AusLese 2016. Der zweite Teil

Mein Top-Titel 2016 und die Krimis

14.165 belletristische Titel sind 2015 erstmals auf dem deutschen Buchmarkt erschienen. Für 2016 ist mit einer in etwa gleich hohen Zahl zu rechnen. Über 14.100 davon habe ich nicht gelesen, die meisten nicht einmal wahrgenommen. Dass ich mir dennoch anmaße einen persönlichen Spitzenreiter zu nominieren geschieht deshalb in aller Bescheidenheit und weit davon entfernt den anderen möglicherweise 14.164 Büchern schlechtere literarische oder mangelnde Unterhaltungs-Qualitäten unterstellen zu wollen.

Meine Wahl fiel auf Benedict Wells.

Inzwischen leicht über 30, zählt er längst zu den größten Hoffnungen unter Deutschlands Schreibkräften. Mit seinem neuen Roman “Vom Ende der Einsamkeit” tritt er den Beweis an, dass dies nicht unberechtigt ist.

Nach dem Unfalltod ihrer Eltern sind die Geschwister Jules, Marty und Liz aus der Bahn geworfen und wachsen im Heim auf. Der Roman erzählt von den weiteren Lebenswegen der drei. Was so einfach klingt, ist ein umfangreiches, vielschichtiges Erzählwerk, das gekonnt die Abgründe menschlicher Beziehungen ausleuchtet. Wie manifest können Abhängigkeiten sein und wie quälend die Fron individueller Einsamkeit. Dazwischen die seltenen, hellen Glücksmomente.

Ein großer Wurf des jungen Autors, ein Buch das einen großen Sog entwickelt, aus Tragik Leseglück werden lässt, das man, einmal angelesen, kaum noch aus der Hand legen kann, und das nach der Lektüre lange nachhallt.

Wells, Benedict: Vom Ende der Einsamkeit. Roman. – Diogenes, 2016. Euro 22

Der AusLese krimineller Teil

Schauplatz Westdeutschland

Zeit der Handlung: 1950er Jahre, die später sogenannte Adenauer-Ära (der staatstragende Alte kommt höchstpersönlich vor im Buch). Erste Annäherung und Versöhnungsversuche mit Israel sind Teil und Streitpunkt der westdeutschen Politik. Im Hintergrund fördern die einen, torpedieren die anderen. Geheimdienstler mittendrin. Hautpschauplatz: Das ehemalige Offiziersgenesungsheim, spätere Luxushotel Bühlerhöhe auf dem Kohlbergfelsen im Nordschwarzwald. Geld- und Nenn-Adel gehen hier ein und aus; Staatsgäste werden hofiert.

Rosa, die israelische Agentin soll Adenauer vor einem Anschlag schützen, um den Annäherungskurs nicht zu gefährden. Die Haudsdame des Hotels, Sophie, verfolgt ganz andere Ziele. Dazu zwei rivalisierende männliche Hauptfiguren. Dieser Roman ist ein bisschen Krimi, etwas mehr Agententhriller, vor allem aber ein breit angelegtes Zeitpanorma der jungen bundesdeutschen Republik Ausgabe West. Und eine weniger romantische, als verbissene Vierecksgeschichte, die für zusätzliche Spannungselemente sorgt. Nicht gerade John LeCarre, doch für deutsche Verhältnisse niveauvoller Lesestoff. Leicht zu lesen, bei gleichzeitig einigem Erkenntnisgewinn, da die Autorin sehr gründlich recherchiert hat.

Brigitte Glaser ist eine routinierte Unterhaltungs-Schriftstellerin. Sie hat bereits zahlreiche Krimis geschrieben, die meisten sind als paperbacks bei Emons erschienen. Dass ihr neuestes Buch nun festgebunden bei List erscheint, erhöht Rang und Ansehen ein gutes Stück.

Glaser, Brigitte: Bühlerhöhe. Roman. – List, 2016. Euro 20

baum-138x150Schauplatz Norwegen

Ah, schon wieder Skandinavien! Eine weitere dieser zahllosen Crime-Ladys, deren Cover-Fotos ihnen ewige Jugend und Blondheit andichten. Falsch. Ein Mann, ein neuer norwegischer Autor beansprucht Platz auf den Sondertischen der Buchhandlungen. Mit Recht. Denn Gard Sveen ist ein talentierter Schreiber.

Sein erster Kriminalroman ist ein Buch geworden mit Bezügen in die deutsche Vergangenheit. Als der ehemalige Widerstandskämpfer (gegen die deutschen Besetzer Norwegens während des Zweiten Weltkriegs) Carl Oscar Krogh ermordet wird, stellt sich die Frage, welche Feinde ein so beliebter Mensch wohl hatte.

Besteht irgendein Zusammenhang mit den drei Leichen, die man in der Region Nordmarka findet? Sveens Kommissar Tommy Bergmann ist ein ähnlicher Typ wie wir ihn schon von anderen Autorinnen und Autoren aus dem Norden kennen. Ein scharfsinniger Einzelgänger, Melancholiker, Zweifler, mit vielschichtigem Innenleben.

Packende mehrbödige Lektüre, zeitweise prickelnde Spannung. Wie bei vielen Skandinaviern mit Passagen die mir etwas zu direkt, etwas zu brutal sind. Ragt sprachlich und erzählerisch aus der Masse des skandinavischen Krimi-Angebots heraus. (Manchmal hat man den Eindruck, dass nur noch Knausgaard und Krimis aus nordischen Sprachen übersetzt werden.) Von Kommissar Bergmann können wir auf jeden Fall mehr vertragen.

Sveen, Gard: Der letzte Pilger. Kriminalroman. – List, 2016. Euro 14,99

baum-138x150Schauplatz München

Andreas Föhr ist ein auflagenstarker und sehr geschätzter Krimi-Autor, der sich längst im Genre fest etabliert hat. Bisher ermittelteten seine kantigen Kriminaler-Konsorten vor und auf oberbayerischen Bergen. Die Geschichten wurden mit viel Lokal-Kolorit und Folklore aufgestattet. (“Schafkopf”, “Karwoche” usw.)

Nun sorgt er für Abwechslung in seinem Figurenreigen und hat nicht nur einen neuen Plot mit einer weiblichen Hauptdarstellerin entwickelt, sondern gleichzeitig die Landeshauptstadt München als neuen Schauplatz gewählt. Damit geht es urbaner, geistig großräumiger und auch deutlich zeitgeistiger zu.

Dr. Rachel Eisenberg, Juristin und Mitinhaberin einer Nobel-Kanzlei, gibt der Autor das Fachwissen seines eigenen Jurastudiums mit auf den Weg. Für Kontrast sorgt im ersten Fall der neuen Reihe das Schicksal eines Obdachlosen, der eines Mordes verdächtigt wird und in dem die Anwältin einen früheren Bekannten wiedererkennt. Bei ihren Ermittlungen kommt sie nicht umhin dem einen oder anderen, der sich für wichtig hält, auf die Füße zu treten. Ganz so zielstrebig wie im Beruf ist sie im Privatleben nicht.

Hervorragend konstruiert, eine Geschichte mit vielen Wendungen und starken, glaubwürdigen Figuren. Beste Unterhaltung mit Niveau, mit der man sich sehen lassen, über die man reden kann.

Föhr, Andreas: Eisenberg. Kriminalroman. – Knaur, 2016. Euro 14,99

baum-138x150Schauplatz Schweiz

Auf dieses Buch habe ich persönlich mich ganz besonders gefreut und geraume Zeit auf sein Erscheinen warten müssen: Der neue Theurillat! Das fünfte Buch mit dem Züricher Kapitalismus-Kritiker und Kriminalkommissar Eschenbach und seine kernige, mit viel italienischen Temperament ausgestattete Sekretärin Rosa Mazzoleni. An Verbrechen rund ums große Geld und die Auswüchse globalen Wirtschaften ist in der an der Oberfläche so idyllischen Schweiz wahrlich kein Mangel.

Ausgangspunkt der dichten Handlung sind diesmal die “Wetterschmöcker”, die dem Buch auch den Titel geben. Kantige Naturmenschen, die sich mit Wettervorhersagen beschäftigen und den Errungenschaften der modernen Welt skeptisch gegenüber stehen. Einer von ihnen ist Alois Thüring. Seine Nichte arbeitet für ein Unternehmen das international in großem Stil mit Rohstoffen handelt. Nun ist sie verschwunden. Für Vermissten-Fälle ist Eschbach eigentlich nicht zuständig, dafür umso mehr interessiert an Unstimmigkeiten in den schwer zugänglichen Zirkeln Schweizer Manager, Unternehmer und die ganze, nicht nur seriöse Sippschaft in deren Umfeld.

Authentische, glänzend geschriebene Einblicke in die Tiefen und Untiefen der Schweizer Gesellschaft, in Vorgänge und Machenschaften, wie sie so allerdings nicht nur für die Eidgenossenschaft exemplarisch sind.

Theurillat, Michael: Wetterschmöcker. Kriminalroman. – Ullstein, 2016. Euro 26 (Die günstige Taschenbuch-Ausgabe ist für September 2017 avisiert.)

baum-138x150Schauplatz Hamburg

Wenn der ICE wieder einmal betriebsbedingt für die eine oder andere Stunde auf freier Strecke halten muss, ist es gut, leicht lesbare Ablenkung zur Hand zu haben. Auch wenn der Zug nicht die Hansestadt Hamburg zum Ziel hat, ist Simone Buchholz eine geeignete Autorin, die unfreiwillige gewonnene Lesezeit locker zu gestalten.

“Ich war Kellnerin, Kolumnistin und Redakteurin. Ich erzähle von der Liebe, vom Tod und vom Fußball, ich mag Neapel, Tahiti, St. Petersburg und im Grunde auch Brooklyn, aber ich wohne in Hamburg, vor allem wegen des Wetters.”

Ihre Krimis spielen mittendrin im Milieau des bunten, munteren Stadtteils Sankt Pauli, in dem die Hauptfigur Chas Riley , ihres Zeichens Staatsanwältin mit amerikanischen Elternteil, hervorragend vernetzt ist. Nur zu gerne stürzt sie sich an der Seite ermittelnder Kripobeamter in die Aufklärung von Verbrechen meist kapitaler Art. Kleine Gängster und typische Kiez-Ganoven stehen ihr dabei teils im Weg und teils zur Seite. Zwischendurch wird mal in einer der zahlreichen Kneipen in die sich nur Insider trauen der Boden unter den Füßen verloren, oder man steht sich selbige auf den Rängen des Millerntor-Stadions platt, wenn der örtliche FC einmal mehr um den Anschluss an die oberen Ränge im deutschen Fußball kämpft. Von ihren veritablen Bindungsängsten möchte Chas nicht wirklich befreit werden, was sie nicht hindert eine eigenwillige Dauerbeziehung zu pflegen.

Ich habe vor kurzem “Bullenpeitsche” gelesen, fand es originell, schnoddrig im Ton und amüsant hard-boiled. Was sich so leicht und flott liest, ist allerdings durchaus sprachliche Könnerschaft. Starke Charaktere, treffend skizziert, Slang und Begriffe aus Halb- und Unterwelt rund um die Große Freiheit werden gezielt, doch dosiert verwendet, mit reichlich Schwung und Tempo kommt die Story voran. Vielleicht ist man am Ende gar nicht froh, wenn der Zug wieder Fahrt aufnimmt und sich dem Ziel nähert.

Bullenpeitsche war noch bei Droemer erschienen. Mit dem neuesten Titel “Blaue Nacht” wurde Simone Buchholz geadelt und in die Suhrkamp-Riege aufgenommen. (“Revolverherz”, 2009 erstmals erschienen, hat Heike Makatsch 2014 als Hörbuch eingelesen – für den Fall, dass man mal mit dem Auto unterwegs ist.)

Buchholz, Simone: Bullenpeitsche. Kriminalroman. – Droemer TB, 2013. Euro 9,99

Buchholz, Simone: Blaue Nacht. Kriminalroman. – Suhrkamp TB, 2016. Euro 14,99

AusLese 2016. Der erste Teil

Liebe Freunde von con=libri!

Wer eine moderne Waschmaschine (steuerbar über die smart home app), ein neues Fernsehgerät (natürlich Ultra-HD und mega konkav) oder einen nützlichen Staubsauger (z. B. den Saugroboter “Dirt Devil” von Techtronic, mit Steuerung über das praktische OnBoard-Bedienpanel) kaufen möchte, hat die Auswahl zwischen zahlreichen Modellen. Die Entscheidung fällt schwer, wird in der Regel doch nur ein Exemplar benötigt.

Bei Büchern ist das anders. Die Auswahl ist entschieden größer als bei den genannten Gebrauchsgegenständen, und man kann davon so viele haben wie man möchte. Grenzen setzen allenfalls das persönliche Budget oder die häusliche Regalfläche (doppelreihige Aufstellung schafft hier zusätzliche Kapazitäten). Man muss auch nicht nur jene kaufen, die man zu brauchen glaubt, in dem Sinne, dass man sie sofort lesen will. Nein, Bücher kann man sehr schön auf Vorrat erwerben und besitzen. Damit eröffnen sich jederzeit verfügbare, verheißungsvolle Lese-Alternativen. Ganz im Sinne von Durs Grünbein:

“Ich kaufe ja Bücher nicht, weil ich sie alle benötige, sondern weil ich mir ausmale, wie herrlich es sein wird, sie demnächst – sagen wir: eines Tages, zu lesen.”

Mit meiner Auslese 2016 möchte ich wieder einige Kauf-, vor allem aber Lese-Anregungen geben. Bücher, die mir auffielen im üppigen Angebot des zu Ende gehenden Jahres, die mir gefielen, mit denen ich mich näher beschäftigt habe. Wie immer ist es eine sehr subjektive Wahl. Immerhin sind die Empfehlungen analog, völlig plan und geschlechtsneutral.

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Aus Polen

Nach “Sandberg” und “Wolkenfern” ist jetzt ein dritter Roman einer der bedeutendsten polnischen Autorinnen der Gegenwart auf Deutsch erschienen. Warum es vier Jahre dauern musste bis das Original in deutscher Übersetzung vorliegt, weiß vielleicht der Suhrkamp-Verlag. Es ist schade, dass Bücher aus dem Osten Europas meist mit einiger Verzögerung bei uns erscheinen. “Dunkel, fast Nacht” ist ein origineller Roman, in dem die Autorin zu starker, eigenwilliger Ausdruckskraft findet.

