Leipziger Buchmesse 2015

Worte und Welten – Themen und Bücher (der erste Teil)

Das Fest des Poeten. Und ein Fest für die Poesie. Erstmals ging einer der großen deutschen Buchpreise an einen Lyriker. An Jan Wagner und seine „Regentonnenvariationen“. Kurz darauf war die ausgelieferte Auflage in allen 4.782 Buchhandlungen der Republik komplett vergriffen. Landauf, landab blieb die Scheibe matt und die Küche kalt, in Ost und West, von jung und alt, wurden jetzt Gedichte gelesen. Das Gedicht vom Giersch („kehrt stets zurück wie eine alte schuld“), das Gedicht vom Pferd („ist es ein fuchs, ein schimmel oder rappe / hengst oder stute“), das Gedicht von den Koalas war ganz schnell der große Hit, während „giovanni gnocchi am violoncello“ mit Sicherheit in zukünftigen Anthologien vertreten sein wird, und meine Enkel werden in Schulaufsätzen dereinst „eule“, „elch“ oder „grottenolm“ zu interpretieren haben.

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Der Dichter Jan Wagner signiert seine preisgekrönten „Regentonnenvariationen“.

Im Ernst: Schön wär’s, dem Dichter zu gönnen, wenn wenigstens in einem Teil der gekauften Bücher wirklich gelesen würde. Jan Wagners Gedichte sind es wert gelesen und ausgezeichnet zu werden. Es sind kleine, fein ziselierte Geschichten, melodisch schwingend, gut lesbar bis unterhaltsam. Am besten kommen sie vom Autor oder einer geschulten Stimme rezitiert zur Geltung. Wir warten auf das Hörbuch, das es noch nicht gibt. Die Gedichte des diesjährigen Trägers des „Preises der Leipziger Buchmesse“ von einem fähigen Schauspieler kongenial eingelesen. Darauf warten wir jetzt. Und auf die Auslieferung der nächsten Auflage. Möge ab sofort auch anderen Lyrikern und Lyrikerinnen mehrere Auflagen beschieden sein.

Die Unabhängigen. Neu war in diesem Jahr das Forum „Die Unabhängigen“, ein Gemeinschaftsprojekt von Leipziger Buchmesse und Kurt-Wolff-Stiftung. Dazu Buchmesse-Chef Oliver Zille: „Mit dem Forum wollen wir einen Ort etablieren, der bei Leserpublikum, Medien und dem Buchhandel für unabhängige Verlage und deren Autoren wirbt.“ Immerhin 37 Verlage haben sich hier zusammengefunden und 44 Veranstaltungen auf die Beine gestellt. Ein ausgesprochen anregender Freiraum, der in den ständig überfüllten Hallen nicht nur raren Sitzplatz bot, sondern darüber hinaus allerlei Geistreiches, Aufmunterndes, Hoffnungsvolles aus Worten und zu berichtenden Taten.

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Der Schweizer Journalist Manfred Papst bedankt sich für die Auszeichnung mit dem Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik.

Abgesang. Gehört bei der Verleihung des Alfred-Kerr-Preises für Literaturkritik an Manfred Papst den langjährigen Mitarbeiter von Neuer Zürcher Zeitung und deren Sonntags-Ableger, in eben jenem Forum der Unabhängigen. Beklagt wurde dabei in wohlgesetzten Worten das Ende einer langen Tradition, die im 20. Jahrhundert von Kerr und Karl Kraus über Tucholsky und Kästner bis zu den jüngst verstorbenen Marcel Reich-Ranicki und Fritz J. Raddatz währte. Papst sei ein allerletzter Nachzügler dieser Hochblüte. Der Geehrte bedankte sich selbstironisch und die Bedeutung seiner Profession bescheiden relativierend. Man müsse sich hüten diktatorisch oder besserwisserisch zu sein. Die Aufgabe sei eine vermittelnde, eine dienende. Dabei müsse man vor allem an jüngere Menschen denken, die noch unerfahren sind. Und „man muss bereit sein, sich Feinde zu machen.“ Dabei ist „der Hochstapler Felix Krull unser Schutzheiliger.“

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Blauer Engel. Für eine gelbe Institution. Die Wand aus hunderten Bänden der Reclams Universalbibliothek ist immer wieder gern gesehener Blickfang auf Buchmessen. Der im selben Farbton gehaltene Gesamtkatalog des Unternehmens sehr begehrt. Doch neuerdings ist nicht mehr nur gelb angesagt. Reclam erhielt vor kurzem den „Blauen Engel“ für die Produktion seiner Universalbibliothek. Jene broschierten, gleichzeitig strapazierfähigen und langlebigen Kleinformate, die in fast jede Tasche passen, werden schon seit über 10 Jahren aus Recycling-Materialien hergestellt. Zur Buchmesse erschienen die ersten Bände mit Umweltzeichen. Der „Blaue Engel“ ist das Umweltzeichen der Bundesregierung; die Vergabe erfolgt nach einer strengen Zertifizierung. Bücher- und Umweltfreunde können also guten Gewissens zugreifen und sich ein Bändchen mehr gönnen.

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Foto: Leipziger Messe GmbH / Rainer Justen

Taktlos. „Durch Wald und Wiese, Heide und Hain, / jagte mich Sturm und starke Not: / nicht kenn’ ich den Weg, den ich kam. / Wohin ich irrte, weiß ich noch minder: / Kunde gewänn’ ich des gern.“ Wem wohl wäre dieses Dilemma fremd, das hier einer beschreibt, der dort in Leipzig geboren wurde, wo heute ein Einkaufstempel glänzt, dessen noble Shops sicherlich nur wenige Bewohner der hochgelobten Musik- und Literaturstadt frequentieren können? Vielleicht wäre Richard Wagner mit Reimen, wie den hier zitierten aus der „Walküre“, heute ja auf der Buchmesse vertreten. Oder auch nicht. Welcher Verleger würde schon solch bemühten Schwulst herausbringen? Tatsächlich vertreten war er mit seiner Musik – dem Vorspiel aus den Meistersingern – auf jener Eröffnungsveranstaltung im Gewandhaus zu Leipzig, auf der die deutsch-israelische Freundschaft und 50 Jahre diplomatische Beziehungen zwischen den beiden problematischen Staaten eine zentrale Rolle spielten. Die israelischen Gäste ließen die heroischen Klänge ohne sichtbare Regung an sich vorbeischallen.

„Aus Worten werden Welten“

Mit der festlichen Eröffnungsveranstaltung im Gewandhaus, in deren Mittelpunkt die Verleihung des „Buchpreises zur Europäischen Verständigung“ an den rumänischen Schriftsteller Mircea Cărtărescu steht, startet die Leipziger Buchmesse 2015 und Europas größtes Lesefestival „Leipzig liest“.

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Aus Worten sollen also Welten werden. Im Kopf der Leser. An dieser Verwandlung sind einige Protagonisten beteiligt. Autorinnen und Autoren, Verlage und Content-Anbieter, stationäre Sortimentsbuchhändler ebenso wie allerhand Online-Vertriebskanäle und nicht zuletzt die Besucher jener Welten, die aus Wörtern und Sprache entstanden sind – die Leser.

Zwei große Treffpunkte gibt es in Deutschland für die Beteiligten an diesen Prozessen, im Oktober in Frankfurt am Main und im März in Leipzig. Während in Frankfurt Geschäfts-Abschlüsse und –Anbahnungen, sowie umfangreicher Rechtehandel im Vordergrund stehen ist „Leipzig eine Plattform wo man seine Leser erreicht“, wie es der Sprecher der Geschäftsleitung der Leipziger Messe, Martin Buhl-Wagner, formulierte.

Neben dem bunten Messegetummel von Promi-Auftritten bis Manga-Comic-Convention, vom viel beachteten Auftritt der unabhängigen Verlage bis zu den Aktivitäten rund um die literarische Region Südosteuropa (in Leipzig schon seit mehreren Jahren ein besonderes Anliegen), neben diversen Foren, Lesebühnen, blauen und roten Sofas, spielen in diesem Jahr einige interessante, aktuelle, ja brisante Schwerpunkte eine größere Rolle.

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Meinungsfreiheit, Freiheit der Presse und die Freiheit sich künstlerisch auszudrücken sind bedrohte Güter. Nicht nur in den zurückliegenden Monaten wurde das ebenso eindrucksvoll wie warnend immer wieder demonstriert. „Es wird eine sehr politische Buchmesse“, ist sich Buchmesse-Direktor Oliver Zille deshalb sicher. Meinungsfreiheit und Toleranz sind schließlich zentrale Merkmale einer Veranstaltung wie das Treffen in Sachsens Hauptstadt. Deutlich zu machen, dass diese Grund- und Menschenrechte nicht verhandelbar sind, war nie dringender als jetzt.

Vor fünfzig Jahren nahmen die Bundesrepublik Deutschland und der damals noch junge Staat Israel diplomatische Beziehungen auf. 1965, zwanzig Jahre nach dem Ende des Hitler-Regimes, kein einfacher Vorgang, keine Selbstverständlichkeit. Das Jubiläum ist willkommener Anlass Israel, seine Literatur, seine Schriftsteller und Schriftstellerinnen in diesem Jahr als Ehrengäste auf der Buchmesse zu begrüßen. Amoz Oz, Meir Shalev, Mirjam Pressler und viele andere namhafte und weniger bekannte Autoren werden vor Ort sein.

„1965 bis 2015“. Deutschland – Israel“. Dazu gibt es ein kostenloses E-Book. Neben Leseproben enthält es Hintergrund-Informationen zu den beteiligten Autoren. Seit Mitte Februar ist es über alle gängigen Online-Buchshops erhältlich. Weitere Infos dazu und zum Schwerpunkt Israel gibt es hier: http://goo.gl/Bx98oQ

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Etwa 80.000 Erstauflagen erscheinen Jahr für Jahr auf dem deutschen Buchmarkt. Um die 25.000 werden allein im Vorfeld der Leipziger Buchmesse veröffentlicht, um pünktlich an den Messetagen vorgestellt werden zu können. In den Hallen wird, wie im Vorjahr, mit mindestens 175.000 Besuchern gerechnet. Knapp 5.000 unabhängige Buchhandlungen in Deutschland sind Vermittlungsinstitutionen, die das Kulturgut Buch an Mann und Frau bringen und dabei fundiert auf deren individuelle Interessen eingehen können. Ein wichtiges Instrument um Vielfalt und Qualität auf dem Buchmarkt zu sichern ist die Buchpreisbindung.

Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, sieht dieses sinnvolle und unverzichtbare Privileg durch das geplante Freihandelsabkommen der EU mit den USA (TTIP = Transatlantic Trade and Investment Partnership) gefährdet und kündigt energischen Widerstand dagegen an. Bekanntermaßen ist es ja nicht nur der Buchhandel der Kampagnen gegen einzelne Bestandteile des auszuhandelnden Vertragswerks gestartet hat. Den billigen Vorwurf des Antiamerikanismus im Zusammenhang mit dieser kritischen Haltung, erklärt Skipis für absurd. Interessanterweise hat Israel vor knapp zwei Jahren eine Preisbindung für Bücher neu eingeführt.

