Literaturwoche Donau 2018

Der kleine Rückblick. Knapp und persönlich.

Es kann gut tun, wenn man intellektuell gefordert, ja überfordert wird. Es wird viel zu oft viel zu wenig verlangt. Der deutsch-schweizer Philosoph und Schriftsteller Jonas Lüscher wies darauf hin. Und sein Roman Kraft, den er in der Ulmer Stadtbibliothek vorstellte, ist genau so ein Werk, dessen voller Genuss sich entfaltet wenn man ihn mit einem kleinen Rucksack an Voraussetzungen angeht. Die Geschichte vom Tübinger Rhetorikprofessor (sic!), der nach Kalifornien reist um dort in mehrfacher Hinsicht zunächst heftig ins Schlingern zu geraten um schließlich zu kentern.

Was für ein wunderbarer Ort diese Stadtbibliothek. Als Büchersammlung, als Treffpunkt, als Veranstaltungsort, als markanter Mittelpunkt inmitten historischer Umgebung, eine Glaspyramide, transparent und einladend. Drinnen Bücher, Bücher, Bücher, Leseplätze und W-LAN, draußen Passanten, Cafés, Restaurants, reges Stadtleben.

Die Literaturwoche Donau 2018 ist punktgenau im Hochfrühling gelandet. Es wärmt, grünt und blütenstaubt. Im Bus sitzt schräg gegenüber einer der keinen Bart hat. Dafür hält er in der einen Hand eine Doppel-LP aus Vinyl und in der anderen einen Viererpack Drumsticks.

Angesichts der explodierenden Natur kommen mir die Pflaumen- und Kirschbäume in den Büchern von Iris Wolff in den Sinn. Nicht nur sie lobte das besondere Ambiente und die einmalige Atmosphäre des Ulmer Veranstaltungsreigens. Sie habe sich sehr wohl gefühlt, ließ sie wissen, im nostalgisch trendigen Casino, das bis auf den letzten Vintage-Sessel besetzt war. Ihr gefiel, dass sie ihren Verleger Arno Kleibel vom Salzburger Otto Müller Verlag an ihrer Seite hatte.

Nicht zuletzt weil er ihr erlaubt hatte ihren aktuellen Roman in vier Erzählungen nach einer rumänischen Redensart So tun, als ob es regnet betiteln zu dürfen. Man muss wissen, dass Verleger und Lektoren (angeblich verkaufshemmende) Kommata in Buchtiteln überhaupt nicht schätzen. Ein Abend, der wie so manch anderer, vom gut vorbereiteten Florian L. Arnold moderiert wurde, der als Mitorganisator genügend Ausdauer für diese lange Woche hatte und für jede unvorhersehbare Gesprächswendung ein rhetorisches Werkzeug.

Als der ohne Bart aussteigt kann ich das Plattencover erkennen: Bryan Adams. Dabei hatte ich auf Jazz getippt. Es sind diese ganz eigenen, charaktervollen Lokalitäten die ein Gutteil des Reizes der Literaturwoche ausmachen: Die Räume der Ulmer Museumsgesellschaft, das ehemalige Sparkassen-Casino, das Museum Villa Rot in Burgrieden (Abstecher nach abseits der Donau), das Edwin-Scharff-Museum in Neu-Ulm, die Putte ebendort.

Die Putte ist eine ehemalige Schreibwarenhandlung. Hier habe ich als bayerischer Volksschüler Hefte, Stifte und Bucheinbände erstanden. Jetzt haben sich Künstler in die freigeräumten und weiß gestrichenen Räume eingemietet, zeigen ihre Werke und laden zu kleinen, intimen Runden. Wie jene mit den schreibenden Vonhiers Sybille Schleicher, Florian L. Arnold und Silke Knäpper. Sie stellten jeweils eines ihrer Lieblingsbücher den anderen beiden, sowie den versammelten Neugierigen vor. Sie ließen wissen, wie schwer die Auswahl gefallen war. Arnold hatte Sebalds Austerlitz dabei, Schleicher Transit von Anna Seghers, aktuell weil gerade eine Petzold-Verfilmung des Stoffes angelaufen ist. Beide Bücher kannte ich bereits.

Neu war für mich Meine Freunde des Franzosen Emmanuel Bove. Silke Knäpper hatte es mitgebracht. In den 1920er-Jahren mäandert Bâton durch Paris. Er ist Kriegsinvalide. Die Rente reicht zum Nötigsten. Anders als Knut Hamsuns alter ego einige Jahrzehnte früher leidet er keinen Hunger. Ihn quält die Einsamkeit. Von einer Suche nach Anschluss, Freundschaft, Liebe handelt dieses Buch. In klarer präziser Sprache, ein Stil frisch wie von neulich, ebenso gut wie unverkennbar übersetzt von Peter Handke. Wahrhaftig, ich habe kein Glück. Kein Mensch interessiert sich für mich… Ich war traurig und wütend. Die Vorstellung, mein ganzes Leben würde in Einsamkeit und Armut ablaufen, verstärkte meine Hoffnungslosigkeit.

An zehn Tagen Literaturwoche gab es eigentlich nur Höhepunkte. Doch wenn es nur Höhepunkte gibt, entstehen keine Gipfel, sondern lediglich eine ausgedehnte Hochfläche. Braucht eine Veranstaltung wie die Literaturwoche deshalb mehr Auf und Ab, Gut und Besser, Mehr und Weniger? Am Ende ist es so, dass das dichte Angebot es jeder und jedem ermöglicht persönliche Favoriten zu finden. Was kann es Schöneres geben als Vielfalt mit Qualität und Niveau? Dass nicht alle Ulmer, Neu-Ulmer das bemerkt haben … Geschenkt.

Wie man seine Stadt mit anderen Augen sieht, wenn man eine Veranstaltung der Literaturwoche Donau verlässt! Warum waren denn alle die jetzt dort draußen sind nicht ebenfalls dabei, sondern haben sich mit Zimteis, Cappuccino, Weizenbier und Donauufer zufrieden gegeben?

Begeistert vom Flair des Donauufers und der Altstadt waren, soweit sie Zeit dafür fanden, die Aussteller der erstmals veranstalteten kleinen Buchmesse, die unter dem Label Konturen stattfand und zu der fast 20 Verlage gekommen waren. Viele davon arbeiten nach einem Motto das dem großen Verleger der Weimarer Republik, Kurt Wolff, zugeschrieben wird, nachdem man zwar von der Verlegerei nicht leben, gleichwohl gut damit leben könne. Das angebotene Spektrum dieser unabhängigen Buchmacher reichte von der Beatlyrik über wiederentdeckte Romane, literarische Texte auf CDs gepresst, die wie Singlescheiben längst vergangener Populärmusik-Zeiten aussehen, bis zu Buchrollen und Kinderbüchern.

Am Samstag war die Verkaufsausstellung etwas außerhalb zu Gast, in der Villa Rot im idyllisch gelegenen Burgrieden. Am Sonntag dann in den Räumen der Museumsgesellschaft in Ulms stark frequentierter Mitte. Weit Gereiste waren dabei, wie Jürgen Schütz und sein Wiener Septime Verlag, spannende Spezialisten wie Moloko Print oder Ralf Zühlkes Stadtlichter Presse, Verlage aus der Region wie Thomas Zehenders danube books, Etablierte wie der Peter Hammer Verlag. Einfache Tische, reichlich Büchervorräte, gedruckte Verlagsprogramme und -vorschauen, interessiertes Publikum und auskunftsfreudige Verleger garantierten den Erfolg dieses Formats, das auf jeden Fall wiederholt werden soll.

Lesen ist Entspannung, Bereicherung, Vergnügen und gelegentlich Mühsal. Wer Erholung von mitunter vielleicht etwas zu voraussetzungssatter Lektüre sucht, der greife zu den Büchern von Martin Ebbertz. Humor mit Geist, Witz mit Geschmack bieten Werke wie Feuer in der Eiswürfelfabrik, 66 Kürzestgeschichten über kleine Katastrophen und alltägliche Beobachtungen von Dingen wie sie überall und jederzeit passieren können oder eben auch nicht, weil sie der Phantasie des Schriftstellers entspringen. Erschienen im Axel Dielmann-Verlag.

In einer Eiswürfelfabrik brach ein furchtbares Feuer aus. Die Feuerwehr kam mit vielen Wagen. Die Feuerwehrmänner schoben die Leitern vor und rollten die Schläuche aus. Mit starken Wasserstrahlen spritzten sie in die Fabrik… Die Arbeiter trugen Eiswürfel aus der brennenden Fabrik, soviel sie konnten. Sie schwitzten viel und bekamen schwarze Gesichter. Am Abend war der Brand gelöscht… Zur Belohnung durften die Arbeiter sich jede Menge Eiswürfel mit nach Hause nehmen. Daraus kochten sie sich dann Tee oder Kaffee.