Alicja Tabor hat ihre Heimatstadt vor 15 Jahren verlassen, die Eltern sind inzwischen verstorben, das Haus steht seit Jahren leer. Nun kehrt sie als Journalistin zurück um über das Verschwinden von Kindern aus der Stadt zu recherchieren und zu schreiben. Vor Ort kochen längst die Emotionen hoch. Allerhand Verdächtige (wie die “Zigeuner”) werden ausgemacht. Im Netz blüht der Hass. Ängste, Traumata, wechselnde Stimmungen bestimmen das gesellschaftliche Klima und die Persönlichkeit Alicjas. Der Roman ist ein dichtes Gewebe über die aktuellen Bruchstellen moderner Wohlstandgesellschaften. Verstörend, stellenweise schaurig, für eher fortgeschrittene Leser geeignet.

Bator, Joanna: Dunkel, fast Nacht. Roman, aus dem Polnischen von Lisa Palmes. – Suhrkamp, 2016. Euro 24,95

Aus Norwegen

Als bekennender Freund ausladender Romanhandlungen in dicken Büchern greife ich selten zu schmalen Bändchen mit kürzeren Arbeiten. Doch gibt es hin und wieder Empfehlungen für Literatur unterhalb epischer Längen, die zum Leseglück werden. Die “Winternovellen” der 1978 in Oslo geborenen Ingvild H. Rishøi haben mich vom ersten Satz der ersten Geschichte an begeistert. Nüchtern, lakonisch klingt das: “Als wir nach Linderud kommen, macht Alexa sich in die Hose. Wir wollten ja den ganzen Weg bis nach Hause gehen, und sie war einverstanden, es habe doch keinen Sinn, wegen fünf Stationen Geld für den Bus auszugeben.” Von dem schmalen Monatsbudget sind nur noch ganz wenige Kronen übrig, die eigentlich für Lebensmittel vorgesehen waren. Als plötzlich ein bedürftiger Mitmensch vor Mutter und Tochter steht und um eine milde Gabe bittet, ist die ohnehin nicht sehr belastbare Alleinerziehende völlig überfordert. Tochter Alexa hingegen hat Mitleid und verträgt weder Lügen noch Ungerechtigkeiten.

“Wir können nicht allen helfen”, ist der Titel dieser ersten von drei Erzählungen, jede wenige dutzend Seiten umfassend, in denen es um Menschen am Rande des glänzenden norwegischen Reichtums geht. In glasklarer nordischer Sprache und mit lebensnahen Dialogen versteht es Rishøi deren schwierige Lage einerseits, ihren verzweifelten Mut andererseits, fesselnd zu beschreiben. Ohne Bloßstellung zeigt sie uns dabei eine Welt die wir, die auf der Habenseite des materiellen Überflusses gelandet sind, nur zu gerne ausblenden. In jeder Geschichte gelingt der Autorin ein überraschender Schluss, den man während des Lesens nicht für möglich hält. Alle drei “Winternovellen” enden “gut”. Nicht im Sinne einer generellen Lösung aller Probleme, doch zumindest mit einer freundlichen Wendung. Drei Geschichten auf weniger als 200 Seiten, die ich für dunkle, kalte Winterwochen wärmsten empfehlen kann.

Ingvild H. Rishøi: Winternovellen. Aus dem Norwegischen von Daniela Syczek. – Open House, 2016. Euro 19,50

Zwei Bücher über Entwurzelung

Flucht, Vertreibung, Migration gehörten und gehören in Europa zum Schicksal von Millionen. Ein kleiner Ausschnitt daraus ist die abenteurliche Emigration von Karoly, Terez und ihren Kindern aus Ungarn in Akog Domas neuem Roman “Der Weg der Wünsche”. Sie findet zu Beginn der 1970er-Jahre statt, doch in Rückblicken erfahren wir von Ereignissen rund um die Familie bis zurück zu den großen Flüchtlingsbewegungen gegen Ende des Zweiten Weltkriegs.

Was als breit angelegte Familiengeschichte beginnt, entwickelt sich im Laufe der Erzählung zu packender, gegen Ende dramatischer Handlung. Beginnend mit einer gewagten Flucht über Österreich, dann ein nicht enden wollender Zwangsaufenthalt in einem süditalienischen Lager, schließlich der Aufbruch mit dem Ziel Deutschland. Ein Kapitel europäischer Geschichtsunterricht, unterhaltsam und bewegend erzählt.

Akog Doma wurde 1963 in Budapest geboren. Er lebt – für einen Schriftsteller eher ungewöhnlich – im beschaulichen Eichstätt, übersetzt aus dem Ungarischen und schreibt eigene Werke in deutscher Sprache. “Der Weg der Wünsche” ist bereits sein dritter Roman.

Doma, Akog: Der Weg der Wünsche. Roman. – Rowohlt Berlin, 2016. Euro 19,95

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Das nächste Buch ist kein Roman. Der Autor verzichtet allerdings auf eine klare Abgrenzung zwischen Fiktion und authentischer Nacherzählung echten Lebens. Dichtung und Wahrheit eben.

Die Kapitelmans hatten sich in der russisch besetzten Ukraine leidlich eingerichtet. Doch als sie mit ihrer jüdischen Abstammung immer mehr unter Druck geraten, entschließt sich die dreiköpfige Familie zur Ausreise. Eigentlich ist Israel das gemeinsame Ziel, durch besondere Verwicklungen landet sie jedoch in Deutschland. Zunächst in einem Aufnahmelager, später in einer Plattenwohnung in Leipzig-Grünau. Von diesem Exodus und den damit verbundenen Schwierigkeiten erzählt der erste Teil des Buches. Sehr interessant ist ihre Art von Innenansicht auf die problematischen Momente des Alltags in einem ostdeutschen Großstadt-Revier, neonazistische Nachbarschaft inklusive.

Das Hauptthema des Buches ist die liebevolle, nie ohne Reibung verlaufende Beziehung von Vater und Sohn. Gemeinsam brechen sie zur lang ersehnten und mit viel Umständlichkeiten geplanten Reise nach Israel auf. Ihr Blick auf das Land, ihre innere Zerrissenheit zwischen Europa und Israel, die überraschende Anziehungskraft praktizierten Judentums, und vor allem die Probleme des Landes, werden differenziert dargestellt und durch konkrete Alltagserfahrungen verdeutlicht. Der dreißigjährige Dmitrij Kapitelman beschreibt die über weite Strecken autobiographischen Erlebnisse auf sehr frische Weise und in stets leicht distanziertem ironischen Ton. Sicher auch ein Buch für Leser, die schon einmal in Israel waren, oder eine Reise planen.

Kapitelman, Dmitrij: Mein unsichtbarer Vater. Hanser Berlin, 2016

Zwei Bücher die von Familien-Katastrophen handeln, dabei gar nicht so traurig sind.

Ein weiteres Erstlingswerk einer jungen Autorin die in Berlin lebt? Brauchts das? Gibts davon nicht schon genug? Ich kann versichern, der erste Roman der 1987 in Potsdam geborenen Paula Fürstenberg ist nicht nur gelungen, sondern ausgesprochen originell und einnehmend. Die Hauptfigur Johanna ist weder Künstlerin, noch angehende Schriftstellerin mit Schreibblockade. Sie hat sich für eine Ausbildung zur Straßenbahnfahrerin entschieden. In der Freizeit betrachtet sie fasziniert alte Landkarten; dort entdeckt sie das titelgebende Tier. Jung genug um die DDR nicht mehr bewußt erlebt zu haben – sie wurde kurz vor der Wende in der Uckermark geboren – spielt doch die deutschdeutsche Geschichte in ihrem Leben eine wichtige Rolle.

So beginnt sie nach den täglichen Linienfahrten auf den Schienenfahrzeugen der BVG ihrem Vater nachzuspüren, der die Familie kurz nach dem Mauerfall verlassen hat, um in den Westen zu gehen. Oder doch nicht? Mit ihrer Beharrlichkeit kommt sie Stück für Stück nicht nur ihrem verschollenen Erzeuger näher, sondern entdeckt gleichzeitig neue Facetten im Leben ihr nahestehender Menschen. Sasa Stanisic, der die Lektüre von Paula Fürstenbergs Buch sehr empfiehlt, nennt dies “die Neukartierung einer zerklüfteten Familienlandschaft.”

Fürstenberg, Paula: Familie der geflügelten Tiger. Roman. – Kiepenheuer & Witsch, 2016. Euro 18,99

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“Mama ist die Beste.” Und pleite. Und tot. Patchwork hoch drei. Bei ihrem Debüt als Romanautorin überzeugt Nele Pollatschek mit einem ungewöhnlich reifen, hintersinnigen Familienmosaik. Jedes Mitglied dieser verqueren Kommunität ist ein spezieller Charakter. Aus den verschiedenen Beziehungskonstellationen entstehen reihenweise kuriose Situationen. Manchmal wäre die Geschichte ja richtig traurig, aber gerade dann muss man herzlich schmunzeln.

Besondes köstlich, das liebevolle Briten-Bashing im ersten Teil. “Zum Studieren ist England super, aber wer will, dass ein Fenster schließt, eine Heinzung heizt oder man beim Duschen nass wird, sollte in Deutschland bleiben…” Das Buch hat englische und deutsche Schauplätze, eine reizvolle Konstellation. Nele Pollatschek ist noch keine dreißig kennt sich allerdings bereits in beiden Kulturen bestens aus. Sie lebt in Oxford und im Odenwald (wahrscheinlich bewusst, wegen der Alliteration), hat Englische Literatur und Philosophie studiert und promoviert über das Böse in der Literatur. Ihrem Roman merkt man diese Vorbildung an, er ist mal zartbitter, mal kurios heiter.

Für unterwegs: Die großartige Hörbuch-Version, eingelesen und interpretiert von Jasna Fritzi Bauer für knapp 20 Euro.

Pollatschek, Nele: Das Unglück anderer Leute. Roman. – Galiani, 2016. Euro 18,99

Der kleine Geschenktipp

Das gibt es also auch noch. Die schlichte einfache, dennoch gut geschriebene Liebesgeschichte. Wie von Petra Hartlieb nicht anders zu erwarten, spielt bei der im Wien des beginnenden 20. Jahrhunderts angesiedelten Handlung, eine Buchhandlung die wichtigste Nebenrolle. In der Hauptsache geht es um zwei junge Menschen aus einfachen Verhältnissen, um deren Schwierigkeiten sich in der harten Klassengesellschaft der Jugendstil-Zeit zu behaupten.

So ist es fast ein Ding der Unmöglichkeit für dienstbare Geister aus besitzlosen Schichten als Paar zueinander zu finden. Dass es aber auch nicht ganz hoffnungslos sein muss, davon handelt diese athmosphärisch dichte Erzählung. Ganz nebenbei können wir Leser noch Einblick nehmen in das Familienleben des erfolgreichen Theaterautors Arthur Schnitzler (nach dessen unsolider Kaffeehaus-Zeit!). Fundiert recherchiert, liebevoll geschrieben, sehr lohnend, als kleines Geschenk für Wienfreunde, Theatergänger und andere lesende Mitmenschen hervorragend geeignet. Eine geschmackvolle Buchgestaltung mit Jugendstil-Anmutung gibts dazu.

Petra Hartlieb ist übrigens jene umtriebige Frau, die vor Jahren in Wien eine Buchhandllung kaufte und gleich noch ein Buch darüber schrieb (“Meine wundervolle Buchhandlung”), das überraschend viele Menschen gerne lesen, und das erstaunlicher Weise inzwischen u. a. ins Türkische und Koreanische übersetzt wurde. Außerdem schreibt sie zusammen mit Klaus-Ulrich Bielefeld die Krimireihe “Ein Fall für Berlin und Wien”, die bei Diogenes erscheint.

Hartlieb, Petra: Ein Winter in Wien. – Kindler, 2016. Euro 16,95

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Die Fortsetzung der “AusLese 2016” auf con=libri gibt es in etwa 14 Tagen. Dann wird es spannend.

Rom oder Roman

Lutz Seiler, sein beschwerlicher Weg zum preisgekrönten Roman “Kruso”, und das nicht nur hilfreiche Stipendium in der römischen “Villa Massimo”.

Zwei autobiographische Erzählungen sind darüber entstanden, die dieser Tage bei Topalian & Milani als exquisites, durchgehend illustriertes Druckwerk herauskamen. “Von Rom nach Hiddensee”, sowie “Die römische Saison”, die Titelgeschichte.

Lutz Seiler ist ein Schriftsteller mit besonderem Werdegang. 1963 im thüringischen Gera geboren, begannen literarisches Lesen und Schreiben für ihn erst während der Dienstzeit in der Nationalen Volksarmee der DDR. Hilfreich dabei, dass dieses andere Deutschland über ein dichtes Netz öffentlich zugänglicher Bibliotheken verfügte, mit umfangreichen Beständen an klassischer und – ideologisch gefiltert – gegenwärtiger Literatur. Nach Lehre und Tätigkeiten als Baufacharbeiter folgte ein Germanistikstudium in Halle an der Saale und Berlin.

Die ersten Veröffentlichungen waren Gedichtbände. Erzählungen und Essays folgten. Erste Auszeichnungen: Bremer Literaturpreis, Ingeborg-Bachmann-Preis, Fontane-Preis. 2014 erschien der Roman “Kruso” dessen Grundidee durch eine Zeit, die Seiler auf der Insel Hiddensee verbrachte, angeregt wurde. Dafür erhielt er den Deutschen Buchpreis. Lutz Seiler leitet das literarische Programm im Peter-Huchel-Haus, Wilhelmshorst. Mit seiner Familie lebt er in dem Ort nahe Berlin und in Stockholm.

In “Von Rom nach Hiddensee” erzählt er mit dem Humor der zeitlichen Distanz von seinem Aufenthalt in Italien als Stipendiat. Eine durchaus ehrend und fördernd gemeinte Auszeichnung. 2011, ein knappes Jahr mit der Familie in der römischen Hauptstadt. Einquartiert inmitten anderer Kunstschaffender in der traditionsreichen “Villa Massimo”. In über 100 Jahren waren hier zunächst nur Maler und Bildhauer zu Gast, später kamen Komponisten und Literaten dazu. Ulla Hahn, Oskar Pastior, Herta Müller, Hanns-Josef Ortheil, Andreas Maier und Sibylle Lewitscharoff waren, neben vielen anderen, Vertreter der schreibenden Zunft.