Die Leipziger Buchmesse: In diesem Jahr vom 12. bis zum 15. März.

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Den „Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung“ erhält Mircea Cărtărescu für seine dreiteilige umfangreiche Roman-Chronik, die sogenannte „Orbit-Trilogie“:

Die Wissenden. – Deutsch bei Paul Zsolnay Verlag, 2009

Der Körper. – Paul Zsolnay Verlag, 2011

Die Flügel. – Paul Zsolnay Verlag, 2014

Die beiden ersten Bände liegen bereits als Taschenbücher vor.

Bücher des Jahres. Meine AusLese 2014

Kruso, Haratischwili, Grossrussin

Auch in diesem Jahr möchte ich wieder einige Bücher vorstellen, die mir in den letzte Monaten begegnet sind, die ich auf Streifzügen durch Buchhandlungen, Feuilletons und Literaturseiten, auf Buchmessen und durch Empfehlungen entdeckt habe und die mir besonders gut gefallen. Die hier aufgeführten Titel habe ich gelesen oder angelesen und über sie gelesen. Natürlich ist dies eine absolut subjektive Auswahl. Ich kann nicht garantieren, dass andere Leserinnen und Leser meine Einschätzung teilen.

Hier sind nun zunächst drei meiner persönlichen Spitzen-Titel zu finden, sozusagen ein erster Appetithappen. Unter der Rubrik „AusLese 2014“ (oben, rechts) gibt es die komplette, kommentierte Liste und noch einiges drumherum. Über Reaktionen und Rückmeldungen würde ich mich sehr freuen.

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Seiler, Leitz: Kruso. – Suhrkamp, 2014. – Euro 22,95

In einer Ausflugsgaststätte auf Hiddensee haben sich im Sommer 1989 rund um den widersprüchlich charismatischen Alexander Krusowitsch allerhand DDR-Aussteiger versammelt. Für die meisten ist die Insel eine Zwischenstation auf ihrem Fluchtweg über die Ostsee. Dicht, poetisch, voll innerer Spannung, ein Buch von großer poetischer Kraft für erfahrene Leser die das sprachlich anspruchsvolle Erzählen lieben. Seiler gewann mit Kruso den Deutschen Buchpreis 2014. Zu recht. Das beste erzählerische Werk, das ich 2014 (bisher!) in der Hand hielt.

Haratischwili, Nino: Das achte Leben (für Brilka). Roman. – Frankfurter Verlagsanstalt, 2014. 1280 Seiten (!), Euro 34

Wahrscheinlich die interessanteste Autorin in meiner bisherigen Auswahl. Ich muss zugeben, es hat eine Weile gedauert bis ich ihren Familiennamen fehlerfrei schreiben und aussprechen konnte. Nino Haratischwili wurde 1983 in Tbilissi (Georgien) geboren. Sie arbeitete zunächst als Theaterautorin und -regisseurin in Georgien, später in Deutschland. Seit etlichen Jahren schreibt sie bereits in deutscher Sprache. 2009 gewann sie gemeinsam mit Philipp Löhle den Autorenpreis des Heidelberger Stückemarktes. Sie lebt als freie Regisseurin und Autorin in Hamburg. – “Das achte Leben” ist bereits ihr dritter Roman. Hier holt sie weit aus und erzählt die Geschichte einer georgischen Familie über sechs Generationen. Opulent ausgebreitet, reicht das Spektrum der Ereignisse von der sanften Liebesgeschichte bis zu den bitteren Katastrophen des 20. Jahrhunderts, die ja an fast keiner Familie des Kontinents vorüber gingen. Eine Fülle an Stimmungen und Charakteren breitet die Autorin vor dem Leser aus, den die über 1200 Seiten zu nächst vielleicht abschrecken; wer sich jedoch mit etwas Geduld auf diese zeitintensive Lektüre einlässt, wird mit einem besonderen Leselerlebnis belohnt. Ganz großes Kino. Extra breites Format. Hat das Zeug zum Klassiker. – Ein Tipp: Zunächst das sogenannte Einleseheft besorgen, dass es nur als E-Book gibt. Es ist gratis, kann auf alle Endgeräte geladen werden und macht es möglich zu prüfen, ob man dieser Lese-Herausforderung gewachsen ist und sein möchte.

Schwarz, Stefan: Die Grossrussin. Roman. – Rowohlt Berlin, 2014. Euro 16,95

Stefan Schwarz hat bisher die kürzere Form gepflegt und ist einem engeren Leserkreis hauptsächlich durch seine Kolumnen in der Zeitschrift “Das Magazin” bekannt, einem bunten Medium, dem es gelang durch Weimarer Republik und DDR-Zeit in unserer Gegenwart anzukommen und das sich einer nicht allzu großen, dafür umso treueren Anhängerschaft erfreut. Schwarz hat eine ausgesprochen gelungene Parodie auf die Klischees des Kriminalromans geschrieben. Temporeich, gefährlich und immer wieder zum Auflachen komisch. Und was mir am besten gefallen hat: Der Intellekt des unscheinbaren, körperlich unterlegenen Altphilologen siegt über die brutale, zu allem bereite Verbrecherbande. Eine Portion Glück und Zufall sind allerdings auch im Spiel. Dazu haarsträubende Liebesverwicklungen des Protagonisten. Krimineller Humor, wie es ihn in dieser Qualität sicher nur ganz selten gibt. Schmackhaftes Lesefutter selbst für nicht ganz so roman-affine Zeitgenossen.

Zur ganzen AusLese geht es hier entlang.

Auf einen Einspänner ins Jelinek – Herbsttage in Wien

“Otto Trsnjeks kleine Tabaktrafik lag im neunten Wiener Gemeindebezirk an der Währingerstraße… Durch die von Plakaten, Zetteln und Reklamebildern fast lückenlos zugeklebte Auslagenscheibe drang nur wenig Licht ins Innere… Der Verkaufsraum war winzig und bis unter die Decke vollgestopft mit Zeitungen, Zeitschriften, Heftchen, Büchern, Schreibzeug, Zigarettenschachteln, Zigarrenkisten und verschiedenen anderen Rauch-, Schreib- und Kleinwaren.”

Die Handlung von Robert Seethalers wunderbaren Wien-Roman “Der Trafikant” spielt im Jahre 1937. Der junge Franz Huchel kommt aus der Provinz in die Metropole um bei Otto Trsnjek eine Lehre anzutreten. Wiener Trafiken haben sich seit damals nicht sehr verändert. Doch die, vor der ich an einem frischen Oktobermorgen in der Währinger Straße stehe, hat wohl aufgegeben. Die schmale, wie bei Seethaler mit allerhand Papieren verkleisterte Eingangstür, ist mit einem verdreckten Rollgitter verschlossen. Davor wurde schon lange nicht mehr gekehrt. Angemoderte Blätter, zerknüllte Teile der Speisenliste eines asiatischen Imbiss, Reste einer roten Wollmütze, eine fettfleckige Pommestüte, die abgerissene Kino-Eintrittskarte schaukeln im leichten Ostwind.

Für heutige Wienbesucher gibt es wenig gute Gründe die Währinger Straße aufzusuchen. Wer allerdings den Kontrast zu den schillernden Konsumwelten von Graben, Kärntner oder Mariahilfer Straße sucht ist richtig. Hier gibt es graue, bröckelnde Fassaden, holprige Gehwege, Leerstand und an mancher Ecke sichtbar trostlosen, schlechtbewältigten Alltag. Heimito von Doderer hat in dieser Straße gewohnt. Von 1956 bis zu seinem Tode am 23. Dezember 1966. Die “Österreichische Gesellschaft für Literatur” hat an seinem ehemaligen Wohnhaus eine Gedenktafel angebracht. Doderer ist neben Musil der vielleicht wichtigste Wiener Romancier der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Freunde seiner umfangreichen, etwas verschlungenen Romane kommen in die Währinger Straße um von dort in die Strudelhofgasse abzubiegen, durch die man zur Strudelhofstiege kommt. Die eindrucksvolle, mehrstöckige Treppenanlage wurde im Jugenstil erbaut und gab dem bekanntesten seiner Bücher den Titel.

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Es wird berichtet, dass die Geschichte der Wiener Literaten-Cafés 1844 begann, als ein Apotheker namens Heinrich Griensteidl zum Kaffeesieder umschulte und 1847 in der Biberstraße sein erstes Café eröffnete. Später zog das Lokal in die Michaelerstraße, direkt gegenüber dem 1888 eröffneten neuen Burgtheater. Schon bald zählten Literaten und Philosophen, Journalisten und Lebenskünstler zu den Stammgästen. Bis heute bewahrt das Haus seinen traditionellen Kaffeehaus-Charme, pflegt die Griensteidl-Legende und lädt mit reichlich angebotenem Lesestoff zum längeren Verbleib.

Auf Tradition legt auch das Café Jelinek im 6. Wiener Bezirk ganz selbstverständlichen Wert. Mit der österreichischen Schriftstellerin gleichen Namens hat es übrigens nichts zu tun. Allerdings stammen Einrichtung und Ambiente mindestens aus einer Zeit als die Literatur-Nobelpreisträgerin noch gar nicht geboren war. Die vom Zigarettenrauch eingebräunten Tapeten, die abgenutzte, doch immer noch erstaunlich kommode Möblierung, der schmiedeeiserne Holzofen, ergeben eine leicht morbide Athmosphäre, die angeblich ganz dem Widerwillen der meisten Wiener gegen Veränderungen und Modernisierung entspricht. Man sitzt durchaus gut, und gerne die Zeit vergessend, auf Stühlen und Polsterbänken, die nicht nur für ein Menschleben geschaffen wurden.

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Das kleine Tellergulasch mit Semmel schmeckt ausgezeichnet, die Zeitungsauswahl ist ebenso reichhaltig wie die typischen Wiener Kaffee-Varianten und mancher Gast lässt vermuten, er sei schon hier gesessen als die Tapeten noch frisch waren und habe nicht vor seinen Platz so bald wieder zu verlassen. Ich will nicht ganz so lange bleiben und versuche den Besuch im Jelinek mit einem muntermachenden, mit einigen sahnigen Kalorien angereicherten Einspänner abzuschließen. Doch das Weggehen fällt danach nicht leicht. Eine kleine Versuchung bleibt, hier ebenfalls zum Inventar zu werden.

Bis vor Kurzem war ich der festen Überzeugung der Charakter des Kaffehaus-Literaten sei spätestens mit Beginn des 21. Jahrhunderts endgültig ausgestorben. Der Schweizer Schriftsteller Thomas Meyer hat mich davon überzeugt, dass dies so pauschal keineswegs der Fall ist. “Den zauberhaften Damen der Confiserie Sprüngli, die mich während der Erstellung dieses Romans so liebevoll umsorgt haben”, lautet die Widmung an ein Zürcher Kaffeehaus und sein Personal in seinem humorvollen Milieu-Roman “Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse”.