Ebbertz hat neben zahlreichen Büchern für sogenannte Erwachsene auch für Kinder geschrieben. Als Beispiel sei hier nur noch Der kleine Herr Jaromir genannt, der, so schrieb DIE ZEIT, aus einem anderen Land stammt, einem wo Kinder und Dichter gemeinsame Sachen machen.

Die Literaturwoche Donau bot zehn Tage Gelegenheit sich gemein zu machen. Mit Schriftstellerinnen und Schriftstellern, mit Verlegern und Verlegerinnen, mit Literatur in seiner schillernden Vielfalt. Vor allem aber mit all den tollen Menschen, die teilen, was man selbst liebt.

An der Donau ist Literaturwoche!

Zehn Tage Leidenschaft für Literatur, besondere Bücher aus unabhängigen Verlagen, ergänzt um feine musikalische Anreicherungen. Vom 20. bis zum 29. April dauert die diesjährige Literaturwoche Donau. Der Verein Literatursalon Donau e. V. und zahlreiche Partner und Unterstützer laden ein.

Freunde schöner Poesie und Poetik, großer Erzählungen und überraschender Texte sollten vorschlafen und sich die Abende und Wochenenden freihalten für das ambitionierte und breit gefächerte Programm. 

Am Freitag 20. April findet bei freiem Eintritt die Eröffnungsveranstaltung im Haus der Museumsgesellschaft Ulm in der Neuen Straße statt. Mit Hernan Ronsino ist gleich eine der wichtigsten Stimmen der argentinischen Literatur zu Gast. Er hat den Übersetzer Luis Ruby und seinen deutschen Verleger Ricco Bilger mitgebracht. Für die musikalischen Akzente des Abends sorgt das Silber Quartett.

Zwei markante Veranstaltungsorte im Rahmen der Literaturwoche Donau 2018: Ulmer Münster und das Haus der Museumsgesellschaft

Was bieten die folgenden Tage?

Um nur einige Höhepunkte zu nennen: Jonas Lüscher stellt seinen Roman über das Streben und Scheitern des Rhetorikprofessors Kraft vor. Iris Wolff liest aus dem vielbesprochenen und hochgelobten, aus vier zusammenhängenden Erzählungen bestehenden Roman So tun als ob es regnet (bei dem Titel handelt es sich um eine rumänische Redensart). Bei Anna Baars Als ob sie träumend gingen begegnen wir einer kroatisch-österreichischen Autorin, die ebenso sprachmächtig wie anrührend von Liebe in Zeiten des Krieges erzählt. Der Schweizer Thomas Meyer besticht mit feinem Humor und Hintersinn. Sein aktuelles Buch Trennt euch! ist konsequenterweise eine überraschende Liebeserklärung an die Beziehung zwischen zwei Menschen.

Ein Tag ohne Bier ist wie ein Tag ohne Wein behauptet Thomas Kapielski. Um das zu überprüfen wird am Schlusssontag zu einer Frühschoppenlesung ins Ulmer Künstlerhaus geladen. Es empfiehlt sich jedoch Zurückhaltung beim Genuss geistiger Getränke, denn am Abend kann man zusammen mit Sudabeh Mohafez den Münsterturm besteigen. In schwindelnder Höhe wird sie ihren Stadtschreibertext vorstellen, der für diese Literaturwoche entstanden ist.

Künstlerhaus und Münsterturm sind nur zwei der wunderbaren Lokalitäten die Florian Arnold und Rasmus Schöll, die beiden Hauptmacher der Veranstaltungsreihe, dem Publikum erschließen konnten. Gespannt sein darf man nicht zuletzt auf die Botschaft internationale Stadt im Herzen Ulms auf dem Hans-und-Sophie-Scholl-Platz. Im bayerischen Nachbarn Neu-Ulm geht es zum Wiley-Kiosk, ins frisch renovierte Edwin-Scharff-Museum und das beliebte Café d’Art.

Im Rahmen der diesjährigen Literaturwoche Donau findet schließlich und zum guten Schluss noch die Erste Ulmer Buchmesse der unabhängigen Verlage statt. Am Sonntag, 29. April im renommierten Museum Villa Rot in Burgrieden (der Ort liegt etwa 20 Kilometer südlich der Donau-Doppelstadt) und bereits einen Tag zuvor, dem Samstag, in den Räumen der Museumsgesellschaft Ulm. 19 Verlage aus ganz Deutschland – aus Ulm sind danubebooks und Topalian & Milani vertreten – präsentieren ein breites Spektrum schöner Bücher, exquisiter Gestaltung und hochwertiger Literatur. Der Eintritt ist frei.

In den Städten Ulm und Neu-Ulm hängen bereits flächendeckend die von Joachim Brandenburg großartig gestalteten Einladungs-Plakate aus. Hinsehen lohnt sich. Das vollständige Programm (das natürlich viel mehr bietet als die hier aufgeführten Appetithappen) mit genauen Angaben zu Orten, Zeiten und Preisen findet man überall dort wo Kultur stattfindet, ganz sicher aber in den beiden Stadtbibliotheken und der Buchhandlung Aegis.

Infos im Netz gibt es hier:

http://literatursalon.net/literaturwoche-donau-2018/

 

Leipziger Buchmesse 2018

Momente, Meinungen, Bücher

* * *

Mit dem Wetter anfangen? Geht gar nicht?

Diesmal doch. Leipzig liegt geoklimatisch bereits weit im Osten. Selten wurde das metereologisch so spürbar wie in diesem Jahr zur Buchmesse-Zeit. Strenger Winter in der zweiten Märzhälfte. Schnee und Glätte. Beißend kalter Wind. Womit haben wir Büchermenschen das verdient und wer ist schuld? Die Russen? Trump? Naht, wie vor zehntausend Jahren, eine kleine Eiszeit?

Samstag und Sonntag gestörter Zugverkehr. Weichen sind eingefroren. In den imposanten Leipziger Hauptbahnhof konnten zeitweise keine Fernzüge einfahren. Der S-Bahn Verkehr in Mittelsachsen kam zum Erliegen. Konsequenz: Die Messe-Verantwortlichen verfehlten die selbstgesetzten Wachstumsziele. Am Sonntagabend bilanzierte man viele tausend Besucher weniger als erwartet.

Es sollte eine politische Messe werden, hatte deren Chef Oliver Zille zum Beginn verkündet. Es wurde eine politische Messe. Alle waren gegen rechts, wobei nie ganz klar schien in welcher Schublade gerade gekramt wurde. Der fundamental-konservativen, einer stramm rechten, einer rechtsradikalen. Die Grenzen fließen. Wer redet mit wem und wer mit wem nicht? Es wurde eifrig und heftig diskutiert und gestritten, immer einigermaßen friedlich, meist gesittet. Doch blieb unscharf was als freie Meinungsäußerung durchgehen darf und was nicht. Dabei haben wir doch ein Strafrecht und ein Grundgesetz.

Unsere Grundrechte heißt das aktuelle Buch von Georg M. Oswald. Welche wir haben, was sie bedeuten, und wie wir sie schützen. Eigentlich kommt das Buch des Juristen und Schriftstellers zur richtigen Zeit. Bei all den kruden Forderungen nach gesetzlichen Verschärfungen die inzwischen von Politikern aller Lager in die Debatte eingebracht werden, gerät in Vergessenheit welch verlässlichen Rahmen wir bereits haben. Wer den bewährten und tradierten Spielraum verlässt wird ein Fall für Polizei, Staatsanwaltschaft und gegebenenfalls das reich kommentierte Strafrecht. Alles da. Es wird Zeit sich dessen zu vergewissern und es anzuwenden.

Gomringer macht Grass. Grimms Wörter, die Huldigung des 2015 verstorbenen Dichters an die deutsche Sprache, wurde von dem Trommler und Grass-Freund Günter “Baby” Sommer vertont. Nora Gomringer verfügt über die Fähigkeit Töne und Sprache zu einem kongenialen Ereignis zu vereinen. Wie immer wenn diese Frau etwas macht wurde es originell, eigen und sehr gut. Siebzig ganz besondere Minuten als Scheibe oder MP3-File, bei Günter Grass Hausverlag Steidl erschienen. Ansonsten erscheinen die gedruckten Schöpfungen Nora Gomringers treu und regelmäßig bei Volland und Quist. Einer dieser jungen unabhängigen Verlage die sich seit etlichen Jahren rund um die Leseinsel Junge Verlage gruppieren.