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Der Grundgedanke ist, dem Künstler, der Künstlerin, Zeit, Ruhe, Muße und Anregungen für neue oder in Arbeit befindliche Werke zu schenken. Dass gute Absicht und schiere Realität nicht immer in Einklang zu bringen sind, schildert Lutz Seiler: “Der Roman verweigerte sich, und zwar grundsätzlich. Gleichzeitig die Termine der Villa, fürsorgliche Angebote, dazu die Ideen der Künstlerbetreuerin, Besichtigung von Caravaggio, Konzert im Villino, Exkursion nach Olevano, Kino im Haupthaus und so weiter – alles ganz wunderbar, nur nicht für den, der nicht schreibt. Der, der nicht schreibt, möchte keine Termine, keine Exkursionen und vor allem: keine Künstler sehen.”

Und dass so ein Italien-Aufenthalt nicht für jede nordische Seele ideal ist, Hitze, Lärm und Temperament, nicht jedem Menschen gleichermaßen zuträglich, wissen wir spätestens seit Thomas Mann und Sigrid Damm. Was alles schief gehen kann und wie das ganze Unternehmen schließlich, nicht zuletzt dank Sohn und Frau, doch noch halbwegs gelingt, beschreibt Lutz Seiler ebenso unterhaltsam wie treffend. Er gewährt dabei einen intimen Einblick in die Geheimnisse seiner Schaffensprozesse, lässt uns ein wenig teilhaben an Schwere und Freude einer Schriftsteller-Existenz.

Bei aller Ironie und immer wieder aufblitzenden Witz, klingt der altbekannte Grundkonflikt zwischen künstlerischer Existenz und bürgerlichen Erfordernissen an. Beide Erzählungen, scheinbar mit leichter Hand geschrieben, zeugen von der sprachlichen Kunstfertigkeit des Autors und machen Lust auf mehr. Wer es noch nicht getan hat, wird sich spätestens jetzt an die Lektüre des Großromans “Kruso” machen.

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In der „Oberen Stube“ der Ulmer Museumsgesellschaft stellten Lutz Seiler (rechts) und Ko-Verleger Florian L. Arnold das neue Buch vor.

In Seilers zweiter Geschichte geht es sportlich zu. Dabei ist es gleichermaßen passend wie zufällig, dass das Buch ausgerechnet zur Zeit des Turniers um die Fussball-Europameisterschaft in die Buchhandlungen kommt. “Die römische Saison” handelt von den Freuden am beliebten Ballspiel ganz allgemein, und im Besonderen von den Hürden und bürokratischen Hindernissen beim Bemühen den zwölfjährige Sohn in einem römischen Verein das mannschaftliche Fußballspiel zu ermöglichen. Eine der vielen Facetten dieser großartigen Urstadt Rom und des gegenwärtigen italienischen Staatsgebildes.

“In den kommenden Tagen und Wochen dieses betörend schönen römischen Frühlings dreht sich bei uns alles um die sagenhafte Liste der zehn Dokumente, die wir in mühevoller Kleinarbeit und mit Hilfe der Schule, der Villa Massimo, der Schwedischen Botschaft und unter der unermüdlichen Beratung anderer, so freundlicher wie wortgewandter Spielereltern … zusammentragen. Immer wieder türmen sich neue überraschende und auch ganz unglaubliche Hindernisse auf.”

Alles wird gut. Das junge Talent Mitglied einer „scuola calcio“ mit dem nachvollziehbaren Namen „Futbolclub“ und wir Leser erfahren was italienischer Fußball mit „Panettone“ zu tun hat, jenem schmackhaften Doping-Mittel und Leistungsanreiz (sportlich-kulinarische Banausen sprechen von Sandkuchen), das mit Puderzucker bestäubt auf dem Cafétisch des Vereinsheims steht und „glitzert wie Silber in der Morgensonne.“

Die vieldeutigen, motivisch dichten Tuschezeichnungen im Buch stammen von Max P. Häring. Sie beziehen sich nicht direkt auf den erzählten Inhalt, sind jedoch mit ihrem feinen Strich durchaus von literarischen Themen inspiriert. Dass sie für meinen Geschmack vielleicht etwas zu düster ausfallen, mindert in keiner Weise die ausdrucksstarke künstlerische Qualität. Für die Front des Umschlags wurde ein Motiv aus einem Gemälde des Künstlers verwendet.

Sehr breit ist das Spektrum das sich passionierten Lesern undoder wählerischen Bibliophilen bietet: Vom Tausendseiten-Taschenbuchschmöcker, bis zur ausgewählt fein gestalteten Kostbarkeit. Während man im ersten völlig versinkt, sich ganz Inhalt und Spannung hingibt, bieten Werke der zweiten Art ein Mehr an Genuss, das weit über das eigentliche Lesen hinausgeht, weil man Erlesenes in Händen hält.

Es ist das Ziel des jungen Unternehmens Topalian & Milani im wörtlichen Sinne Un-Gewöhnliches zu bieten. Nischen und Zwischenräume zu entdecken und zugänglich zu machen. Nicht umsonst nennt man sich den “Verlag für schöne Bücher.” Mit Lutz Seilers “Die römische Saison” wird man diesem Anspruch hervorragend gerecht. Ein griffiges 120-Gramm-Papier, Druck und Bindung im Hause Pustet, sorgfältige Vorarbeiten bei Satz und Gestaltung, sowie bei der Schriftenwahl durch Florian L. Arnold.

Ich freue mich bereits auf eines der nächsten Vorhaben, das ich in den Vorankündigungen entdeckt habe. Ein Band mit zwei Novellen von Stefan Zweig: “Buchmendel” und “Die unsichtbare Sammlung”. Wie’s der Zufall will, läuft ja dieser Tage der großartige Film „Vor der Morgenröte“ in unseren Kinos, in dem ein überraschend aufspielender Joseph Hader den Dichter Zweig verkörpert.

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Seiler, Lutz: Die römische Saison. Zwei Erzählungen. – Elchingen : Topalian & Milani, 2016. Euro 17,90

Seiler, Lutz: Kruso. Roman. – Berlin : Suhrkamp, 2015. Euro 10,99 (Taschenbuch-Ausgabe)

Hier geht’s zu Topalian & Milani

“Über das Land hinaus”

Von Lenz und Niedlich, bis Sayer und Riethmüller. Irene Ferchls Zeitreise durch den literarischen Südwesten.

Am 8. Mai 1955 hielt Thomas Mann seine berühmte Rede zum 150. Todestag Friedrich Schillers. Im Großen Haus des Württembergischen Staatstheaters zu Stuttgart. Im selben Jahr wurde in Marbach am Neckar, Schillers Geburtsstadt, das Deutsche Literaturarchiv gegründet. Von 1953 bis 1968 existierte die “Hochschule für Gestaltung” in Ulm. Inge Aicher-Scholl, Otl Aicher und ihr erster Rektor Max Bill wollten so die Bauhaus-Tradtion fortführen.

“Literarisches Leben in Baden-Württemberg” ist der Untertitel des großformatigen Bandes, der mir diese Ereignisse vergegenwärtigt. Er ist bei Klöpfer & Meyer erschienen. Schwarz auf gelb signalisiert er die Landesfarben, seine inhaltlichen Grenzen sind allerdings nach allen Seiten offen, wie der Titel erkennen lässt. Begrenzen musste sich die Autorin und Herausgeberin bei der zu berücksichtigenden Zeitspanne. Sie beginnt 1950, fünf Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs und zwei Jahre vor der Entstehung des heutigen Bundeslandes, und erreicht schließlich unsere Gegenwart. So ist eine Kapiteleinteilung entstanden, die sich in sieben Dekaden gliedert.

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Gegründet 1828 in Leipzig. Heute in Baden-Württemberg zu Hause: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH

Natürlich lassen sich nicht alle Ereignisse, Personen, Werke einer einzigen Dekade zuordnen, die Chronologie wird oft erweitert oder durchbrochen, “denn Geschichte und Geschichten spielen sich eben niemals geordnet ab: Da gibt es Rückblicke und Rückblenden … die historischen Schichten mischen sich, fließen ineinander … “ (Irene Ferchl im Vorwort). Entsprechend bunt und vielfältig sind die Stilelement, die Formen, die für diese kaleidoskopische Vorgehensweise verwendet werden: “Essays und Romanauszüge, Gespräche und Gedichte, Erzählungen und Interviews, Porträts und Reportagen.” Der renommierte “schwäbische” Kulturwissenschaftler Hermann Bausinger hat eine Einleitung geschrieben, in dem er den Kulturraum Südwestdeutschland ungeachtet politischer Landesgrenzen definiert.

Jeder Zeitabschnitt beginnt mit einem kurzen prägnanten Text eines schreibenden Zeitgenossen und einem Zeitfenster, dass einige wichtige Meilensteine der jeweiligen Epoche in Erinnerung bringt. Das ist sehr nützlich. Denn wie mir, wird es vielen Anderen auch gehen. Hatte ich doch völlig verdrängt, dass am 4. Oktober 1983 das Stuttgarter Schriftstellerhaus eröffnete, oder dass Arnold Stadler 1999 mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet wurde. Ähnlich nützlich wie diese Synopsen ist das erstaunlich umfangreiche Namensregister von Achternbusch, Herbert bis Ziegler, Leopold.

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Ein Haus für die Literatur der Zukunft: Die Stadtbibliothek Ulm

Dass in einer Publikation von Irene Ferchl die schreibenden Frauen nicht zu kurz kommen, ist ebenso wenig überraschend wie erfreulich. So war ich sehr angetan, zwei der im allgemeinen Rummel des Betriebs eher als Mauerblümchen anzusehenden oberschwäbischen Marien in diesem Buch zu finden. Maria Müller-Gögler mit dem Gedicht “Kindheit” und Maria Beig mit ihrem Text “Paradies vorm Ausverkauf.” Ebenfalls Außenseiter angesichts landläufiger Vermarktungs-Klischees war sicher der in sich gekehrte Hermann Lenz und ist es der Zeitgenosse Walle Sayer mit seinen schmalen Bändchen in denen seine zarten Miniaturen erscheinen.

Unterhaltsam amüsant sind die Beiträge von Peter Härtling (“Die Kehrwoche”) und Thaddäus Troll (“Der Schwabe und die Musen”). Spannend die Informationen über die Entwicklungen im Buchhandel in diesen fast 70 Jahren. Da wird zum einen an das Stuttgarter Bibliotop des Wendelin Niedlich erinnert (“Babylonische Buch-Türme und -Labyrinthe”), während Osiander-Chef Heinrich Riethmüller im Interview über die nicht immer einfache Situation seiner Branche in der Gegenwart Auskunft gibt. Er ist es, der uns Buch- und Literaturenthusiasten etwas aufatmen lässt: “Bei aller Euphorie gegenüber dem E-Book und der Digitalisierung glaube ich, dass man auch in zwanzig Jahre noch gedruckte Bücher haben wird.”

FerchlWas diese Welt der schönen Bücher und ihrer Macher im deutschen Südwesten zu bieten hatte und immer wieder anzubieten hat, macht das mit zahlreichen schwarzweißen Fotos illustrierte Buch von Irene Ferchl deutlich.

Ferchl, Irene (Hrsg.): Über das Land hinaus : literarisches Leben in Baden-Württemberg. – Klöpfer & Meyer, 2016

Literaturwoche Donau 2016

Persönliche Impressionen links und rechts des Stroms

LW DonauAlles ging nicht. Dazu war das Programm der „Literaturwoche Donau 2016“ zu prall, zu vielfältig, zu dicht. Es hieß auswählen, mit anderen Terminen und Interessen abstimmen – auch gelegentlich schweren Herzens verzichten. Was blieb, war mehr als genug. Begegnungen mit Autoren und Autorinnen, Künstlerinnen und Künstlern, Verlegern, und nicht zuletzt Musikern die lange in Erinnerung bleiben. Anregungen, Anstöße, Aufforderungen. Nachdenkliches, Bewegendes, Heiteres.

In love with Shakespeare. Seit 400 Jahren ist er bereits tot. Kopflos liegen seine sterblichen Überreste in kalter Gruft, wie wir aktuell erfahren mussten. Er ist einmal mehr im Gespräch, im Feuilleton breit vertreten und gut im Geschäft. Shakespeare: seine Zeit, Werk und Wirkung – auf 100 Seiten hat Stefana Sabin alles Wissenswerte über den Barden vom Avon zusammengefasst. (Sabin, Stefana: Shakespeare auf 100 Seiten. – Reclam, 2014)

Kenntnisreich und charmant – oft mit einem Lachen – erzählte die in Bukarest geborene Literaturwissenschaftlerin und Publizistin in der Buchhandlung Jastram vom englischen Dramatiker und Reimer. Von denen, die ihn verehrten, und jenen, die ihn weniger schätzten, wie Voltaire, Shaw, Wittgenstein oder Tolstoi. Sie berichtete von der Shakespeare-Bewunderung der Goethe-Zeit und von der langen Geschichte und Vielzahl der Übersetzungen. Wie der bekannten von Schlegel/Tieck im 19. Jahrhundert, oder der neuesten Komplett-Übertragung aller Dramen durch Frank Günther. Von den vielen, die anlässlich von Theater-Inszenierungen entstehen und nicht dokumentiert sind. Stefana Sabin selbst schätzt besonders Erich Frieds Versionen.

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Mit dem Publikum diskutierte sie über die Unklarheiten in der Biographie des Dichters. Und betonte, dass die dramatischen Dichtungen Shakespeares keine Hochkultur, sondern Massenunterhaltung waren, für alle gesellschaftlichen Schichten, im Original oft zotig, mit vielen satirischen Anspielungen auf die Obrigkeit.

“Der Text soll sprechen.” Am eindrucksvollsten spricht er durch sie selbst. Nora Gomringer muss man erleben. Bücher sind schön, CDs nicht schlecht, aber eigentlich geht nur in echt. Der Saal der Museumsgesellschaft war überfüllt als dieses Ereignis im Rahmen der diesjährigen Literaturwoche anstand. Und am Ende waren alle glücklich und zufrieden, bereichert und beifallsfreudig. Die Künstlerin nicht weniger, wie sie nach ihrem Auftritt wissen ließ.

