschen Buch-Manufaktur, gestaltet von Günter Grass, Gerhard Steidel und Sarah Winter, gesetzt aus der Bodoni Old Face, auf holzfreiem 115g-Papier aus der Papierfabrik Schleipen gedruckt, gebunden in der Leipziger Kunst- und Verlagsbuchbinderei. Günter Grass selbst schuf die zahlreichen farbigen Buchstaben-Vignetten der Kapitelanfänge, die uns in unterschiedlicher Farbgebung auf dem Leinen-Einband, dem Schutz-Umschlag und der Schutz-Hülle wiederbegegnen.

Natürlich ist dieses Buch unbedingt lesenswert, doch darüber hinaus besonders wert besessen, gesammelt und bewahrt zu werden. Es ist zudem bestens geeignet den Bücherfreund, den Liebhaber feiner Druck- und Bindekünste, in das möglicherweise bevorstehende PostPrint-Zeitalter zu begleiten.

„Ach, alter Adam“: Nach diesem Abend in Göttingen hoffen wir einmal mehr, dass Günter Grass nicht klein beigeben, dass er Demokratie, Sprache und Verfassung unserer Republik gegen demagogische Pfuhler und Rattenfänger aller Art auch in Zukunft verteidigen wird, dass er sich weiter einmischt, uns als deutlich vernehmbar kritischer, skeptischer Zeitgenosse und geistreicher Begleiter noch lange erhalten bleibt.

Grass, Günter: Grimms Wörter. Eine Liebeserklärung. – Göttingen : Steidl, 2010. Euro 29,80

Heine, Heinrich: Die Harzreise. Zitate nach der Ausgabe: Stuttgart : Reclam, 1967

Das aktuelle Foto im Kopf des Blogs zeigt rechts das Kirchenschiff der ehemaligen Pauliner-Kirche, zu Grimms Zeiten das Zentrum der Universitäts-Bibliothek, heute u. a. ein repräsentativer Tagungsraum.

Das Porträt zeigt links Wilhelm und rechts Jacob Grimm. Es stammt von der dänischen Malerin Elisabeth Jerichau-Baumann (1819 -1881) und kann in der Nationalgalerie zu Berlin besichtigt werden.

So! Rum. Der Februar MMX

Kehraus. Tarrää, Tarrää – wenn ich diese Narren seh! Meine GEZ-Zwangs-Abgaben werden zweckentfremdet, alle öffentlich-rechtlichen Kanäle mit Faschingfasnachtkarnevaleinerlei verstopft. Und wenn nicht, wird geboxt. Literatur wenn überhaupt, verschoben und verschoben. Eine halbe Stunde Thea Dorn oder Felicitas von Lovenberg oft mehr als hinter Mitternacht.

Fremdsprachen. Dass ich einmal Mitleid mit MP a. D. und Neu-Kommissar Günther Ö. haben würde, wäre mir eigentlich in keinem meiner stets originellen Alpträume eingefallen. Doch die Einheits-Häme aller Medien – Ausgangspunkt YouTube, und alle schadenfreuen nach – macht es möglich. Das hat niemand verdient. Selbst wenn er, wie Günther Ö. den Stolz nicht aufbringt, Deutsch zu sprechen, wenn er Englisch eigentlich nicht kann. Lech Walesa spricht zu jeder Gelegenheit bei der man ihn noch zu sehen bekommt Nord-Polnisch. Sarko mit der ihm angetrauten Italienerin und auch dem Rest der Welt Französisch. Sogar der Ratzinger-Papst sagt’s in Latein. Jeder darf seine Muttersprache sprechen, nur der… naja sie wissen schon. Nein, einen Link zur Peinlichkeit gibt’s hier nicht – wo kommen wir denn da hin?

Wetter. Winter ade? Sprechen wir vom Wetter und gewöhnen wir uns daran, dass unser metereologisches Vokabular, über den von allen Stimmbändern artikulierten Klimawandel hinaus, noch andere interessante Wortbildungen bereit hält: Eiszeit, Zwischeneiszeit, Kälte-Phase, Warm-Phase. Mein Liebling: Würm-Eiszeit! Fürs Dichter-und-Denker-Land selbstverständlich, dass es zu allen Problem-Themen passende Autoren mit marktgerechtem Reaktionsvermögen gibt, die rasch unterhaltende Orientierung parat halten. Jetzt erschienen und unbedingt lesenswert: Franz Schätzchen: Der Schal. – Wiepenheuer & Kitsch, 2010. 2656 S. Euro 51,99.

Zitat 1. „Das Plagiat: Was ist es im letzten Grunde andres als Selbsterkenntnis? Dass dem Betreffenden das fehlt, was er nimmt?“ Meinte der akribische Arno Schmidt irgendwann einmal.

Szene (= Berlin). Ein Buch zu schreiben, war ja schon öfters probates Mittel postpubertärer Mädels ihr Taschengeld aufzubessern. Dass man aber dermaßen das deutsche Feuilleton rockt, wie jene Jung-Autorin, die diesen Monat 18 wurde, ist schon eine ganz neue Dimension. Und natürlich nomiert für den Preis der Leipziger Buchmesse (siehe ganz weit unten), weil sie angeblich wirklich schreiben kann. Echt? Darüber wird noch zu reden sein – in frühestens zwanzig Jahren. Zu schnell entstehen heute Helden.

Zitat 2. „Der Fall Hegemann lässt in mir den dringenden Wunsch, nein, die aufrichtige Bitte aufkommen, dass sich die Literaturkritik hierzulande endlich weniger um Hypes oder die Biografie eines Autors kümmert und mehr um seinen Text.“ Der Schriftsteller Thomas von Steinaecker in „Börsenblatt“ 6.2010, S. 13.

Sport. In Vancouver hat das Gladiatorentum inzwischen Ausmaße angenommen, die stark an griechisch-römische Dekadenz im Endstadium erinnern. Und hierzulande mußte einmal mehr eine Gruppe älterer Herrn erkennen, dass Sexualität im Leben der Männer durchaus vorkommen kann. Nein, nicht die! Hier ist die Ober-Clique vom DFB gemeint, dass sind die, die für Fussball-Götter zuständig sind. Götter pflegen ja tradionell (siehe: griechische, siehe: römische) ein rechtes Lotterleben. Einige gemeine Stadion-Gänger-Sänger hingegen habens schon immer gewußt: „Schiri du schwule … !“.