In Wien hat das Schreiben im Kaffeehaus eine lange Geschichte. Dass dabei den Federn nicht nur Sinnvolles oder Umfangreiches entfloss, wusste in den 1920er-Jahren bereits der hintersinnig vielseitige Alfred Polgar: “Es gibt Schreiber, die nirgendwo anders wie im Café Central ihr Schreibpensum zu erledigen imstande sind, nur dort, an den Tischen des Müßiggangs, ist ihnen die Tafel der Arbeit gedeckt, nur dort, von Faulenzdüften umweht, wird ihrer Tätigkeit Befruchtung. Es gibt Schaffende, denen nur im Central nichts einfällt, überall anders weit weniger.”

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Bei diesem Wien-Besuch kam ich nicht ins Café Central. Dafür konnte der Aufenthalt im ebenfalls längst anekdotenumwobenen Sperl mehr als entschädigen. Seit 1880 liegt sein Eingang Ecke Gumpendorfer Straße/Lehargasse. In der Nähe sind das Theater an der Wien und das Raimund Theater. Künstler, Literaten und Schauspieler geben sich im Sperl die Klinke in die Hand. “Schanigarten” heißt auf Wienerisch die Draußen-Bewirtung, die dem Sperl im Sommer zusätzliches Flair verleiht. Hat man einen Platz gefunden, was zu manchen Zeiten etwas schwierig sein kann, sind die gebratenen Knödel als Stärkung für weitere Stadt-Exkursionen zu empfehlen, bevor man den Besuch vielleicht mit einer gepflegten Melange abrundet.

Nicht gerade eine Exkursion, aber immerhin einen längeren Spaziergang unternahm ich im Stadtteil Margareten, amtlich ist dies der 5. Bezirk. Vom Siebenbrunnenplatz zur Reinprechtsdorfer Straße, von der man nach etwa 200 Metern rechts in die Margaretenstraße einbiegt. Es ist der Weg stadteinwärts, der, vorbei an allerhand originellen Gemischtwarenläden, ausländischen Imbissen, Wettbüros und Beißln schließlich in die Operngasse und zum Verkehrsknoten Karlsplatz führt. Im Schaufenster des Antiquariats “bücherwurm” wird anregende Lektüre für weitere Streifzüge und literarische Spurensuche in Wien präsentiert. Etwa Dietmar Griesers “Liebe in Wien”, in dem der Autor 20 Paare der Wiener Kulturgeschichte porträtiert. Oder das längst vergriffene, für mich ab sofort unverzichtbare, “Die Wiener Kaffeehausliteraten” von Bartel F. Sinhuber.

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“Der gusseiserne Ofen hinten an der Wand war eingeheizt. Es roch gemütlich nach Kaffee und Bücherstaub. Die Regale reichten bis zur Decke. Eine hohe Leiter lehnte an der Wand neben dem Ofen, die Tritte waren mit Samt überzogen oder mit Wildleder. In den Ecken standen Sessel, ein roter und ein gelber Ledersessel, daneben ovale Tischchen, Kaffeetassen, Zuckerdose, eine Schale mit Keksen, Weingläser.” Der vorarlberger Schriftsteller Michael Köhlmeier, der inzwischen hauptsächlich in Wien lebt, schildert in seinem Roman “Madalyn” wie ein 14-jähriges, eher bildungsfernes Mädchen, zum ersten Mal die Buchhandlung Jeller in der Margartenstraße 35 betritt. Madalyn hat eigentlich nichts am Hut mit Büchern und Geld ausgeben möchte sie dafür schon gleich gar nicht. Trotzdem verlässt sie nach Frau Jellers Beratung die Buchhandlung mit einer Liebesgedichte-Anthologie. “Ohne hineinzuschauen, bezahlte Madalyn und ging. Sie schämte sich ein wenig. Und wusste nicht, warum. Als hätte sie sich das Buch irgendwie erschlichen.”

Nachdem sich der Bummel durch Reinprechtsdorfer und Margaretenstraße schon reichlich hingezogen hatte, reichte es nur zur Bewunderung der aufwendigen, originellen Schaufensterdekoration der Buchhandlung Jeller. Aktuelle belletristische Neuerscheinung liegen unter echten Birkenstämmen. Der nächste Wien-Aufenthalt wird garantiert mit einem längeren Besuch und ausgiebigen Stöbern in den prallvollen dunklen Holzregalen verbunden sein. Frau Jeller, erfuhr ich später, besteht auf der Feststellung dass ihre Buchhandlung, obwohl in der Margaretenstraße gelegen, nicht zu Margareten, sondern zu Wieden, dem innenstadtnäheren 4. Bezirk gehört. Da sind die Wienerinnen und Wiener eigen.

Jede Menge Bücher gibt es auch im “Phil”. Es liegt in der Gumpendorfer Straße schräg gegenüber vom Sperl und vereint Handlung und Kaffeehaus. Es feierte dieser Tage 10-jähriges Jubiläum, was im Vergleich mit anderen Wiener Häusern gleichbedeutend ist mit neulich eröffnet. Phil kommt von bibliophil und Philosophie, zwei Begriffe die ebenso gut harmonieren, wie die verschiedenen Elemente aus denen dieses Mehralseinkaffeehaus besteht. Das “Phil” ist auf jeden Fall der ideale Ort für Zeitgenossen die bookish sind. Im Buchhandelsteil des Lokals sind allerhand noch nicht so rundum bekannte österreichische Autoren und Autorinnen zu entdecken. So gehören zum Beispiel die Bücher von Karin Peschka, Reinhard Kaiser-Mühlecker oder Theodora Bauer zu jenen, die uns der bundesdeutsche Buchhandel weitestgehend vorenthält. Zum Reinlesen in die Neuentdeckung lässt man sich am besten zu ein oder zwei Verlängerten auf den Retro-Möbeln nieder, die wirken als wären sie aus den 1950er-Jahren gebeamt. Die schmucken Teile sind wie die Bücher käuflich zu erwerben. Und vielleicht sitzt ja am Nebentisch der eine oder die andere Nachwuchs-Kaffeehausliterat/in von dem oder der man demnächst noch hören wird.

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Der Dauer-Aufenthalt in einem Kaffeehaus war manchem Schriftsteller, Intellektuellen oder müßiggehenden Privatier die naturgegebene Existenzform. Arthur Schnitzler, der dem väterlichen Vorbild folgend, zunächst Arzt wurde, war für seine zahlreichen, wechselnden Affären mit meist jüngeren Wienerinnen bekannt. 1882 folgt auf die Anni alsbald eine Therese, “die vielumworbene Kassiererin meines Stammcafés, in dem ich vormittags Billard, nachmittags Karten, abends Billard und Karten, nachts Karten und Billard zu spielen pflegte.” Irgendwo dazwischen hat Schnitzler neben etwas Prosa, seine vielgespielten Theaterstücke, wie “Liebelei” oder “Reigen” geschrieben. Mit Hugo von Hoffmannsthal, Hermann Bahr, Felix Salten und einigen anderen, traf er sich im Café Griensteidl. Ab circa 1890 sprach man von der “Wiener Moderne” und rechnete die Herrschaften (Frauen kommen anscheinend nur in oben erwähntem Zusammenhang vor) zur Gruppe des “Jungen Wien.”

Und jetzt ein Bier. Vielleicht ein Ottakringer aus der letzten in Wien noch betriebenen Brauerei. Oder das kühle Helle aus Schwechat. Natürlich darf es auch das eine oder andere Glaserl vom Blauen Zweigelt oder Grünen Veltliner sein. Abends im Haas-Beisl zur gebackenen Fledermaus oder einem echten Wiener Schnitzel mit Erdäpfel-Vogerlsalat, gefolgt von Topfennockerln oder einem Schmarrn mit Zwetschgenröster. Gleich um die Ecke, in der Ziegelofengasse, liegt das „Zum alten Fassl“ (derzeit Gansl-Wochen!). Über dessen Gaststuben wohnte einst der legendäre Falco. Mozart und Falco sind bekanntlich nicht mehr unter den Lebenden, Marianne Mendt und Arik Brauer längst nicht mehr die Jüngsten. Da freut man sich an der jugendlichen Frische der Wiener Kult-Combo “Kommando Elefant”, die just in diesem Herbst mit ihrem aktuellen Song und Video “Ich find dich seltsam” kräftig reüssiert. Zu finden auf  „Lass uns Realität“; Scheibe und Download kommen am 14. November zu den Wienern und dem Rest der Welt. Weitere Infos gibt es auf der Web-Site

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Und das „Ich find dich seltsam“ Video hier:

Frische Musik

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Erwähnte und verwendete Bücher

Das Wichtigste: Kaffee in Wien. – Wien : Verlag Holzbaum, 2014

(Kleines handliches Büchlein in dem alle Bezeichnungen für die vielen verschiedenen Kaffee-Zubereitungen und -Gedecke erklärt werden, dazu Kurzinfos zu nahezu allen Kaffeehäusern Wiens.)

Bauer, Theodora: Das Fell der Tante Meri. – Wien : Picus, 2014

Grieser, Dietmar: Liebe in Wien. E. amouröse Porträtgalerie. – München : Dt. Taschenbuchverlag, 1991

Heger, Hedwig: Wien. Eine literarische Entdeckungsreise. – Darmstadt : Wissenschaftl. Buchgesellschaft, 2004

Kaiser-Mühlecker, Reinhard: Roter Flieder. Roman. – Hamburg : Hoffmann und Campe, 2012

Köhlmeier, Michael: Madalyn. Roman. – München : Hanser, 2010

Meyer, Thomas: Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse. Roman. – Zürich : Salis, 2012

Peschka, Karin: Watschenmann. – Salzburg : Müller, 2014

Seethaler, Rober: Der Trafikant. Roman. – Zürich : Kein & Aber, 2012

Sinhuber, Bartel F.: Die Wiener Kaffeehaus-Literaten. Anekdotisches zur LIteraturgeschichte. – Wien : Ed. Wien, 1993

Sudeleien. Ende September 2014

Von Wortschätzchen und allerhand bedrohten Arten

„Ich sauge den Sommer in mich ein wie die Wildbienen den Honig,“ sagte sie. Ich sammle mir einen großen Sommerklumpen zusammen, und von dem werde ich leben, wenn es nicht mehr Sommer ist.“ (Astrid Lindgren: Ronja Räubertochter)

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Oder: Wir lesen einfach durch bis der Frühling zurückkommt.