Sie las u. a. aus ihren Büchern „Monster Poems“, „Morbus“ und „Ich bin doch nicht hier, um Sie zu amüsieren“. (Alle bei Volland & Quist erschienen, dem großen Verlag für die kleinen Formen.) Amüsiert hat sie ihr Publikum natürlich gerade zum Trotz. Doch nie ohne Hintersinn. Bei ernsten Themen gelingt es ihr den Zuhörern ein Lächeln zu entlocken. Im scheinbar heiteren Inhalt, lauert immer das Doppelbödige.

“Ich bin Dichter!” Darauf zu bestehen, dass dies eine durchaus zulässige Existenzform ist, diese Freiheit nimmt sich Nora Gomringer. Allen pietistisch geprägten, erwerbsfleißigen Ulmern, die zweifeln dass Kunst Arbeit sein kann, ruhig einmal deutlich gesagt. Und sie ist Dichterin. Poetin mit Leib, Seele und Stimme.

„Ich bin der Verlag“. Hinter den Backstein-Festungsmauern der Neu-Ulmer Venet-Haus Galerie erzählte Sebastian Guggolz die erstaunliche Geschichte seiner Verlags- und Verlegertätigkeit. Der Gewinn aus einer Quizshow im letzten Sommer hat ihm ermöglicht mit dem eigenen Unternehmen weiter zu machen. Er verlegt Autoren und Autorinnen, die nicht mehr leben und deren Werke ungerechtfertigt der Kurzatmigkeit des Buchgeschäfts zum Opfer gefallen sind. Neuauflagen bedeutender literarischer Werke, die längst aus dem Blickfeld möglicher Leser und den Lagern der Verlage und Großhändler verschwunden sind. Schwerpunkt sind dabei die kleineren Sprachen Nord- und Osteuropas.

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Vergessene Nobelpreisträger sind dabei, wie der finnische Literatur-Nobelpreisträger Frans Emil Sillanpää (1888 – 1964, Nobelpreis 1939) mit seinen Romanen „Frommes Elend“ und „Hiltu und Ragnar“. Bei seinem Besuch in Neu-Ulm hat Guggolz bereits die nächsten beiden skandinavischen Literaturnobelpreisträger angekündigt: Johannes Vilhelm Jensen (1944) aus Dänemark und Harry Edmund Martinsson (1974) aus Schweden. Wir sind gespannt, welche Werke Guggolz auswählt.

Aus der Region. Ein Dienstagabend im April. Die Literaturwoche Donau mit einem Verleger- und Autorenfest zu Gast im Neu-Ulmer Kultur-Café d’Art mit seiner umtriebigen, gastfreundlichen Wirtin Heidi Völzke. Moderatorin des Abends ist Wibke Richter, für kraftvolle musikalische Momente steht das Gitarren- und Gesangsduo Roadstring Army. Rappelvoller Saal. Beste Stimmung. Im Mittelpunkt drei regionale, unabhängige Verlage. Schnell wird klar, dass die mehr zu bieten haben als provinziellen Kleingeist. Hier sind Abenteurer am Werk, die ihre Ein- und Glücksfälle am liebsten zwischen Buchdeckeln und in hochwertigen Druckwerken verwirklicht sehen.

Bei Thomas Zehenders „danube books“ ist der Name Programm. Es geht die Donau entlang Richtung Osten. Eine überfällige Grenzüberschreitung, blicken die etablierten Kulturmacher doch meist leicht halsstarrig westwärts. „Skizzen aus Slawonien/Sketches of Slavonia“ mit Photographien von Damir Rajle und ergänzenden Texten in Deutsch, Englisch und Serbo-Kroatisch, setzt mit eindrucksvollen Aufnahmen aus besonderem Blickwinkel diese fruchtbare, im Osten des heutigen Kroatien gelegene Region, ins Bild.

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Übrigens: Wer sich für die Geschichte der donauschwäbischen Auswanderer interessiert, darf sich auf den Titel „Die zweite Heimat. Eine Familienchronik aus Südungarn“ freuen, der erstmal am 23. Juni im Donauschwäbischen Zentralmuseum präsentiert wird.

Der Verleger der  „edition dreiklein“ ist Martin Gehring. Zusammen mit der Illustratorin Marion Hartlieb hat er das Kinderbuch „Kiki – Alles fliegt“ gestaltet, das im Juni zeitgleich in einer deutschen und einer französischen Ausgabe erscheinen wird. Hartlieb hat zudem ihr Interesse an der österreichischen Kaiserin Elisabeth, die unter dem Namen „Sissi“ populär wurde, in eine liebevolle Adaption für Kinder umgesetzt. In „Die Sisi aus Possenhofen“ malt sie sich phantasievoll und in leichten Farben das Leben der kleinen Elisabeth aus.

Martin Gehring hat als Autor mehrere Bücher veröffentlicht, darunter den satirischen Hühner-Western „El Pollo – Entscheidung in der Sierra Chica“ (erschienen im Verlag Manuela Kinzel). Er liest eine Kurzgeschichte, in der es um den Rapp-Bier-Konvoi auf württembergischen Autobahnen und einen Nutztiertransport geht. Eine humorvoll überzeichnete Erzählung mit der er das Publikum zum Schmunzeln und Lachen zwingt.

Vom Ulmer Dichter Marco Kerler erschien 2015 der Lyrik-Band „Schreibgekritzel“ bei Kinzel. Seine nächste Veröffentlichung plant er derzeit mit der „edition dreiklein“. Mit der Formation „MarcoBeatz“ macht er RockPoetry, SpokenWord und Improvisation in der Region. Beim Verlegerfest stellte Marco Kerler Beispiele aus seinem Projekt „VolksLyrik“ vor. Spontane Poesie im Dialog mit dem Publikum. Einer von vielen Höhepunkte des Abends dann seine Sprechgesang-Performance zusammen mit den Gitarren von Roadstring-Army. Stimmung in Siedepunkt-Nähe.

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Florian L. Arnold und Rasmus Schöll sind die Hauptdrahtzieher der „Literaturwoche“. Und seit einiger Zeit auch Jungverleger. In dieser Funktion stehen sie Wibke Richter Rede und Antwort. Sehr zum Vergnügen von Jung und Nichtmehrganzjung im Saal, gerät dies zu einer äußerst pointiert-gewitzten Talkshow. Ihr Verlag heißt „Topalian und Milani“, dass dieses kühne Unternehmen bereit ist sich jeder verlegerischen Vernunft zu widersetzen, zeigt ein Werk, dass mit Multitalent Tommi Brehm realisiert wurde.

Der „Appendix Dick“ ist ein künstlerisch gestaltetes Verzeichnis aller Personen die in den Werken des amerikanischen Autors Philip K. Dick vorkommen. Fast 600 Seiten, limitierte Auflage 100 Stück, alle fein gebunden und signiert, die ersten 50 zudem handkoloriert. „Haptik. Optik. Schönheit“ sind die entscheidenden Kriterien für Bücher aus dem Hause Topalian und Milani. Ich freue mich ganz besonders auf den angekündigten Band mit zwei weniger bekannten Novellen von Stefan Zweig.

Viel Beifall zum Schluss für alle Beteiligten. Und wir Zuhörer und Zuschauer wurden nicht nur glänzend unterhalten. Wir haben auch gelernt. Regional hat nichts mit Begrenzung zu tun. Und, dass es unabhängigen Verlagen gelingen kann mit Mut und Offenheit den üblichen, nur scheinbar zwangsläufigen, Markt-Mechanismen erfolgreich zu trotzen.

Von der Lebenskunst. Der oberschwäbische Schriftsteller Werner Dürrson starb 2008. Sein einziges großes Prosawerk, der Roman „Lohmann oder die Kunst, sich das Leben zu nehmen. Eine romaneske Biographie“ (bei Klöpfer & Meyer erschienen und jederzeit lieferbar) droht in Vergessenheit zu geraten. Der in Ulm und Umgebung bestens bekannte und geschätzte Walter Frei brachte mit seiner Lesung diesen literarischen Schatz wieder in Erinnerung.

Er las Abschnitte, die zeigten, welch frischen Humor dieses autobiographisch gefärbte Werk, neben allen ernsthaften Passagen, zu bieten hat. Schließlich ist bereits der Titel unbedingt doppelt zu deuten. Nicht nur im naheliegenden suizidalen Sinne. Sondern vor allem als Aufforderung, nach Freuden und Chancen, nach den Möglichkeiten eines gelingenden Lebens, energisch zu greifen.

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Raum und Wort. Wie sehr Örtlichkeit und Ambiente die Atmosphäre literarischer Darbietungen mitgestalten und beeinflussen, wurde bei der diesjährigen Literaturwoche eindrucksvoll deutlich. Mit der Venet-Haus Galerie haben die Veranstalter eine weitere besonders stimmungsvolle Lokalität gefunden und bespielt. Den Abend mit Kai Weyand und seinem morbid-heiteren Roman “Applaus für Bronikowski“ in eine Steinmetz-Werkstatt zu verlegen hatte schon was. Eine Buchhandlung als Veranstaltungsort gehört natürlich unbedingt dazu. Die Kulturbuchhandlung Jastram als Mitveranstalter besetzt diese Position in idealer Weise.

Dass sich beim regionalen Verlegerfest im Café D’Art alle Anwesenden sehr wohl fühlten, wurde bereits festgehalten. Ein offenes, einladendes Lokal mit viel Stammkneipen-Potential. Fester Bestandteil der Literaturwochen ist die „Obere Stube“ der Ulmer Museumsgesellschaft. Mit ihren Ausblicken auf Rathaus und Münster, mit großzügigem Platzangebot und einem treuen Publikum, das stets zahlreich erscheint, darf sie auch in den zukünftigen Programmen auf keinen Fall fehlen.

 

 

Leipziger Buchmesse 2016 (I)

Momente, Begegnungen, Einblicke

 

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Ein kundenfreundlicher Straßenbahnfahrer der Linie 16: „So wir haben es geschafft! Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag auf der Messe.“ Wie daraufhin die sardinengleich eingebüchsten Passagiere lächeln und sich vorfreuen!

Was kann es Schöneres geben, als nach klaustrophobischen zwanzig Minuten, gemeinsam mit unzähligen Buchhandels- und Verlagsleuten, Lese- und Medienmenschen aus dem schwankenden Schienenfahrzeug zu steigen und vor den Messehallen zu stehen?

Erste kleine Bekanntschaften bahnen sich an. Etwa mit jener älteren Dame, die mir ihr Smartphone hinhält und um Hilfe bei der Sichtbarmachung eines Online-Tickets und um Tips für lohnenswerte Veranstaltungen bittet. Gemeinsam tritt man nach der Fahrt ins Freie, atmet tief durch, tauscht Telefonnummern, und verliert sich sogleich aus den Augen. Es wird etwas dauern bis zum Wiedersehen.

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Zwei von über 260.000 die 2016 die Leipziger Buchmesse und das begleitende Lesefest “Leipzig liest” besucht haben. Letzteres fand in diesem Jahr zum 25. Mal statt, was mit einem Festakt gebührend gefeiert wurde. Dem Erfinder dieses Ereignisses gebührt ein Verdienstkreuzle am Bändel, macht es doch die jährlichen Märztage in Leipzig erst zu etwas ganz Besonderem. Ohne wäre die Messe nie geworden, was sie ist.

Preise und Gepriesene

Großer Gewinner bei der Vergabe der Preise der Leipziger Buchmesse ist Klaus Schöffling. Die Preisträger der Kategorien Belletristik (Guntram Vesper: Frohburg) und Übersetzung (Cosic, Bora: Die Tutoren; aus dem Serbischen übersetzt von Brigitte Döbert) wurden bei Schöffling & Co. verlegt. Glückwunsch! Preise gab es wie jedes Jahr zuhauf. Sie alle aufzuführen und ihre Preisträger vorzustellen würde jedes Blogmaß sprengen.

Klaus Schöffling (links) und Guntram Vesper

Nicht vorbei kam ich am Preis für den „ungewöhnlichsten Buchtitel 2015“, den die Mayersche Buchhandlung gemeinsam mit der community “wasliestdu.de” stiftet und den eine sechsköpfige Jury vergibt. Moderiert von Jan Drees wurden insgesamt 10 Titel in Form einer Hitliste präsentiert.

Hier die drei ersten Plätze:

Platz 3 für „Die wunderbare Welt des Kühlschranks in Zeiten mangelnder Liebe“ von Alain Monnier, bei Arche erschienen. Den Titel mit angedeutetem Verweis auf ein ebenfalls ausgezeichnetes Werk von Clemens Setz gibt es festgebunden für 16,99.

Platz 2 errang „Eine Rolle Klopapier hat 200 Blatt. Warum ist keins mehr da, wenn man es am dringendsten braucht?: Das Leben in Textaufgaben“ Gesammelt von Raimund Krauleidis und verlegt von Goldmann und mit Euro 8,99 kaum teurer als ein paar Rollen gutes Toilletenpapier.

Änd se winner! Platz 1: „Aufgeben ist keine Lösung, außer bei Paketen“ – Hinter dem Titel verbergen sich knifflige Ratespielchen die sich der Top-Slamer Patrick Salmen ausgedacht hat. Bei Lektora veröffentlicht und für runde 10 Euro zu haben.

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Sieger-Typ: Patrick Salmen

Für echte Inhaltsangaben der Bücher reicht es hier nicht. Wer Näheres wissen möchte, erfährt dies mühelos auf den einschlägigen Buchhandels- oder Verlagsseiten im Netz.

Die Kleinen und die Ganzkleinen

Jahr für Jahr bietet Leipzig im Frühjahr Raum und erschwingliche Standmieten für die kleinen Verlage. Meist sind diese gleichzeitig Teil der Gemeinschaft der “Unabhängigen”, die auf der Messe mit eigenem Forum vertreten ist. Die Unabhängigen, das sind selbständige Verlage, die nicht im Besitz größerer wirtschaftlichen Einheiten (sprich: Konzerne) sind.

Am kommenden Samstag, dem 26. März, machen diese tapferen Unentwegten mit einem “Indiebookday” speziell auf sich aufmerksam. Viele Buchhandlungen unterstützen mit Sonderfenstern und Aktionen. In der Untergattung der Ganzkleinen bin ich auf der Messe zwei sehr originellen und lebendigen Beispielen begegnet.