Krieg. Oberfeldwebel Evi Sachenbacher-Stehle. Hauptfeldwebel André Lange. Hauptfeldwebel Tobias Angerer. Unteroffizier Andreas Wank. Deutsche Medailliengewinner in Kanada. Wer verteidigt eigentlich Freiheit und Vaterland am Hindukusch, wenn sich ein großer Teil der VondeutschenBodendarfniewiederKriegausgehen-Armee auf der Jagd nach Auszeichnungen durch olympischen Schnee kämpft?

Aus meinem Lese-Tagebuch. Viel Vergnügen bereitet hat mir diesen Monat die Lektüre von Thomas Glavinics „Das bin doch ich“, das mir bei einem anderen geplanten Einkauf, recht überraschend in die Finger geriet und als Spontan-Kauf noch am selben Abend angelesen wurde. Am Ende dieser äußerst witzigen Selbst-Darstellung und kultur-, bier- und weinseeligen Wien-Odysee eines jungen, nach Short-List-Präsenz lechzenden Autors, stellt sich dem Leser die spannende Frage, ob Thomas G. noch immer mit Daniel K. befreundet ist. Man wird der Ösis ja nicht müde. Deshalb bin ich jetzt mit dem neuen Hochgatterer beschäftigt. Dazu. Bald. Hier. Mehr.

Ausblick. Im Märzen der Bauer die Rösslein einspannt. Er reitet nach Leipzig. Und schon wieder ein Buchpreis, samt Shortlist: Faktor, Georgs Sorgen. Hegemann, Axolotl (das gäbe Taschengeld!). Klein, Roman unserer Kindheit. Seiler, Die Zeitwaage. Weber, Luft und Liebe. (Und Glavinic wieder nicht drauf!)

Ich bin am Ende. Diesmal fehlen zwei oder drei Tage, je nach Sichtweise, außerdem große Teile des inzwischen gewohnten winterlichen Nacht-Dunkels; wir vermissen die Schneemänner, übrig geblieben sind dreckige schmelzende Torsi; der WSV ist schon vorbei, die Berlinale auch, Stars und Sternchen weg – und Guido W.? Liegt dekadent dahingestreckt in der Hängematte. Im Schlaraffenland für wohlgeborene Politik-Profis. Und wirft mit gebratenen Tauben nach jenen in den dürren Ebenen, die nicht jedes global-urbane Tempo mitgehen durften, konnten oder wollten.

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Hypotext

Nach DNB und DDB: Die DLB kommt! Lange herrschte Funkstille, doch nun gibt es hoffnungsvolle Signale aus Raisting und Polling. Was bisher geschah: Am 29. Juni 2006 trat bekanntlich das neue „Gesetz über die Deutsche Nationalbibliothek“ in Kraft. Es benannte die Bibliothek mit ihren von blühenden Vorgärten umgebenen Häusern in Leipzig, Frankfurt am Main und Berlin in Deutsche Nationalbibliothek um. Dieser bibliothekarische Kraftakt fand 2008 seinen vorläufigen Abschluss: Im Oktober jenes Jahres erlies die Bundesregierung die Pflichtablieferungsverordnung, die die bisherige Pflichtstückverordnung ablöste. Damit war Kraft gewonnen für neue Aufgaben. Folgerichtig wurde am 8. Dezember 2009 in Stuttgart, im Rahmen des jährlichen IT-Gipfels und in Anwesenheit der Frau Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel, das Projekt DDB präsentiert. Die Deutsche Digitale Bibliothek wird einen zentralen Zugang zu digitalem Wissen und Kultur in Deutschland bieten. Sie eröffnet großartige Perspektiven für die innovative und zukunftsorientierte Nutzung digitaler Medien und setzt Zeichen für die Etablierung der Wissens- und Informationsgesellschaft in der Bundesrepublik. Diesen beiden tragenden Säulen der Informations-Landschaft wollen nun namhafte Experten aus Bibliotheks-, Informations- und Archivwesen eine weitere hinzufügen. Nach monatelangen Vorberatungen, Ausarbeitung meilensteingepflasteter Konzeptionen und der Sicherung einer zukunftsorientierten Finanzierung, geht am 10. März 2010 „Die letzte Bibliothek“ (DLB) mit Häusern in Raisting und Polling an den Start. Mehr dazu. Demnächst. An dieser Stelle.

Stuttgarter Antiquariatsmesse

„Der Umgang mit Büchern bringt die Leute um den Verstand.“ Erasmus von Rotterdam (1465 – 1536)

Wenn eines nicht mehr allzu fernen Tages, alle Texte und Inhalte, alle Erzählungen, Gedichte und Abhandlungen in die Netze der Smart-Phoniker und Kindle-Händler gegangen sein werden, wenn große Teile allen Wissens und Seins im Riesenreich der allgewaltigen Google oder zweitverwertender Schein-Realitäten verschwunden sind, dann wird dennoch ein kleines Häuflein unerschrockener, unbekehrbarer Haptiker übrig bleiben, das unbeirrt weiterhin mit beiden Händen nach gebundenem Papier und gedruckten Texten greift; schrullige Nostalgiker für die die digital fixierte Masse nur wenig Verständnis aufbringen und deren geistige Gesundheit und Gegenwartstauglichkeit von der applikativ operierenden Mehrheit permanent in Frage gestellt werden wird. Menschen, die das analoge Potential haben, dieser buchaffinen Resterampe anzugehören, trifft man kommendes Wochenende in Stuttgart.

Vom 29. bis 31. Januar 2010 bietet der museale Rahmen des Württembergischen Kunstvereins am Stuttgarter Schloßplatz das stilvolle Ambiente für einen der Höhepunkte im Kalender der Buch-Liebhaber. Auf der 49. Stuttgarter Antiquariatsmesse präsentieren Antiquare aus Deutschland, Australien, Frankreich, Italien, Großbritannien, den USA, Österreich, Frankreich, der Schweiz und den Niederlanden wertvolle Manuskripte, Bücher, Autographen und Graphiken aus 5 Jahrhunderten Buchdruck und Buchkunst. Sie verwandeln den Württembergischen Kunstverein für ein Wochenende in einen Marktplatz der Bibliophilie.

Einen Überblick über das Angebot gibt der Messekatalog online.

Doch es wird rund um die Messe noch mehr geboten: Die Geschichte eines jüdischen Jugendbuchverlages in Stuttgart 1939 bis 1945, Antiquare und Antiquariate im Porträt, ein Lesevergnügen für die jüngsten Sammler: Die Ausstellungen, Lesungen und Publikationen rund um die Stuttgarter Antiquariatsmesse sorgen für weitere interessante Eindrücke und Erlebnisse und machen die drei Tage zu einem ganz besonderen Ereignis für Händler, Bibliophile und Sammler – und solche, die es noch werden wollen.