Dort waren auch die Ulmer Florian Arnold und Rasmus Schöll mit ihrem bereits recht erfolgreichen verlegerischen Startup Topalian und Milani zu finden, in produktiver Symbiose mit der Edition Azur. Die strategisch äußerst günstige Standlage an zwei Laufwegen sorgte für rege Publikumsfrequenz und für die erwünschte Wahrnehmung des ambitionierten Programms, das großen Wert auf hochwertige Gestaltung und Herstellung der Bücher legt. Rechtzeitig zur Messe wurde eine kleine Edition mit Kunstkarten nach Motiven von Anatol Knotek fertig. Im Zentrum der Arbeiten des Künstlers stehen das Wort und seine visuellen Ausdrucksmöglichkeiten.

Julius Fischer hier, Julius Fischer dort. Das Urgestein der ostdeutschen Lesebühnen, der Slam- und Kabarett-Szene war quasi überall. Mal beißender Realsatiriker, mal urkomische Erscheinung war ihm stets großer Publikumszuspruch sicher. Im Herzen ist er ein echter Menschenfreund. Deshalb heißt sein aktueller Buchtitel, mit dem er über die Messe zog und die Säle nicht nur in Leipzig füllt, Ich hasse Menschen. Durch seinen Kakao wird alles gezogen was zwei Beine und Schuhe hat.

Guter Rat muss ja bekanntlich nicht unbedingt teuer sein. Das trifft dann besonders zu, wenn die Lebenshilfe zwischen zwei Buchdeckel gepresst wohlfeil angeboten wird. Das Angebot dieser Gattung ist auf beiden großen deutschen Buchmessen reichlich vertreten. Nachfolgend ein besonders prägnantes Beispiel, das den Besuchern in Leipzig entgegenleuchtete. Es spricht für sich.

Die Löwen-Apotheke ist die älteste der Stadt. Als Apotheke Zum güldenen Löwen wurde sie 1409 gegründet. Nach mehrmaligem Umzug ist sie heute Ecke Brühl/Nikolaistraße zu finden. Hier stellte Ellen Sandberg vor kleinem Publikum und inmitten hochpreisiger Schönheitsversprechen (in die Kosmetikabteilung im Obergeschoß passten nur 35 Personen) ihren Roman über Die Vergessenen vor, in dem es, verpackt in eine sehr spannende, vielschichtige Handlung, um das Thema Euthanasie im Dritten Reich geht. Ellen Sandberg erläuterte ausführlich ihre Recherchen und den folgenden Schreibprozess. Ein interessiertes Publikum trug nach der Lesung mit dem Thema angemessenen Wortmeldungen dazu bei, dass diese Veranstaltung inhaltlich tiefer ging und mehr wurde als nur eine von vielen Lesungen im Rahmen von Leipzig liest.

Es gibt einfach nichts in meinem Leben, was sich zu erzählen lohnt. Gar nichts. Behauptet der Protagonist in Christoph Heins großem Deutschlandroman Glückskind mit Vater, der 2016 erschien. Auf einer Buchmesse gibt es viel zu erzählen, schließlich treffen sich dort Leute, die etwas zu sagen haben. Und man erfährt von den vielen neuen Erzählungen aus den Federn und Tastaturen auflagenstarker Autoren, talentierter Nischenbesetzer, von Dichtern ferner Länder, von lustigen und traurigen Geschichten, Neuigkeiten und alten Legenden.

Drei ganz persönliche Favoriten die mir in der Masse des Überangebots aufgefallen sind, die es gewiss zu lesen lohnt, seien hier ultrakurz vorgestellt:

Angelika Klüssendorf hat mit Jahre später einen dritten Roman über ihre den Lesern längst vertraute Hauptfigur April geschrieben. Aus dem Mädchen ist eine Ehefrau geworden. Es sei die Anatomie einer toxischen Partnerschaft versprechen Verlag und Autorin. Wie die Vorgänger besticht auch dieser Roman durch eine klare, knappe Sprache und nüchtern realistische Darstellungskraft.

Dana Grigorcea stammt aus Rumänien, lebt in Zürich und schreibt auf Deutsch. Ihr neuestes Werk ist die Novelle Die Dame mit dem maghrebinischen Hündchen. In dieser Anspielung an den ähnlichen Titel einer Tschechow-Erzählung geht es um die verheiratete Tänzerin Anna deren Leben vor dem Hintergrund des gesitteten Wohlstands der Schweiz durch eine Begegnung eine überraschende Wendung erfährt. Elegante, schöne Sprache.

Klaus Modick: Nach Brecht, Feuchtwanger und Rilke ist nun der inzwischen literarisch wiederentdeckte Eduard Keyserling an der Reihe. Modick versteht es in unnachahmlicher Weise aus Lebensabschnitten interessanter Figuren der Literaturgeschichte spannende Romane zu machen. Keyserlings Geheimnis ist selbst dann lesenswert wenn man den aus dem damals deutschen Lettland stammenden adeligen Autor bisher nicht kannte.

Literatur und Musik sind Geschwister. Gerne machen Sie einmal etwas zusammen. Und so gibt es jedes Jahr auf der Leipziger Buchmesse eine Abteilung mit Musikalien aller Art und Ständen namhafter Musikverlage. Im Mittelpunkt das Musik-Café, ein Ort des Innehaltens, wie auch der musikalischen Präsentationen, der Vor- und Aufführungen schöner und manchmal schräger Töne. Ein Ort für Zuhörer. Für Messemenschen, die dem literarischen Dauertrubel für einige Augenblicke entkommen möchten und gerne zu- und hinhören. Der Abstecher zur Musik lohnt sich in Leipzig Jahr für Jahr.

Heiteres und stimmungsvolles Erlebnis war in diesem März eine musikalische Kurzbiographie Wolfgang Amadeus Mozarts. In erster Linie an Kinder adressiert hatten auch alle Nichtmehrkinder, Erziehungsberechtigte und zufällig Anwesende ihren großen Spaß an den Darbietungen die eine handvoll Mitglieder des MDR-Symphonieorchesters und des MDR-Chores arrangiert hatten. Mit sichtlichem eigenen Vergnügen erfreuten sie eine begeisterte Zuschauerschar aus Jung und ein wenig Älter.

Buch voraus lautete das diesjährige Motto in Leipzig. Ein Slogan der eher ratlos macht, weil man sich sofort fragt, was kommt dahinter? Wenn das Buch voraus geht und – wie Schwarzseher unken – demnächst hinweg, was folgt?

Das Buch bleibt, behauptete mit Nachdruck und Überzeugungskraft der rumänische Politiker und Schriftsteller Varujan Vosganian. Er nannte zahlreiche Beispiele aus der Literaturgeschichte von einst verbotenen, geächteten, verbrannten Büchern, die höchst lebendig in den Regalen der Gegenwart stehen. Er sprach über Diktaturen und ihre erbärmlichen Versuche Bücher und Literatur zu verhindern oder zu verbieten. Er erwähnte den Medienwandel. Sein Fazit war immer: Das Buch widersteht und übersteht. Es ist da und es bleibt. Wenn etwas eine Zukunft hat, dann das gedruckte Buch. Beim alljährlichen Besuch der Leipziger Buchmesse ist man geneigt ihm Recht zu geben.

Vosganian gehört zu einer armenischen Minderheit in Rumänien, davon handelt sein Buch des Flüsterns. Rumänien ist ein Land mit starken Minderheiten und deshalb ein komplexes Gebilde, politisch und literarisch. Mehr dazu demnächst auf con=libri.

Bier und Buch

Die Wirtschaft blüht, die Konjunktur glüht.

In allen Branchen?

Keineswegs. Einige weniger bedeutende Geschäftszweige können nicht Schritt halten. So sind die Buchverkäufe und die Zahl der Leser in unserer Republik der Drucker und Dichter in den letzten zwölf Monaten zum wiederholten Mal deutlich gesunken. Immer mehr Buchhandlungen schließen.

Gleichzeitig geht der Bierkonsum im Land der Trinker und Denker Jahr für Jahr zurück. Die Zahl der selbständigen Brauereien zwischen Schlei und Isar, Rhein und Oder sinkt bereits seit Jahrzehnten. Bestehen da etwa Wechselwirkungen in Sachen steigender Unlust an Buch und Bier? Lauern negative Synergien? Mögliche Zusammenhänge wurden bisher unzureichend bis gar nicht untersucht.