Der Klein- und Jungverleger Sebastian Guggolz hat früher für Matthes und Seitz gearbeitet, bevor er sich vor wenigen Jahren selbständig machte. “Ich bin der Verlag”, heißt seitdem sein Motto. Wenn ich das richtig mitbekommen habe, verlegt er etwa 2 bis 3 Bücher pro Jahr. Dabei ausschließlich solche, die ungerechtfertigter Weise der Kurzatmigkeit des Buchgeschäfts zum Opfer gefallen sind. Neuauflagen bedeutender literarischer Werke, die längst aus dem Blickfeld möglicher Leser und den Lagern der Verlage und Großhändler verschwunden sind.

Der Berliner Verleger Sebastian Guggolz

Auf dem “Nordischen Forum” –  eine schmale Präsentationsfläche mit einigen wenigen Sitzplätzen, die ich Jahr für Jahr besuche – stellte er die Neu-Übersetzung von “Hiltu und Ragnar”, einem der Hauptwerke des finnischen Nobelpreisträgers Emil Sillanpää (Frans Emil Sillanpää 1888 bis 1964) vor. Lieferbar ist vom selben Autor außerdem der Titel “Frommes Elend”. Viele Finnen hätten ein verstaubtes Bild ihres einzigen Literatur-Nobelpreisträgers, erläuterte Guggolz. Über den Umweg der deutschen Übersetzung können sie ihn nun wiederentdecken.

Der Verlag von Barbara Miklaw heißt “Mirabilis”. Sie stellte ihren Autor Florian L. Arnold mit seinem ersten Roman vor. “Die Ferne. Man kommt nicht an sie heran”. Eine weitausholende Erzählung, teilweise auf biographischen Elementen beruhend und illustriert vom Autor. Arnold, dessen breit gefächertes künstlerisches Betätigungsfeld beeindruckt, überzeugt neben der Schriftstellerei als Graphiker, Zeichner und Kulturmanager.

Barbara Miklaw und Florian L. Arnold

Im vielseitigen Programm von Mirabilis befindet sich auch ein Buch das einen überraschenden Blick auf Peter Handke wirft. In “Der Geruch der Filme – Peter Handke und das Kino” erläutert Lothar Struck in einem anspruchsvollen Essay “Ideen und Ideale des Kinogehers Peter Handke und widmet sich ausführlich den Filmen, die Handke als Regisseur und/oder Drehbuchautor erschaffen hat.”

Fremde Zungen

In Leipzig hat man die seltene Gelegenheit Teile übersetzter literarischer Werke nicht nur in deutscher Sprache, sondern im Original zu hören. Faszinierende Einblicke in exotische Sprachklänge, Hörerlebnisse der besonderen Art. Von Englisch ist dabei nicht die Rede, da diese Weltsprache für Mitteleuropäer kaum noch als Fremdsprache gelten kann. Doch wann hat man schon einmal die Gelegenheit Passagen eines finnischen Romans vorgelesen zu bekommen. Bei der erwähnten Veranstaltung mit Sebastian Guggolz im Nordischen Forum war dies möglich. Eine Vertreterin des finnischen Kulturinstituts las auf Finnisch aus “Hiltu und Ragnar” von Emil Sillanpää.

Georgisch, von dem ich bis vor kurzem nicht einmal wusste, dass es eine eigene Sprache ist, konnte ich bei den “Unabhängigen” hören. Joachim Unseld von der Frankfurter Verlagsanstalt präsentierte seinen Autor Lasha Bugadze und dessen Roman “Der Literaturexpress”. Die munter-ironische Geschichte eines Zuges, der mit 100 Dichtern verschiedener Nationen quer durch Europa fährt. Geschildert wird die Fahrt aus der Sicht eines mäßig erfolgreichen, jungen georgischen Schriftstellers.

Nino Haratischwili und Lasha Bugadze

Übersetzt hat das Buch die aus Georgien stammende, in Deutschland lebende und auf Deutsch schreibende Nino Haratischwili, die im vorletzten Jahr mit ihrem Roman “Das achte Leben” für Aufsehen sorgte.

Die wahren Poetinnen

Anders als beim obligatorischen Buchmessen-Slam, der tradionell auf großer Bühne im Leipziger Schauspielhaus vor ausverkauftem Haus stattfindet, kann man Slam-Poeten – vor allem Künstler jüngerer Jahrgänge – auf der “Leseinsel Junge Verlage” aus nächster Nähe erleben. Es ist immer wieder erstaunlich, wie rasch die Zuschauer – und Zuhörermenge vor dem kleinen Podium anschwillt, wenn dieses Programm ansteht.

Ich durfte in diesem Jahr die beiden Ausnahme-Talente Zoe Hagen und Jule Weber bewundern. Weber gehörte auch zu den neun Wettbewerbern, die im Schauspielhaus antraten. Ihre Texte überzeugen durch erstaunliche Reife und eine komplexe, oft humorvolle Auseinandersetzung mit den “wahren” Fragen des Lebens. Die Sprachartistin und Verwandlungskünstlerin begeisterte mit einer launischen Selbstbespiegelung unter dem Titel “Narziss”.

Von Zoe Hagen, die im offenen Vortrag sympathisch unfertig wirkt, ist dieser Tage der Roman “Tage mit Leuchtkäfern” bei Ullstein erschienen.

Jule Weber, Poetin

Ein Sonderfall ist Nora Gomringer. Treuer Gast in Leipzig und den Urgründen der Slamer-Szene längst entwachsen. Mit ihrem vielseitigen Talent verfügt sie über ein breites Programm-Spektrum, solo und im Ensemble. Ihre Bücher erscheinen bei Volland & Quist, einem Verlag, der die meisten seiner Druckwerke mit inkludierten Hör-CDs ausstattet.

Vom 14. April bis 7. Mai findet in Ulm und Neu-Ulm die “Literaturwoche Donau” statt. Am Mittwoch, den 20. April ist aus diesem Anlass Nora Gomringer zusammen mit ihrem Verleger Leif Greinus im Saal der Ulmer Museumsgesellschaft zu erleben. Das sollte man sich in Ulm und Umgebung nicht entgehen lassen.

“Bereit zum Abschied sein … ”

Hermann Hesse war ja nie in Leipzig. Sonst hätte er gewusst, dass es mit dem Abschied von dieser Stadt, ihrem literarischen Leben und den Menschen hier, keineswegs so leicht ist. Doch zunächst besuchte ich noch eine kleine, sehr intime Veranstaltung im heimeligen Apothekenmuseum, das gleich neben der Thomas-Kirche zu finden ist.

Zwischen Vitrinen mit Pillenvergoldern, Mutterkornmühle, historischen Medikamentenpackungen und alten Kräuterbüchern, stellte der stets umtriebige Stefan Weidle seine neueste Russland-Entdeckung vor. Die Erzählung “Tatarinowa. Die Prophetin von St. Petersburg” von Anna Radlowa, übersetzt und kommentiert von Daniel Jurjew. Das Nachwort stammt von Oleg Jurjew, der an diesem Abend zusammen mit seiner Frau Olga Martynova (mit Auszügen aus ihrem Roman „Mörikes Schlüsselbein“ gewann sie 2012 den Bachmann-Preis!) Hintergrund-Informationen zu Werk, Autorin und Inhalt beitrug. Ich fühlte mich leicht überfordert, da mir mit meiner überwiegend westlich orientierten Sozialisation und Bildung die entsprechenden Bezüge zur russischen Literatur- und Kulturgeschichte fehlen.

Jetzt treffe ich sie endlich wieder. Meine Straßenbahnbekanntschaft. Einem meiner Vorschläge folgend, hat sie ebenfalls zu später Stunde hierher gefunden. Verabschiedung dann in kühler sternenloser Nacht neben der überlebensgroßen Statue von Johann Sebastian Bach. Turm und Kirchenschiff im Scheinwerferlicht.

Sind das Orgelklänge?

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Weiterführende Hinweise:

wasliestdu.de

Die Unabhängigen/Indiebookday

Literaturwoche Donau

Über interessante Bücher dieses Frühjahrs, die Begnung mit ihnen und ihren Autoren und Autorinnen auf der Leipziger Buchmesse, berichte ich ausführlicher in Kürze auf con=libri.

Sudeleien. Oktober 2015

Über die Buchhandlung vor Ort

* * *

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Zur Frankfurter Buchmesse werde ich in diesem Jahr nicht fahren. Ich bleibe daheim und verzichte auf das Wandern von Stand zu Stand bis die Füße schmerzen, spare mir das Kauderwelsch der Sales und Key Account Manager in Schwarz, trage weder Prospekte noch Leseproben umher in die man später nie wieder reinschaut, schleime nicht mit Leuten rum denen ich sonst aus dem Weg gehe, werde beim Essen, Trinken und Übernachten nicht gnadenlos abgeneppt.

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Und ich vermeide das Allerschlimmste: Dass ich tagelang überhaupt nicht zum Lesen komme, zu keiner Zeile aus einem der vielen neuen und alten spannenden, interessanten, diskussionswürdigen Bücher. Nach der Messe würde es ja auch nicht gleich besser, denn noch geraume Zeit leidet man an Symptomen des Frankfurt Fairlag, wie Konzentrationsmängeln, Kaffeesucht, Heiserkeit und Verzweiflung. Ich bleibe daheim und lese. Und wenn ich das Haus verlasse, dann führt mich der Weg direkt in eine der bunten Buchhandlungen meiner näheren und weiteren Umgebung.

Am 17. September wurden erstmals „Deutsche Buchhandlungspreise“ vergeben. In der Deutschen Nationalbibliothek Frankfurt verlieh die Staatsministerin für Kultur und Medien Monika Grütters Auszeichnungen und Geldprämien an 108 Buchhändlerinnen und Buchhändler. Natürlich geht so etwas nicht ohne wohlfeile Lobreden. Während der Lyriker und Leipziger Buchpreisträger Jan Wagner mit sehr persönlichen Abschweifungen über seine Kinder- und Jugenderfahrungen im heimischen Buchladen und seine literarische Sozialisation gut unterhielt, gelangen Verleger und Autor Jo Lendle leider nur Allgemeinplätze und Klischees Marke “Ihr habt alle gewonnen!”.

Seine Kernaussage “Was Buchhändler können, können nur Buchhändler” ist besonders albern, drückt sie doch die Selbstverständlichkeit aus, dass Menschen die einen Beruf in einer mehrjährigen Ausbildung erlernt haben, diesen anschließend einigermaßen beherrschen. So dürfte es in den meisten Fällen zutreffen, dass ein Klempner nur kann was ein Klempner, ein Augenoptikerin nur was eine Augenoptikerin und ein Ökotrophologe nur was ein Ökotrophologe können kann. Oder vielmehr können sollte, denn Minderbegabte gibt es in allen Sparten, weshalb nicht jeder Buchhändler, jede Buchhändlerin als ausgewiesener Multiplikator literarischer Hochkultur durchgeht.

Leicht zu erkennen sind die starken Kontraste in der Gilde. Thalia und Hugendubel haben Filialnetz und Flächen verkleinert, die Niederlassungen von Weltbild sind bald völlig verschwunden, mit ihnen und ihren Mitarbeitern wurde ein übles Spiel inszeniert. Gleichzeitig verzeichnet Amazon weiteres Wachstum und der i-man wird in Zukunft angeblich nur noch digital lesen. Steht das endgültige Ende des klassischen Buchhandels in Ladenform etwa unmittelbar bevor? Wurde gar der Untergang von Abend- und Morgenland eingeläutet, wie Verbands-Orakel verkünden?

Keineswegs. Lernen wir einfach aus der Natur. Was zu alt, zu groß, zu träge geworden ist, stirbt ab oder aus. Die gern zitierten Dinosaurier wurden so Prähistorie und irgendwann wird ebenso unvermeidlich der Mensch samt seiner ganzen -heit vom Planeten verschwinden. Und keiner wird danach da sein, um dieses Ereignis in die Geschichtsbücher nachtragen zu können. Die Megalithen der Realwirtschaft haben mit diesen Naturphänomen allerhand Gemeinsamkeiten. Solche evolutionären Prozesse sind quasi Vorraussetzung für immer wieder neue kecke Pflänzchen die zum Lichte drängen. Allerorten und zu allen Zeiten entsteht zartes junges Leben, nutzen mutig frische Gene und Schöpfungsideen entstandene Nischen und Zukunftschancen.

So ergeht es auch der Spezies Buchhandel. Über viertausendsiebenhundert selbständige inhabergeführte Buchhandlungen gibt es nach wie vor in Deutschland, und in Berlin, Köln, München und Hamburg, ja sogar in entlegenen, nur scheinbar verschlafenen Provinznestern, ist in den letzten Jahren die eine oder andere Neugründung hinzugekommen. Darüber hinaus gelingt es immer wieder quicklebendigen Alteingesessenen sich neu zu erfinden, mit belebenden Frischzellenkuren den Veränderungs- und Anpassungszwängen gewachsen zu sein. Das zu beobachten ist erfreuend und gibt reichlich Anlass zu ermutigender Zukunftshoffnung.

Ich finde, jeder Ort über, sagen wir einmal 5.000 Einwohner, jeder Stadtteil, jedes Viertel, jeder Kiez sollte mindestens eine Buchhandlung haben. Zur Grundversorgung für ein Leben als Ganzes gehört eben nicht nur der mühsam gepeppelte Tante-Emma-Laden oder die sehnlich erwünschte ärztliche Dorfpraxis, die alte Hebamme und der verhockte Dorfkrug. Dazu zählt für mich, und den einen oder die andere, eine gut sortierte Buchhandlung. Wohlgemerkt: Eine gut sortierte. Also mit einem Angebot das über Bestseller-Listen und Leichtgängiges hinaus einen gewissen Kanon pflegt, den literarischen Nachwuchs fördert und die klassische Dichtung nicht vergisst. Es geht um die Vermittlung von kulturellem Allgemeingut, verbindenden Bildungsuntergrenzen, wohltuendes Vomselbenredenkönnen.