Hier kann also noch einmal zugegriffen und Vorrat für Zeiten des Mangels beschafft werden. Bald werden aus bunten Bestsellern gefragte Rara und aus Rara gänzlich Vergriffenes. Längst ist der Apple gepflückt, die Vertreibung aus dem Paradies vielfältiger, lehrreicher, unterhaltsamer Büchersammlungen und Bibliotheken, die ihren Entdeckern viele Menschleben lang immer wieder Neues, Überraschendes und Erstaunliches boten, in vollem Gange. Wer dann kein Buch zu Hause hat, findet keines mehr.

Frankfurt, Ulm und Donaustrand

„Ich war zwischen den Dingen etwas, das da nicht hingehört.“

Nachdem wir wussten, weil es ein Herr mit skandinavischem Akzent verkündet hatte, dass Herta Müller den Nobelpreis bekommen würde, waren die Ulmer Buchhandlungen am LIMIT. Ein Streifzug durch die Läden in den Tagen nach dem Tag X, offenbarte manches SYMBOL. Allerhand Engel, Elfen und bissige Vampire. Von Verblendung bis Verdammnis – alles im Angebot. Aber nichts Lesbares der ausgezeichneten Rumäniendeutschen. „Atemschaukel“, vor kurzem in knapper Auflage erschienen, musste erst wieder in Auftrag gegeben werden. „120 Tausend in einigen Tagen“, verkündete der Verlag zuversichtlich. Es dauerte dann doch etwas länger, bis die Promi- und Sensationslust der Käufer das Werk sogar im Verkaufs-Ranking bei Amazon nach oben spülen konnte.

Mueller_23391_MR.inddHarte Zeiten für Herta. Von leichtem Infekt genesen, konnte sie Spotlights und Beifallsstürmen auf der Frankfurter Bühne nicht mehr entkommen. Selten hat eine Autorin, ein Autor, nach solcher Auszeichnung, so sehr unser Mitleid verdient. Mit schmalen Schultern und hängendem Kopf stand da eine kleine Frau vor vielen Menschen, die gar nicht mehr aufhören wollten mit Klatschen. Es war auch die Bitte um Absolution, weil man sehr wohl wusste, wie wenig ernst und wichtig man gerade diese Autorin vor dem 8. Oktober genommen hatte. Derweil übte sich ein Frankfurter Meta-Kritiker in ungewohntem Schweigen, das er wahrscheinlich für beredt hält.

Herta Müller und ihr Werk waren schon früher mit zahlreichen Preisen bedacht worden. So zum Beispiel mit dem ebenfalls sehr hoch dotierten „International IMPAC Dublin Literary Award“, den sie für die englische Übersetzung von „Herztier“ bekam. Zwei Besonderheiten hat diese Auszeichnung. Von dem außergewöhnlich üppigen Preisgeld (Euro 100.000) geht ein Viertel an den Übersetzer. Und am Preis beteiligen sich neben dem Hauptsponsor IMPAC auch die Kommune Dublin und deren Bibliotheken. Jetzt suchen wir die deutsche Stadt (SDDS) und das zugehörige Erfolgsunternehmen, die dem irischen Beispiel folgen!

Messe-Berichterstattung aus Frankfurt und im Frühjahr aus Leipzig ist ja inzwischen eine ganz eigene Literaturgattung geworden. Wenn es da für Spitzenleistung einen Preis gäbe, hätte diesen sicher Andrea Diener verdient. Ihr Blog ist ganz nah dran an den Stimmungen und der Autorin gelingt es wundervoll, diese ihren Lesern zu vermitteln. Unbedingt vorbeischauen!:

Zu Andrea Diener

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Claudio Magris, der diesjährige Preisträger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, ist ein italienischer Germanist. Warum kommt einem diese Berufbezeichnung nur so absurd vor? Kleiner Riese quasi ähnlich absonderlich und selten. (**) Und er – die Ulmer wird es wundern – er hat die Donau als verbundenen und verbindenden Kulturraum entdeckt. Lange vor Langer. Auf einer Flussfahrt mit Buch. Genau betrachtet ist er der originäre Erfinder aller Donaufeste. Zu schön um wahr zu sein, wenn er beim nächsten in Ulm zu Gast wäre.

Und dann schon wieder dieser E-Book-Hype. Zum Gähnen. Toll so ein Kindle! Teuer in Dollar. Was wir lesen dürfen bestimmt Amazon. Nur amerikanische Bücher und Zeitungen drauf. Das Ding ist in aller Munde und vor aller Augen, aber nicht wirklich dabei. Sony-Reader dito. Fortsetzungen folgen. The same procedure next spring in Leipzig. Aufregen nützt nichts. Angst haben vor der Entwicklung auch nicht. Am Ende entscheiden wir selbst, ob Bücher als Haupt-Trägermedium für schöne Literatur verschwinden werden.

Die meisten Chinesen sind nun auch zurück in China. Der eine oder andere Dissident, Kulturschaffende oder Wok-Betreiber hat es vorgezogen hier zu bleiben. Die anderen kommen aber eines Tages wieder. Sie werden es sein, die das ultimative E-Book mitbringen. Den Toyota-Suzuki-Volkswagen der Reader. Den haben dann aldi Lidls für wenig Penny im Angebot. Mehr Plus für Netto. Dann gibt es für den ganzen Druckramsch nur noch Joker. Aber bis dahin haben wir schließlich auch das letzte Feuchtgebiet trockengelegt, hat die Stadt Berlin einen ausgeglichenen Haushalt und Guido Westerwelle die absolute Mehrheit. Also, was kann uns da heute schon passieren?

Sopho„Sophokles war 84, als er die Antigone schrieb, da habe ich noch fast zwei Jahre Zeit.“ Sagte Martin Walser. Er war letzten Herbst in China auf Lesereise. Er wird dort viel übersetzt, gelesen und geschätzt. China hat eine lange Tradition im ehrenden Umgang mit weisen alten Männern. Deutschland im missverstehen wollen. Martin Walser hat es in China gefallen. Und so kam es, dass in Frankfurt Chinesen gerne über den Dichter vom großen Wasser sprachen und dass Martin Walser von China schwärmte. Aber das fiel kaum jemandem auf und kam in den Medien fast nicht vor. Dabei hätte gerade dies wirklich interessant, wichtig, erfreulich und verbindend sein können.