Schwer erträglich, und nicht selten schmerzhaft fürs Sprachempfindungs-Organ: das sogenannte Denglish der unermüdlich schiefe Metaphern und verquere Phrasen auswerfenden Sprachknechte unserer schillernden Konsumwelt: „Der alpenfrische Schüttel-Shake“, „Live Cooking“, „Don’t call it Schnitzel“, „Content ist King“. – Willkommener sind da jene Fremdlinge aus anderen Sprachräumen, denen es gelingt im Deutschen heimisch zu werden weil sie unsere Ausdruckmöglichkeiten erweitern und zu größerer Genauigkeit von Formulierungen beitragen. Hin und wieder stößt man recht unvermutet auf solch ein kleines Sprach-Schätzchen, das man dann gerne behalten möchte. Der amerikanischen Schriftstellerin Donna Tartt verdanke ich indirekt die Entdeckung eines solchen, für mich zu diesem Zeitpunkt neuen Lehnwortes aus dem Englischen.

Donna Tartt versteht es, sich und ihr Werk zu inszenieren. Auf Fotos sieht man sie stets in Schwarz und als hochstilisierte Kunstfigur. Ihre Romane, die zu großen Teilen handschriftlich in der New York Public Library entstehen, erscheinen in großen zeitlichen Abständen und sind sehr umfangreich. Die „Geheime Geschichte“ erschien zu Beginn der 1990er Jahre. Anfangs skeptisch, war ich nach und nach immer begeisterter. Ein großes Epos, figurenreich, erzählerisch weit ausholend, sprachlich von außergewöhnlicher Könnerschaft, mit fesselnden Spannungselementen ohne Kriminalroman zu sein. Das zweite Buch – „Der kleine Freund“ – besticht zunächst ebenfalls dank epischer Kraft, entpuppt sich mit steigender Seitenzahl leider als eine etwas schwerfälligere Lektüre. Der neueste Roman heißt „Der Distelfink“, erschien im Frühjahr auf Deutsch und es war klar, dass ich ihn irgendwann lesen würde. (Habe ich, Stand heute, noch nicht.)

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Zunächst forschte ich nach professioneller Einschätzung und fand eine Rezension von Jane Shilling im britischen „New Statesman“, der normalerweise nicht zu den Wochen-Blättern gehört, die ich regelmäßig verschlinge; das verhindert schon die begrenzte englische Sprachkompetenz. So kann es halt passieren, wenn man sich dem großen Suchmaschinen-Bruder anvertraut, ohne wirklich zu wissen, wo man im Weltweitnetz hin möchte. Jedenfalls bespricht Frau Shilling vorrangig den „Distelfink“, den sie in höchsten Tönen lobt und kommt in diesem Zusammenhang auch noch einmal auf den Vorgänger „The Little Friend“. Den fand sie nicht so doll: „This … was a protracted essay in Gothic suspense, set in the American South with a bookish 12-year-old heroine…“

Bookish! Das gefiel mir. Dieses Wort wollte ich in meinen Thesaurus aufnehmen. Es schien mir passend; wobei ich nicht wirklich beurteilen kann, inwieweit für Frau Tartt, bzw. ihre junge Heldin, auf jeden Fall aber für mich. So bin ich zweifellos: Ein klein wenig bookish! Das meint etwas anderes als bibliophil. Die Bedeutung der deutschen Begriffe Bücherfreund und Büchernarr ist vielleicht darin enthalten. Doch ist es als Adjektiv oder Adverb sehr viel flexibler und treffender verwendbar. Probleme ergeben sich allenfalls mit den Steigerungsformen. Vorausgesetzt bookish ist überhaupt steigerbar, wäre es so wahrscheinlich korrekt (Einwände von Anglisten nehme ich jederzeit gerne entgegen): Bookish, more bookish, most bookish. Und jetzt – mit dem Ausklingen des Sommers – kommt die Zeit des Jahres, die nicht nur mich most bookish macht.

Mit abnehmender Tages-Helligkeit und steigender Nebel, geht die Zahl der Neuerscheinungen ihrem jährlichen Höhepunkt entgegen, schicken die Verlage ihre Auflagenbringer auf lange Lesereisen, nahen die groß inszenierten Verleihungen des Deutschen Buchpreises und des Nobelpreises für Literatur.

indexDie Bücher der sechs auf der Shortlist für den Buchpreis nominierten Autorinnen und Autoren habe ich angelesen. Obwohl sicher einiger Proporz im Spiel ist steht keines zu Unrecht auf der Liste. Am besten gefallen – und in dem Buch habe ich mich auch festgelesen – hat mir „Kruso“ von Lutz Seiler. Einer der sogenannten Wenderomane. Im Mittelpunkt steht eine hermetische Gemeinschaft von Personen auf der Insel Hiddensee, die das DDR-Festland verlassen haben, weil sie mehr oder weniger ausgegorene Fluchtpläne hegen. Zunächst einmal sind sie an der Ostseeküste gestrandet und arbeiten am Rande der Legalität in der Insel-Gastronomie. In hochpoetischer Sprache und mit Mitteln leichter Mystifizierung setzt Seiler all jenen ein literarisches Denkmal, denen die Flucht übers Meer nicht gelang oder die dabei umkamen.

Ginge es nach Martin Olczak würde es wohl keinen Literatur-Nobelpreis mehr geben – aus Mangel an Juroren. In seinem Krimi „Die Akademie-Morde“ lässt der schwedische Autor nach und nach die meisten Mitglieder des Nobelpreis-Komitees meucheln. Eine Geschichte die aus dem längst unüberschaubaren Angebot nordeuropäischer Kriminalliteratur etwas hervorsticht. Trotz zahlreicher Toter wird auf die sonst übliche reiserisch überzogene Brutalitäts-, und Sex-Darstellung verzichtet. Neben dem originellen Sujet bekommt der Leser ein interessantes multiethnisches Personal geboten.

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Immer bookish: Denis Scheck

Menschen die bookish sind können nicht ohne Bücher sein. Genauer: Wer bookish ist kann nicht ohne Literatur in gedruckter Form sein. Rezept-Sammlungen und Yoga-Anleitungen werden die Leidenschaft wohl weit weniger befriedigen als umfangreiche Romane, klassische Anthologien oder schön gestaltete und hochwertig produzierte Lyrik-Bände. Menschen die sich als bookish bezeichnen würden („outen“ wäre hier sehr passend), sind ihrer Leidenschaft bedingslos verfallen und durch nichts davon abzubringen. Sie gehen nie ohne Buch aus dem Haus. Bücher sind ständige Begleiter bei Tag und in der leselampenerleuchteten Nacht. Jede Lebenslage ist willkommenes Alibi für den Griff zum Buch. Sie lesen im Sitzen, Stehen und Liegen, zu jeder Uhrzeit, an jedem Platz. Sie kommen an keiner Buchhandlung vorbei, keinem Antiquariat, keiner Ramschkiste auf einschlägigen Flohmärkten. Diese Besonderlinge lesen in (gedruckten) Tageszeitungen zuerst die selten gewordenen Literaturseiten und gleich danach das Feuilleton. (Es soll Ausnahmen geben, die mit dem Sportteil anfangen und trotzdem bookish sind!)

Offene Fragen bleiben. Kann man mit eBooks bookish sein? Wie nennt man es wenn man verrückt nach Zeitungen ist? Paperish? Mit den riesenformatigen Tageszeitungen und den damit einhergehenden druckfarbenschwarz gefärbten Händen geht es ernsthaft zu Ende. Das gestand in einer umfangreichen Analyse die selbst betroffene, traditionsreiche Frankfurter Allgemeine Zeitung.

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In Anlehnung an eine bekannte Werbe-Unterstellung drängt sich abschließend die Frage auf: Sind wir nicht alle ein bisschen bookish? Keineswegs. Nur noch schmale 5 Prozent der erwachsenen deutschen Bevölkerung lesen regelmäßig Bücher – musste ich neulich lesen. Wenn man in Bus, Zug oder Straßenbahn unterwegs ist, wird deutlich warum. Die meisten Zeitgenossen haben gar keine Hände mehr frei für das greifbare Kulturgut. An der menschlichen Hand evolutioniert sich zunehmend das Smartphone zum dominanten Glied. Mitbürger die bookish sind, geblieben sind, bilden längst eine Minderheit, beängstigend in ihrem Bestand bedroht. Sie unter besonderen Schutz zu stellen, wie seltene Pflanzen oder Tiere, dürfte der schleichenden Dezimierung wohl kaum Einhalt gebieten.

Doch noch fallen sie gelegentlich auf. Wirken auf Jene, die für kurze Zeit verstört vom Display aufblicken schrullig, seltsam analog. Sei’s drum und jetzt erst recht: Be foolish. Stay bookish!

Die Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2014.

Leipziger Buchmesse 2014

Der zweite Teil: Menschen und Bücher

„Wie wohl ist dem, der dann und wann / Sich etwas Schönes dichten kann.“ (Wilhelm Busch)

Gleich zweimal ist mir diesmal in Leipzig der Name Shakespeare begegnet.

Zunächst in Denis Schecks Einmann-Talkshow. Dieser fulminanten Live-Version der „beliebten Familiensendung Druckfrisch“. Zwanzig, dreißig Bücher im Schnelldurchlauf. Überraschenderweise werden der neue Schätzing und der aktuelle Donna-Tartt-Wälzer empfohlen. Die Titel der Verrisse habe ich schon wieder vergessen. Dem großen William widmete sich der Schnelldenker und –sprecher aus Anlass von dessen 450. Geburtstag am 26. April etwas ausführlicher. Er lobte die Neuübertragungen in ein zeitgemäßes Deutsch von Frank Günther. Sie tragen dazu bei, dass ein Theaterautor, der ursprünglich nur zur kurzweiligen Unterhaltung seiner Zeitgenossen schrieb, jahrein, jahraus auf so vielen Bühnen gespielt wird. Im Staatstheater gehört er ebenso zum festen Repertoire wie in den Theatergruppen von Waldorfschulen. Zur vertiefenden Beschäftigung empfahl Meister Scheck die brandneue große Biographie von Hans-Dieter Gelfert „William Shakespeare in seiner Zeit“ und „Shakespeares ruhelose Welt“ von Neil MacGregor.

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Der Zeitgenosse Shakespeare heißt Nicholas und schreibt Prosa.

Der andere Shakespeare heißt Nicholas und ist Weltreisender, Journalist, Schriftsteller, Autor einer Bruce-Chatwin-Biographie, Mitglied der „Royal Society of Literature“ und Brite durch und durch. Unter dem schlichten Titel „Priscilla“ hat er einen Roman geschrieben, der sich sehr frei am Leben einer Tante Shakespeares orientiert. Ausgangspunkt war dabei ein Gerücht das besagte, dass diese Verwandte, die jahrelang in Frankreich lebte, der Widerstandsbewegung gegen Hitler-Deutschland angehörte. Eine Legende, die den Recherchen des Autors nicht standhielt. Priscilla, die in Wirklichkeit anders hieß, entpuppte sich als genusssüchtige, virulente Lebefrau, die mit Politik nichts am stets modischen Hut hatte. Dennoch bot ihr Lebenslauf genügend Stoff für eine deftige Erzählung vor historischem Hintergrund.