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Kurzum, quicklebendige Buchhandlungen abseits der großen Tiefgaragen und Parkhäuser, der angesagten Modelabel-Quartiere, der Hautpsachegesehenwerden-Meilen und der ChickenFrittenBurger-Ballungen. Klar, eine Buchhandlung die das aufgeschlossene, geschichten- und wissensgierige bunte Gemeinwesen drumherum mit Literatur versorgt, Leseförderung betreibt, Veranstaltungen iniziiert, Bildung fördert und zum beliebten Treffpunkt avanciert, fällt nicht vom Himmel. Um ein solches Angebot vor Ort und bürgernah auf die Beine zu stellen, braucht es mehr als willige Buchhändler, die zu allen Formen der Selbstausbeute bereit sind. Nötig sind Förderung und Fantasie, die über ermäßigten Mehrwertsteuersatz, Buchpreisbindung und Buchhandlungspreis hinausgehen.

Warum nicht in praktizierter Public Private Partnership als Untermieter im Rathaus oder zu günstigen Konditionen in anderen kommunalen Einrichtungen. Natürlich kann bei reichlich vorhandenen Quadratmetern auch selbst untervermietet werden. Das Beispiel Cafè im Buchladen gibt es ja schon vielfach, doch ist damit schon die Grenze der Vorstellungskraft erreicht? Es muss ja nicht gleich ein Spielcasino sein. Für Schwimmbäder, Büchereien, Kunstgalerien werden Fördervereine gegründet, warum nicht für eine Buchhandlung? Oder gleich eine Genossenschaft – Leser und Buchkäufer als Eigentümer.

Nicht selten ist auch das Modell Sortimentserweiterung, schließlich gibt es im gutsortierten Supermarkt Bücher, warum sollen neben den Kochbüchern denn keine Suppenwürfel angeboten werden? Schreibwaren, Spielzeug sind als Ergänzung nicht neu, nur sollten diese Läden konsequenter bei den Einkäufen von Schulen, Kindergärten und Behörden berücksichtigt werden. Nein Geiz ist gar nicht geil, eine gesunde lokale und regionale Wirtschaftsstruktur ist es, die allen gut tut. Die Erwerbungsmittel der öffentlichen Bibliotheken gehören drastisch aufgestockt, ohnehin in einig D längst überfällig, verbunden mit der Auflage “buy local!”, zu deutsch könnte man auffordern: “Kauf’ beim Nachbarn!”.

Nein ich fahre nicht nach Frankfurt am Main. Ich bleibe an der Donau. Nächste Woche bin ich, wenn nicht unter gewohnter Adresse, dann vor den Regalen oder auf dem Sofa meiner Buchhandlung um die Ecke. Beim Anschmökern und Wiedereinmalnichtentscheidenkönnen. Und so geht es irgendwann zurück in den heimischen Lesesessel mit viel zu vielen Neuerwerbungen, doch befreit von der Angst, der Lesestoff könnte demnächst ausgehen oder Geliebtes nicht zur rechten oder linken Hand bequem greifbar sein. Mit Lese-, Muse- und Abendstunden vor mir, voller Möglichkeiten.

Durs Grünbein hat es treffend formuliert: “Ich kaufe ja Bücher nicht, weil ich sie alle benötige, sondern weil ich mir ausmale, wie herrlich es sein wird, sie demnächst – sagen wir: eines Tages, zu lesen.”

Weißblaue Tage im Chiemgau

Notizen aus der Sommerfrische 2015

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Ein vorläufiges Ende der Hitzewelle steht bevor. Abfahrt, Hinfahrt, Ankunft. Man könnte über Sonnenauf- oder -untergänge hinter steilen Gipfeln, über Hoch-Almen auf denen prächtiges Jungvieh weidet, tiefe Wälder und unergründliche Moore, über stille Bergseen, urige Gasthöfe oder den weißblauen Himmel schreiben. Vom Feiertag könnte man schreiben, der hier noch heilig ist, von Zitherklängen aus offenen Fenstern niedriger Stuben und abendlichen Alphornklängen in der Ferne, von vollkommener Stille in der Morgendämmerung. Oder einfach nur: Es ist schön hier. Wunderschön. Erholsam, entschleunigt, gemütlich. Eine Gegend ideal für die Einkehr der inneren und der gastronomischen Art.

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Wem gehört eigentlich das “Küsse haben keine Kalorien” von Susan Mallery, das auf der Holzbank neben dem Grillplatz liegt? (Ich habe den Titel nach dem Urlaub gegoogelt: “New York Times Bestseller!” und “In ihren mehr als 35 Liebesromanen gelingt es Susan Mallery immer wieder aufs Neue, Humor mit großen Gefühlen zu kombinieren”. Da schau her!) Über reichlich heißer Glut, auf eisernem Hängegrill, braten lange, fettglänzende Würste, marinierte Steaks, deren Form dem Kartenbild Neuseelands gleicht, Fisch und Gemüse in Alufolie. Offensichtlich gibt es Zeitgenossen die Appetit auf etwas mehr Kalorien haben.

Meine Urlaubslektüre beginnt mit einem Buch das schon länger darauf wartete gelesen zu werden, da es dazu größerer zusammenhängender Leseflächen bedarf, Geduld also, Sammlung und reichlich Zeit. Alfred Döblins “November 1918. Eine deutsche Revolution”. Der erste von drei Teilen trägt den Titel “Bürger und Soldaten 1918”. Ein figuren- und detailreiches Panorama jener spannenden Wochen in Deutschland kurz nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. Döblin verwendet eine collageartige Erzählstruktur, die mit längeren dokumentarischen Passagen durchsetzt ist. Im Mittelpunkt stehen die Schicksale des Altphilologen Friedrich Becker und des jungen Leutnants Maus. Nur zwei von vielen weiteren Figuren mit denen der Leser Zeit- und Weltgeschehen von vor fast hundert Jahren erlebt. Wer dieses Buch gelesen hat, und vielleicht bereits “Berlin Alexanderplatz”, wird mit mir der Überzeugung sein, dass Döblin neben Thomas Mann der größte deutschsprachige epische Erzähler des 20. Jahrhunderts ist.

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Zu den unbestreitbaren Vorteilen eines Urlaubs im Chiemgau gehört die Österreich-Nähe. Ärgerlich, dass die ausgezeichneten ORF-Radioprogramme in Bayern nicht im Digital-Radio empfangen werden können. Das bestätigt mich in meiner Meinung, dass der digitale Empfang Programm- und Angebots-Vielfalt einschränkt. Bequem wwweltweit verfügbar hingegegen das ganz witzige: www.schuettelreime.at. Beispiel gefällig, das zu diesem Sommer passt?: “Die Donau führt jetzt Niederwasser, / doch nächstes Jahr wird’s wieder nasser!”

Vor vielen Jahren habe ich die Rabbi-Krimis von Harry Kemelman gerne gelesen, obwohl sie schon damals etwas angestaubt waren. Jetzt gibt es wieder Kriminelles in jüdischen Kreisen. Diesmal aus Zürich. Das fand ich interessant und war gespannt auf “Kains Opfer” von Alfred Bodenheimer. Das Buch enttäuscht nicht. Es liest sich flott und leicht weg, ohne auf sorgfältige Sprache zu verzichten. In harter Konkurrenz zu Kommissarin Bänziger von der Zürcher Stadtpolizei, löst Rabbi Klein den Mord an einem Mitglied seiner Gemeinde und gerät dabei in allerhand peinliche Kalamitäten. Die eher indirekte Schilderung des eigentlichen Kriminalfalls durch die Dialoge der Protagonisten gefällt mir.

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Der Thumsee liegt an der Straße von Inzell nach Bad Reichenhall, wenige Kilometer vor dem traditionellen Kur- und Salzort. Mit einem Spaziergang von reichlich einer Stunde ist dieses bergfrisch dunkelgrün schillernde, teilweise umwaldete Gewässer bequem zu umrunden. Doch ist eine Unterbrechung beim Seewirt unbedingt zu empfehlen. Nach umfangreicher Renovierung wurde das im Lauf der Jahre etwas heruntergekommene Haus im November 2013 neu eröffnet. Im Sommer rasten die Gäste auf der großzügigen Terrasse direkt am See bei Kaffee und Kuchen, Mirabellenschnaps, kühl-süffigem Weizenbier.

Sigmund Freud hat sich 1901 “für das Plätzchen begeistert: Die Alpenrosen bis zur Straße herab, die herrlichen Wälder herum mit Erdbeeren, Blumen und (hoffentlich auch) Pilzen, daß ich nachgefragt habe, ob man in dem einzigen Wirtshaus dort auch wohnen kann.” Man konnte, und die Familie Freud verbrachte in diesem Sommer mehrere Wochen am See. Während der Vater die Zeit mit wissenschaftlichen Arbeiten, mit Wanderungen und Angeln verbrachte, verliebte sich Mathilde, die älteste Tochter in den Wirtssohn Eugen Pachmayr. Bis 1910 pflegten die beiden eine intensive Brieffreundschaft. Zu mehr ist es nicht gekommen. Ich merke mir zur baldigen Lektüre vor: Peter Gay, “Freud. Eine Biographie für unsere Zeit”. Bei Fischer erschienen, fast 1000 Seiten. Bin gespannt ob die Episode, die ich einer Tafel des örtlichen Vereins für Heimatkunde entnommen habe, darin erwähnt wird.

Derweil greife ich erneut Leichteres vom Urlaubs-Bücherstapel: Tilman Spreckelsen “Nordseegrab. Ein Theodor-Storm-Krimi.” Spreckelsen ist immerhin studierter Germanist und Redakteur der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung”. Leider stelle ich sehr bald fest, dass ich in einer recht albernen Geschichte gelandet bin. Albern, banal, mit einer schlecht konstruierten und unglaubwürdigen Kriminalhandlung, mit pseudodokumentarischen historischen Abschnitten und seltsamen Versuchen wie Storm zu schreiben. Der arme Theodor! Da hilft nur Erholung bei zünftiger Mahlzeit und frischem Bierchen auf einer nicht zu hoch gelegenen Alm. Kleine Genusseinschränkungen durch die lästige Wespenplage müssen in Kauf genommen werden. Jedenfalls ist R. sehr begeistert vom eierreichen Kaiserschmarrn.

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Zackige Felsenberge, Festungen, Festspiele, Dom und Kirchen, schmucke Plätze, Kaffehäuser, die flott fliesende Salzach, Mozart und die gleichnamige Kugel. Kurzum Salzburg. Diese Stadt ist eine einzige Dauerinszenierung. Wir Touristen schlendern, hasten oder irren als Statisten durchs monumentale Bühnenbild. Wirklich bunt ist diese Statisterie. Junge und Alte, Männlein und Weiblein, Kinder und Haustiere aus aller Herren Länder haben die Signale erhört, fuhren, flogen und liefen herbei.

Sie tragen Ganzkörperverhüllung oder oben und unten fast nichts, bunte Saris oder Allerfeinstes de Paris, Strohhut oder Turban, Jogginghose oder die FünfeuroKIKshorts zu braunen Selbstgestrickten in Outdoorsandaletten. Das Epizentrum des süßen Kugelhagels, benannt nach dem Komponisten, der hier geboren wurde und dessen Geburtshaus das meist fotografierte Motiv abgibt, liegt übrigens einige Kilometer entfernt in Bad Reichenhall. Dort kommt die Konditorei Reber mit produzieren und dem Abfüllen in Geschenk- und Mitbringsel-Gebinde kaum nach.

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Die älteste Buchhandlung Österreichs befindet sich in Salzburg und heißt Höllrigl. Was immer dem Einen oder der Anderen zu diesem Namen durch den Kopf gehen mag, für mich gehört der Laden zu den eher paradiesischen Regionen. Der Eingang dazu ist in der Sigmund-Haffner-Gasse 10. Es geht durch den ganzen historischen Komplex des Ritzerbogenhauses bis man am Hinterausgang/eingang auf den Universitätsplatz kommt. Während ich kreuz und quer stöbere, kauft R. Metzger-Krimis nach. Ihren ersten hat sie in diesem Urlaub gelesen und war gleich begeistert. Eine humorvolle, mit reichlich Schmäh durchsetzte, dabei sprachlich durchaus niveauvolle Reihe. Die Haupfiguren sind der Restaurator und Eigenbrödler Willibald Adrian Metzger und seine aus Kroatien stammende Freundin Danjela, die als Hausmeisterin tätig ist. Der österreichische Autor Thomas Raab hat Charaktere erfunden, die in unserem Nachbarland bereits Kult sind.

Höhe- und Mittelpunkt der Region ist der voralpine Chiemsee. An dessen Ostufer liegt Chieming mit seinen langen, frei zugänglichen See-Partien, den Kieselstränden, den Liegewiesen, der langen Promenade, den kleinen Einkehren. Von dort bringt uns das Dampfschiff zur Fraueninsel. Rund um den größten bayerischen See und auf der kleineren von zwei bewohnten Inseln (die andere ist Herrenchiemsee mit dem bekannten Ludwig-Schloss), haben sich seit jeher Maler und Kunsthandwerker angesiedelt. Auf den Spaziergängen am See und auf der Insel kann man deshalb allerhand, mal mehr, mal weniger anspruchsvolle Ergebnisse dieses Schaffens bewundern und erwerben.

Als wir beim letzten Besuch an einem Spätnachmittag über die ausgetretene Schwelle der Klosterkirche auf der Fraueninsel gingen, empfing uns die Litanei der Nonnen zur Vesper. Diesmal geraten wir in die Probe eines Bläser-Ensembles für alte Musik. Willkommener Anlass etwas länger zu verweilen. Nun schon hochgestimmt, setzt die unvergleichliche Abenddämmerung auf und am See dem Tag die romantische Gefühlskrone auf. Danach und nach der Spreckelsen-Enttäuschung ist mir nach literarisch höherwertig Bewährtem. Theodor Fontanes “Frau Jenny Treibel” ist wahrscheinlich sein humorvollster Roman. Mit feiner Ironie und viel Zuneigung schildert er die üblichen Spaziergänge mit langen Gesprächen, steifen Dîner-Rituale, die Irrungen und Wirrungen seines preußischen Personals.

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Schon ist Abschied. Ein letzter Spaziergang durch die Filzen, wie man hier Moore nennt, dann ist die Rückreise anzutreten. Wie nach jeder längeren Reise, sind auf der Heimfahrt mehr Bücher im Gepäck als auf der Hinfahrt. Unumkehrbar ist jede Heimkehr aus anderen Gegenden. Sogleich geht es wieder um kollidierte Lastkraftwagen auf Autobahnen, gesperrte Straßenabschnitte, Selbstmörder auf Bahnschienen, tote Flüchtlinge in Kühlwagen, brüllenden Nazi-Mob vor Asylanten-Heimen, die neoliberalen Systeme des Westen auf dem Weg zu Oligarchien, in denen Kapital und Konzerne immer mehr über Richtung von Politik und Wohlergehen des Einzelnen bestimmen. Nichts Neues unter der Augustsonne.