Die Fakten sprechen für sich: Seit 2011 fällt das Volumen des Bierabsatzes in Deutschland pro Kopf und Jahr kontinuierlich. Für 2021 wird ein Allzeittief von 91,7 Litern erwartet. Bei derzeit 82,67 Millionen Einwohnern (31.12.2017) sind das voraussichtlich bescheidene 7 Milliarden, 500 Millionen, 580 Tausend Liter und einige Kölschgläschen. Ein ähnliches Bild des Jammers bietet der Buchabsatz. Nur noch gut 40 Millionen Menschen kauften 2017 überhaupt ein Buch – also nicht einmal jeder zweite Mitbürger. Lediglich drei Millionen waren bereit mehr als 20 Bücher nach Hause zu tragen. Für die nächsten Jahre ist mit weiteren signifikanten Rückgängen zu rechnen.

Die Frage nach Korrelationen drängt sich auf. Sind es die Biertrinker die weniger Bücher kaufen oder ist es eine buchaffine Bevölkerungsgruppe deren Bierdurst nachlässt? Würde ein erhöhter Bierverbrauch gleichzeitig den Buchabsatz steigern? Oder muss mehr gelesen werden damit der Zapfhahn öfter läuft? Wieviele Menschen kaufen eigentlich Bücher und Bier? Und wie hoch ist die Zahl der Zeitgenossen die auf beides glauben verzichten zu können? Schnittmengenanalysen liegen bis dato nicht vor.

Die Mönche des Mittelalters kamen kaum zum Lesen. Wenn sie nicht gerade beteten oder Choräle sangen, schrieben sie mit eigener Hand fromme Texte in dicke Bücher, die kunstvoll ausgestattet und gebunden in den Klöstern zu ansehnlichen Bibliotheken heranwuchsen. Heute gern besuchte und bestaunte kulturhistorische Kleinodien. Zur Stärkung tranken die Brüder Bier, nicht zu knapp und nicht zu schwach. Bevorzugt zur Fastenzeit, in der allerhand Sättigendes und Wohlschmeckendes rituell untersagt war, griff man gern zum Krug in dem erhöhte Stammwürze schäumte. Der eine oder andere Klosterbräu hat die Unbilden sich wandelnder Zeiten überstanden.

Zu jeder Zeit gab es Poeten die maßlos Bier tranken und trotzdem gut schrieben. Jean Paul und Oskar Maria Graf sind hinlänglich populäre Bespiele.

Der aus dem putzigen Wunsiedel stammende Jean Paul hieß eigentlich Johann Paul Friedrich Richter und schwor auf den Gerstensaft seiner fränkischen Heimat. Englisches Bier, das zu seiner Zeit in Deutschland ganz gerne ausgeschenkt wurde, war ihm ein Greuel: Trink ich’s noch ein Jahr, so bin ich todt. Weilte er freiwillig oder gezwungen fern der Heimat ließ er sich von dort mit Nachschub versorgen. Dabei war er in ständiger Sorge wegen möglicher Versorgungsengpässe. Sollte das Bier schon unterwegs sein – was Gott gebe – so bitt ich Sie herzlich, sogleich neues nachzusenden; weil der Transport vom Faß in mich viel schneller geht als von Bayreuth nach mir!

Oskar Maria Graf versuchte sein Heimweh im New Yorker Exil mit reichlich Biergenuss zu lindern. Er behauptete, dass er die amerikanischen Dünnbier-Marken lieber durch die Gurgel rinnen ließe als das einst gewohnte bayerische Vollbier. Als er zum 800-jährigen Jubiläum Münchens 1958 eingeladen war und zum ersten Mal nach dem Krieg wieder deutschen Boden betrat, wurde er gefragt, wie es so ein Urbayer in den USA aushalten könne. Er antwortete, dass New Yorker Bier sei … ausgezeichnet und nicht so blähend und dickflüssig wie das bayrische Exportbier. Die Behauptung war eine Spitze gegen die bayerische Bier-Hauptstadt in der die braune Bewegung ihren Ausgang nahm und den Dichter ins Exil zwang. Er wurde nie heimisch in New York, sprach kaum Englisch, organisierte einen Stammtisch für geflohene deutsche Schriftsteller und brauchte reichlich Bier zum Trost. Man wird allmählich so skeptisch, daß man überhaupt alles anzweifelt und sich ganz und gar zurückzieht — oder sich sinnlos besäuft.

Foto: Bernd Michael Köhler

Für beharrliche Viel- und Dauerleser ist Biertrinken während der Lektüre ab gewisser – individuell sicher unterschiedlicher – Grenzwerte kontraindiziert. Es vernebelt die Sinne, umnachtet den einen oder anderen Hirnlappen, senkt die Konzentrationsfähigkeit, macht müde. Die situative Lesekompetenz verringert sich rapide, kontrastierend steigt die Akzeptanz von Zeitungen mit vielen Bildern und großen Überschriften. Oder das Zappen durch mittlerweile 400 bis 500 Banalkanäle in den TV-Netzen bildet die bedenkliche Übergangsphase zum hopfengeförderten Tiefschlaf.

Trösten wir uns. Die Auswirkungen sinkender Umsätze der Buch- und Bierbranchen auf unsere Volkswirtschaft und ihr Bruttosozialprodukt sind marginal. Sie werden spielend und mehrfach kompensiert durch den immer höhere Sphären erklimmenden Automobilabsatz deutscher Premium-Hersteller und den damit einhergehenden Gewinnen der sie produzierenden Konzerne. (Finanzminister, Bänker, Vorstände und Kleinanleger haben chronisch glänzende Augen.) Nicht nur die Dividenden und Prämien wachsen, auch die vierrädrigen Vehikel werden immer voluminöser.

Kommen wir so etwa einer Ursache für den steten Bier- und Buchabschwung auf die Spur? Schließlich lässt sich aktives Autolenken nur schwer mit Lektüre und Maßkrugstemmen verbinden und wird gerne verkehrsrechtlich sanktioniert. Zwar führt ein moderner SUV den Fahrer jederzeit locker durch unwegsames Gelände, im Kofferraum sind jedoch nur noch selten prall gefüllte Büchertaschen undoder Biergebinde zu finden.

Was erwartet uns demnächst jenseits von Bibliotheksstaub, Bierdunst, ZeeOzweiwolken und Stickoxydnebel?

Wann macht der Buchhändler unseres Vertrauens die Tür seines Ladens zum letzten Mal hinter sich zu? Wie lange werden die Abfüllanlagen in den verbliebenen Brauereien noch laufen? Sind die Abwärtstrends bei Bier und Buch zu stoppen?

Wir müssen es wohl mit Einstein halten und erkennen dass Prognosen schwierig sind, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen.

Das war hilfreich:

bier.bayern-online.de

statista.de

Bayerischer Hinkelstein. In: DER SPIEGEL vom 27. Juni 1977

Hampson, Tim: Das Bierbuch. Brauereien Marken Biertouren. Über 1700 Biere aus aller Welt.– Dorling Kindersley, 2015

„Für das Wort und die Freiheit” – Notizen zur Leipziger Buchmesse 2017. (I)

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“Nicht zu lesen lohnt sich nicht” (Katharina Herrmann / Kulturgeschwaetz.Wordpress.Com)

“Lesen hilft – und viel lesen hilft viel!” (Julia Schmitz / fraeuleinjulia.de)

“Ich lese, weil ich nicht weiß, wie es ist, nicht zu lesen.” (Marion Rave / schiefgelesen.net)

Hurra! Ich habe einen Sitzplatz ergattert. Mir gegenüber feuerrote Kontaktlinsen und die staubige Perücke einer Manga-Figur. Schweißgeruch. Auf dem Schoß “Warum ich lese” aus dem Homunculus Verlag. (Daraus stammen die Zitate oben.) Ja warum eigentlich? Das fragt man sich schon einmal im völlig überfüllten Straßenbahnwagen der Linie 16 auf dem Weg zur Leipziger Buchmesse 2017.

Eine Dame hinter mir outet sich als Professorin für Buchwissenschaften in M. Ihre Gesprächpartnerin, erfahre ich postwendend, ist Lektorin für Schulbücher in Wien. Die Beiden kommen immer besser ins Gespräch und ich verliere endgültig den Faden meiner Lektüreversuche. Die “Sinnstiftung des Lesens” spiele kaum noch eine Rolle, höre ich und muss komisch aussehen, weil ich heftig nicke. Spaßfaktor, Erfolgsaussichten in Leben und Beruf, vorgegebene Curricula, der Wille mitreden zu können, bestimmen die Wahl. Wenn überhaupt noch das Buch die Wahl ist.