Nicholas Shakespeare ist ein Musterbeispiel für die professionelle Art englischer und amerikanischer Verlage einen Autor und seine Werke zu vermarkten – vorzugsweise multimedial. Die Macher spielen dabei geschickt den Trumpf, dass sie Bücher in einer weltweit gelesenen Sprache bewerben können. Schriftsteller werden dabei zum Produkt, zur Marke stilisiert. Und in der Tat erscheinen uns Stephen King, Donna Tartt, Dan Brown, John Grisham, Elizabeth George & Co. längst als gekonnt platzierte „Registered Trademarks ®.

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Jonathan Lethem. Ein amerikanischer Autor mit familiären Wurzeln in der „Geistigen Lebensform“ Lübeck.

Auswüchse bleiben dabei nicht aus. Etwa wenn uns das neue Buch des US-Amerikaners Jonathan Lethem als „die Buddenbrooks der amerikanischen Linken“ angedreht werden soll. Lethem hatte Großeltern, die einst in Lübeck ganz in der Nähe der Familie Mann lebten, bevor sie emigrierten. Es ist sicher nicht uninteressant wenn er in „Der Garten der Dissidenten“ die Geschichte einer Familie erzählt, die aus gesellschaftspolitischen Außenseitern und chronischen Protestlern besteht. Ein spannender Blickwinkel auf die innere Verfasstheit der Vereinigten Staaten, der uns nicht häufig geboten wird. Der Bogen spannt sich vom Kommunismus der 1950-Jahre bis zur Occupy-Bewegung der Gegenwart. Und doch haben solche Bücher und ihre Autoren etwas Verwechselbares. Werk und Auftritt des Produzenten wirken zu glattgeschliffen, allzu passend gemacht für die globale Verkäuflichkeit. Und natürlich ist Lethem, wie viele seiner Kollegen, im Nebenjob Dozent für „Creative Writing“ an irgendeinem schicken Ost- oder Westküsten-College – so etwas wie ein Standardbestandteil vieler Autoren-Laufbahnen.

Strategien, Realitäten, Eindrücke mit denen man konfrontiert wird, weil Buchmessen eben zu allererst Marktplätze sind. Literatur wird nicht nur von geneigten und vernarrten Lesern erlebt, sondern von ihren Anbietern gezielt auf kommerziellen Erfolg getrimmt und so regelrecht dekonstruiert. Verbunden damit ist eine Art Pflicht zum Bewunderungszwang des Autors oder der – soweit einigermaßen vorzeigbar – Autorin als Held (oder Literatur-Model) medialer Großereignisse. Natürlich hänge ich, wie auch viele andere Leser, nur zu gerne meinen Träumen nach. In denen ist die literarische Künstlerspezies in Dachstuben und Elfenbeintürmen ansässig, musengeküsst emsig am Werke, mit allen Freiheiten dichterischen Denkens und Schreibens gesegnet. Zum Glück bietet gerade Leipzig und sein Drumherum in Form des Lese-Festivals „Leipzig liest“ noch die eine oder andere Nische und Abseite. Da sie weniger pekuniär orientiert sind, und nicht von Marktschreiern unüberhörbar gemacht werden, wollen sie gesucht und entdeckt werden.

Gar nicht so schwer zu finden ist das „Ariowitsch-Haus“. Im Mai 2009 wurde dieses „Zentrum für jüdische Kultur in Leipzig“ eingeweiht. Es liegt in der Nähe der Arena und ist mit mehreren Straßenbahnlinien bequem zu erreichen. Alljährlich finden dort zahlreiche Veranstaltungen im Begleitprogramm der Buchmesse statt. In diesem Jahr waren u. a. David Safier, Jutta Ditfurth, Benjamin Stein und Thomas Meyer im dem imposanten, gründlich restaurierten und zweckmäßig umgestalteten Gebäude, das aus den 1920er-Jahren stammt, zu Gast.

media_30941290--INTEGERThomas Meyer ist ein jüngerer Schweizer Schriftsteller, dessen Roman „Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse“ vor gut einem Jahr als Originalausgabe und jetzt als Taschenbuch bei Diogenes erschienen ist. Hinter dem originellen Titel verbirgt sich ein Roman, der die Geschichte eines jungen Mannes aus einer orthodoxen jüdischen Familie in Zürich erzählt. Mordechai Wolkenbruch, von der omnipräsenten Mutter „Mottele“ genannte, verlässt die vom Milieu vorgesehene tradierte Linie und verliebt sich in eine nichtjüdische Kommilitonin, eben eine „Schickse“. Turbulenzen, Dramatik und Komik kommen in diesem Buch nicht zu kurz. Die Lektüre wird allerdings durch eine Sprachschwelle ebenso erschwert wie bereichert. Der Autor hat immer wieder Passagen in Jiddisch verfasst. Ich kann versichern: Man liest sich ein. Zudem erleichtert ein Jiddisch-Glossar die Orientierung und abgerundet wird das Ganze mit einem Matzenknödel-Rezept – ein Hinweis darauf, dass das Essen in der Familie Wolkenbruch eine große Rolle spielt:

„Er habe Matzenkrümel im bort, sagte Dana. Ob er noch a knajdl wolle, fragte meine Mutter.“

Jahr für Jahr statte ich dem „Nordischen Forum“ einen Besuch ab und kann regelmäßig Entdeckungen machen, die es den deutschen Feuilletons und Literaturseiten nicht wert sind, erwähnt zu werden. Zu den prominentesten Gästen zählte 2014 der schwedische Krimisamfliesband-Produzent Hakan Nesser, dessen Geschichten ich allerdings nicht allzu viel abgewinnen kann. Ich habe mir stattdessen den Titel „Sibelius und seine Zeit“ notiert. Sibelius ist einer meiner Lieblingskomponisten, sein Violinkonzert steht für mich auf einer Stufe mit dem Beethovens. Tomi Mäkelä „entwirft ein detailreiches Panorama zu Sibelius kompositorischem Gesamtwerk an der Schwelle zur Moderne sowie den Umständen, in denen es entstand.“ (Verlag Laaber)

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Die isländische Schriftstellerin Steinunn Sigurdardóttir stellte auf der Leipziger Buchmesse ihren neuen Roman vor.

Und ich hatte Gelegenheit eine der prominentesten Autorinnen Islands sehen und hören zu können. Allerdings ist Steinunn Sigurdardóttir eine ausgesprochen polyglotte Persönlichkeit. Nach Jahren in Großbritannien und Frankreich lebt sie seit einiger Zeit in Berlin. Jetzt im Frühling freut sie sich besonders über die blühenden Kastanien, gibt es doch in ihrer kahlen nordischen Heimat keinerlei Bäume. „Jojo“ heißt ihr neuestes Werk, das jetzt bei Rowohlt erschienen ist. Es ist bereits ihr achtes Buch, das auf Deutsch übersetzt wurde. Es geht um einen Radiologen in Berlin, der einen Obdachlosen medizinisch versorgt und damit rettet. Eine Freundschaft bahnt sich sogar an, doch beide Männer sind so unterschiedlich und haben Geheimnisse in ihrer Vergangenheit, die einen Schatten auf ihr Leben und ihre Beziehung werfen. Der Abschnitt, den die Autorin vor dichtgedrängtem Publikum im kleinen, intimen Rahmen des „Nordischen Forum“ las, macht Lust auf mehr.

Sudeleien. Advent 2013

Kaufet! Frohlocket!

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“Sein oder nicht sein” (William Shakespeare)

“Sein und Zeit” (Martin Heidegger)

“Haben oder Sein” (Erich Fromm)

“Haben und Sein” (Münchens Shopping Guide)

“willhaben.at” (Österreichische Online-Plattform)

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Das Geheimnis ist gelüftet. Jetzt wissen wir, was sich in den großen Tanklastzügen befindet, die in den letzten Wochen, aus dem Süden kommend, unsere Autobahnen verstopfen. Es ist der Rohstoff für die Glühweinschwemmen auf deutschen Weihnachtsmärkten. Hier, an der Glühweintheke, verläuft die alljährliche vorweihnachtliche Kampftrinker-Front. Hier sind alle gleich. Hier stinkt der Banker genauso nach Fusel und Zimt wie der Hartzvierer. Weihnachtszeit ist einig Katerland. Alles glüht im Glanze des Lichtervorhangs “Flockenzauber” und des Schwibbogens “Sternenglanz”. Die Benebelung durch heiße Würz-Weine meist zweifelhafter Provinienz geht einher mit einem Phänomen kollektiver Unzurechnungsfähigkeit, das in vier Wochen von einem Höhepunkt zum nächsten kulminiert: Dem Kaufrausch.

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Vorweihnachtliche Tränke für sinnspendende Heißgetränke und Ort erwartungsfroher (Advent!) zwischenmenschlicher Zusammenkunft.

Es ist eine Zeit angekommen in der der Run auf das höherwertige Konsumgut hysterische Züge annimmt. Das kompakte Surround-System im schnuckeligen 150-PS- Kleinwagen für den Erstgeborenen, das tasmanische Schnappaustern-Collier für die Zweitfrau, der Dritt-Full-HD-Screen für die Schwieger-Oma. Wer jetzt immer noch keine “PS 4” oder wenigstens das “Premium Bundle der XBox one” kauft, wird umgehend für blöd erklärt. Apple um Apple fällt nicht weit und landet unterm Tannengrün. Gutscheine für Body-Shop und Beauty-Ranch, für Wellness-Ressort und Deep-Sea-Diving werden häufiger gedruckt als Euronoten. Jetzt preißen die Wirtschaftsweisen die Tage, reiben Bilanzbuchhalter die Hände – die Zeit stärkster Binnennachfrage ist angebrochen.

Mein Konsumtempel ist und bleibt die Buchhandlung. Und Jahr für Jahr muss ich dankbarer und demütiger sein, dass es sie im neokolonialen Großreich Amazonien immer noch gibt. Und dass dort sogar nachwievor die Ergebnisse feinster Dicht- und Erzählkunst in gedruckter und schön gebundener Form zu finden sind.

Gut, ganz leicht zu finden sind sie nicht. Nach der Ladentür unterschreitet man zunächst einmal das Schnee-Imitat aus weißen Wattewolken, drückt sich vorbei an Adventsgestecken, Duftschälchen, Rauschgoldengeln und Seidenschals. Lässt die CDs, DVDs und Blue-Rays links oder rechts liegen, umkurvt den lebensgroßen Papp-Ochsenknecht und kommt alsbald zu den ersten Büchern: “BeBeanie unlimited. Häkelmützen für jede Gelegenheit”, “myboshi drinnenundraußen”, “Sushi für Anfänger”. Fast wäre ich dann in der Kinderbuch-Abteilung gelandet. Dort stapelt sich “Der kleine Vampir mit der großen Häkelnadel” der Erfolgsautorin  Rosa Wolle – erst im Frühjahr bei Geltz und Belberg erschienen und schon in der 99. Auflage.