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(**) Kleine Verbeugung vor dem Meister des prädikatfreien Satzbaus. Weil, Bewunderung quasi Hilfsausdruck: Haas, Wolf: Der Brenner und der liebe Gott. – Hoffmann und Campe, 2009. Euro 18,99

Was Wille meint

GrundgesÄtzliches

Im Mai 1830 versammelten sich etwa 30.000 Menschen zum Hambacher Fest auf dem gleichnamigen Schloss, nahe Neustadt an der heutigen Weinstraße. Bei der Versammlung handelte es sich um kein lustig, lustvolles Freizeit-Event sondern um einen ersten Höhepunkt fundamentaler frühliberaler, bürgerlicher Opposition. Die Hauptforderungen der Festteilnehmer waren Meinungs- und Pressefreiheit, religiöse Toleranz, nationale Einheit und Einführung allgemeiner Bürgerrechte. Die Zensurbestimmungen waren zu dieser Zeit in allen deutschen Staaten sehr streng, in der Pfälzer Region, die unter bayerischen Herrschaft stand, waren sie 1830 noch zusätzlich verschärft worden. Ein Besuch dieser gut restaurierten und erhaltenen Schloßanlage lohnt heutzutage allemal. Malerisch inmitten von Weinbergen gelegen, hat man einen weiten Ausblick über die Rheinebene. Nicht versäumen sollte man den Besuch der Daueraustellung „Hinauf, hinauf zum Schloss!“, die eindrucksvoll die deutsche Demokratie-Geschichte präsentiert.

Im Mai 1949 wurde in Bonn am Rhein vom Parlamentarischen Rat, dem verfassungsgebenden Organ der neuen deutschen Republik, festgestellt, dass das neue Grundgesetz von mehr als zwei Dritteln der Volksvertretungen der deutschen Länder angenommen wurde und damit in Kraft tritt. Dort heißt es im Kapitel I, Artikel 5:

„Jeder hat das Recht…sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt…Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei.“

Wie ist es nach sechzig Jahren mit diesen Rechten beschaffen? Welche Rolle spielen dabei insbesondere die Bibliotheken im Lande? Der kausale Zusammenhang zwischen dem populär „Informationsfreiheit“ genannten Grundrecht und den Bibliotheken war eigentlich immer offensichtlich und wurde nie ernsthaft in Frage gestellt. Lange Zeit genügte es, sich während eher spärlicher Öffnungszeiten in die nächstgelegene Bibliothek zu begeben und in gefüllten Regalen einen fülligen Kosmos an Wissen, Information und Bildung zur Verfügung zu haben. Wollte man Teile davon für eine begrenzte Zeit bei sich zu Hause auswerten, war dies meist einfach und kostenfrei möglich.

Ganz anders heute. In vielen Bibliotheken kann ich als gemeiner Bürger inzwischen zwar fast rund um die Uhr eintreten und einen Leseplatz einnehmen, doch mit den entnehmbaren Informationen ist es nicht mehr weit her. Viel Gedrucktes hat eine Metamorphose in elektronische Formen durchgemacht, die Bibiotheksverantwortlichen haben Lizenzverträge geschlossen und Nutzungsvereinbarungen unterschrieben. Der Nutzerkreis wurde eingeschränkt, es wurden rationierte Authenfizierungen ausgegeben. Weite Kreise der Bevölkerung wurden von Inhalten ausgeschlossen. Zudem wurden Nutzung und vor allem Ausleihe in der Regel gebührenpflichtig, Formen der Dokumentenlieferung restriktiver und teurer. Wie ungehindert können wir uns also „unterrichten“? Ist der Zugang immer noch „ungehindert“, wenn ich einem bestimmten Personenkreis angehören oder inzwischen nicht unerhebliche Mittel dafür aufwenden muss?

Sind Presse, Funk und Fernsehen frei? Ist die „Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film“ gewährleistet? In der Tat kann ich nach wie vor für vergleichsweise wenig Geld eine Tages- oder Wochenzeitung erwerben, kann diese Blätter immer noch in den meisten Bibliotheken problemlos studieren, finde einen Teil ihrer Inhalte im Internet unkompliziert und gratis. Privaten Rundfunk in Form von Radio und Fernsehen gibt es inzwischen vielfältig, einfältig und verkaufsfördernd. Der Zugang zu öffentlich-rechtlichen Quellen erfordert wiederum einen monetären Aufwand und die Konfrontation mit einer Institution namens Gebühren-Einzugs-Zentrale (GEZ), die im Grundgesetz auch nicht explizit erwähnt wird. Aber kann ich mich mit Hilfe dieser Medien auch wirklich „ungehindert unterrichten“? Werfen wir dazu einen fragenden Blick auf deren aktuellen „Content“. Hier eine zwar kleine, dafür subjektive und tendenziöse Auswahl:
„Sarkozy stellt Schmuse-Video ins Internet“ – „Wer trug das scheußlichste Outfit“ – „Pooth-Pleite blockiert Familienplanung“ – „Polizei jagt Eierwerfer“ – „Schlag den Raab“ – „Musikantenstadl“ – „Die Kochprofis – Einsatz am Herd“. Dieses und jede Menge ähnliches, ja oft nahezu gleiches, oft nicht mehr unterscheidbares Material finden wir  in BILD, Süddeutsche, auf Pro Sieben, ARD, RTL II, Spiegel Online und all den Organen, deren vielfältiges Vorkommen leicht mit Meinungs-Vielfalt verwechselt werden kann. Zugegeben, die Quellen sind frei zugänglich, ich kann mich „ungehindert unterrichten“. Suche ich allerdings in Brockhaus oder Munzinger Archiv nach verlässlichen Informationen über Glen Miller, Jutta Dithfurth oder Theodor Heuss, stehe ich vor elektronischen Schranken und gehöre ich nicht zum Kreis der Berechtigten, habe ich für einen einzelnen Aufruf von Informationen zu bezahlen, finde ich die alten gedruckten Versionen in meiner Stadtbibliothek nicht wieder und auf Nachfrage wird mir mitgeteilt, dass sie ausgesondert wurden.

So langsam wird es Zeit, dass Rechtsgelehrte ans Werk gehen und Artikel 5 des Grundgesetzes von 1949 mit der Wirklichkeit von 2009 in Einklang bringen. Oder wir Bürger, unsere Politiker, die Mitwirkenden in Wirtschaft, Medien und Kultur tragen dazu bei, den Artikel 5 Wirklichkeit werden zu lassen.