Also Gegenwart. Im SPIEGEL über Franz-Josef Strauß erfahren, was wir längst ahnten. Politiker-Sprechblasen ertragen. Viel Gerede, wenig Einsicht und noch weniger gute Absicht. Petitionen. Aggressionen. Obduktionen. Wann werden wohl endlich die Brandstifter gefasst? Wann verurteilt? Warum ist dieser Herr Biedermann eigentlich unsterblich? Schon seit Monaten ärgere ich mich über zögerliche Verfolgung von Straftatbeständen wie Volksverhetzung und die Verwendung von Nazi-Symbolen. In zwei Wochen Sommerurlaub hat sich daran nichts geändert. Und nun? Einfach Weiterlesen? Einfach Weiterschreiben? Bald ist Alltag nach der Auszeit. Nach heißen Sommern kommt früh der Herbst.

Literaturwoche Ulm. Die Dritte.

Mit Tex Rubinowitz, Arno Schmidt, mehreren unabhängigen Verlegern, einem literarischen Glücksspiel und noch viel mehr.

Eindrücke von meinen ganz persönlichen Höhepunkten.

Die Literaturwoche Ulm ist gelungener Gegenentwurf zu kommerziellen “Literatur-Festivals”, die ausschließlich auf prominente Namen und aktuelle Bestseller-Titel setzen. Der Nische, dem Besonderen wird hier Bühne und Forum geboten. Dabei schließen sich Anspruch und Zuspruch keineswegs aus. Es kommen Menschen zusammen, die an ernsthaftem, deshalb nicht weniger unterhaltsamen Austausch über Literatur, Autoren, Verlage und den Buchhandel interessiert sind. Zudem ist es den Verantwortlichen gelungen ein Angebot mit einem sehr breiten Spektrum verschiedenster Ausdrucksformen auf die Beine zu stellen. Ein reizvolles Konzept mit Zukunft.

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“Mein Vater war ein echter Kotzbrocken.” Der sommerzeitlich helle Abend des 9. Juni. Ein Dienstag. Beim Blick durch die Giebelfenster des Saals ist der ergraute Sandstein des gotischen Kirchenschiffs fast unheimlich nah. Das Ulmer Münster in seiner ganzen Größe und Dominanz. Erster Gastgeber der 3. Literaturwoche Ulm war die traditionsreiche Museumsgesellschaft. Präsentiert wurde der Zeichner, Autor und – wie sich alsbald herausstellte – begnadete Alleinunterhalter Tex Rubinowitz.

Im Publikum viele Mitglieder und Menschen aus dem Umfeld der Museumsgesellschaft, die vielleicht in erster Linie gekommen waren um den Wahl-Wiener als Mann des spitzen Stiftes hautnah zu erleben. Das Zeichnen ist durchaus sein Haupt-Handwerk, wie er selbst betonte. “Witzzeichnungen”, sein bevorzugtes Genre. Mentoren waren Robert Gernhardt und F. K. Waechter. Es ist diese Frankfurter Schule, zu deren Organen u. a. die Satirezeitschriften Pardon und Titanic gehörten, die seinen Stil geprägt hat. Die oft tierischen Figuren sind Karikaturen, brüchig, skizzenhaft, perfekt unperfekt zu Papier gebracht. Häufig ergänzt durch komikartige Sprechblasen mit knappen satirischen Aussagen.

22465208Das führt zum schreibenden Tex Rubinowitz. Mit einem kurzen, pointierten Text, der auf eigenen “Jugenderlebnissen” basiert, gewann er im Sommer 2014 den ersten Preis beim Salzburger Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb. Der Verlag, bzw. dessen Lektor (so strikt der nunmehr zum Schriftsteller geadelte die Legende), habe ihn überredet, die gelungene Kurzgeschichte mit weiteren Anekdoten zum Roman auszubauen. Nicht unbedingt die allerbeste Idee. “Irma”, das Erzählwerk, das daraus entstand, wird wahrscheinlich nicht in die Literaturgeschichte eingehen. Rubinowitz weiß das selbst und las deshalb nur widerstrebend und spärlich daraus vor. Etwas mehr dafür aus seinen Listenbüchern. Sammelsurien, literarische Grenzgebiete, die Titel tragen wie “Die sieben Plurale von Rhabarber.” Der wiederholten Bitte des Moderators Florian L. Arnold, aus seinen Reiseerlebnissen (“Rumgurken. Reisen ohne Plan, aber mit Ziel”) zu lesen, kam er demonstrativ nicht nach.

Den größten Teil des Abends bestritt er lieber, auf einem Stuhl stehend, mit kabaretistischen Bruchstücken. Ein stets auf Pointen zusteuerndes, gestikulierend unterstreichendes Erzählen, von biographischen Erlebnissen geprägt, mit der etwas holprigen Vortragsweise geschickt koketierend. Das Publikum ist gespalten. Manche hatten anderes erwartet, viele waren jedoch sehr angetan, fühlten sich gut unterhalten. Ein origineller, sperriger, gerade dadurch im Gedächtnis bleibender, gelungener Auftakt zur Literaturwoche Ulm 2015.

“Und nun auf, zum Postauto”.  11. Juni. Ein stimmungsvoller Sommerabend in der Buchhandlung Jastram am historischen Judenhof. Vor den mit Büchern prall gefüllten Holzregalen waren die allerletzten improvisierten Sitzgelegenheit besetzt, die Stehplätze ebenfalls vergeben. Nein, Zettel’s Traum, dieses sperrige Groß- und Spätwerk Arno Schmidts, muss man nicht gelesen haben um Gefallen an der Lektüre seiner Briefe zu finden. Literarisch sind das zwei völlig unterschiedliche Disziplinen. Susanne Fischer und Bernd Rauschenbach lasen aus dem hochwertig gestalteten Band, der über 150 Briefe des Dichters an Freunde und Verleger, Mutter und Schwester, versammelt. Die beiden haben das Buch herausgegeben, und es ist ein besonderes Erlebnis, wenn man die Gelegenheit hat sie daraus lesen zu hören.

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Fischer und Rauschenbach arbeiten seit vielen Jahren für die von Jan Philip Reemtsma unterstützte Arno-Schmidt-Stiftung in Bargfeld. Mit ihrer tiefen Kenntnis des Werks, der Persönlichkeit des Autors und seinem Umfeld, verstehen sie es hervorragend den Zuhörern die sprachliche Kraft, den oft wütenden Witz und die ironische Schärfe Schmidts nahe zu bringen. Es sind spannende Zeitdokumente, die viel über Schriftstellerei und Verlegerei im Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg vermitteln. Und nicht zuletzt wurde in dieser Lesung, die in eine anregende Gesprächsrunde mit den vortragenden Experten mündete, die Bedeutung und der Reiz einer traditionsreichen Literaturgattung deutlich, die vom Aussterben bedroht ist. So wie Arno Schmidt, müsste man Briefe schreiben können, wenn man noch Briefe schriebe.

Montag, 15. Juni, der Tag an dem Harry Rowohlt starb. Als den besten Buchladen Irlands, bezeichnete er einst “Kenny’s Bookshop” in der Westküstenstadt Galway. Leider hat der schon vor einigen Jahren seinen letzten Joyce, Beckett und O’Connor verkauft. Die Vermutung liegt nahe, dass die in Irland fehlende Buchpreisbindung zum Ende beigetragen hat. Auf die Bedeutung dieses kulturpolitischen Instruments wiesen Jörg Sundermeier und Stefan Weidle hin. Sundermeier hat den Berliner Verbrecher-Verlag mitbegründet. Weidle leitet den nach ihm benannten Verlag in Bonn. Wenn das Buch zur reinen Ware wird, wenn Titel auf der Basis von Profit-Centern kalkuliert werden, wenn sich globale Wachstumsmanien wie TTIP und Co. durchsetzen sollten, hat für viele unabhängige Verlage und Buchhandlungen das letzte Stündchen geschlagen.

An diesem Abend im Gewächshaus des Botanischen Gartens der Universität Ulm ging es vorrangig um die Arbeit und aktuelle Situation der unabhängigen Verlage. Die Interessen dieser meist kleineren, selbstständigen, nicht zu größeren Unternehmen gehörigen Häuser, vertritt die Kurt-Wolff-Stiftung. Stefan Weidle gehörte bis letztes Jahr dem Vorstand an, Jörg Sundermeier ist aktuell in diesem Gremium vertreten. Alljährlich auf der Leipziger Buchmesse vergibt die Stiftung den Kurt-Wolff-Preis und einen Förderpreis an zwei unabhängige Verlage. In diesem Jahr wurden der Berliner Berenberg Verlag und die Connewitzer Verlagsbuchhandlung, nach einem Leipziger Stadtteil benannt, ausgezeichnet.

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Jörg Sundermeier (links) und Stefan Weidle

Dem Publikum wurde unterm regennassen Glasdach des Gewächshauses, neben Kübelpalme und Pflanztisch, eine informative Gesprächs- und Diskussionsrunde mit zwei auskunftsfreudigen Verleger-Persönlichkeiten geboten. Angereichert mit allerhand Geschichten und Geschichtchen rund um das Verlegerhandwerk und die Schriftstellerei. Zur Freude der an diesem Thema Interessierten, die den Weg auf den Eselsberg gefunden hatten, nahmen sich die beiden schließlich noch die Zeit aus Werken “ihrer” Autoren zu lesen.

Weidle, der besonders die Literatur der 1910er- und 1920er-Jahre liebt und verlegt, las eine Passage aus “Donner überm Meer” von Heinrich Hauser (1901 – 1955), einem Autor von großer sprachlicher Kraft, der heute fast vergessen ist und bei Weidle bereits vor einigen Jahren neu aufgelegt wurde. Bei dieser Gelegenheit empfahl Florian L. Arnold, der durch den Abend führte, wärmstens den im Verlag 1998 neu aufgelegten Roman “Berlin ohne Juden” von Artur Landsberger. Eine prophetische, 1922 erstmals erschienene Utopie, die auf beklemmende Weise die historische Entwicklung belletristisch vorwegnahm. Der 1876 in Berlin geborene Landsberger nahm sich angesichts der realen Entwicklung in Deutschland 1933 das Leben.

Jörg Sundermeier las u. a. aus “Bodentiefe Fenster” von Anke Stelling. Ein Roman über zeitgeistige Familienkonstellationen und Lebensformen rund um die derzeit angesagtesten Berliner Quartiere, in dem zwischen den Zeilen herrlich beißender Spott durchklingt. Stelling, die am deutschen Literaturinstitut in Leipzig studierte, wurde 1971 in Ulm geboren. Sundermeier warb außerdem für eines seiner Lieblings- und gleichzeitig Großprojekte: Die auf sieben Bände angelegte Roman-Enzyklopädie des Niederländers J.J. Voskuil über das Büroleben des wissenschaftlichen Angestellten Maarten Koning. Dessen Erzählweise ist so betont realitätsnah, dass ein durchgehend ironischer Unterton entsteht. Im Original liegt das Werk – in den Niederlanden ein Bestseller – längst abgeschlossen vor. Der Autor verstarb 2008. Auf Deutsch gibt es den ersten Band “Das Büro” bei C. H. Beck und Band 2 “Schmutzige Hände” ist im Verbrecher Verlag erschienen, der nach und nach die weiteren Bände herausbringen wird.

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In Ulm haben wir das Glück noch durch mehrere Buchhandlungen streunen zu können. (Gerade in diesen Wochen werden es allerdings zwei weniger.) Eine der besten, gut sortiertesten und wahrscheinlich schönsten, ist die Kulturbuchhandlung Jastram. Inhaber Samy Wiltschek und Mitarbeiter Rasmus Schöll haben zusammen mit dem federführenden Florian L. Arnold, die Literaturwoche Ulm organisiert (s. a. Link im Anhang). Die Büchertische zu den jeweiligen Veranstaltungen hat ebenfalls das Jastram-Team zusammengestellt.

“Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt,” erkannte schon unser Friedrich “Fritz” Schiller. Ganz in seinem Sinne ging es an einem regnerischen 18. Juni beim LiteralottoSpezial im lauschigen Manufaktur-Café Animo am Karlsplatz zu. Heiteres Raten rund um bekannte Dichternamen sorgte für lebhafte Stimmung bei spritzigen und stillen Drinks. Eingebetet war das Ratespiel in eine Art Talk-Runde. Teilnehmer, neben den Moderatoren Florian L. Arnold und Rasmus Schöll, die Augsburger Bloggerin (Schätze und Sätze – s. Anhang) Birgit Böllinger, der Verleger Markus Hablizel und der bestens aufgelegte Kunstpädagoge, Schriftsteller und Selbstverleger Josef Feistle, dessen markantes Erzähltalent in dieser animierten Athmosphäre besonders gut ankam.

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Man konnte glauben, der Bullerofen, der dem originellen ehemaligen Ladenraum im Winter die nötige Wärme spendet, wäre eingeheizt, so wohl temperiert war das Lokal an diesem Abend. Doch die Hitze verbreiteten einige Scheinwerfer, die das Podium und die Teilnehmer an der Gesprächsrunde ins rechte Licht setzten. Zahlreiche Bücher wurden im Laufe des Abends besprochen, angesprochen, vorgestellt. Josef Feistle trug aus seinen Reiseschilderungen vor, Markus Hablizel humoristisch Kleinformatiges des schriftstellerischen Workaholic Dietmar Dath. Und Birgit Böllinger, die auf ihrem Blog viel über amerikanische Literatur bringt, las aus Steven Blooms “Das positivste Wort der englischen Sprache”, was, wie wir seit James Joyce wissen, das zustimmende “Yes” ist.

Aus diesen und all den anderen Büchern, die in kurzweiligen zwei Stunden vorkamen, hatte eine dreiköpfige Jury das beste, interessanteste, auffälligste, am besten präsentierte, zu wählen. “Das Buch des Abends” sozusagen. Einigermaßen unerwartet wurde es der autobiographische Roman “Ein springender Brunnen” von Martin Walser. Josef Feistle hatte so begeistert über Autor und Werk gesprochen, so überzeugend erläutert, dass es durchaus möglich ist die heutige Schülergeneration für diese Lektüre zu begeistern, dass die Wahl des Siegers rasch und einmütig ausfiel.