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Angebote einer süddeutschen Buchhandlung des postliterarischen Zeitalters.

Bis zu Zeh und Kehlmann, Lewitscharoff und Gomringer, Haas und Glavinic, Stamm und Werner, Kaiser und Zeiner, ist es jetzt nicht mehr weit. Durch die Kalenderausstellung, schräg hinter den Krimi- und Fantasy-Wänden sind sie zu finden. Und an der Rückwand der Handlung entdecke ich den gehobenen literarischen Anspruch in Form einer kleinen Abteilung mit “Klassikern”. Goethe und Hölderlin, Dante und Tolstoi, Schiller …, – halt nein! Schiller fehlt. Ausgerechnet der schwäbische Klassiker in einer schwäbischen Buchhandlung. Dafür finden einige Fastnochzeitgenossen wie Kästner, die Manns, Nabokov oder Henry Miller in der Klassik-Kategorie Asyl.

Das Buch lebt ja bekanntlich. Von mir und einigen anderen Unbeirrbaren. Also das gedruckte. Und das muss auch so bleiben. Denn eines wird immer deutlicher: Das E-Book gefährdet die deutsche Wirtschaft. Im allgemeinen, und ganz besonders die heimische Geschenkband-Industrie. Wenn die Regierung nichts unternimmt sind tausende von Arbeitsplätzen in Gefahr. Wie der Sprecher des Verbandes der Deutschen Geschenk- und Schmuckbänder-Industrie (VDGSI), Ben Schnur, mitteilt, ist die klassische Schleife aus Polyband oder Bast auf dem Rückzug. Schnur fordert die Bundesregierung und Kanzlerin Merkel deshalb auf, endlich Nägel mit Köpfen für Bänder und Schleifen zu machen, will heißen Steuererleichterungen und Subventionen aus dem europäischen Strukturfonds für betroffene Regionen und Betriebe auf den Weg zu bringen.

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Der Begründer des weihnachtlichen Urmythos in kindlicher und kindgerechter Formatierung.

Zurück im heimischen Lesesessel atme ich tief ein und aus, während ich den Knopf meines leicht veralteten Wiedergabegerätes drücke. Die Zeit ist gekommen für mein Sein, das Zeit haben für Lesen und Hören. Ganz leise erklingen die ersten Töne, die Bugge Wesseltoft auf seinem sanft temperierten Klavier anschlägt. Später werde ich vielleicht noch ein Trompetenkonzert von Tomasi oder Haydn auswählen. Oder ich lasse mich mit einem “Brandenburgischen Konzert” in erholsamen Halbschlummer entführen. Das Fenster bleibt zu. Es ist kalt, es schneit und draußen riecht es penetrant nach Anis und Zimt, defekten Kaminöfen und automobilem Gediesel, nach Kardamon und dem angebrannten Christstollen in Nachbars nagelneuen 3D-Heißluft-Plus-Backofen, dessen Hersteller “optimale Backergebnisse dank innovativer Wärmeverteilung” verspricht.

Leipziger Begegnungen 2013

Autoren, Bücher, Themen rund um die diesjährige Buchmesse und das Literaturfest “Leipzig liest”

Der zweite Teil

“Ich habe in meinem ganzen Leben außer meinem Sparbuch noch nie ein Buch gelesen.” Behauptete neulich in einem Interview Heinz Georg Kramm, besser bekannt als Heino, seineszeichens LandaufLandab-Sänger („Schwarzbraun ist die Haselnuss“). Und der nachdenkliche Alphabet und verwirrte Vielleser wundert sich, auf was man im Land gut gefüllter Festgeldkonten und hormongesteuerter SUV-Piloten noch so alles stolz sein kann. – “Vorsicht Buch!” möchte man da hilfreich und warnend zugleich zurufen. Und so heißt denn auch – aber nicht nur deshalb – die neue Image-Kampagne der Buchbranche, die in Leipzig gestartet wurde und die in Zukunft die Republik flächendeckend überziehen soll. Wen sie wohl erreichen kann und ob sie bei hartnäckigen Fällen wie Herrn Kramm noch etwas bewirken wird?

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Das Buch sucht neue Leser- und Käuferschichten. Dazu schlägt die Buchbranche ab sofort kräftiger auf die Werbe-Trommel.

Hier können auch Kleine groß rauskommen. Die Buchmesse in Leipzig ist der ideale Platz für kleinere und unabhängige Verlage sich einem offenen Publikum vor Ort und einer breiteren Öffentlichkeit via berichtender Massenmedien zu präsentieren. Deshalb kommen sie Jahr für Jahr gerne wieder (und weil Frankfurt sowieso zu teuer ist!). Die meist schmalen, dafür oft sehr phantasievoll gestalteten Stände, gehören für Kenner zu den wirklichen Messe-Höhepunkten. Mit der “Leseinsel junger Verlage” wurde zudem für die Autoren dieser Marken ein ideales Podium geschaffen um leibhaftig und vor sehr interessierten und aufgeschlossenen Menschen aus den frisch verlegten Werken vorzutragen.

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Anselm Neft liest aus seinem Roman „Hell“ der im Satyr-Verlag erschienen ist.

Kurt Wolff war eine der profiliertesten Verleger-Persönlichkeiten in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Einige Zeit Weggenosse von Ernst Rowohlt, etablierte er 1912 sein eigenes Unternehmen. Im Leipziger Kurt Wolff Verlag erschienen neben vielen anderen Franz Kafka und Gottfried Benn, Georg Trakl, Frank Werfel und Walter Hasenclever. Die im Jahr 2000 gegründete Kurt Wolff Stiftung – deren Vorstand der umtriebige Stefan Weidle (Weidle Verlag) anführt – hat sich die Förderung einer “vielfältigen Verlags- und Literaturszene” zum Ziel gesetzt. Jährlich verleiht sie auf der Leipziger Buchmesse den Kurt Wolff Preis in mehreren Kategorien.

In diesem Jahr ging der Hauptpreis an den Wallstein Verlag, “der seit gut einem Vierteljahrhundert in sorgfältigen und gestalterisch anspruchsvollen Editionen die deutsche Literatur seit dem 18. Jahrhundert mit der Zeit- und Wissenschaftsgeschichte verknüpft und zugleich der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur eine herausgehobene Plattform bietet.” Den Förderpreis bekam das noch ganz junge Berliner Unternehmen “binooki.” Die Gründerinnen Selma Wels und Inci Bürhaniye verlegen zeitgenössische türkische Belletristik in deutscher Sprache. Zielgruppe sind in erster Linie die vielen Mitbürger im Lande mit türkischen Wurzeln, aber auch bei deutschen Muttersprachlern sollen diese, meist erstmals ins Deutsche übersetzten Werke, das Interesse an der aktuellen Literaturszene in der Türkei wecken.

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Der Leipziger Messestand von „Binooki“. Das Regalsystem ist nicht von Ikea, sondern besteht aus leeren Weinkisten. Die Verlegerinnen streuten das Gerücht, dass sie die darin enthaltenen Flaschen selbst ausgetrunken hätten.

Eine wirklich gute Idee hatte auch der mairisch Verlag. Er ist in Hamburg ansässig, pflegt ein recht buntes Programm und erfand jetzt kurzerhand den „indiebookday“ (den es allerdings in den USA schon länger gibt ;-)), angelehnt an die unabhängigen Plattenlabel (die sog. „Indielabel“) in der Musikindustrie. Der erste deutsche indiebookday fand am 23. März statt. An diesem Tag wurden Buchliebhaber aufgefordert in einen Buchladen ihrer Wahl zu gehen und ganz gezielt ein Buch zu kaufen, das aus einem Indie-Verlag stammt. Danach sollte ein Foto des Covers, des Buches, vielleicht sogar von Käufer mit Buch, in einem sozialen Netzwerk (Facebook, Twitter, Google+) oder einem Blog unter dem Stichwort „Indiebookday“ veröffentlich werden. Wer die Aktion gut findet, wird zudem gebeten darüber zu reden oder zu schreiben. Die für den Anfang nicht ganz schlechte Resonanz dieser Kampagne kann im Netz besichtigt werden.

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Keine Werbekampagne braucht es hingegen für Zeitgenossen wie den von mir sehr geschätzten Filmregisseur und bekennenden Bücherfreund Christian Petzold (“Wolfsburg”, “Gespenster”, “Barbara”). Als ihm jüngst ein gut dotierter Preis verliehen wurde und man wissen wollte, was er mit dem Geld vorhabe, antwortete er: “Zu einer Weltreise habe ich keine Lust. Ich glaube ich kaufe mir noch mehr Bücher.”

Zur Nachahmung empfohlen. Verlassen Sie dazu die viel beschrittenen Pfade der gleichgeschalteten Konsum-Boulevards, all die von Manhattan, Esprit, H & M, C & A, K & L, P & C, Schuh-Paradiesen, Jeanshallen, MacDings und Kauf-Bums gesäumten 1A-Lagen; meiden Sie die als Buchhandlung nur noch deklarierten öden Großflächen, deren Zukunft mehr als ungewiss ist. Biegen Sie ab in die Nebenstraßen, die Winkelgassen und versteckten Plätze. Wenn Sie dort irgendwo den Hinweis “VorsichtBuch!” entdecken – ignorieren Sie ihn. Betreten Sie den Laden trotzdem. Zum zwanglosen Stöbern und Schmökern, zum Entdecken und zu angenehmen Gesprächen über Literatur (!) mit kundigen Buchhändlern und Buchhändlerinnen.

Hier beispielhaft einige aktuelle Neuerscheinungen der erwähnten kleineren undoder jüngeren, auf jeden Fall aber medienkonzern-unabhängigen Verlage, deren  Produktion Sie dort möglicherweise begegnen werden:

Satyr-Verlag

Neft, Anselm: Hell. Roman, 2013. Euro 19,90

Bartel, Christian: Grundkurs Weltherrschaft. Bekenntnisse eines Ausnahmeathleten, 2013. Euro 11,90

binooki

Canigüz, Alper: Söhne und siechende Seelen, 2012. Euro 14,90

Boralioglou, Gaye: Der hinkende Rhythmus. Roman, 2013. Euro 15,90

Wallstein

Piwitt, Hermann Peter: Die Gärten im März. Roman, Neu aufgelegt 2013. Euro 19

Kögl, Gabriele: Auf Fett Sieben. Roman, 2013. Euro 17,90

Stahl, Daniel: Nazi-Jagd: Südamerikas Diktaturen und die Ahndung von NS-Verbrechen, 2013. Euro 34,90

mairisch Verlag

Paul, Stevan: Schlaraffenland. Ein Buch über die tröstliche Wirkung von Milchreis, die Kunst, ein Linsengericht zu kochen und die Unwägbarkeiten der Liebe. 15 Kochgeschichten, 2012. Euro 18,90 (wurde in Leipzig als Geheimtip gehandelt.)