Ach so, da hieß es ja auch noch: „Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei.“ Das will natürlich auch unser Volksvertreter im Reichstag zu Berlin, der Präsident meiner Hochschule, der Minister für Wissenschaft und Kultur. Im Prinzip. Aber für ein bisschen Religionsfrieden, für ein wenig Wirtschaftwachstum, für die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes muss man eben auch einmal Kompromisse machen.

Arthur Thomas Wille, Jahrgang 1954, hat Buchhändler gelernt, studierte Philosophie, Linguistik und Ungaristik und arbeitet freischaffend als praktischer Philosoph und Informationstheoretiker. Er ist auf LIT*OS mit gelegentlichen Glossen und Kommentaren vertreten. Wille lebt mit seiner Familie in Weimar und im Westallgäu.

Bibliothekartag 2009

Eindrücke und Nachdrucke aus Erfurt

Atmosphäre

Der Mantel „Erfurter Messe“ ist dem 98. Deutschen Bibliothekartag um einige Nummern zu groß. Hallen und Congress Center haben noch viel Luft. Wie man hört, finden auf diesem Messestandort nur wenige Veranstaltungen im Jahr, und dann eher kleinere, statt. Halle 3 ist eine riesige funktionale Messehalle, in der man problemlos Yachten oder Kleinflugzeuge ausstellen, aber natürlich auch eine Rassehunde-Ausstellung unterbringen kann. Über rote Teppiche (Faden) geht es zu zwei Seminarräumen die ganz am anderen Ende der großen Halle „eingebaut“ wurden. Wellblech und flexible Raumteiler bilden die Wände. Eisenträger und Installationsrohre die Decke. Tageslicht gibt es nicht, aber relativ gute, kühle Luft. Die technische Betreuung ist in jeder Hinsicht aufwändig, Personalknappheit ist hier kein Thema.

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Auf geht’s. Zum Bibliothekartag 2009.

Die Veranstaltungen im nobleren Congress Center sind nur auf verschlungenen Umwegen durch halb Thüringen zu erreichen. Der eigentlich vorhandene Haupteingang ist aus unerfindlichen Gründen geschlossen. Türsteher und Wegweiserinnen helfen weiter, wenn man an verschlossenen Pforten rüttelt. Das Messegelände liegt, wie viele dieser neuen Infrastruktur-Projekte, ganz am Rande der Stadt. Die nächste Bibliothek ist weit. Moderne Straßenbahnen bringen die Kongress-Teilnehmer auf angenehme Weise zu ihnen und in die wunderschöne, sehr malerische, lebhafte, stark durchgrünte Erfurter Innenstadt. Hier kann man jederzeit an einer der gefühlten zweitausend täglichen Stadtführungen teilnehmen. Wer Venedig für eine stark von Touristen frequentierte Stadt hält, war noch nicht in Erfurt.

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Typisch Erfurt: Luther und Bratwurst

Krise

Die ICOLC erwartet – mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung – massive Einschnitte bei den Bibliotheks-Etats, verursacht durch die Finanz- und Wirtschaftkrise. In den USA hat dieser Prozess bereits begonnen, da die amerikanischen Universitäten starke Vermögenseinbußen hinnehmen mussten. In Deutschland werden noch weitere Faktoren dazu kommen, wie etwa geringere Einnahmen durch Studiengebühren oder erhöhte Aufwendungen für Bau und Unterhalt. Wie weit es her ist mit den Bildungsoffensiven der Politik, zeigt das Beispiel der ehemaligen Vorzeige-Einrichtung Forschungszentrums Jülich, die in den letzten Jahren von erheblichen Mittelkürzungen betroffen ist. Ach so: ICOLC, was ist das eigentlich? Natürlich die „International Coalition of Library Consortia“. Jedes Berufs-Feldchen hat seinen Verband, seine Vereinigung, regional, überregional und natürlich in Zeiten der Globalisierung auch international. Eine Vielzahl von Arbeitssitzungen solcher Zusammenschlüsse und Gruppierungen sind fester Bestandteil der jährlichen Bibliothekartags-Routine.

Zensur

Bibliothekare lehnen Zensurbestrebungen jeglicher Art ab. Wie sieht es aber mit dem Zusammenhang zwischen Computerspiel und Amoklauf aus? Es gibt ja so Spiele, also, tja, da sollte man schon eventuell einmal darüber nachdenken. In offener Debatte zu diesem Thema sind die Meinungen durchaus geteilt. Da wird Mancher, Manche schwach in Sachen konsequenter Verurteilung von Zensur. Mancher der, als es um gesperrte Web-Sites in China ging, ganz vorne in der Protestfront stand. Andere führen an, es sei ja wohl eine Frage der Sozialisation, der Erziehung, nicht des speziellen Mediums, die aus Menschen Verbrecher macht. Im Fall des Amokläufers von Winnenden bleibt immerhin festzuhalten, dass er über ein umfangreiches Waffenarsenal einschließlich Munition verfügte und bisher noch nicht ernsthaft geplant ist, Waffen generell zu verbieten. Wir Bibliothekare wissen auch, dass so allerhand Bedenkliches zwischen Buchdeckeln gedruckt wurde und wird, von manchen Zeitschriften, Broschüren, ganz zu schweigen. In unserem Beruf fühlen wir uns dafür zuständig, den Mitmenschen einen verantwortungsvollen Umgang damit nahezulegen. Seit dem Ende der Thekenbibliothek ist Freihand ja sehr viel greifbar – aber eben doch längst nicht alles öffentlich zugänglich, allerdings bei nachgewiesener dringender – meist wissenschaftlicher – Bedürftigkeit, in den Arsenalen der National-, Landes- und Sondersammelgebiets-Bibliotheken dennoch zu finden. Bei einer sehr interessanten, lebhaften zeitweise kontroversen Diskussionsveranstaltung, lehnten namhafte Vertreterinnen des deutschen Bibliothekswesens jede Form von Zensur ab und bekräftigten den Sammelauftrag der Bibliotheken für alle Medienformen und alle Inhalte.