Leipziger Messe – Buchmesse 2017. Foto: Tom Schulze

“Wir sind da!” Die helle Stimme der Straßenbahnfahrerin reißt mich aus meinen zustimmenden Gedanken. “Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag auf der Leipziger Buchmesse.” Solche Straßenfahrerinnen gibt es nur in Leipzig. Überhaupt gibt es nur in Leipzig so viele Straßenbahnfahrerinnen. Vielleicht noch in Berlin. Apropos Straßenbahnfahrerin, wer es noch nicht gelesen hat, sollte das bald nachholen. Paula Fürstenbergs “Familie der geflügelten Tiger”, bereits im letzten Jahr bei Kiepenheuer und Witsch erschienen. Handelt von einer angehenden Straßenbahnfahrerin und ihrer kuriosen, leicht tragischen Famliengeschichte vor und nach ‘89.

Diese Buchmesse 2017 war eine politische Buchmesse. Besser: Auf dieser Buchmesse spielten politische Inhalte, Themen, Schlagworte und aktuelle Auseinandersetzungen eine zentrale Rolle. “Für das Wort und die Freiheit” hieß es auf Bannern, Fahnen und Podien.

“Wie reden wir eigentlich miteinander?” wurde im Cafè Europa gefragt. Nach Antworten suchten Mely Kiyak, sie ist ist politische Kolumnistin, Fatih Çevikkollu, Theater- und Filmschauspieler, Komiker und Kabarettist, Kijan Espahangizi, Historiker und Leiter des Zentrums Geschichte des Wissens an der ETH Zürich, und Moderatorin Esra Küçük, Kuratorin von Europa21, Mitglied im Direktorium des Maxim Gorki Theater. Intellektuelle, Wissenschaftler, professionelle Schreiber aus Deutschland und der Schweiz, der deutschen Sprache besonders mächtig. Sie machten zunächst deutlich, dass Fake News und Filterblasen so neu gar nicht sind. Das hieß früher nur anders.

Kritik an der alltäglichen Debattenkultur, in Medien und Kanälen, im Privaten. Auf komplexe Probleme und Fragen seien kaum noch differenzierte Antworten möglich. Pro oder Contra Flüchtlinge, nichts dazwischen. Kijan Espahangizi entzauberte das scheinbare Ideal der Volksabstimmungen, die im kantonal strukturierten Nachbarland ja besonders gerne durchgeführt werden. Es gäbe dabei eben nur ja oder nein. Ja oder nein auf vereinfachte Fragestellungen die für vielschichtige Sachverhalte stehen. Und die vermeintlichen Stimmenmehrheiten sind in Wahrheit allenfalls Bruchteile, denn viele dürfen nicht wählen, manche wollen nicht, und dann stimmen 51 Prozent dafür, was letztlich bedeutet, dass eine erhebliche Mehrheit unentschieden oder dagegen ist.

Warum wissen wir eigentlich so wenig über andere Länder? Mehr als Nachrichtenmedien vermitteln können? Einer der Gründe ist, weil so wenig Sachliteratur aus diesen Ländern, von Autoren die in diesen Ländern leben, übersetzt wird. Was wissen wir denn schon über die innergesellschaftlichen Diskurse und Diskussionen, Stimmungen und Strömungen in der Türkei, in Syrien, in Zentralafrika? Bürger und Zeitgenossen dürfen nicht nur das Recht auf Informationen fordern, sie müssen es auch wahrnehmen. Resultiert daraus nicht sogar die Pflicht, sich qualifiziert zu informieren? Und zu lernen, wie man das macht?

Hoffnung und Zukunft für Europa, für die Literatur, für das Lesen und Schreiben? Die Jungen. Junge Menschen die Lesen, die Schreiben, und in Leipzig tapfer und erstaunlich selbstsicher aus ersten Werken vortragen. Oder sich zum intensiven, exzessiven Lesen bekennen. Leser als Lebensform. Wie die drei Bloggerinnen auf der “Leseinsel der Jungen Verlage”. Drei von vierzig Autoren und Autorinnen, stellvertretend für all jene, die in dem bereits erwähnten Sammelsurium “Warum ich lese” enthalten sind, mit ihren ganz persönlichen Leselebensgeschichten. Sarah Reul, Sophie Weigand und Katharina Herrmann.

Sarah Reul, die das Blog pinkfisch.net schreibt hat sich auf 15 triftige Gründe beschränkt. Die haben es in sich, bilden sie doch so etwas wie eine kurzgefasste Lesebiographie. Beginnend mit ihrem ersten Pixi-Buch – “Ralf und die Semmel” – , über den Klassiker “Romeo und Julia”, das abgehobene “Per Anhalter durch die Galaxis”, bis zur unvermeidlichen Harry-Potter-Reihe, über die Bibel und den von Viellesern oft erwähnten Murakami-Roman “Kafka am Strand”, bis zum 15. Grund, der sicher nicht der wirklich letzte sein wird: “Bitte nicht lesen oder Der aufregendste Sommer im Leben von Nelson Jaqua” von Monte Merrick.

Beeindruckt hat mich das literarische Debut von Nadja Schlüter, die auf Lesebühnen unterwegs ist und auch schon journalistisch gearbeit hat. Ihre Erzählungen sind bei Voland & Quist erschienen. Jede Geschichte in »Einer hätte gereicht« handelt von Geschwister-Konstellationen. Pointierte, stimmige Arbeiten, die es verdienen ein breites Publikum zu erreichen. “Da ist eine kauzige Frau, die ihren Bruder bisher gar nicht kannte und jetzt zu sehr mag. Und da ein junger Mann, der es nicht aushält, seinen Bruder besser zu kennen als sich selbst. Zwei völlig Fremde im Zug geben sich spontan als Geschwisterpaar aus und sind sich plötzlich ganz bekannt… Nadja Schlüter lotet in zehn Erzählungen aus, was es heißt, sich auf diese ganz eigene Art nah zu sein.” (Verlagsblog)

Ulrich Schacht (r.) im Gespräch mit Rainer Moritz

Etwas älter ist Ulrich Schacht, und hat dementsprechend schon einiges erlebt. Gefängnis in der ehemaligen DDR, Freikauf durch die damalige Bundesrepublik, eine veritable Karriere als Journalist. Lyrik hat er veröffentlicht. Und nun einen großen Roman, der natürlich autobiographische Bezüge aufweist, die er allerdings im Gespräch mit Rainer Moritz sofort relativiert. Wie das eben so sei mit Literatur und Realität, mit Erdachtem und Erlebten, die Grenzen verschwimmen. “Notre Dame” ist zu allererst eine große Liebesgeschichte. Gleich danach ein Buch über die Freiheit des Einzelnen und das Fehlen von Freiheit, ein überzeugendes Plädoyer für ein offenes Europa so ganz nebenbei. Mittreißend und fesselnd erzählt. Eine der vielen Titel in diesem Frühjahr die am besten sofort gelesen werden wollen.

Schließlich noch eine Bemerkung aus aktuellem Anlass. Entgegen des Eindrucks den einige Mäkler und Nörgler in diesen Tagen gerne verbreiten möchten, standen sich Menschen, die der Ernst der Weltlage bewegt und unbeschwerte, phantasievoll kostümierte Teilnehmer der Manga-Comic-Cosplayer-Szene respektvoll und freundschaftlich gegenüber; ja die verschiedenen Stimmungslagen und Interessengruppen vermischten und vermengten sich. Im März in Leipzig geht es offen zu, tolerant, neugierig, der Blick geht in alle Himmelsrichtungen, es entsteht ein wohltuendes Nebeneinander von Jung und Alt, Bunt und Schwarzgrau, Original und Kopie, Drama und Komödie.

Foto: Wiebke Haag

Den zweiten Teil zur Leipziger Buchmesse 2017 gibt es in einigen Tagen und hier die Daten der ausführlicher erwähnten Bücher:

Fürstenberg, Paula: Familie der geflügelten Tiger. Roman. – Kiepenheuer & Witsch, 2016. Euro 18,99

Warum ich lese. 40 Liebeserklärungen an die Literatur. – Homunculus Verlag, 2017. Euro 12,90

Schlüter, Nadja: Einer hätte gereicht. – Voland & Quist, 2017. Euro 18

Schacht, Ulrich: Notre Dame. Roman. – Aufbau Verlag, 2017. Euro 22

AusLese 2016. Der zweite Teil

Mein Top-Titel 2016 und die Krimis

14.165 belletristische Titel sind 2015 erstmals auf dem deutschen Buchmarkt erschienen. Für 2016 ist mit einer in etwa gleich hohen Zahl zu rechnen. Über 14.100 davon habe ich nicht gelesen, die meisten nicht einmal wahrgenommen. Dass ich mir dennoch anmaße einen persönlichen Spitzenreiter zu nominieren geschieht deshalb in aller Bescheidenheit und weit davon entfernt den anderen möglicherweise 14.164 Büchern schlechtere literarische oder mangelnde Unterhaltungs-Qualitäten unterstellen zu wollen.