Volandt & Quist

Gomringer, Nora: Ich werde etwas mit der Sprache machen, 2011. Euro 14,90. (s. a. Teil 1 der Leipziger Begegnungen 2013)

Gomringer, Nora: Monster Poems. Mit Illustrationen von Reimar Limmer, 2013. Euro 17,90

Schöne Bescherung! – Der Gabentisch 2012

„Lesen ist nicht wie Musik hören, lesen ist wie musizieren.“ (Martin Walser)

Lichterglanz und Glockenbimmel. Schneegestöber, Glühweindampf und Bratwurstduft. Schon ist es wieder Mitte Dezember. Höchste Zeit für den Weg in die festlich dekorierte Lieblingsbuchhandlung. Gönnen wir uns in diesen kalten Tagen ein erwärmendes Schnupper- und Einkaufserlebnis in originellen, breit sortierten kleinen Handlungen fürs gute alte, immer wieder schön gedruckte und gebundene Buch. Hier sind meine Ideen für den Gabentisch, für unter die Tanne-Fichte, zum den Nächsten und Liebsten in die Hand drücken, oder zum Sichselbstbeschenken.

Rammstedt. In diesem Herbst ist auch der lustige, erstaunlicherweise aus Bielefeld stammende (doch längst in Berlin ansässige) Tilman Rammstedt (“Der Kaiser von China”) wieder mit einer Neuerscheinung vertreten. Und die hat es in sich. In “Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters” geht es viel weniger um den Bankberater eines Protagonisten namens Tilman Rammstedt, als vielmehr um dessen Briefwechsel mit dem american heroe Bruce Willis. “Sehr geehrter Herr Willis, geht es Ihnen gut?” Der Briefverkehr verläuft allerdings sehr einseitig, denn der Schauspieler antwortet nicht. Was sich daraus entwickelt, und wie es mit dem Bankberater weitergeht ist virtuos und hochkomisch. Ein Buch für alle, die sich einfach einmal richtig amüsieren möchten. (Dumont, 2012. Euro 18,99)

Haas. Wenn es jemanden gibt der den “neuen Haas” noch nicht hat, kennt oder las, sollte man diesen Menschen auf jeden Fall mit der “Verteidigung der Missionarsstellung” beglücken. Im Gegensatz zu dem, was der Titel vielleicht vermuten lässt, handelt es sich keineswegs um eine nahe Verwandtschaft der Grauschatten-Machwerke. Raffiniert, witzig und spannend, wird uns hier echter Unterhaltungs-Mehrwert auf überdurchschnittlichem Niveau geboten. Für den erstmal auf den Geschmack gekommenen Leser leider viel zu kurz. (Hoffmann und Campe, 2012. Euro 19,90)

Suter. Die Zeit, die Zeit. Mit diesem – einem Seufzer gleichen – Titel führt uns Martin Suter einmal mehr einen seiner leicht unbedarften Helden vor, die gerne, jedoch selten freiwillig, an allerhand Ecken und Kanten ihres Schicksals stoßen. Klassisch erzählt, flüssig zu lesen, durchaus doppelbödig. Ein Spiel mit der Zeit und auf Zeit. Suter endlich wieder auf dem Höhepunkt seines erzählerischen Könnens. Kleinkinder einmal ausgenommen, kann das Buch problemlos an breite Leserschichten verschenkt werden. (Diogenes, 2012. Euro 21,90)

>>> Haas und Suter wurden auf con = libri bereits ausführlich besprochen. <<<

Russisch 1. Vladimir Sorokin schreibt fabelhaft, satirisch, grotesk. Es ist stets feinderbes Erzählwerk, das einer der wichtigsten Autoren des heutigen Russland präsentiert. In “Der Schneesturm” erleben wir den Landarzt Garin im Kampf gegen eine rätselhafte Seuche, bzw. auf seinem Weg zum Kampf. Sein größter Gegner sind dabei der russische Winter und die märchenhaften Ereignisse, die sich auf der Fahrt zum Einsatzort abspielen. Die Schwierigkeiten und Hindernisse, die sich dem guten Doktor immer wieder in den Weg stellen, sollen, so Kenner, jedenfalls sehr viel Ähnlichkeit mit den aktuellen gesellschaftlichen Verhältnissen im Putin-Reich haben. Für alle Freunde surrealer Geschichten; trotz Schneegestöber-Idylle nicht jugendfrei. (Kiepenheuer & Witsch, 2012. Euro 17,99)

Russisch 2. Seit ich den Bonner Verleger Stefan Weidle auf der Tübinger Sahl-Tagung erleben durfte (s. dazu auch den letzten Beitrag auf con = libri), habe ich auf das Programm seines Verlages ein besonderes Auge geworfen. Hier ist immer wieder Überraschendes zu entdecken. Wie jetzt “Die Manon Lescaut von Turdej” von Wsewolog Petrow. Ein schmaler Band mit einer nicht allzu langen Erzählung. Man darf die Frage stellen, ob sie ein eigenes Buch wert ist. In diesem Fall kann das rasch und klar mit Ja beantwortet werden. Bemerkenswert, hinreißend, todtraurig. Ein Petersburger Intellektueller, im petrow_1Krieg mit einem Krankentransport unterwegs, den “Werther” (vom größten Dichter des größten Feindes geschrieben) auf Deutsch lesend, lernt das Mädchen Vera kennen und – das Klischee muss hier sein – er verfällt ihren Reizen: der physischen Präsenz, ihrer Jugend, ihrem Anderssein. Es ist der Zauber des Gewöhnlichen, der ihn anzieht, die lebenshungrige Gegenwärtigkeit eines flatterhaften Wesens. Sie kann halt lieben nur… Die Geschichte entstand bereits 1946, erschien aber erstmals 2006 in einer russischen Zeitschrift. Petrow war eigentlich Kunsthistoriker und lebte von 1912 bis 1978. Das schmächtige Buch wurde von der Darmstädter Jury zum Buch des Monats November gewählt; auf der aktuellen SWR-Bestenliste belegt es Platz 8. Das sehr informative Nachwort hat Oleg Jurjew geschrieben; die Germanistin Olga Martynova kommentierte einige wesentliche Passagen. (Weidle Verlag, 2012. Euro 16,90)

Russisch-Deutsch. Olga Martynova ist selbst eine interessante Autorin. Von ihr liegen Gedichte, Prosa und Essays vor. Sie stammt aus Russland, lebt seit über zwanzig Jahren in Deutschland und schreibt ihre Prosawerke in deutscher Sprache. Der leicht experimentell und assoziativ erzählte Roman “Sogar Papageien überleben uns” war für mich eine wirkliche Entdeckung, das, was man gemeinhin ein Leseabenteuer nennt. Im Mittelpunkt stehen Menschen, die zwischen Russland und Deutschland unterwegs sind. Wissenschaftler, Literaten, Künstler. Der Leser erfährt viel über die kulturellen Wechselwirkungen zwischen Ost und West. Die Erzählung kreist um ein dichtes Geflecht russisch-deutscher Literatur- und Liebesbeziehungen. Wir begleiten eine junge Literaturwissenchaftlerin auf ihrer sentimentalen Reise durch Gefühls- und Steppenwelten und erleben dabei rasche Richtungs- und Stimmungswechsel. In hintergründig philosophischen Passagen geht es zudem immer wieder um die allerletzten unsicheren Wahrheiten. Vielfach kommt das Buch auf Größen der russischen Literaturgeschichte zu sprechen. Hinweise, die zu weiterer Lektüre anregen können. Olga Martinova schreibt für geübte Leser. (Literaturverlag Droschl, 2010. Euro 19)
P. S.: “Mörikes Schlüsselbein” wird das nächste Buch von Olga Martynova heißen, auf das man schon sehr gespannt sein darf. Es wird im nächsten Frühjahr erscheinen. Mit der Lesung eines Kapitels daraus (“Ich werde sagen: ‘Hi’) gewann sie im Sommer den Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb.

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Foto: Wiebke Haag

Exkurs. Eine kleine Hinwegführung von den rein erzählerischen Werken, hin zu einem sehr empfehlenswerten Essay-Band des bisher vorwiegend als Übersetzer bekannten Joachim Kalka. Seine zugleich leichtfüßigen und dichten Arbeiten sind in “Die Katze, der Regen, das Totenreich. Ehrfurchtsnotizen” versammelt. Ein Titel der bewusst gewählt wurde und bereits einiges über den Inhalt verrät ohne auch nur andeuten zu können, wie komplex die einzelnen Stichworte und Themen abgehandelt werden. Großartige Kabinettstückchen. Eine Liebeserklärung an Bücher, Geschichten und Dichter. Hier schwadroniert ein im besten Sinne chronisch Lesewütiger, ein kenntnisreicher Literat und für jene gleich mit, die wie er, vom Lesen nicht lassen. Das ideale Geschenk für Menschen, die auf dem Fundament einer soliden Allgemeinbildung stehen. (Berenberg, 2012. Euro 20)

Krimi 1. Noch einmal zurück nach Russland. Zu den führenden Kriminalschriftstellerinnen des Landes gehört seit etlichen Jahren Polina Daschkova, von der bereits zahlreiche Werke in deutscher Übersetzung vorliegen. Das neueste trägt den etwas allerweltlichen Titel “Bis in alle Ewigkeit.” Darin soll eine junge Biologin an einem internationalen Forschungsprojekt auf Sylt mitarbeiten. Sie merkt bald, dass es dabei nicht mit rechten Dingen zugeht. Auch der kürzliche Tod ihres Vaters scheint dabei eine Rolle zu spielen. Daschkovas Stärken sind neben dem gekonnten Aufbau sehr spannender, breit angelegter Geschichten, die Schilderung glaubhafter Figuren, mit ihren Schicksalen, ihrem Alltag. Die meist ausführlichen Biographien werden geschickt in die Handlungsabläufe eingewoben und wir erfahren durch sie einiges über das Leben der Menschen im Russland unserer Zeit. Für Krimileser, die mehr als Mord und Totschlag wollen. (Aufbau Taschenbuch, 2012. Euro 10,99)

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Foto: Jan Haag

Krimi 2. Der neue Dühnfort erscheint Ende der Woche! Nichts gegen die fabelhaft tapfere Nele Neuhaus. Obwohl für meinen Geschmack die Zahl der Handlungsfäden in ihren Büchern etwas zu hoch ist – die Frau schreibt Klasse. Doch mein liebster deutscher Ermittler ist derzeit der Kommissar Dühnfort, dessen Erlebnisse die Münchner Schriftstellerin Inge Löhnig ersinnt. Ihr neuer Roman heißt “Verflucht seist Du”, ist der inzwischen fünfte, und die Entstehung des Buches wurde von einer großen Fangemeinde das ganze Jahr über auf Facebook mit großer Spannung verfolgt. So ist auch die Zahl der Vorbestellungen im Buchhandel bereits beträchtlich. Die bisherigen Bände überraschten und überzeugten mit ihren stimmigen, realitätsnahen Plots, dem hohen Spannungsfaktor und lebensechten Figuren. Dazu kommen wiedererkennbare Lokalitäten in und um München herum, ohne dass dabei einer der vielen nicht immer leicht erträglichen Provinz-Krimis herauskommt. Das hat vielmehr wirklich Stil, wie ihn auch die Hauptfigur, ein wählerischer Espresso- und Weißwein-Trinker, repräsentiert. Die nicht immer geradlinig verlaufenden Entwicklungen der wichtigsten Mitwirkenden sind mindestens so interessant wie die eigentliche Krimihandlung. Für alle, die immer noch nicht glauben wollen, dass es auch tolle Deutsch schreibende “Crime-Ladies” gibt. (List Taschenbuch, 14. Dezember 2012. Euro 9,99)