Preise

Wenn Bibliothekare auf einfache Fragen selbst keine komplizierten Antworten finden, laden sie sich Wissenschaftler ein. Warum, lautet eine gern und viel gestellte Frage, sind wissenschaftliche Zeitschriften eigentlich so teuer? Welche Zusammenhänge sind erkennbar, die zu diesem Phänomen beitragen? Steffen Bernius, ein smarter Wirtschaftsinformatiker der Universität Frankfurt, mit Arbeitsschwerpunkt Wissensmanagement hat sich mit einem Team daran gemacht, klare Ergebnisse für diese komplexe Problematik zu finden. Ausgangsthese war: Der Impact-Factor ist schuld. Ergebnis der Studie: Er ist es nicht. Er konnte keine signifikante Korrelation finden, erläuterte Herr Bernius dem seinen Ausführungen fasziniert folgenden Auditorium im dicht besetzen Saal. In der Untersuchung waren nur Online-Titel untersucht worden. Dass diese meist noch parallel mit Print-Versionen erscheinen und deshalb eine komplizierte Mischkalkulation der Verlage bei der Preisfindung stattfindet, war kein Thema. In diesem Zusammenhang ist die Aussage, dass Open Access bei den Prozesskosten deutliche Vorteile besitzt, so richtig, wie die Erkenntnis, dass Wasser am liebsten bergab fließt – mit den Tatsächlichkeiten auf dem Markt hat sie jedoch wenig zu tun.

Emerging Markets

Es kann durchaus sein, dass, global betrachtet, die Bedürfnisse der deutschen Bibliotheken bei international agierenden Verlagskonzernen keine entscheidende Rolle spielen. Die Märkte der Zukunft sind in China, Indien, Südamerika, in fernerer Zukunft auch in Afrika. Und diese haben Dimensionen, die deutsche Zahlen fast zur statistischen Unsichtbarkeit degradieren. So leben in Indien derzeit etwa 1,3 Milliarden Menschen.  Indien ist der siebtgrößte Buchmarkt der Welt und der drittgrößte für englischsprachige Literatur. Heute. (2007 wurden im Buch- und Verlagswesen circa 1,4 Mrd. Euro umgesetzt.) Wenn man nun bedenkt was dort in Sachen Alphabetisierung, höherer Bildung für breite Schichten und Steigerung des allgemeinen Wohlstandes noch bevorsteht, versteht man, dass sich Springer, Elsevier, Wiley und Co. sehr viel mehr für dieses Potential als für die Finanzprobleme einer einzelnen German University of Applied Science interessieren. Interessant in diesem Zusammenhang, dass dieses Wachstum bis auf weiteres fast ausschließlich den Print-Produkten zugute kommt. (Damit wären wir wieder bei den international vertriebenen print + online Wissenschaftstiteln und erkennen, warum print noch lange nicht ausgedient hat. Siehe oben.) Ähnlich sind die Verhältnisse im größten südamerikanischen Staat, bei allerdings bereits höherer Bildung und besseren Einkommensverhältnissen. Brasilien investiert sehr viel in die Leseförderung, stellt Bücher mehrwertsteuerfrei, gibt Verlagen direkte finanzielle Unterstützung und verschenkt Bücher an Kinder und Jugendliche. Wenn man zur Literatur für Wissenschaft, Schule und Berufsbildung auch noch die Belletristik dazunimmt, wird die Größenordnung noch eindrucksvoller.

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Die Stadtbibliothek in Erfurt

Stella, mein Stern!

„Guten Abend! Ich heiße Stella und begleite Sie durch die Stabi. Ich vermute, Sie brauchen eine Auskunft. Kann ich Ihnen helfen?“ So werden Sie schon seit einiger Zeit auf der Web-Site der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg von einem bleichhaarigen Wesen begrüßt, das die meisten Besucher wohl als weiblich einstufen werden. So ist vermutlich zu erklären, dass diese virtuelle Dame jede Menge Heiratsanträge und – so ist zu vermuten – auch noch einige Anträge anderer, möglicherweise auch solche eindeutiger Art, bekommt. Das mit den Heiratsanträgen hat uns die Leiterin der Bibliothek, Frau Prof. Dr. Gabriele Beger, verraten. Sie ist die Chefin und auch so eine Art Großmutter dieses Avator (dieser Avatorin?). Damit kann man in Podiumsdiskussionen trefflich punkten und nachweisen, dass moderne Bibliotheken voll interaktiv und mächtig WEB 2.0-affin sind. Die Digital Natives sollen sich bei uns wohlfühlen. Wenn Sie jetzt Stella auch einmal anschauen und besuchen möchten, geben Sie bitte nicht einfach bei Google „Stella Hamburg“ ein, denn es ist gar nicht sicher, dass Sie dieses Ergebnis zufriedenstellen wird. Folgen Sie lieber diesem Link:

Ich will zu Stella!

Bibliothekartag 2009

„Ein neuer Blick auf  Bibliotheken“

So lautet das Motto des 98. Bibliothekartags, zu dem sich in dieser Woche etwa 3000 Bibliothekare und Informationsspezialisten in Erfurt eingefunden haben.

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Die Veranstaltung findet im Congress Center der Messe Erfurt statt, weit draußen am Rande der Stadt, fern ab jeder realen Bibliothek. Das Motto der Veranstaltung ist eher etwas unscharf formuliert, zur Sache geht es dann in den einzelnen Veranstaltungen, Workshops, Arbeitssitzungen. Kernstück bilden die 12 Themenkreise, in denen es viel um die Zukunft geht: der Bibliotheken, des Berufes, des Web usw., aber auch Fragen der Selbstdarstellung – insbesondere Öffentlicher Bibliotheken – sowie Bibliotheksbau und Bibliothekseinrichtung. Die Bibliothekare wissenschaftlicher Bibliotheken haben noch etwas eigene Schwerpunkte, wie z.B.  web-basiertes Lernen, elektronische Medien und: Der Wandel der wissenschaftlichen Bibliothek vom „Büchermuseum“ zum multimedialen Lernort.

Man kann allen Teilnehmern dieses Kongresses nur wünschen, dass der Blick scharf und der Sinn für die Realität wach bleibt. Denn sehr viel mehr als die Sachverhalte, die in Erfurt vorgetragen und diskutiert werden, sind es die Rahmenbedingungen, die Finanz- und Wirtschaftskrise diktieren und die Bibliotheks- und Informationswesen wohl stärken beeinflussen werden, als alle guten Pläne und Vorsätze der Fachleute. Die milliardenschweren Unterstützungen für Banken und Industrie wird der öffentliche Sektor in Form von Einsparungen zu spüren bekommen; da helfen alle Bildungs-Bekenntnisse der Politiker nichts. Davon steht nichts im  Programm dieses  Bibliothekartags; aber in den Fluren, an den Kaffee-Tischen und in den Straßenbahnen auf dem Weg in die Innenstadt wird viel darüber diskutiert. Nun ist immerhin bereits absehbar, dass wir auch in Zukunft mit einem Opel zur Bibliothek fahren können, ob diese oder auch andere Bildungs- und Kultureinrichtungen, dann aber noch da sind, wird man sehen müssen.