Meine Wahl fiel auf Benedict Wells.

Inzwischen leicht über 30, zählt er längst zu den größten Hoffnungen unter Deutschlands Schreibkräften. Mit seinem neuen Roman “Vom Ende der Einsamkeit” tritt er den Beweis an, dass dies nicht unberechtigt ist.

Nach dem Unfalltod ihrer Eltern sind die Geschwister Jules, Marty und Liz aus der Bahn geworfen und wachsen im Heim auf. Der Roman erzählt von den weiteren Lebenswegen der drei. Was so einfach klingt, ist ein umfangreiches, vielschichtiges Erzählwerk, das gekonnt die Abgründe menschlicher Beziehungen ausleuchtet. Wie manifest können Abhängigkeiten sein und wie quälend die Fron individueller Einsamkeit. Dazwischen die seltenen, hellen Glücksmomente.

Ein großer Wurf des jungen Autors, ein Buch das einen großen Sog entwickelt, aus Tragik Leseglück werden lässt, das man, einmal angelesen, kaum noch aus der Hand legen kann, und das nach der Lektüre lange nachhallt.

Wells, Benedict: Vom Ende der Einsamkeit. Roman. – Diogenes, 2016. Euro 22

Der AusLese krimineller Teil

Schauplatz Westdeutschland

Zeit der Handlung: 1950er Jahre, die später sogenannte Adenauer-Ära (der staatstragende Alte kommt höchstpersönlich vor im Buch). Erste Annäherung und Versöhnungsversuche mit Israel sind Teil und Streitpunkt der westdeutschen Politik. Im Hintergrund fördern die einen, torpedieren die anderen. Geheimdienstler mittendrin. Hautpschauplatz: Das ehemalige Offiziersgenesungsheim, spätere Luxushotel Bühlerhöhe auf dem Kohlbergfelsen im Nordschwarzwald. Geld- und Nenn-Adel gehen hier ein und aus; Staatsgäste werden hofiert.

Rosa, die israelische Agentin soll Adenauer vor einem Anschlag schützen, um den Annäherungskurs nicht zu gefährden. Die Haudsdame des Hotels, Sophie, verfolgt ganz andere Ziele. Dazu zwei rivalisierende männliche Hauptfiguren. Dieser Roman ist ein bisschen Krimi, etwas mehr Agententhriller, vor allem aber ein breit angelegtes Zeitpanorma der jungen bundesdeutschen Republik Ausgabe West. Und eine weniger romantische, als verbissene Vierecksgeschichte, die für zusätzliche Spannungselemente sorgt. Nicht gerade John LeCarre, doch für deutsche Verhältnisse niveauvoller Lesestoff. Leicht zu lesen, bei gleichzeitig einigem Erkenntnisgewinn, da die Autorin sehr gründlich recherchiert hat.

Brigitte Glaser ist eine routinierte Unterhaltungs-Schriftstellerin. Sie hat bereits zahlreiche Krimis geschrieben, die meisten sind als paperbacks bei Emons erschienen. Dass ihr neuestes Buch nun festgebunden bei List erscheint, erhöht Rang und Ansehen ein gutes Stück.

Glaser, Brigitte: Bühlerhöhe. Roman. – List, 2016. Euro 20

baum-138x150Schauplatz Norwegen

Ah, schon wieder Skandinavien! Eine weitere dieser zahllosen Crime-Ladys, deren Cover-Fotos ihnen ewige Jugend und Blondheit andichten. Falsch. Ein Mann, ein neuer norwegischer Autor beansprucht Platz auf den Sondertischen der Buchhandlungen. Mit Recht. Denn Gard Sveen ist ein talentierter Schreiber.

Sein erster Kriminalroman ist ein Buch geworden mit Bezügen in die deutsche Vergangenheit. Als der ehemalige Widerstandskämpfer (gegen die deutschen Besetzer Norwegens während des Zweiten Weltkriegs) Carl Oscar Krogh ermordet wird, stellt sich die Frage, welche Feinde ein so beliebter Mensch wohl hatte.

Besteht irgendein Zusammenhang mit den drei Leichen, die man in der Region Nordmarka findet? Sveens Kommissar Tommy Bergmann ist ein ähnlicher Typ wie wir ihn schon von anderen Autorinnen und Autoren aus dem Norden kennen. Ein scharfsinniger Einzelgänger, Melancholiker, Zweifler, mit vielschichtigem Innenleben.

Packende mehrbödige Lektüre, zeitweise prickelnde Spannung. Wie bei vielen Skandinaviern mit Passagen die mir etwas zu direkt, etwas zu brutal sind. Ragt sprachlich und erzählerisch aus der Masse des skandinavischen Krimi-Angebots heraus. (Manchmal hat man den Eindruck, dass nur noch Knausgaard und Krimis aus nordischen Sprachen übersetzt werden.) Von Kommissar Bergmann können wir auf jeden Fall mehr vertragen.

Sveen, Gard: Der letzte Pilger. Kriminalroman. – List, 2016. Euro 14,99

baum-138x150Schauplatz München

Andreas Föhr ist ein auflagenstarker und sehr geschätzter Krimi-Autor, der sich längst im Genre fest etabliert hat. Bisher ermittelteten seine kantigen Kriminaler-Konsorten vor und auf oberbayerischen Bergen. Die Geschichten wurden mit viel Lokal-Kolorit und Folklore aufgestattet. (“Schafkopf”, “Karwoche” usw.)

Nun sorgt er für Abwechslung in seinem Figurenreigen und hat nicht nur einen neuen Plot mit einer weiblichen Hauptdarstellerin entwickelt, sondern gleichzeitig die Landeshauptstadt München als neuen Schauplatz gewählt. Damit geht es urbaner, geistig großräumiger und auch deutlich zeitgeistiger zu.

Dr. Rachel Eisenberg, Juristin und Mitinhaberin einer Nobel-Kanzlei, gibt der Autor das Fachwissen seines eigenen Jurastudiums mit auf den Weg. Für Kontrast sorgt im ersten Fall der neuen Reihe das Schicksal eines Obdachlosen, der eines Mordes verdächtigt wird und in dem die Anwältin einen früheren Bekannten wiedererkennt. Bei ihren Ermittlungen kommt sie nicht umhin dem einen oder anderen, der sich für wichtig hält, auf die Füße zu treten. Ganz so zielstrebig wie im Beruf ist sie im Privatleben nicht.

Hervorragend konstruiert, eine Geschichte mit vielen Wendungen und starken, glaubwürdigen Figuren. Beste Unterhaltung mit Niveau, mit der man sich sehen lassen, über die man reden kann.

Föhr, Andreas: Eisenberg. Kriminalroman. – Knaur, 2016. Euro 14,99

baum-138x150Schauplatz Schweiz

Auf dieses Buch habe ich persönlich mich ganz besonders gefreut und geraume Zeit auf sein Erscheinen warten müssen: Der neue Theurillat! Das fünfte Buch mit dem Züricher Kapitalismus-Kritiker und Kriminalkommissar Eschenbach und seine kernige, mit viel italienischen Temperament ausgestattete Sekretärin Rosa Mazzoleni. An Verbrechen rund ums große Geld und die Auswüchse globalen Wirtschaften ist in der an der Oberfläche so idyllischen Schweiz wahrlich kein Mangel.

Ausgangspunkt der dichten Handlung sind diesmal die “Wetterschmöcker”, die dem Buch auch den Titel geben. Kantige Naturmenschen, die sich mit Wettervorhersagen beschäftigen und den Errungenschaften der modernen Welt skeptisch gegenüber stehen. Einer von ihnen ist Alois Thüring. Seine Nichte arbeitet für ein Unternehmen das international in großem Stil mit Rohstoffen handelt. Nun ist sie verschwunden. Für Vermissten-Fälle ist Eschbach eigentlich nicht zuständig, dafür umso mehr interessiert an Unstimmigkeiten in den schwer zugänglichen Zirkeln Schweizer Manager, Unternehmer und die ganze, nicht nur seriöse Sippschaft in deren Umfeld.

Authentische, glänzend geschriebene Einblicke in die Tiefen und Untiefen der Schweizer Gesellschaft, in Vorgänge und Machenschaften, wie sie so allerdings nicht nur für die Eidgenossenschaft exemplarisch sind.

Theurillat, Michael: Wetterschmöcker. Kriminalroman. – Ullstein, 2016. Euro 26 (Die günstige Taschenbuch-Ausgabe ist für September 2017 avisiert.)

baum-138x150Schauplatz Hamburg

Wenn der ICE wieder einmal betriebsbedingt für die eine oder andere Stunde auf freier Strecke halten muss, ist es gut, leicht lesbare Ablenkung zur Hand zu haben. Auch wenn der Zug nicht die Hansestadt Hamburg zum Ziel hat, ist Simone Buchholz eine geeignete Autorin, die unfreiwillige gewonnene Lesezeit locker zu gestalten.