Krimi 3. “Denn die Gier wird euch verderben”. So pseudo-alttestamentarisch heißt die neueste Geschichte aus dem nordischen Mordloch Kiruna. Ein durchaus exotischer Schauplatz, den die schwedische Autorin Asa Larsson für sich entdeckt hat. Ihre Staatsanwältin Rebecka Martinsson macht sich einmal mehr auf, den zahlreichen verbrecherischen Spuren im Provinzsumpf zu folgen. Auf der Suche nach Mörder oder Mörderin stößt sie auf Geheimnisse deren Ursprünge bis ins Jahr 1914 zurückreichen, gerät in höchste Kreise und natürlich auch wieder in ebensolche Gefahren. Schmackhafte Krimi-Kost, angereichert mit einer Portion Gesellschaftskritik und gewürzt mit einer Prise Gewalt. Für Freunde der hohen skandinavischen Verbrechensrate eine gern genommene Neuerscheinung. (C. Bertelsmann, 2012. Euro 19,99)

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Eine musikalische Zugabe. “Passe passe le temps il n’y en a plus pour très longtemps.” Eben. Nur graugruftige Überbleibsel wie ich werden sich noch an dieses oder andere Chansons eines bärtigen, großgewachsenen Herrn erinnern. An die Chansons von hauchzarter, schlichtstarker Ausdruckskraft des großartigen, inzwischen schwer in die Jahre gekommenen, George Moustaki. Le Métèque. Ma Liberté. En Mediterranée. Ein Hauch mediteranes Lebensgefühl ist es auch, die diese einfachen, aber eindringlichen Lieder in den kalten deutschen Winter bringen. Marina Rossell hat 12 Moustaki-Titel wiederbelebt und singt sie mit kräftigem klarem Alt und in katalanischer Sprache. Das klingt wunderschön, vertraut und neu zugleich. Beim Titel “Màrmara” haucht auch noch der alte Meister selbst mit. Geschenkeignung: 45 plus undoder ausgesprochene Liebhaber der katalanischen Sprache (wer sie beherrscht kann mitsingen!). (“Marina Rossell canta Moustaki”, beim Label “world village” von harmonia mundi)

Sudeleien: Ende April 2012

Handke, Hesse, Walser, Schulze und ich –  und der “Welttag des Buches”

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„Kultur für alle.“ – (Hilmar Hoffmann, Kulturbürgermeister von Nürnberg a. D.)

„Der Wunsch nach einem Gedicht ist eher selten anzutreffen, hierzulande, heutzutage, andernorts. Und zwar sowohl was die Zahl der Lesenden als auch die der Schreibenden betrifft.“ – (Kathrin Schmidt, Schriftstellerin)

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Beim Sovormichhinsortieren alter Zeitungsausgaben für den Altpapier-Container, musste ich daran denken was ich diese Woche gelesen hatte: “Heute ist der Welttag des Buches”, schrieb Ute G. in einem Beitrag zur Volksaufklärung am Dienstag, den 24. April, in einer auflagestarken schwäbischen Tageszeitung. Sie lag damit nur ganz knapp daneben. Der “Welttag des Buches” fand, gemeinsam mit dem “Tag des Bieres”, auch in diesem Jahr wieder am 23. April statt. Das war ein Montag und meine Stadtbibliothek, wie immer an einem Montag, geschlossen.

Doch auf dem Marktplatz unseres Städtchen, im Schatten sakraler Sandstein-Gotik, hatten die „Bibliophilen Alphabeten e. V.“ einen Aktionsstand aufgebaut. Hier wurde der Stoff gratis abgegeben. Jede Menge Lesestoff geschenkt. Eine von vielen “Lesefreunde”-Aktionen zur Inszenierung des “Welttag des Buches”. Aber nicht jeder Buchhändler findet es so toll „mitten in der Debatte um das Urheberrecht und die Umsonst-Kultur 1 Mio Bücher kostenlos zu verteilen“. Es stellen sich Fragen. Wird das geistige Eigentum der Autoren an den verschenkten Werken denn angemessen und pekuniär gewürdigt? Wurde das Einverständnis der Urheber eingeholt? Oder machen die Rechte-Verwerter, in diesem Fall die Verlage, einfach was sie wollen? Was ist noch PR und was schon Piraterie? Wie sollen sich Herr und Frau Mustermann da noch zurechtfinden? Und wo kann ich eigentlich die App herunterladen?

Es gab Bücher für alle. Aber nicht alle Bücher. Die Titelauswahl war beschränkt im Sinne von begrenzt. Es standen 25 Titel zur Auswahl. Dabei die “Schweigeminute” von Siegfried Lenz, Kaminers “Deutsches Dschungelbuch”, die “Vermessung der Welt” von Daniel Kehlmann und die unvermeidliche, aber bissige Stephenie Meyer. Meiner Grundstimmung entsprechend griff ich rasch und möglichst unauffällig zu Peter Handkes “Wunschloses Unglück” – so eine Gratis-Entgegennahme ist mir im Grunde immer leicht peinlich – und betrachtete anschließend das Geschehen noch eine Weile aus dem Rückraum. Dabei fiel mir auf, dass ich eines der wenigen männlichen Wesen war, die das Angebot angenommen und zugegriffen hatten. Die überwiegende Mehrheit derer, die sich um den bunten, mit Luftballons dekorierten Bücherstand drängten, gehörten dem weiblichen Geschlecht an.

Derzeit fordern fortschrittliche Politiker und Politikerinnen immer wieder eine Frauenquote für die Führungsetagen großer Unternehmen. Demzumtrotz fordere ich hier und jetzt eine Männerquote! Mindestens X-Prozent der Lesenden müssen in Zukunft Y-Chromosomen und das SRY-Gen haben. Und wenn wir gerade dabei sind: Ich fordere mit gleicher Vehemenz eine Männerquote beim Personal in Kindergärten, Grundschulen und Altenheimen.

Aber zurück zum Eigentlichen, zum Buch. Mich ließ die Überlegung nicht los, welche Bücher ich an ein breites Publikum verschenken würde, wenn ich freie Wahl hätte. Welche Autoren, welche Titel? So einfach ist das nicht bei einer so undefinierbaren Zielgruppe. Vor allem wenn damit gleichzeitig Werbung für die eigenen Lieblingsbücher verbunden sein soll. (So eine Kampagne nimmt ja immer einen leicht missionarischen Charakter an.) Zwei Pizza-Ecken (prosciutto e con funghi), einen halben Liter San Pellegrino und drei Espressi dopio später – auf windgeschützter Kaffeehaus-Terrasse wärmte bereits eine milde Frühlingssonne – war mir die etwas willkürliche Beschränkung auf eine Auswahl von drei in Frage kommenden Titeln gelungen.

“Unterm Rad” gehört zu den schmäleren Werken Hermann Hesses und wird selten erwähnt wenn es um die wichtigsten Titel des Nobelpreisträgers geht. Es ist eine Schul- und Pubertätsgeschichte rund um kleinstädtische Enge, verständnislose Erwachsenenwelt und die Einsamkeit eines begabten Heranwachsenden, die auf biographischen Erfahrungen des Dichters beruht. Seit Jahrzehnten finden sich Jugendliche und junge Erwachsene darin wieder. Nach dem Wiederlesen im Hesse-Jubiläumsjahr (50. Todestag am 12. August) fragt man sich allerdings sehr ernsthaft, was den Honoratioren in Calw/Gerbersau eigentlich einfällt; ihr jubelndes Feiern des früh Ausgezogenen kann eigentlich nur ein typisch pietistisch provinzielles Missverständnis sein.

“Ein fliehendes Pferd” wird zu jenen von Martin Walsers zahlreichen Erzählungen gehören, die man auch noch in einigen Jahren, vielleicht auch Jahrzehnten, gut und gerne lesen kann. Der Leser erfährt endlich wie deutsche Lehrer ihre reichlichen Ferientage verbringen und warum Scheitern für Beziehungen der Normalfall ist. Ein Mittelstands-Drama und -Panorama von zeitloser Gültigkeit. Die hier verwendete, knappe Novellen-Form gelingt Walser besser als einige seiner überreich mäandernden Romane. Das tragische Scheitern der beiden Paare im besten Krisenalter kontrastiert herrlich mit der Schönheit der Bodensee-Kulisse. Auch wenn man die hervorragende Verfilmung gesehen hat, bleibt dieses Büchlein eine unbedingt lohnende Lektüre.

“Adam und Evelyn” von Ingo Schulze ist für mich eines der wichtigsten und besten Bücher, die sich mit den deutsch-deutschen Fragen und Problemen rund um die geschichtliche Wende 1989/90 in erzählender Form beschäftigen. Die Figuren des Romans sind Menschen des realexistierenden Alltags, mit all den Sorgen und Nöten, die das Leben in der ehemaligen DDR so mit sich brachte. In einer forcierten, meist dialogisch angelegten Erzählweise geht es um Grundsatzfragen wie Gehen oder Bleiben? und die ewige Suche nach dem richtigen Lebensentwurf. Es geht darüber hinaus um Variationen von Liebe und um die uralten Mythen der Geschlechter. Gleichzeitig kommen gesellschaftspolitische Themen zur Sprache, die durch die Wende neu zur Diskussion gestellt wurden und heute eigentlich aktueller sind denn je. Der aus Thüringen stammende Damenschneider Adam, über Ungarn und Österreich nicht ganz freiwillig im idyllischen Bayern gelandet, sieht die schöne neue Welt in die er geraten ist so:

„Von allem zu viel…, zu viele Worte, zu viele Kleider, zu viele Hosen, zu viel Schokolade, zu viele Autos, statt froh zu sein, dass es endlich alles gibt… zu viel, zu viel, eine Inflation, die alles begräbt, die eigentlichen Dinge, die richtigen Dinge.“

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Hesse, Hermann: Unterm Rad. Roman. – Suhrkamp, versch. Jahre. Euro 6

Walser, Martin: Ein fliehendes Pferd. Novelle. – Suhrkamp, versch. Jahre. Euro 6,50

Schulze, Ingo: Adam und Evely. Roman. – dtv, 2010. Euro 9,90

Alle drei Bücher sind auch noch in anderen Ausgaben lieferbar.