Der diesjährige ist erst der zweite Bibliothekartag überhaupt, der in Erfurt stattfindet. Zum ersten Mal traf man sich 1924. Angemeldet waren 150 Teilnehmer.

Erfurt

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„Ein neuer Blick auf Bibliotheken“ heißt es in der nächsten Woche in Erfurt. Dann findet in der Landeshauptstadt Thüringens der 98. Deutsche Bibliothekartag statt. Anlass in diesem Blog ebenfalls einen nicht immer ganz unkritischen Blick auf das aktuelle Bibliotheks- und Informationswesen zu werfen, aber auch auf den Veranstaltungsort und seine Umgebung. Heute wird zunächst einmal an zwei historische Ereignisse erinnert, die in Erfurt stattfanden. Zwei Ereignisse, stellvertretend für die ganze bewegte Geschichte einer Stadt, die sich immer im Zentrum Europas befand und damit oft genug Schauplatz von Kriegen, Grenzverschiebungen, Wanderungsbewegungen und wichtiger Begegnungen, und die sich seit nunmehr fast 20 Jahren wieder in der Mitte des vereinten Deutschland befindet.

Vom 27. September  bis zum 14. Oktober 1808 traf sich in Erfurt alles was in Europa Rang und Namen hatte zum sogenannten „Fürstenkongress“: Kaiser Napoleon und Zar Alexander I. von Russland, Friedrich August I., König von Sachsen, Friedrich I., König von Württemberg und auch der Bayer Maximilian I., um nur einige der wichtigsten zu nennen. Napoleon1806, nach der Doppelschlacht bei Jena und Auerstedt, bei der Preußen eine vernichtende Niederlage erlitt, war die preußische Vorherrschaft in Deutschland zu Ende. Der im selben Jahr unter dem Protektorat Napoleons gegründete Rheinbund wurde zu einer der bestimmenden Mächte im Reich. Im Dezember tritt Sachsen dem Rheinbund bei. Erfurt war damals Teil des Königreichs Sachsen und lag ganz am westlichen Rand. Seine Selbstständigkeit bewahrt hatte sich mit seiner anpassungsfähigen Schaukelpolitik das kleine Herzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach unter seinem Herrscher Carl August. Von dort reiste der Dichter und Geheime Rat Johann Wolfgang von Goethe nach Erfurt. Am 2. Oktober kommt es zu einer Begegnung mit dem Kaiser der Franzosen und Eroberer Europas, von der sich Goethe ausgesprochen beeindruckt zeigte, obwohl Napoleon kaum Zeit findet sich dem Weimarer ernsthaft zu widmen.

Auch im Jahre 1970 trafen sich in Erfurt zwei europäische Staatsmänner, die unterschiedlicher nicht sein konnten, wie auch die beiden Staaten die sie vertraten, deren Bürger immerhin eine gemeinsame Sprache hatten. Willi Stoph, Vorsitzender des Ministerrates und stellvertretender Vorsitzender des Staatsrats der DDR und Willy Brandt, Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Stoph hatte bereits 1967 mit einem Brief an den damaligen Kanzler Kiesinger versucht deutsch-deutsche Gespräche in Gang zu bringen, aber erst der Sozialdemokrat Brandt erklärte sich im IBrandtnteresse der Menschen in Ostdeutschland zu zwei Gesprächen, in Erfurt und später in Kassel, bereit. Brandt versuchte unter dem Motto „Wandel durch Annäherung“ eine Neuausrichtung der bundesdeutschen Ostpolitik; ein Ansatz der ihn im Westen zur viel kritisierten Zielscheibe der Konservativen machte. Die Bevölkerung in beiden deutschen Staaten erhoffte sich einiges von dem Treffen. So fiel auch der Empfang für den Bundeskanzler aus: Viele Erfurter hatten die Sperren am Bahnhof überwunden und jubelten Brandt zu. Nach Willy-Willy-Rufen zeigte er sich am Fenster des „Erfurter Hofes“ – davon erfuhr man aber nur in den westdeutschen Medien. Seit kurzem erinnert auf dem Gebäude des ehemaligen „Erfurter Hofes“ ein von dem Berliner Künstler David Mannstein gestalteter Schriftzug („Willy Brandt ans Fenster“) an das legendäre Erfurter Treffen.

Ein Märchen

(Inetbib und all den fröhlichen Diskutanten dort gewidmet.)

Es war einmal vor langer Zeit in oberdeutschen Landen. Zwar lag die Herrschaft der Alamannen schon etliche Jahrhunderte zurück, aber die Gegend um den Fluss Danubius war immer noch bedeckt von dichten Wäldern. In diesen Wäldern lebten Feen, Trolle und Kobolde, hauste das Einhorn und heulten nachts die Wölfe. In einem solchen, fast undurchdringlichen Tann aber lag tief verborgen eine große Bibliothek. Voll der weisen Werke, wirkten in ihr ratsame Bibliothekare und Bibliothekarinnen, studierten an ihren Pulten hoffnungsvolle Forscher und betagte Gelehrte. Die Königin dieser Bibliothek herrschte in einem Schloss, dessen erste Grundfeste dereinst noch aus dem Holz des Auwaldes die illyrischen Sklaven der Römer gelegt hatten. Zur Zeit von Königin „Margarete die Scheue“ aber, strahlte dieses Schloss in den schönsten Farben des Barock und die Untertanen hielten es für einen Teil des Himmelreichs.

Die Bibliothek der Königin „Margarete“ war nur schwer zu erreichen. Mühsam war der Weg zu ihr über schmale, wenig begangene Pfade und gefährlich wegen der wilden Tiere die lauerten. Als eines Tages Hofmarschall Alter Weh von Undorfer seiner Herrscherin vorschlug Schneisen in den Wald zu schlagen, entlang des Weges Fackeln zu entzünden und die Bibliothek auch in den Abendstunden offen zu halten, schlug sie entsetzt die Hände vor ihr ungläubiges Gesicht. Einige Zeit später wanderte eben jener Hofmarschall in rheinische Lande aus, um, wiederum Jahre später, im märkischen Sand des Preußenreichs eine neue Heimat zu finden.