“Ich war Kellnerin, Kolumnistin und Redakteurin. Ich erzähle von der Liebe, vom Tod und vom Fußball, ich mag Neapel, Tahiti, St. Petersburg und im Grunde auch Brooklyn, aber ich wohne in Hamburg, vor allem wegen des Wetters.”

Ihre Krimis spielen mittendrin im Milieau des bunten, munteren Stadtteils Sankt Pauli, in dem die Hauptfigur Chas Riley , ihres Zeichens Staatsanwältin mit amerikanischen Elternteil, hervorragend vernetzt ist. Nur zu gerne stürzt sie sich an der Seite ermittelnder Kripobeamter in die Aufklärung von Verbrechen meist kapitaler Art. Kleine Gängster und typische Kiez-Ganoven stehen ihr dabei teils im Weg und teils zur Seite. Zwischendurch wird mal in einer der zahlreichen Kneipen in die sich nur Insider trauen der Boden unter den Füßen verloren, oder man steht sich selbige auf den Rängen des Millerntor-Stadions platt, wenn der örtliche FC einmal mehr um den Anschluss an die oberen Ränge im deutschen Fußball kämpft. Von ihren veritablen Bindungsängsten möchte Chas nicht wirklich befreit werden, was sie nicht hindert eine eigenwillige Dauerbeziehung zu pflegen.

Ich habe vor kurzem “Bullenpeitsche” gelesen, fand es originell, schnoddrig im Ton und amüsant hard-boiled. Was sich so leicht und flott liest, ist allerdings durchaus sprachliche Könnerschaft. Starke Charaktere, treffend skizziert, Slang und Begriffe aus Halb- und Unterwelt rund um die Große Freiheit werden gezielt, doch dosiert verwendet, mit reichlich Schwung und Tempo kommt die Story voran. Vielleicht ist man am Ende gar nicht froh, wenn der Zug wieder Fahrt aufnimmt und sich dem Ziel nähert.

Bullenpeitsche war noch bei Droemer erschienen. Mit dem neuesten Titel “Blaue Nacht” wurde Simone Buchholz geadelt und in die Suhrkamp-Riege aufgenommen. (“Revolverherz”, 2009 erstmals erschienen, hat Heike Makatsch 2014 als Hörbuch eingelesen – für den Fall, dass man mal mit dem Auto unterwegs ist.)

Buchholz, Simone: Bullenpeitsche. Kriminalroman. – Droemer TB, 2013. Euro 9,99

Buchholz, Simone: Blaue Nacht. Kriminalroman. – Suhrkamp TB, 2016. Euro 14,99

AusLese 2016. Der erste Teil

Liebe Freunde von con=libri!

Wer eine moderne Waschmaschine (steuerbar über die smart home app), ein neues Fernsehgerät (natürlich Ultra-HD und mega konkav) oder einen nützlichen Staubsauger (z. B. den Saugroboter “Dirt Devil” von Techtronic, mit Steuerung über das praktische OnBoard-Bedienpanel) kaufen möchte, hat die Auswahl zwischen zahlreichen Modellen. Die Entscheidung fällt schwer, wird in der Regel doch nur ein Exemplar benötigt.

Bei Büchern ist das anders. Die Auswahl ist entschieden größer als bei den genannten Gebrauchsgegenständen, und man kann davon so viele haben wie man möchte. Grenzen setzen allenfalls das persönliche Budget oder die häusliche Regalfläche (doppelreihige Aufstellung schafft hier zusätzliche Kapazitäten). Man muss auch nicht nur jene kaufen, die man zu brauchen glaubt, in dem Sinne, dass man sie sofort lesen will. Nein, Bücher kann man sehr schön auf Vorrat erwerben und besitzen. Damit eröffnen sich jederzeit verfügbare, verheißungsvolle Lese-Alternativen. Ganz im Sinne von Durs Grünbein:

“Ich kaufe ja Bücher nicht, weil ich sie alle benötige, sondern weil ich mir ausmale, wie herrlich es sein wird, sie demnächst – sagen wir: eines Tages, zu lesen.”

Mit meiner Auslese 2016 möchte ich wieder einige Kauf-, vor allem aber Lese-Anregungen geben. Bücher, die mir auffielen im üppigen Angebot des zu Ende gehenden Jahres, die mir gefielen, mit denen ich mich näher beschäftigt habe. Wie immer ist es eine sehr subjektive Wahl. Immerhin sind die Empfehlungen analog, völlig plan und geschlechtsneutral.

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Aus Polen

Nach “Sandberg” und “Wolkenfern” ist jetzt ein dritter Roman einer der bedeutendsten polnischen Autorinnen der Gegenwart auf Deutsch erschienen. Warum es vier Jahre dauern musste bis das Original in deutscher Übersetzung vorliegt, weiß vielleicht der Suhrkamp-Verlag. Es ist schade, dass Bücher aus dem Osten Europas meist mit einiger Verzögerung bei uns erscheinen. “Dunkel, fast Nacht” ist ein origineller Roman, in dem die Autorin zu starker, eigenwilliger Ausdruckskraft findet.

Alicja Tabor hat ihre Heimatstadt vor 15 Jahren verlassen, die Eltern sind inzwischen verstorben, das Haus steht seit Jahren leer. Nun kehrt sie als Journalistin zurück um über das Verschwinden von Kindern aus der Stadt zu recherchieren und zu schreiben. Vor Ort kochen längst die Emotionen hoch. Allerhand Verdächtige (wie die “Zigeuner”) werden ausgemacht. Im Netz blüht der Hass. Ängste, Traumata, wechselnde Stimmungen bestimmen das gesellschaftliche Klima und die Persönlichkeit Alicjas. Der Roman ist ein dichtes Gewebe über die aktuellen Bruchstellen moderner Wohlstandgesellschaften. Verstörend, stellenweise schaurig, für eher fortgeschrittene Leser geeignet.

Bator, Joanna: Dunkel, fast Nacht. Roman, aus dem Polnischen von Lisa Palmes. – Suhrkamp, 2016. Euro 24,95

Aus Norwegen

Als bekennender Freund ausladender Romanhandlungen in dicken Büchern greife ich selten zu schmalen Bändchen mit kürzeren Arbeiten. Doch gibt es hin und wieder Empfehlungen für Literatur unterhalb epischer Längen, die zum Leseglück werden. Die “Winternovellen” der 1978 in Oslo geborenen Ingvild H. Rishøi haben mich vom ersten Satz der ersten Geschichte an begeistert. Nüchtern, lakonisch klingt das: “Als wir nach Linderud kommen, macht Alexa sich in die Hose. Wir wollten ja den ganzen Weg bis nach Hause gehen, und sie war einverstanden, es habe doch keinen Sinn, wegen fünf Stationen Geld für den Bus auszugeben.” Von dem schmalen Monatsbudget sind nur noch ganz wenige Kronen übrig, die eigentlich für Lebensmittel vorgesehen waren. Als plötzlich ein bedürftiger Mitmensch vor Mutter und Tochter steht und um eine milde Gabe bittet, ist die ohnehin nicht sehr belastbare Alleinerziehende völlig überfordert. Tochter Alexa hingegen hat Mitleid und verträgt weder Lügen noch Ungerechtigkeiten.

“Wir können nicht allen helfen”, ist der Titel dieser ersten von drei Erzählungen, jede wenige dutzend Seiten umfassend, in denen es um Menschen am Rande des glänzenden norwegischen Reichtums geht. In glasklarer nordischer Sprache und mit lebensnahen Dialogen versteht es Rishøi deren schwierige Lage einerseits, ihren verzweifelten Mut andererseits, fesselnd zu beschreiben. Ohne Bloßstellung zeigt sie uns dabei eine Welt die wir, die auf der Habenseite des materiellen Überflusses gelandet sind, nur zu gerne ausblenden. In jeder Geschichte gelingt der Autorin ein überraschender Schluss, den man während des Lesens nicht für möglich hält. Alle drei “Winternovellen” enden “gut”. Nicht im Sinne einer generellen Lösung aller Probleme, doch zumindest mit einer freundlichen Wendung. Drei Geschichten auf weniger als 200 Seiten, die ich für dunkle, kalte Winterwochen wärmsten empfehlen kann.