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„Mein Kapital ist der Idealismus“, lautet das eigenwillige Finanzierungsmodell mit dem Barbara Miklaw ihren Mirabilis-Verlag nebenberuflich betreibt. Charmanterweise ist dieser weder in Berlin oder Frankfurt am Main, ja nicht einmal in München, sondern im kleinen Klipphausen-Miltitz nahe Dresden beheimatet. 26. Juni. Abklingendes Azorenhoch. Die diesjährige Literaturwoche Ulm begann neben einer Kirche. Sie endete in einer Kirche. In der im Krieg schwer beschädigten und später zum vielseitigen „Haus der Begegnung“ (HdB) umgestalteten ehemaligen Dreifaltigkeitskirche. Bei Mirabilis ist eine Novelle von Florian L. Arnold erschienen, der erneut rhetorisch gekonnt und gut informiert durch den Abend führte. Sie trägt den Titel „Ein ungeheuerlicher Satz“ und ist ganz bestimmt die passende Lektüre für die Zeit nach den spannenden Abenden mit vielen schönen, interessanten Büchern, mutigen Verlegern und engagierten Buchhändlern.

EN_009783981492590Peter Handke mit Handkamera ist auf der Mirabilis-Veröffentlichung „Der Geruch der Filme. Peter Handke und das Kino“ von Lothar Struck zu sehen. Das Foto hat Dieter Sander gemacht, Toningenieur, Kameramann, Fotograf, der u. a. für den WDR gearbeitet hat, viel in der Welt unterwegs war und in Paris Fritz Picard kennenlernte, der aus dem Südbadischen stammte und in Paris seit Anfang der 1950er Jahre das Antiquariat Calligrammes betrieb. Ein beliebter Treffpunkt von Literaten und anderen Intellektuellen in der französischen Hauptstadt. In seinem Buch „Fritz Picard. Ein Leben zwischen Hesse und Lenin“ zeichnet Dieter Sander den Lebensweg dieses außergewöhnlichen Menschen nach. Es basiert auf Gesprächen, die der Autor mit Picard führte und aufzeichnete.

Die Lesung daraus stand im Mittelpunkt des letzten Abends der Literaturwoche Ulm 2015. Geschildert wird Kultur- und insbesondere Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts quasi durch die Hintertür. Die vielen Begegnungen und Freundschaften Picards mit bedeutenden Künstlern und Literaten ergeben ein farbiges, anekdotenreiches Panorama. Else Lasker-Schüer und Annette Kolb, Erich Mühsam und Walter Mehring sind ebenso vertreten wie Max Liebermann, Erich Kästner und – eher am Rande – eben Hermann Hesse und Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin. Die musikalischen Akzente am Blüthner-Flügel setzte Johanna Sander.

Soviel aus ganz persönlicher Perspektive über eine Literaturwoche die 17 Tage dauerte. Ich habe die eine oder andere Veranstaltung mehr besucht, und das bunte, vielfältige Programm war noch einmal umfangreicher. Ganz unter den Tisch fallen lassen musste ich leider die tollen Ausstellungen. Meine Berichterstattung sprengt bereits die Dimensionen, die ein Blog verträgt. Im Anhang sind nun einige Links zu finden, die zu weiteren Infos rund um diese großartige 3. Literaturwoche Ulm führen. Außerdem bibliographische Angaben zu Büchern die hier erwähnt wurden. Und damit beginnt die Vorfreude auf die 4. Literaturwoche 2016.

* * * * *

Die Links

Literaturwoche Ulm (2015)

http://www.arno-schmidt-stiftung.de/

http://www.kurt-wolff-stiftung.de/

http://saetzeundschaetze.com/

(Die im Text vorkommenden Verlage sind natürlich alle im Netz präsent (mit Ausnahme von Josef Feistle) und unschwer zu finden.)

Die Bücher

Rubinowitz, Tex: Irma. – Rowohlt, 2015. Euro 18,95

Rubinowitz, Tex: Die sieben Plurale von Rhabarber. – rororo, 2013. Euro 8,99

Schmidt, Arno: „Und nun auf, zum Postauto!“ Briefe von Arno Schmidt. Herausgegeben von Susanne Fischer und Bernd Rauschenbach. – Suhrkamp, 2013. Euro 29

Hauser, Heinrich: Donner überm Meer. Roman. – Weidle 2001. Euro 19

Landsberger, Artur: Berlin ohne Juden. Roman. – Weidle, 1998. Euro 19

Stelling, Anke: Bodentiefe Fenster. Roman. – Verbrecher Verlag, 2015. Euro 19

Voskuil, J. J.: Das Büro: Direktor Beerta. – C. H. Beck, 2012. Euro 25

Voskuil, J. J.: Das Büro: Schmutzige Hände. – Verbrecher Verlag, 2014. Euro 29

Voskuil, J. J.: Das Büro. Weitere fünf Bände erscheinen nach und nach im Verbrecher Verlag.

Dath, Dietmar: Eisenmäuse. – Hablizel, 2010. Kleinbroschur Euro 4,90

Dath, Dietmar: Venus siegt. Roman. – Hablizel, 2015. Euro 23,90

Bloom, Steven: Das positivste Wort der englischen Sprache. Roman. – Wallstein Verlag, 2015. Euro 17,90

Feistle, Josef: U. a. Über das Meer. Mit dem Schiff nach Amerika; Russland: Ein Reisebericht; Inselgeschichten: Über England, Schottland und Irland; Über die Berge: Zu Fuß nach Venedig (Selbstverlegte Veröffentlichungen, die in den üblichen Verzeichnissen nicht nachgewiesen sind. Jastram kann weiterhelfen oder eine Anfrage beim Autor (Hauptstraße 16, 89264 Weißenhorn))

Walser, Martin: Ein springender Brunnen. Roman. – Suhrkamp Verlag, 2000. Taschenbuch-Ausgabe Euro 12

Arnold, Florian L.: Ein ungeheuerlicher Satz. Novelle. – Mirabilis-Verlag, 2015. Broschiert Euro 14,90

Sander, Dieter: Fritz Picard. Ein Leben zwischen Hesse und Lenin. – Mirabilis-Verlag, 2014. Euro 16,80

Leipziger Buchmesse 2015

Worte und Welten – Themen und Bücher (der zweite Teil)

Schön. Einfach nur schön, die Bücher von Manesse. Gestaltung, Typographie, Papier, Druck und Bindung, und natürlich die Inhalte. Ein Qualitätsanspruch an dem man festhalten möchte, wie Verlagsleiter Horst Lauinger kurz vor der Messe bei einem Besuch in der Ulmer Kulturbuchhandlung Jastram betonte. Leinenbindung, Fadenheftung, guter Druck und Papier im augenfreundlichen Sepia-Ton werden auch in Zukunft für exquisite Leseerlebnisse sorgen. Neben dem bewährten, einheitlich kleinen, gibt Manesse seit einiger Zeit Bücher in größeren Formaten heraus. Dabei sind Entdeckungen wie der neu übersetzte Roman „Washington Square“ von Henry James – das Buch wurde mit einem handkolorierten Buchschnitt ausgestattet – oder „Ein Liebesabenteuer“ von Alexandre Dumas; ein Werk des bei uns hauptsächlich als Mantel-und-Degen-Autor bekannten Franzosen, das erstmals in deutscher Sprache erscheint.

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Eine eigenwillige Kostbarkeit ist die „Die Geschichte vom Prinzen Genji“. Vor 1000 Jahren vom japanischen Dichter Murasaki Shikibu verfasst, erzählt sie von den Liebesabenteuern des Helden und vom Leben am kaiserlichen Hof der Heian-Zeit. Zwei Bände in bestes Leinen gebunden, fast 2000 Seiten im Prachtschuber. Eine Edition in kleiner Auflage, Lieblingsbuch eines wohlhabenden Ehepaars, das dieses verlegerische Wagnis finanziell unterstützte. Der größte Auflagenerfolg des Verlags ist übrigens Tania Blixens „Jenseits von Afrika.“ Ein Erfolg der sich der gelungenen Verfilmung und einem gewissen Robert Redford verdankt.

Non Book. So etwas wie die Gegenwelt zu den Delikatessen von Manesse. Non Book ist all das, was auf einer Buchmesse den freien Blick auf die Bücher verstellt. Jene Blendgranaten der Konsumwelt, ohne die solche Veranstaltungen undenkbar sind. Für einen Großteil der Besucher eigentlicher Anreiz für ihr Kommen. Taschen und Tüten, Anstecknadeln und Kugelschreiber, Luftballons und Kuscheltiere. Bunt-grelles Merchandising-Material aus den VEB Plaste und Elaste, das außer zur baldigen Entsorgung für wenig geeignet ist. Masken, Asseccoires aller schrägen Arten, Kosmetik, Tand und Gewand für die Manga-Comic-Szene und, und, und.

Osterweiterung. (*) „Allein das Wort Herbstzeitlose warf mich in einen Atlantik der Winde.“ Vor einigen Monaten habe ich „Sterne erben, Sterne färben. Eine Ankunft in Wörtern“ von Marica Bodrožić gelesen, erschienen 2007. Ein Buch, das mich in mehrfacher Hinsicht sehr bewegt hat. Heimatverlust und gleichzeitiger Sprachgewinn, Krieg und Versöhnung, sind die Hauptthemen einer mit autobiographischen Passagen durchsetzten Analyse, die bereits außergewöhnliche Sprachkraft erkennen lässt. Bodrožić hat ihre Kindheit im ehemaligen Jugoslawien verbracht. Inzwischen lebt sie seit vielen Jahren in Deutschland, schreibt deutsch und hat sich intensiv mit dem Sprachwechsel beschäftigt.

Marica Bodrožić

Marica Bodrožić

Längst anerkannt sind die besonderen Qualitäten junger Schriftstellerinnen und Schriftsteller und ihre Erzählungen, die aus dem Osten und Südosten Europas ins Land kamen und unsere Literatur mit ihren Werken in deutscher Sprache und vielen neuen Facetten, Themen und Sichtweisen bereichern. Man denke an die bereits mit Buchpreisen prämierten Melinda Nadj Abondji und Saša Stanišić, an Nino Haratischwili und Olga Martynova. An Lena Gorelik mit ihrem Diskussionsbeitrag zur Zuwanderungsdebatte „Sie können aber gut Deutsch“.

Marica Bodrožić stellte in Leipzig ihren neuen Roman „Mein weißer Frieden“ vor. Darin erzählt sie von Land und Leuten ihrer Herkunft vor Ausbruch des Krieges. Die Kindheit der Autorin zu Literatur gestaltet, traurig und aufwühlend, hoch poetisch und tief philosophisch. Ihr geht es um die „Verortung von Humanität“, um die Frage, was eigentlich unser moralischer Kern ist. Eine Frage, die sich vor dem Hintergrund der aktuellen Situation in Ex-Jugoslawien nach wie vor in aller Dringlichkeit stellt. Ist wirklich kein Krieg mehr? Im Buch von Marica Bodrožić stehen Menschen mit ihren konkreten Problemen und Schicksalen im Vordergrund. Die Konflikte von Sprach- und Religionsgruppen bilden die Kulisse. Ein eindringliches „Plädoyer für den Einzelnen, der einen Namen, ein Gesicht hat.“ Ideologien seien namenlos. Von einer Schriftstellerin, die unbedingt stärker wahrgenommen werden sollte.

Hyper-Man. Der mehrfache deutsche Meister im Poetry Slam, der Kolumnist, Blogger und Lesebühnen-Aktivist Andrè Herrmann stammt aus Sachsen-Anhalt. Eine Herkunft, die er keineswegs leugnet, sondern geschickt zu Markte trägt. Andrè hier, Andrè dort. Immer unterwegs von Auftritt zu Auftritt, zu Gespräch und Lesung auf einem der zahlreichen Podien, Sofas oder heißen Stühlen. Und den „Klassenkampf“ stets aufgeschlagen im Anschlag. „Klassenkampf“ heißt sein erster Roman, in dem er das herbe Schicksal einer Kindheit und Jugend in Dessau, die Flucht nach Leipzig und seine temporäre Rückkehr in die alte Heimat aus Anlass eines Klassentreffens heiter ironisch auf- und abarbeitet. Herrmann hat das Monopol auf den Begriff „Hypzig“, mit dem man irgendwann vor einigen Jahren begonnen hatte, das Leipziger Lebensgefühl in gesunder Konkurrenz von jenem der hippen Hauptstadt abzugrenzen. Andrè Herrmann hat ihn erfunden.

"Hyper Man" und jetzt auch Romanautor: Andrè Herrmann

„Hyper Man“ und jetzt auch Romanautor: Andrè Herrmann

Vorbei. In diesem Jahr hatte ich nur zwei echte Messetage. Am Samstag-Morgen fuhr der Zug bereits zurück in den Süden. Klar, dass nicht alle Vorhaben und Pläne, die mit nach Leipzig gereist waren, umgesetzt werden konnten. Das werden sie ja nie. Zudem wird immer so viel spontan entdeckt, kommt einiges willkommen dazwischen oder stößt überraschend zu, wie in diesem Jahr die Blogger-Patenschaft, passieren zwischenmenschliche Begegnungen mit denen nicht zu rechnen war. Der alte Studienkollege, ein beruflicher Leidensgenosse, oder einfach Frau Berg, neben der man plötzlich im Stau zwischen zwei Hallen zu stehen kommt. Man erkennt Frau Berg sofort. Frau Berg sieht in echt so aus, wie auf den Bildern, die man von ihr kennt.

Die diesjährige Leipziger Buchmesse ist längst Geschichte. Jetzt kann wieder gelesen werden. Vor mir liegen Safranskis Goethe-Biographie, die dieser Tage endlich als Taschenbuch erschienen ist, und der neue spannende Marthaler-Krimi mit realem Politik-Bezug von Jan Seghers. Fesselnde, erholsame Lektüre, für strapazierte Messe-Teilnehmer.

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(*) Das muss gerechterweise erwähnt werden: Den Begriff „Osterweiterung“ kenne ich von dem von Michaela Bürger-Koftis herausgegebenen Buch „Eine Sprache – viele Horizonte…: Die Osterweiterung der deutschsprachigen Literatur“, das bereits 2007 im Präsens Verlag erschienen ist.