Der Schnee kam und ging, die Sommer waren einmal heiß und trocken, dann wieder feucht und kühl. Jahr um Jahr verging und Deutschland war längst eins geworden; nur noch die ganz Alten konnten sich an Königin „Margarete die Scheue“ erinnern. Nun herrschten die großen Männer vom Stamme der Technocrati. Sie hatten weite Teile des Waldes gerodet und damit freier Wissenschaft und exzellenter Gelehrsamkeit gehörig Raum geschaffen. Die alte Bibliothek aber lag in neuem Glanz, angebaut, umgebaut, neubebaut, von Scheinwerfern umstrahlt, der Mittelpunkt einer riesenhaften Universitas, die die Technocrati auf dem ehemaligen Waldgrund errichtet hatten. Von Fabelwesen und wilden Bestien hatte hier niemand je gehört. Tag und Nacht strömten Studenten und Professoren durch die automatisch sich öffnenden Glastüren des Wissensspeichers, gingen durch lange Regalreihen und reihenweise online, buchten selbst, checkten an Lichtschranken ein und aus, trugen Medien die mit RFIDs ausgestattet waren herum und kommunizierten über einen allgegenwärtigen Helpdesk mit ratsamen, aber unsichtbaren Wesen. Der Horizont schien grenzenlos.

Da meldete sich im fernen Berlin, das die Bewohner der oberdeutschen Landschaft mit einer modernen Beförderungsmaschine jetzt in weniger als sechs Stunden erreichen konnten und das vor Jahr und Tag zur Hauptstadt des gesamten Reichs avanciert war, ein greiser Mann zu Wort, der behauptete er hieße Alter W. Undorfer und sei einst Hofmarschall der Königin „Margarete die Scheue“ gewesen. Er ging in schwarzem Anzug, an einem Stock mit Knauf, hob den altmodischen Zylinderhut und sprach zu der Menge, die sich bald um ihn versammelt hatte: „Liebe Bibliothekare und Bibliothekarinnen, liebe Mitmenschen! Welch dunklen Zeiten und Mächten sind wir alle entkommen. Endlich muss keine Bibliothekarin mehr in nächtlicher Kälte, vorbei an grollenden Ungeheuern, durch dichten Nebel und dunklen Tann zum späten Dienst erscheinen. Ein Hoch auf die modernen Zeiten und ihre Automaten!“

Was Wille meint

Heute: Free access und freie Fahrt

Man stelle sich einmal diese irrwitzige Situation vor: Google würde Autos verkaufen. Oder besser noch, verschenken. In der Folge würden alsbald weltweit die geltenden Verkehrsregeln in Frage gestellt. Die Anhänger von Google und frei verfügbaren Autos sind nämlich entschiedene Gegner jeglicher Einschränkung ihrer automobilen Freiheiten und damit natürliche Feinde aller Straßenverkehrsordnungen. Bestehende Rechtssysteme werden ignoriert. Google, die Free-Drive-Initiative Herrsching am Ammersee und ein gewisser Herr Graf begrüßen und unterstützen diese Entwicklung ausdrücklich. Das Motto: „Freie Fahrt für alle – jederzeit und überall!“ Also auch: Vorfahrt an allen Kreuzungen für alle! Aber, meckert der Zögerliche, sind da nicht Kollisionen vorprogrammiert?

Wenden wir uns an dieser entscheidenen Stelle nun einfach einmal abrupt dem Publikationswesen zu. Google möchte nicht weniger als Alles – und zwar haben, also besitzen; auch Dinge die ihm nicht gehören. Begründung: Das dient der Allgemeinheit (gemeint sind dabei hauptsächlich das allgemeine Google und seine Aktionäre). Google dient der Wissenschaft. Alles was irgendwo von irgendwem erforscht, geschrieben und dokumentiert wurde, gehört ins Netz, frei für Jedermann. Andere wollen das auch. Forschung zum Beispiel heißt es, die sei doch Allgemeingut. Eine starke Front schließt sich dem an. Dabei sind außer Google, die Free-Access-Initiative Herrsching am Ammersee, sowie Herr Graf.

Wieder Andere wollen das dagegen ganz und gar nicht. Es sind jene, die man bisher als Eigentümer, Rechte-Inhaber oder zumindest Urheber, bezeichnet hat. Also ein gewisser Herr Ulmer und so Schriftsteller-Typen, so wie Daniel Kehlmann und Siegfried Lenz. Die sind dageben. Begründung: Geistiges Eigentum. Was jetzt gemacht wird sei Diebstahl geistigen Eigentums. Digitale Technik macht vieles möglich, dennoch ist das Problem keinesweg so neu. Schon Martin Luthers Traktate wurden geklaut, schwarz verbreitet, nicht entgolten und dabei auch noch inhaltlich entstellt. Es geht um viel: Geld, Einfluss, Macht – wie immer halt. (Das patente Gen-Schwein wird, um die Sache dann doch etwas zu vereinfachen, hier übrigens nicht auch noch abgehandelt.)

An dieser Stelle muss Zeit sein für einen kurzen Rückblick auf die Wechselfälle der Geschichte; denn liebe Freunde des gepflegten Diskurses, was man uns da umsonst verkaufen will, ist ja eigentlich nicht wirklich neu: Offline, dafür absolut absturzsicher, jede Menge Content, free access, für alle (fast) immer unbürokratisch und unkompliziert zugänglich, in ansprechendem Ambiente, bei kompetentem Support und leicht erreichbaren Helpdesks (vulgo: Auskunft oder Info); zudem eine sichere Einkommensquelle für Buchhändler und Verleger. – – – Man nannte es Bibliothek!

Und gleich danach die ebenso unangenehme, wie hochaktuelle Frage: Was ist eigentlich Eigentum? Das Guthaben einer Bank, gehört es der Bank oder den Kunden der Bank? Die in letzter Zeit modisch werdenden hohen Schulden mancher Bank: Wem gehören Sie? Der Bank? Dem Kunden? Dem Staat? Sind sie free access? Kann sie jeder haben, jederzeit?

Und damit zum Ende des ersten Aktes unserer kleine Tragikomödie, weitere werden mit Sicherheit folgen: Viele Fragen aufgeworfen, keine beantwortet. Verwirrung gestiftet, Orientierung nicht in Sicht. Das war der Sinn. Aber was sind schon Sinn und seine kleine Cousine Vernunft? Garantiert nicht jederzeit für jedermannfrau verfügbar. Aber unbezahlbar.

Arthur Thomas Wille, Jahrgang 1954, hat Buchhändler gelernt, studierte Philosophie, Linguistik und Ungaristik und arbeitet freischaffend als praktischer Philosoph und Informationstheoretiker. Er wird in Zukunft auf LIT*OS mit gelegentlichen Glossen und Kommentaren vertreten sein. Wille lebt mit seiner Familie in Weimar und im Westallgäu.