Ingvild H. Rishøi: Winternovellen. Aus dem Norwegischen von Daniela Syczek. – Open House, 2016. Euro 19,50

Zwei Bücher über Entwurzelung

Flucht, Vertreibung, Migration gehörten und gehören in Europa zum Schicksal von Millionen. Ein kleiner Ausschnitt daraus ist die abenteurliche Emigration von Karoly, Terez und ihren Kindern aus Ungarn in Akog Domas neuem Roman “Der Weg der Wünsche”. Sie findet zu Beginn der 1970er-Jahre statt, doch in Rückblicken erfahren wir von Ereignissen rund um die Familie bis zurück zu den großen Flüchtlingsbewegungen gegen Ende des Zweiten Weltkriegs.

Was als breit angelegte Familiengeschichte beginnt, entwickelt sich im Laufe der Erzählung zu packender, gegen Ende dramatischer Handlung. Beginnend mit einer gewagten Flucht über Österreich, dann ein nicht enden wollender Zwangsaufenthalt in einem süditalienischen Lager, schließlich der Aufbruch mit dem Ziel Deutschland. Ein Kapitel europäischer Geschichtsunterricht, unterhaltsam und bewegend erzählt.

Akog Doma wurde 1963 in Budapest geboren. Er lebt – für einen Schriftsteller eher ungewöhnlich – im beschaulichen Eichstätt, übersetzt aus dem Ungarischen und schreibt eigene Werke in deutscher Sprache. “Der Weg der Wünsche” ist bereits sein dritter Roman.

Doma, Akog: Der Weg der Wünsche. Roman. – Rowohlt Berlin, 2016. Euro 19,95

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Das nächste Buch ist kein Roman. Der Autor verzichtet allerdings auf eine klare Abgrenzung zwischen Fiktion und authentischer Nacherzählung echten Lebens. Dichtung und Wahrheit eben.

Die Kapitelmans hatten sich in der russisch besetzten Ukraine leidlich eingerichtet. Doch als sie mit ihrer jüdischen Abstammung immer mehr unter Druck geraten, entschließt sich die dreiköpfige Familie zur Ausreise. Eigentlich ist Israel das gemeinsame Ziel, durch besondere Verwicklungen landet sie jedoch in Deutschland. Zunächst in einem Aufnahmelager, später in einer Plattenwohnung in Leipzig-Grünau. Von diesem Exodus und den damit verbundenen Schwierigkeiten erzählt der erste Teil des Buches. Sehr interessant ist ihre Art von Innenansicht auf die problematischen Momente des Alltags in einem ostdeutschen Großstadt-Revier, neonazistische Nachbarschaft inklusive.

Das Hauptthema des Buches ist die liebevolle, nie ohne Reibung verlaufende Beziehung von Vater und Sohn. Gemeinsam brechen sie zur lang ersehnten und mit viel Umständlichkeiten geplanten Reise nach Israel auf. Ihr Blick auf das Land, ihre innere Zerrissenheit zwischen Europa und Israel, die überraschende Anziehungskraft praktizierten Judentums, und vor allem die Probleme des Landes, werden differenziert dargestellt und durch konkrete Alltagserfahrungen verdeutlicht. Der dreißigjährige Dmitrij Kapitelman beschreibt die über weite Strecken autobiographischen Erlebnisse auf sehr frische Weise und in stets leicht distanziertem ironischen Ton. Sicher auch ein Buch für Leser, die schon einmal in Israel waren, oder eine Reise planen.

Kapitelman, Dmitrij: Mein unsichtbarer Vater. Hanser Berlin, 2016

Zwei Bücher die von Familien-Katastrophen handeln, dabei gar nicht so traurig sind.

Ein weiteres Erstlingswerk einer jungen Autorin die in Berlin lebt? Brauchts das? Gibts davon nicht schon genug? Ich kann versichern, der erste Roman der 1987 in Potsdam geborenen Paula Fürstenberg ist nicht nur gelungen, sondern ausgesprochen originell und einnehmend. Die Hauptfigur Johanna ist weder Künstlerin, noch angehende Schriftstellerin mit Schreibblockade. Sie hat sich für eine Ausbildung zur Straßenbahnfahrerin entschieden. In der Freizeit betrachtet sie fasziniert alte Landkarten; dort entdeckt sie das titelgebende Tier. Jung genug um die DDR nicht mehr bewußt erlebt zu haben – sie wurde kurz vor der Wende in der Uckermark geboren – spielt doch die deutschdeutsche Geschichte in ihrem Leben eine wichtige Rolle.

So beginnt sie nach den täglichen Linienfahrten auf den Schienenfahrzeugen der BVG ihrem Vater nachzuspüren, der die Familie kurz nach dem Mauerfall verlassen hat, um in den Westen zu gehen. Oder doch nicht? Mit ihrer Beharrlichkeit kommt sie Stück für Stück nicht nur ihrem verschollenen Erzeuger näher, sondern entdeckt gleichzeitig neue Facetten im Leben ihr nahestehender Menschen. Sasa Stanisic, der die Lektüre von Paula Fürstenbergs Buch sehr empfiehlt, nennt dies “die Neukartierung einer zerklüfteten Familienlandschaft.”

Fürstenberg, Paula: Familie der geflügelten Tiger. Roman. – Kiepenheuer & Witsch, 2016. Euro 18,99

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“Mama ist die Beste.” Und pleite. Und tot. Patchwork hoch drei. Bei ihrem Debüt als Romanautorin überzeugt Nele Pollatschek mit einem ungewöhnlich reifen, hintersinnigen Familienmosaik. Jedes Mitglied dieser verqueren Kommunität ist ein spezieller Charakter. Aus den verschiedenen Beziehungskonstellationen entstehen reihenweise kuriose Situationen. Manchmal wäre die Geschichte ja richtig traurig, aber gerade dann muss man herzlich schmunzeln.

Besondes köstlich, das liebevolle Briten-Bashing im ersten Teil. “Zum Studieren ist England super, aber wer will, dass ein Fenster schließt, eine Heinzung heizt oder man beim Duschen nass wird, sollte in Deutschland bleiben…” Das Buch hat englische und deutsche Schauplätze, eine reizvolle Konstellation. Nele Pollatschek ist noch keine dreißig kennt sich allerdings bereits in beiden Kulturen bestens aus. Sie lebt in Oxford und im Odenwald (wahrscheinlich bewusst, wegen der Alliteration), hat Englische Literatur und Philosophie studiert und promoviert über das Böse in der Literatur. Ihrem Roman merkt man diese Vorbildung an, er ist mal zartbitter, mal kurios heiter.

Für unterwegs: Die großartige Hörbuch-Version, eingelesen und interpretiert von Jasna Fritzi Bauer für knapp 20 Euro.

Pollatschek, Nele: Das Unglück anderer Leute. Roman. – Galiani, 2016. Euro 18,99

Der kleine Geschenktipp

Das gibt es also auch noch. Die schlichte einfache, dennoch gut geschriebene Liebesgeschichte. Wie von Petra Hartlieb nicht anders zu erwarten, spielt bei der im Wien des beginnenden 20. Jahrhunderts angesiedelten Handlung, eine Buchhandlung die wichtigste Nebenrolle. In der Hauptsache geht es um zwei junge Menschen aus einfachen Verhältnissen, um deren Schwierigkeiten sich in der harten Klassengesellschaft der Jugendstil-Zeit zu behaupten.

So ist es fast ein Ding der Unmöglichkeit für dienstbare Geister aus besitzlosen Schichten als Paar zueinander zu finden. Dass es aber auch nicht ganz hoffnungslos sein muss, davon handelt diese athmosphärisch dichte Erzählung. Ganz nebenbei können wir Leser noch Einblick nehmen in das Familienleben des erfolgreichen Theaterautors Arthur Schnitzler (nach dessen unsolider Kaffeehaus-Zeit!). Fundiert recherchiert, liebevoll geschrieben, sehr lohnend, als kleines Geschenk für Wienfreunde, Theatergänger und andere lesende Mitmenschen hervorragend geeignet. Eine geschmackvolle Buchgestaltung mit Jugendstil-Anmutung gibts dazu.

Petra Hartlieb ist übrigens jene umtriebige Frau, die vor Jahren in Wien eine Buchhandllung kaufte und gleich noch ein Buch darüber schrieb (“Meine wundervolle Buchhandlung”), das überraschend viele Menschen gerne lesen, und das erstaunlicher Weise inzwischen u. a. ins Türkische und Koreanische übersetzt wurde. Außerdem schreibt sie zusammen mit Klaus-Ulrich Bielefeld die Krimireihe “Ein Fall für Berlin und Wien”, die bei Diogenes erscheint.

Hartlieb, Petra: Ein Winter in Wien. – Kindler, 2016. Euro 16,95

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Die Fortsetzung der “AusLese 2016” auf con=libri gibt es in etwa 14 Tagen. Dann wird es spannend.